socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Edgar Grande, Dorothea Jansen u.a. (Hrsg.): Neue Governance der Wissenschaft

Cover Edgar Grande, Dorothea Jansen, Otfried Jarren, Arie Rip, Uwe Schimank, Peter Weingart (Hrsg.): Neue Governance der Wissenschaft. Reorganisation - externe Anforderungen - Medialisierung. transcript (Bielefeld) 2013. 350 Seiten. ISBN 978-3-8376-2272-0. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR, CH: 42,50 sFr.

Reihe: Science Studies.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Praxis: Scharnier oder Querschläger?

Die aus der europäischen Aufklärung gewachsene Überzeugung, dass, was der Wissenschaft diene, auch der Menschheit zugute komme, hat angesichts der zunehmenden lokalen und globalen Verflechtungen, Entgrenzungen und Interdependenzen Risse bekommen. Immer deutlicher werden Fragen danach gestellt, ob die weltumspannenden, ökonomischen und ideologischen Abhängigkeiten und Einpassungen des wissenschaftlichen Denkens und Handelns auf ein auf materiellen Profit ausgerichtetes Marktgeschehen unabhängiges wissenschaftliches Forschen und Entwickeln beeinträchtige oder gar unmöglich mache. Bei der vom 26. Juni bis 1. Juli 1999 vom Internationalen Rat Wissenschaftlicher Vereinigungen (ICSU) und der UNESCO in Budapest durchgeführten Weltkonferenz „Wissenschaft im 21. Jahrhundert“ wurde die Bestandsaufnahme formuliert: „Die Wissenschaft befindet sich in der Krise. Trotz einer explosionsartigen Zunahme des Wissens und seiner Bedeutung für die Gesellschaft und die Wirtschaft schwindet das Vertrauen in die Forschung, während gleichzeitig die Gelder knapp werden. Auch der ethische Rechtfertigungsdruck ist enorm“ (Roland Waast / Sophie Boukhari, Wem dient die Wissenschaft?, UNESCO-Kurier 5/1999, S. 11ff).

Die Auffassung von der „Wissenschaft, die Wissen schafft“ – hat längst ihre Unschuld und ihren Gemeingut-Anspruch verloren. Die zahlreichen Menschheitskatastrophen, die sich alleine im 20. Jahrhundert ereignet haben – Hiroshima, Tschernobyl, Bhopal und viele andere, bis hin zu Finanz-, Hunger- und Klimakatastrophen – stellen wissenschaftliches Forschungsdenken und -handeln auf den Prüfstand. Darf der Mensch alles realisieren, was er kann? – die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft für eine humane Existenz und Weiterentwicklung der Menschheit stellt sich mit der Herausforderung nach sustainable development, einer tragfähigen (nachhaltigen) Entwicklung, immer deutlicher. In der von der „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ initiierten und von der UNESCO unterstützten universellen Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten heißt es in Artikel 12: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkt Beachtung finden. Sie haben die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen – einschließlich der Einführung eines ethischen Kodexes – zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährdet. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potentiell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält“ (Rudolf Stichweh, Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15143.php). Die Warnungen und Appelle mehren sich, Wissenschaft und Wissenschaftler nicht in Dienst zu nehmen für materielle, ideologische und machtpolitische Interessen; gleichzeitig wird an die Verantwortung appelliert, Forschungsaktivitäten und -ergebnisse am Maßstab einer „globalen Verantwortungsethik“ zu messen. In Gesellschaftsanalysen, Werte- und Institutionenkritik wird davor gewarnt, dass da, „wo Wissen nur noch als ökonomisch verwertbare Ware gilt, Leben verkümmert“ (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php), und es wird zu bedenken gegeben, dass in der lokal und global vorherrschenden Machbarkeits- und Verwertungs- (Konsum-)Hysterie, die den homo oeconomicus hervorgebracht und zum erstrebenswerten Lebensziel stilisiert hat, auf der Strecke bleibt, was im philosophischen Denken der Menschheit als „gutes Leben“ erdacht, erwünscht und erhofft wird (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat eine Forschungsinitiative beauftragt, die seit den 1980er Jahren im deutschen Wissenschaftsbetrieb erkennbaren Veränderungsprozesse zu analysieren und Forschungs- und Aktionsbedarf in drei thematischen Schwerpunkten aufzuzeigen:

  1. Danach zu fragen, wie wirksam sich die Wissenschafts- und Forschungspolitik im nationalen und internationalen Vergleich darstelle.
  2. Welche (neuen) Formen der Wissensproduktion sich im fachbezogenen und interdisziplinären Forschungshandeln sich entwickelten.
  3. Welche Steuerungsinstrumente für Evaluationen im Wissenschafts- und Forschungsbereich taugten.

Die Forschungsvorhaben gliederten sich in zwei Phasen. In der ersten Phase, von 2003 bis 2008, wurde die Frage nach „Wissen für Entscheidungsprozesse“ (unter dem Dach der Förderinitiative „Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“) gestellt; in der zweiten Phase, von 2009 bis 2013, wurde eine Schwerpunktverlagerung bei den Aspekten der wissenschaftlichen Politikverlagerung insofern vorgenommen, um die Entwicklungen beim „Governance der Wissenschaft“ neu in den Blick zu nehmen. Die Zielsetzungen richteten sich dabei auf

  • Vertiefung des Verständnisses der Transformationsprozesse, wie sie sich im Wissenschaftssystem auf der Grundlage von empirisch angelegten Fallstudien und Untersuchungen ergeben;
  • Verbesserung des Verständnisses von komplexen Wirkungsmustern im Bereich der Governance-Forschung;
  • Beurteilung der Konsequenzen der Veränderungsprozesse für die Wissenschaftspolitik;
  • Auswertung von internationalen (Erfolgs-)Modellen für die (staatliche) Steuerung von Forschung.

Ein Beiratskreis koordinierte und begleitete die einzelnen Forschungsprojekte, die durch zahlreiche Dissertationen und Untersuchungen ergänzt wurden. Der wissenschaftliche Beirat, bestehend aus dem Lehrstuhlinhaber für Vergleichende Politikwissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Edgar Grande, der Lehrstuhlinhaberin für Soziologie der Organisation an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer, Dorothea Jansen, der Zürcher Geistes- und Sozialwissenschaftler und Medienforscher Otfried Jarren, der (em.) Professor für Wissenschafts- und Technikphilosophie von der Universität Twente, Arie Rip, der Soziologe von der Universität Bremen, Uwe Schimank und der Bielefelder Wissenschaftssoziologe Peter Weingart geben den Sammelband heraus.

Aufbau und Inhalt

Neben der Begründung für die Forschungsinitiative durch den Projektträger, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln (Monika Wächter) und der Einleitung durch das Herausgeberteam, in dem es um die Klärung des Governance-Begriffs in der wissenschaftlichen Forschung geht, die Reformbewegungen an den Hochschulen diskutiert, Irritationen und Fehlentwicklungen aufgezeigt und Perspektiven der Wissenschaftsforschung formuliert werden, wird der Forschungsbericht in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil geht es um den „Wandel der Governance-Regime von Hochschulen“, im zweiten um den „Bedeutungszuwachs externer Anforderungen“ und im dritten Teil um „Medialisierung als Kontextbedingung“.

Das Autorenteam – der Bochumer Verwaltungsrechtler Jörg Bogumil, der Münchner Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, Martin Burgi, der Bochumer Soziologe Rolf G. Heinze, der Sozialwissenschaftler Sascha Gerber, die Thüringer Juristin Ilse-Dore Gräf, die Sozialwissenschaftlerin Linda Jochheim und die Verwaltungswissenschaftlerin Maren Schickentanz, berichten in ihrem Beitrag „Zwischen Selbstverwaltungs- und Managementmodell“ über den Umsetzungsstand der neuen Steuerungsinstrumente an deutschen Hochschulen und bewerten diese. Dabei stellen sie hybride Governance-Strukturen fest, die sich in unterschiedlicher Weise sowohl positiv als auch negativ auf Forschungsaktivitäten auswirken: „Im deutschen Universitätssystem sind hybride Governance-Strukturen zwischen den Idealtypen des Selbstverwaltungs- und Managementmodells zu konstatieren. Ein nach wie vor starker Staat steht neben einer wesentlich gestärkten Universitätsleitung, einer Stärkung von Wettbewerbselementen und einer Schwächung der akademischen Selbstorganisation“. Es sind insbesondere der enorme Verwaltungsaufwand (bei der Einwerbung von Drittmitteln, z. B.), die zunehmenden Controlling- und Berichtssysteme und nicht zuletzt die eher mäßigen Entwicklungen der Forschungsaktivitäten in den Bereichen der Lehre, die nach Veränderungen und Konsequenzen rufen.

Der Wissenschaftssoziologe von der TU Berlin, Jochen Gläser und der wissenschaftliche Mitarbeiter Thimo von Stuckrad setzen sich mit „Reaktionen auf Evaluationen“ auseinander. Die (quantitative?) Zunahme von Evaluationsmaßnahmen und -instrumenten führt, wie die Untersuchungen der Autoren an sechs Hochschulen zeigt, zu drei charakteristischen Evaluationssituationen: „Die Universität wird evaluiert, und sie reagiert – nicht“ .- „Die Universität wird evaluiert und sie bekämpft die Evaluation“ – „Die Universität wird evaluiert und versucht, ihre Forschung zu verbessern“. Mit dem Instrument des „New Public Management“ (Gabler Wirtschaftslexikon: Leitbegriff für die Reform und Modernisierung von Staat und Verwaltung seit Beginn der 1990er-Jahre; Ablösung einer Normen geprägten Steuerung durch ein Verwaltungsmanagement…) zeigen die Autoren Möglichkeiten und Irrwege auf, wie Evaluationen wirksam werden können: „Die Einflussnahme auf die Forschung muss dort haltmachen, wo die für eine gezielte Einflussnahme erforderlichen Informationen nur im Forschungsprozess selbst verfügbar sind und nicht für Managemententscheidungen externalisiert werden können“.

René Krempkow und Uta Landrock vom Berliner Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) fragen in ihrem Beitrag „Wie effektiv ist die Leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin?“. Mit einer Zwischenbilanz untersucht das Autorenteam die Instrumente und Wirkungsweisen der seit etwa einem Jahrzehnt in der Hochschulmedizin in Deutschland implementierten Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) mit den an den Hochschulen etablierten Fakultätsperformanz. Im Vergleich mit Modellen und Praxen etwa aus Australien wird deutlich, dass LOM nicht nur ein effektives und objektives Mittel für die Hochschulmedizin darstellt, sondern auch übertragbar ist auf andere wissenschaftliche Disziplinen, z. B. in den Geisteswissenschaften.

Der Sozial- und Bildungsökonom von der Universität Flensburg, Gerd Grözinger und die Politikwissenschaftlerin Nadin Fromm plädieren mit ihrem Beitrag dafür, „Auch Breiten- statt nur Spitzenförderung“ zu betreiben. Sie analysieren die Praxis der Exzellenzinitiative im deutschen Hochschulbereich und fragen nach Konzentration und Effizienz der Mittelvergabe durch die Deutsche Forschungs-Gemeinschaft (DFG). Als Alternative zu der fragwürdigen, hierarchisierenden und zentralisisierenden Wirkung als Ranking-Verfahren bringen sie das US-Regionalprogramm EPSCoR - „Experimental Program to Stimulate Cometitive Research“ in die Diskussion und empfehlen der DFG und der Wissenschaftspolitik eine Übernahme der dort praktizierten, regionalisierten Förderstrukturen.

Den zweiten Teil – „Bedeutungszuwachs externer Anforderungen“ – beginnen der Verwaltungswissenschaftler Tobias Bach, der Soziologe Axel Philipps, die Soziologin Eva Barlösius und der Politikwissenschaftler Marian Döhler, alle von der Leibnitz-Universität Hannover, mit ihrem Überblick über „Governance von Ressortforschungseinrichtungen“. Sie arbeiten die Aufgabenfelder der wissenschaftlichen Politikberatung und Dienstleistungen heraus, die sich im Verhältnis des Auftraggebers, des Staates, und der akademischen Forschung ergeben und diskutieren die Probleme, die sich durch die doppelte Anbindung an Wissenschaft und Staat darstellen. An zwei Fallbeispielen werden die Strukturen, Arbeitsweisen und Schwierigkeiten von Ressortforschungseinrichtungen aufgezeigt: dem Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB), das institutionell beim Vorstand der Arbeitsagentur für Arbeit angesiedelt und dadurch in die Verwaltungs- und Aufsichtsstrukturen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales eingebunden ist; zum anderen das Johann Heinrich von Thünen-Institut, das zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gehört. Die Organisationsformen und die Konfliktpotentiale der Ressorforschungseinrichtungen zeigen sich bisher eher in einer traditionellen inter-organisatorischen Governance; sie als intra-organisatorische Governance zu verändern, könnte die Problemlagen entschärfen.

Der Leiter des Competence Centers „Politik und Regionen“, Knut Koschatzky, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Miriam Hufnagl, der Projektleiter Henning Kroll, die Projektleiterin Stephanie Daimer, der Geograph Friedrich Dornbusch, alle am Karlsruher Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung tätig, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften, Nicole Schulze, nehmen in ihrem Beitrag „Regionale Vernetzung von Hochschulen“ die Aktivitäten auf, wie sie sich als (regionale) Vernetzungen darstellen. Sie fragen dabei nach der Art, Intensität und Ausprägung von regionalen Aktivitäten an deutschen Hochschulen, und nach den Auswirkungen und Herausforderungen, die sich durch regionale Vernetzungsaktivitäten ergeben. Ihre Untersuchungen weisen aus, dass aktive Vernetzungsinitiativen an Universitäten und Fachhochschulen bisher eher individuell und auf abgegrenzten Gebieten wirksam sind; institutionalisierte und durch die Hochschulleitungen geförderte Kooperations- und Vernetzungsstrategien sind eher selten. Sie plädieren dafür, durch Anreize und Fördermaßnahmen verbindliche Strukturen zu schaffen (die jedoch nicht zu einem größeren Verwaltungsaufwand und zur Bürokratisierung führen dürfen).

Stefan Böschen vom Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Barbara Brandl, Bernhard Gil, Michael Schneider vom Münchner Institut für Soziologie, und Philipp Spranger vom Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg thematisieren mit der Frage „Innovationsförderung durch geistiges Eigentum?“ Passungsprobleme zwischen unternehmerischen Wissensinvestitionen und den Schutzmöglichkeiten durch Patente. Wie der „Rohstoff“ Wissen in den Globalisierungsprozessen produziert, verwertet (und vermarktet) wird und Wertschöpfung verrechtlicht und motivatorisch wirksam und Wissensschutz gewährleistet werden kann, wird kritisch hinterfragt. Das Autorenteam zeigt auf, dass es einen „one best way des Schutzes ökonomisch interessanten Wissens nicht gibt“, jedoch verdeutlichen die aufgezeigten Modelle, dass sich Governance durch Immaterialgüterrechte „stärker an der Art der jeweiligen Wissensinvestition selbst orientieren müssten“.

Peter Wehling und Willy Viehöver von der Universität Augsburg plädieren in ihrem Beitrag „ Partizipation der Zivilgesellschaft“ dafür, dass im gesellschaftlichen Diskussions- und Partizipationsprozess „Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft auch und gerade dann eine wichtige, produktive Rolle für die Governance der Wissenschaft spielen können, wenn sie sich aus eigenem Antrieb und in selbstorganisierter Weise an der Entwicklung und Gestaltung von Forschung und Technologie beteiligen“. Sie zeigen auf, wie Formen und Formate von zivilgesellschaftlicher Partizipation gefördert und als Aktiva und Dissens in wissenschaftlichen Forschungsprozessen wirksam gemacht werden können; denn „in dem Maße, wie Forschungspolitik die Notwendigkeit und Produktivität von Dissens anerkennt, kann sie nicht nur einseitige Festlegungen vermeiden und plurale Problemzugänge fördern; sie trägt auf diese Weise auch dem Umstand Rechnung, dass sie sich, ebenso wie viele andere Politikfelder, nicht länger auf vermeintliche wissenschaftliche Gewissheiten stützen kann“.

Die Soziologinnen von der Universität Paderborn, Birgit Riegraf und Lena Weber, diskutieren „Governance in der Wissenschaft unter einer Gender-Perspektive“. Sie untersuchen die Strukturmerkmale und Zielsetzungen, die sich als Gleichstellungskriterien auf Steuerungs- und Organisationsmechanismen im Wissenschaftssystem auswirken. Dabei stellen sie zwar bei den aufgelegten exzellenz-, innovations- und internationalisierten Initiativen mit gleichstellungspolitischen Perspektiven gewisse Fortschritte bei der Wirksamkeit von Gleichstellungsstandards fest; doch sie monieren, dass „die bisherigen Programme ( ) Gleichstellung bislang in der Regel lediglich punktuell auf(nehmen)“. Sie konzentrierten sich dabei weitgehend ausschließlich auf die Erhöhung der Professorinnenanteil und sparten andere, systemrelevante, individuell und institutionell wirkende Ebenen aus. Das Autorinnenteam legt dazu sieben Handlungsempfehlungen vor, die besonders diese Ebenen betreffen.

Im dritten Teil – „Medialisierung als Kontextbedingung“ – stellen der Kommunikationswissenschaftler von der Universität Münster, Frank Marcinkowski, der Medien- und Kommunikationswissenschaftler von der Universität Mannheim, Matthias Kohring, der Münsteraner Andres Friedrichsmeier und die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Fribourg, Silke Fürst, mit der Frage „Neue Governance und die Öffentlichkeit der Hochschulen“ die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Entscheidungsträgern an deutschen Hochschulen vor. Auf zahlreichen öffentlichkeitsrelevanten Feldern ergeben sich vielfältige, nach Innen und Außen wirksame Aktions- und Reaktionsbedürfnisse sowohl bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, als auch bei der Institution und Politik. Die Medialisierung, die sich sowohl in der beschleunigten Taktung und öffentlichen Aufmerksamkeit zeigt, als auch Gefahren von Intransparenz statt Transparenz birgt, fördert die Versuchung, an den Hochschulen Eigenwerbung statt Wissenschaftskommunikation in den Vordergrund zu stellen.

Die Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum, Andreas M. Scheu, Annika Summ und Anna-Maria Volpers setzen sich in ihrem Beitrag „Medien, Fächer und Politik“ damit auseinander, wie Medien auf forschungspolitische Entscheidungen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Einfluss nehmen. Dabei nehmen sie zum einen die „Logik der Medienberichterstattung“ unter die Lupe; zum anderen betrachten sie, wie sich die Medialisierung der forschungspolitischen Governance-Konstellationen auf die beteiligten Akteure in wissenschaftlichen Forschungsprozessen auswirkt. Befragungen von Wissenschaftsjournalisten und Medienberichterstattern ergeben. Dabei ergeben sich unterschiedliche Aufmerksamkeits- und Einflusssphären: „Die Akteure nehmen einen Einfluss der Medienberichterstattung bei sich selbst und bei anderen wahr und gehen davon aus, dass die in der Konstellation aktiven Akteure versuchen, über Medien Einfluss auf die Entscheidungsprozesse zu nehmen“.

Der Sozialwissenschaftler am Forschungsinstitut Jülich, Hans Peter Peters, der wissenschaftliche Mitarbeiter Joachim Allgaier, Sharon Dunwoody von der University of Wisconsin-Madison, School of Journalism, die Jülicher wissenschaftliche Mitarbeiterin Yin-Yueh Lo, Dominique Brossard aus Wisconsin und Arlena Jung vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, verweisen mit ihrem Beitrag „Medialisierung der Neurowissenschaften“ auf die Bedeutung der journalistischen Medien für die Wissenschafts-Governance. Sie begründen ihre These, dass „Wissenschaftsjournalismus … nicht nur von Bedeutung für die Dissemination von Informationen an ein breites Publikum ist, sondern ebenfalls eine wichtige Rolle in der Wissenschafts-Governance spielt, indem gesellschaftliche Relevanzen und normative Erwartungen aus strategischem Kalkül bei den Entscheidungen wissenschaftlicher und im weitesten Sinne ‘wissenschaftspolitischer‘ Akteure einbezogen werden bzw. subtil deren intuitive Relevanzwahrnehmungen beeinflussen“. Dabei ist – am Beispiel der neurowissenschaftlichen Forschung verdeutlicht – nicht in erster Linie die explizite Berücksichtigung von medialen Kriterien durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter relevant; vielmehr ist die „Strukturierung ihrer Handlungsräume durch entsprechende Erwartungen ‚medialisierter‘ Organisationen, Journals und wissenschaftspolitischer Akteure“ von Bedeutung.

Die Bielefelder Soziologin Martina Franzen und die Naturwissenschaftlerin von der Universität Hamburg, Simone Rödder, betrachten mit ihrem Text „“Die Medialisierung und Darstellung von Wissen unter Medialisierungsbedingungen“ die fächerbezogenen und -übergreifenden Strukturen bei den Wissenschaftsdisziplinen Mathematik, Zeitgeschichte und Molekularbiologie. Mit dem Vergleich verweisen sie auf das je unterschiedliche, öffentliche Medieninteresse und zeigen auf, „ob und wie das sehr unterschiedlich ausgeprägte Medieninteresse an diesen Fächern die Herstellungs- und Darstellungsbedingungen von Wissen in diesen Fächern tangiert. Sie erkennen „einen sich selbst verstärkenden Prozess“, dem die Wissenschaftsdisziplinen ihre unterschiedlich ausgeprägte und eingesetzte Fachkultur entgegensetzen können, um „den Selbstverstärkungsprozessen zwischen der Medienorientierung aller Beteiligten eine schwer zu treffende Eigenfrequenz entgegenzusetzen“.

Fazit

Beim Spannungsverhältnis von wissenschaftlicher Autonomie und staatlicher Steuerung bei der „Neuen Governance von Wissenschaft“ gibt es vielfältige Strukturen, die produktiv und konträr wirken. In der global wirkenden Aufbruchstimmung von Wissenschaftsforschung, -bewertung und -nutzung sind die deutschen Hochschulen „keineswegs Vorreiter, vielmehr in vielen Hinsichten eher Nachzügler dieser Entwicklungen“. Die Programme, Exzellenzcluster, Innovationen und Steuerungselemente, um an den Hochschulen Anschluss an die internationale Entwicklung zu bekommen, bedürfen einer kritischen Betrachtung und Evaluation. Dabei sind drei analytisch unterscheidbare, faktisch vielfach untrennbar miteinander verbundene Entwicklungen zu betrachten:

  • Interne Veränderungen des Wissenschaftssystems als Gegenstand staatlicher Steuerung.
  • Veränderungen des staatlichen Steuerungssubjekts.
  • Veränderungen der gesellschaftlichen Erwartungen an das Wissenschaftssystem und der gesellschaftlichen Kontextbedingungen, unter denen es operiert.

Die vom wissenschaftlichen Beiratkreis als Herausgeber vorgelegten (Zwischen-)Berichte und Bestandsaufnahmen zum von zwischen 2009 und 2013 durchgeführtem Forschungsprojekt „Neue Governance der Wissenschaft“ fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Problembereiche und Problemstellungen, die sich bei der Implementierung der Forschungsperspektiven ergeben: Komplexität – Turbulenzen – Macht – Internationalisierung – Ökonomisierung. Sie in den wissenschaftsimmanenten, gesellschaftspolitischen und lokal und global wirksamen Gegenwarts- und Zukunftsbezug gesetzt zu haben, sollte den Beiträgen im Sammelband die spezifische und öffentliche Aufmerksamkeit bescheren.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1489 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.12.2013 zu: Edgar Grande, Dorothea Jansen, Otfried Jarren, Arie Rip, Uwe Schimank, Peter Weingart (Hrsg.): Neue Governance der Wissenschaft. Reorganisation - externe Anforderungen - Medialisierung. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2272-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16155.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht