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Marco Thomas Bosshard (Hrsg.): Sehnsuchtsstädte (lebenswerte urbane Räume)

Cover Marco Thomas Bosshard (Hrsg.): Sehnsuchtsstädte. Auf der Suche nach lebenswerten urbanen Räumen. transcript (Bielefeld) 2013. 282 Seiten. ISBN 978-3-8376-2429-8.

Reihe: Urban studies.
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Thema

Städte waren schon immer besondere Orte, Orte der Sehnsucht und der Hoffnungen, utopische Orte. Sie waren immer schon auch Orte der Emanzipation und der Freiheit, Orte des Bürgerstolzes und der Repräsentation von Herrschaft. Ob die griechische Polis, die römische civitas, oder die europäische Bürgerstadt mit der für sie typischen bürgerlichen Öffentlichkeit als Repräsentationsfolie – in ihnen präsentierte sich ein urbanes Leben, das sich abhob vom bäuerlichen Leben auf dem Land und unter den feudalistischen Bedingungen von Herrschaft und Abhängigkeit.

Mit der Industriestadt entstand im 19. Jahrhundert ein anderer Typus von Stadt, in dem weniger Freiheit und bürgerliche Repräsentation im öffentlichen Raum eine Rolle spielte als der Zusammenhang von Arbeit und Leben.

Und heute? Menschen suchen wieder die Räume in der Stadt, die mit Urbanität als Lebensstil verbunden sind, die Vielfalt und Freiheit repräsentieren, in denen jeder jedweden anderen zu treffen vermag – eine Stadt, die lebenswert ist, weil sie allen gehört und alle Zugang zu ihren öffentlichen Räumen haben. Menschen suchen Städte, die ihnen keine Angst machen, sondern die sie zu Städtern macht, zu Menschen, die mit Widersprüchen und Ambiguitäten umzugehen wissen und Spannungen auszuhalten vermögen, die durch Unerwartetes, Widersprüchliches und Ambivalentes entstehen.

Herausgeber und Herausgeberinnen

Marco Thomas Bosshard ist Juniorprofessor für iberoromanische Kulturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Jan-Dirk Döhling ist Juniorprofessor für Religion und Literatur des Alten Testaments an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

Rebecca Janisch ist Akademische Rätin am Interdisciplinary Centre for Advanced Materials Simulation (ICAMS) der Ruhr-Universität Bochum.

Mona Motakef ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen.

Angelika Münter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Raumplanung der TU Dortmund und zugleich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund.

Alexander Pellnitz ist wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Stadtforschung, der Stadtplanung und des Städtebaus, der Architektur, der Theater- und Medienwissenschaft, der Umwelttechnik, der Soziologie und der Sozialpsychologie.

Entstehungshintergrund

Dem Buch liegen die Beiträge zu einem Symposion zugrunde, das unter dem Titel „Sehnsuchtstädte - Medien, Praktiken, Techniken“ im Februar 2013 in Dortmund stattfand. Dieser Hintergrund wird in einem Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber ausführlich erläutert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einführung in drei größere Kapitel mit jeweils vier Beiträgen:

  1. Sehnsuchtsmedien
  2. Sehnsuchtspraktiken
  3. Sehnsuchtstechniken

Es schließt mit einem Kapitel „Ausblick“ ab.

Zur Einführung

Jürgen Straub nennt seinen Beitrag „Sehnsucht – begriffsgeschichtliche Annotationen, psychologische Sondierungen“.

Der Autor setzt sich zunächst mit der etymologischen Wurzel und der kulturgeschichtlichen Herkunft des Wortes Sehnsucht auseinander. Am Anfang stand das krankhafte oder krankmachende Sehnen, das schmerzliche Verlangen. Der Suchtbegriff in Verbindung mit dem Sehnen pathologisierte.

Allmählich wurde der Begriff depathologisiert und normalisiert und findet seinen Bestimmungsgrund in der romantischen Sehnsucht, dem der Drang nach Vervollkommenung als eine zentrale Metapher der Motivationspsychologie. Zum Schluss fragt der Autor nach den Sehnsuchtsräumen der Großstadt, nach den Wünschen, Bedürfnissen und Hoffnungen, die die Menschen mit der Stadt verbinden. Zum einen geht es um zweckmäßige, funktionale praktische Bedürfnisse, auch um Bedürfnisse nach Überschaubarkeit und Transparenz, nach Schönheit und der Möglichkeit eines guten Lebens.

Zum anderen geht es um diffuse, unklare unbewusste Bedürfnisse und Motive, die die Menschen in die Stadt treiben, sich überraschen lassen, was kommt, unbestimmt und ungezielt flanieren. Das ist das, was wohl die „Wirtlichkeit“ von der Unwirtlichkeit der Stadt unterscheidet.

„Sehnsuchtsstädte und Stadtsehnsüchte“ nennt Alexander Pellnitz seinen Beitrag, in dem es um „Urbanität, Natur und Schönheit“ geht. Es geht in Anlehnung an Halbwachs Begriff des kollektiven Gedächtnisses, um kollektive Sehnsüchte - nicht um individuelle und partikulare Sehnsüchte einzelner. Und diese Sehnsüchte gibt es – so der Autor – seit es Städte gibt. Die archetypischen Stadtmodelle sind die urbane Großstadt und der urbane Garten. Pellnitz geht auf Babylon ein, einer der ersten Großstädte der Welt und der Inbegriff von urbaner Dichte des Zusammenlebens. Diese Dichte des urbanen Lebens und der urbane Garten beflügelten die Phantasie der Menschen von jeher. Dazu kommt der utopische Entwurf der griechischen Politeia von Platon, mit der auch der Typus der Utopie zum Inbegriff von Sehnsucht wurde. Dies wird vom Autor umfassend beschrieben und mit Bildern unterlegt.

Auch in der Moderne spielen diese Stadttyen eine Rolle. Ebenezer Howards Gartenstadt war der Gegenentwurf zur Industriemetropole mit ihren engen und dunklen Arbeiterquartieren und Fabriken. Der Städtebau der 1960er Jahre offenbarte eine Sehnsucht nach moderner Zukunft und heute spielen Sehnsüchte einer nachhaltigen, naturverbundenen und gesunden städtischen Lebensweise eine zentrale Rolle, die zugleich auch urban sein soll.

Zum Abschnitt Sehnsuchtsmedien

Der Beitrag von Thomas Bosshard und Jan-Dirk Döhling ist überschrieben: „Von der Civitas Dei zur Cidade de Deus oder zum urbanen Himmel auf Erden“. Es geht den Autoren um einführende Bemerkungen zur medialen Modellierung von (Sehnsuchts-) Städten. Ausgehend vom portugiesischen Wort Saudade (einer Mischung aus retrospektivem Heimweh nach einem Ort oder einer Stadt und dem prospektiven Fernweh) beschreiben sie die Sehnsucht nach Rio de Janeiro als Inbegriff einer Sehnsuchtsstadt, eines „Himmels auf Erden“ (Text einer Samba). Diese literarische Erkundung wird fortgesetzt und so erschließt sich auch der Begriff der Favela kulturhistorisch, der heute der Inbegriff der brasilianischen Großstadt-Slums mit ihrer eigenen Logik der Integration und ihrer eigenen „Kultur der Armut“ (Lewis) ist.

Es geht den Autoren um die Modellierung der Sehnsucht nach einer anderen, besseren Stadt, einschließlich der Favelas und um die daraus sich entwickelnden Konfigurationen von Stadt und es geht um die Sehnsucht nach Medien. Wie werden aus Bilden, aus Medien dann konkrete Projekte oder: sind Projekte nicht präfigurierend für die konkreten Projekte?

Und es geht um Augustinus Civitas Dei – die Stadt Gottes und um die Cidade de Deus, die Stadt der Götter. Augustinus weist darauf hin, dass die Stadt nicht nur eine geographische, ökonomische oder demographische Größe ist, sondern eine diskursive, von Hoffnungen, Wahrnehmungen und Verständnis ihrer Bewohner geprägte Größe.

Die Autoren setzen sich vertieft mit dem Kirchenvater Augustinus auseinander, kommen dann zu Rom als dem Nabel der Welt, was meint, dass die Stadt Rom und der Erdkreis zwei unterschiedliche Größen markieren. Auch dies wird umfassend und vertieft ergründet.

Die Autoren gehen dann auf die Cidade de Deus als locus amoenus und als real existenter Ort ein und unterlegen ihre Gedanken mit dem Roman von Paolo Lins, Cidade de Deus und mit dem Film von Fernando Meirelles und Katja Lund, City of God.

Reinhard von Bendemanns Beitrag „Die ideale Stadt als Mittelpunkt der Welt“ betrachtet die frühjüdischen und frühchristlichen Stadtkonzeptionen am Beispiel der Konstruktion des himmlischen Jerusalems in Apk. 21f. Jerusalem war die Sehnsuchtsstadt des ältesten Christentums, die Stadt schlechthin, was aus den alttestamentarischen Texten zu erschließen ist und auf die geht der Autor dann auch ein. Auch für das Judentum ist Jerusalem die Metropole, die Mutterstadt. Der Tempel markiert einen universalen Anspruch, hat komische Bedeutung und so wird die Stadt zur Schnittstelle von irdischem und himmlischem Leben.

Nach der Rezeptionsgeschichte der biblischen Textstellen von Apk. 21f wird die frühjüdische Traditionsgeschichte eines neuen respektive „transhistorischen“ Jerusalem erörtert. Die apokalyptische Vision ist vielleicht ein himmlisches Korrelat zu der auf Erden gefährdeten, krisengeschüttelten, ja sogar vom Untergang bedrohten Stadt(welt).

Die Stadtkonzeption der Apokalypse basiert auf christlichen und jüdischen Überzeugungselementen, hellenistisch-römischer Kultur und auf Erfahrungen, die andere mit der Weltmacht Rom gemacht haben. So werden die Stadtmauer und die Stadttore zu konstitutiven Charakteristika der antiken Stadt, weil sie auch fundamentalen auch religiös motivierten Schutzbedürfnissen der Götter entsprechen.

Und wer glaubt, Stadtplanung sei eine Erfindung der Moderne, sei hier eines besseren belehrt. Denn Ausmaße und Struktur der Himmelstadt waren genau bestimmt; das Quadrat wurde zur Maßeinheit schlechthin. Auch die Materialen waren genau vorgegeben und mussten bestimmten Ansprüchen genügen. Dies wird ausführlich beschrieben.

Allerdings vermisst man öffentliche Bauten als Merkmal der Stadt, eher wird auf einen Garten, einen himmlischen Garten verwiesen. Und es gibt keine klare Trennung von religiöser Praxis und urbanem Leben. Jerusalem als Priesterstadt wird beschrieben, um dann ausblicksartig auf einige hermeneutische Fragen einzugehen, die mit der medialen Konstruktion des himmlischen Jerusalem verbunden sind.

Beate Ochsner nennt ihren Beitrag „Audiovisuelle Urbanität“ in dem sie sich mit den „Praktiken des Sehens und Hörens von Städten“ beschäftigt. Paris ist die Filmstadt überhaupt. Wie viele Filme beschäftigen sich mit Paris, seinen Sonnen – und Schattenseiten, seiner realen Poesie? Das wird einleitend von der Autorin angemerkt, um dann zur der Frage des Gesamtbandes zu kommen: „Wie transformieren Literatur, Film und digitale Medien urbane Erfahrungen in Sehnsüchte?“ (100). Es geht um Stadtsinfonien, um die Stadt in narrativ dominierten Stadtfilmen. Und es geht um Raumgestaltung, um Raumbilder. Wie eignen sich Menschen in der Stadt Räume an, welche Bedeutung geben sie ihnen, was wird durch den Raum bedingt – etwas was wir in den dokumentarischen Stadtsinfonien zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederfinden. Auf diese Entwicklung geht die Autorin ein und diskutiert sie.

Weiter geht es der Autorin um die audiovisuellen Praktiken der Urbanität, also um die Frage, welche Stadträume hergestellt werden und welche entstehen durch die je spezifische Eigenlogik und -dynamik der jeweiligen Stadt. Längst sind wir weg vom physikalischen Raumverständnis; die Raumtheoriediskussion hat inzwischen die Stufe des relationalen Raum erklommen, wo sich Menschen selbst einordnen als Elemente des Raums im Verhältnis zu anderen Gegenständen, Ereignissen, Prozessen; Menschen im Raum.

Britta Neitzels Beitrag „Errichten – erkämpfen – erkunden“ befasst sich mit „Zugängen zur Stadt in Computerspielen“. Nach einigen Überlegungen zu Spiel und Sehnsucht, wo auch die Tradition des Computerspiels nachgezeichnet wird, das mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben verbunden wird, geht Britta Neitzel auf die drei Zugängen zum Computerspiel ein: errichten, erkämpfen, erkunden.

Als Beispiel für das Erbauen wird die Stadtsimulation Sim City 2000 herangezogen. Die Stadt wird dort auf Quadraten oder aus Quadraten gebaut. Das Spiel und weitere Spiele werden ausführlich beschrieben und diskutiert.

Erkämpfen geht meist über eine Strategie und Häuserkampf wird als Beispiel für das Erkämpfen genommen. Friedlich geht es noch bei den Spielen „Die Siedler“ oder „Age of Empires“ oder „Civilization“ zu; andere haben einen militär-strategischen Hintergrund. Auch hier werden Spiele beschrieben und analysiert.

Beim Erkunden geht es um versunkene Städte oder Phantasiestädte, entsprechende Spiele werden ebenso analysiert und diskutiert.

Zum Schluss diskutiert die Autorin die Frage, ob Computerstädte auch Sehnsuchtsstädte sind.

Zum Abschnitt Sehnsuchtspraktiken

Dieses Kapitel beginnt mit einführenden Überlegungen zu einem „sensibilisierenden Konzept“ von Mona Motakef und Angelika Münter. Mit welchen Praktiken verleihen Menschen ihren Sehnsüchten an einen urbanen Raum, welche Wünsche verbinden sie damit, welche Handlungslogik liegt dem Konzept zugrunde und was erwarten sie von einem „guten Leben“ im städtischen Raum? fragen die Autorinnen. Weiter fragen sie, was sich im urbanen Raum verändert, vor allem: was steckt hinter dem Begriff der Sehnsuchtspraktiken - auch an Erkenntnisgewinn, ist doch das Verhältnis von Sehnsucht und Praxis durchaus nicht spannungsfrei – und daraus schöpfen die Autorinnen die Idee, dass diese Spannung auch produktiv ist.

Sie setzen sich dabei mit dem Begriff des öffentlichen Raums auseinander und mit den darin steckenden Möglichkeiten, wie die Protestbewegungen dieser Welt zeigen. Sie gehen dann weiter zum Begriff der Raumaneignung, wie er in den Sozial.- und Planungswissenschaften diskutiert wird, um dann auf einige weitere Beiträge dieses Kapitels kurz Bezug zu nehmen.

„Wie postindustrielle Sehnsuchtsorte des Selbermachens und der Naturbegegnung neue Bilder von Urbanität entwerfen“, diskutiert Christa Müller in ihrem Beitrag „Sehnsuchtsstadt statt Landlust“. Menschen haben nicht nur Landlust, auch Tiere zieht es die Städte, weg von den Monokulturen des ländlichen Raums. Müssen wir in der Stadt wieder mit Tieren zusammenleben – unter den Bedingungen städtischen Lebens: Dichte, Größe und Vielfalt? Denn wenn der Hintergrund der Praxen Orte sind, die Menschen und nicht-menschliche Wesen lebensfreundliche Räume bescheren, dann doch unter der Bedingung, dass beide zusammen leben können. Was verändert sich da an den Städten?

Urban Gardening ist sicher eine Perspektive, die von der Autorin bedacht wird, wobei auch die Guerilla-Taktik des nicht legalen oder irgendwie legitimierten Besetzens von Flächen gemeint ist, die einem nicht gehören – aber gehören sie dadurch allen?

Und dort, wo Flächen vernachlässigt werden, werden sie bearbeitet, kultiviert. Und es hat was Nomadenhaftes – nur Nomaden kehren nie an den Ort zurück, den sie mal besetzt hatten – das schafft Mobilität. Urbane Gemeinschaftsgärten als Lern- und Bildungsorte – Orte, die Verortung erlauben in einer unübersichtlichen Welt. Es geht um die Sehnsucht nach (tausch-)marktfreien Räumen, um Räume des Selbermachens und der Eigenverantwortlichkeit für das Selbstgemachte.

„Der Prinzessinnengarten in Berlin“ nennt Marco Clausen seinen Beitrag und meint „nicht Sehnsucht nach dem Land, sondern Sehnsucht nach einer anderen Stadt“. Der Autor beschreibt zunächst den Prinzessinnengarten als Lern- und Begegnungsort; geht auf das Engagement von Nachbarn und Interessierten ein, denen er seine Existenz verdankt und diskutiert dann ökologisch-soziale Gärten in der Stadt als Phänomen. Seine Argumentation wird mit Bildern unterlegt.

Patrick Huhn beschreibt die globale und lokale Guerilla-Gardening-Bewegung unter dem Titel „Mit Spaten, Pflanzen und Visionen“. Nicht nur die Sehnsucht nach anders gestalteten Räumen und dem eigenen Garten steht auf dem Programm, auch die Realisierung dieser Sehnsucht im Bewusstsein und Wissen um die Legalitätsproblematik – also nachts, wie ein Bild zeigt oder in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden, wie ein anderes Bild zeigt. Der Autor setzt sich ausführlich mit der Guerilla-Taktik auseinander, fragt dann, für wen, für welche Gruppen diese Praxis interessant sein könnte und beschreibt ein lokales Projekt aus Ennepetal.

Bastian Lange nennt seinen Beitrag „Neue Orte des Städtischen durch soziale Innovationen“. Warum Orte? fragt der Autor zunächst, wobei es um Verortung, um Ortsbezüge der Menschen geht; schließlich geht es um nichts weniger als um eine Neuformulierung von Urbanität, von einem urbanen Lebensstil, der immer mehr Ausdruck gewinnt in alternativen Praxen der Lebensstilführung in der Stadt. Alternative Lebensstilführungen hatten in der Stadt schon immer die Armen und Obdachlosen, die sind aber nicht gemeint; es ist eher eine gebildete Mittelschicht, die sich die Land-Romantik in die Stadt holt. Und es geht um die Neugestaltung des Sozialen in der Stadt, um soziale Vernetzung, soziale Kohäsion, um Vertrauen haben in die unmittelbaren sozialräumlichen Strukturen – die Sehnsucht nach einem Zuhause.

Soziale und räumliche Ortsaneignung durch das Teilen der Orte der Reproduktion und des Arbeitens werden am Fallbeispiel Coworking ausführlich beschrieben und diskutiert. Die Frage nach einer neuen Form der Wertgemeinschaft wird aufgeworfen, Social Entrepreneurship wird zum Kristallisierungspunkt der Praxis der Verbindung von Gewinnstreben und Weltverbesserung. Somit entstehen soziale Innovationen, neue Formen von Governance tauchen auf, Kultur und Kreativwirtschaft werden zum Fokus einer neuen sozialen Bewegung.

Zum Abschnitt Sehnsuchtstechniken

Tobias Hegmanns leitet dieses Kapitel ein mit seinem Beitrag über „Technische Lösungswege zur Gestaltung zukünftiger Städte“. Es geht um die Entwicklung neuer Lösungen, aber nicht auf der Basis althergebrachter tradierter technischer Lösungsstrategien. Die technischen Anforderungsprofile verändern sich in dem Maße, wie neue Anforderungen an den Lösungsweg – nicht an die Lösung selbst gestellt werden.

Zunächst geht es Hegmanns um Ansprüche an Kommunikation und Partizipation – um die sozialen Dimensionen der (Mit-)gestaltung der Stadt. Damit verbunden sind emotionale und ästhetische Ansprüche, wie die Stadt aussehen soll, in dem man zuhause ist.

Nachdem dies ausführlich diskutiert wird, geht es dem Autor um Anforderungen an die technische Gestaltung der Stadt, um Bedarf an zusätzlichem Stadtrau, um Klimawandel und Energiewende, um Ressourcenverbrauch und Mobilität und um Güterverkehr und Logistik. Und es geht um die urbane Verbindung von Arbeit und Leben in der Stadt.

J. Alexander Schmidts Beitrag heißt „Urbane Sehnsüchte entwickeln und Entscheidungsprozesse beflügeln“. Schmidt beschreibt das Spannungsfeld, in der Stadtentwicklung sich schon immer bewegt hat. Die Stadt soll schön sein, sie soll eine Kultur haben, über die sie sich auch repräsentiert und sie soll ein gesundes Leben ermöglichen. Die Stadt muss sich mit dem demographischen Wandel auseinandersetzen - die Stadt im Alterungsprozess ihrer Bevölkerung und die Stadt des Arbeitens. Sie soll aber auch Gäste anziehen und sie soll mobilitätsgerecht sein.

Und dass die Stadt Widersprüchliches produziert und dadurch auch Spannungen und Ambivalenzen erzeugt – das war schon immer so in der Stadt. Aber wenn die Stadt gebaut ist, verändert sie sich nur langsam – die Realität im 21. Jahrhundert wird zum Gegenpol der Sehnsüchte und Hoffnungen, die die Menschen mit der Stadt verbinden.

Schmidt beschreibt dann noch das Essener Forum Baukommunikation und das Forschungsprojekt Urbane Mobilität in der Stadt 2030. In einem sehr kurzen Beitrag beschreibt Martin Schröder „Technologielösungen für die Stadt der Zukunft“. Dabei geht es ihm um die Frage, wie sich Städte nachhaltig auf ökologische und ökonomische Veränderungen einstellen können. Und es geht auch in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, um integrierte Handlungskonzepte, die unbedingt entwickelt werden müssen.

„Gebäudetechnische Innovationen für die Stadt von morgen“ nennen Eckhart Hertzsch und Maike Buttler ihren Beitrag. Es geht um individuelle Bedürfnisse nach einem guten Wohnen und der baulichen Wirklichkeit – um „Nutzersehnsucht“. Und es geht um den Komfort in Wohn- und Arbeitsgebäuden und ihre Modernisierung. Ausführlich geht es dann um Prinzipien für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Dabei beschreiben die Autorin und der Autor die Fraunhofer-Initiative „Morgenstadt“, in der Antworten auf Zukunftsfragen der Stadtentwicklung gesucht werden. Die starke Stadt, starke Bürger und starke Stadtteile werden nach den Dimensionen Stadtstruktur, Energie, Mobilität, Produktion/Logistik, urbane Prozesse/Organisation, Gebäude, Information/ Kommunikation und Sicherheit/Schutz analysiert.

Zum Ausblick

„Städte bestehen nicht aus Häusern und Straßen, sondern aus Menschen mit ihren Hoffnungen“. Mit diesem Zitat von Augustinus wagt Walter Siebel einen Ausblick. Dabei beschreibt er zunächst die Stadt als Hoffnungsträger, um dann Stadtutopien und deren Idealentwürfe vorzustellen und zu diskutieren und die Ambivalenzen herauszuarbeiten, die mit solchen Sehnsuchtsentwürfen verbunden sind. Die Stadt als Ort der Emanzipation von feudalen Strukturen und der Befreiung vom Usurpator (M. Weber) wird historisch eingefangen und dann werden von W. Siebel die Utopien beschrieben und analysiert. Dabei stellt er die Utopien als Kritiken an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vor, als Kritik an der religiösen Legitimation von Herrschaft, als Kritik an der Vererbbarkeit von gesellschaftlichen Prärogativen und Privilegien, als Kritik an der Jenseitsorientierung christlicher Paradiesesvorstellungen und der Machbarkeit von Welt.

Zum Schluss setzt sich der Autor noch mit den realen Bedingungen von Stadtplanung auseinander, die unter ganz anderen Vorzeichen agiert oder agieren muss.

Den Abschluss bildet die Dokumentation einer Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses Symposions.

Die Beiträge schließen jeweils mit einer Literaturliste ab.

Diskussion

Sind Städte heute noch – oder schon wieder – Städte der Sehnsüchte und Hoffnungen auf ein gutes Leben? Und: Wo finden wir heute noch lebenswerte urbane öffentliche Räume und Wohngebiete in den Großstädten angesichts zunehmender sozialräumlicher Segregation, angesichts von Gentrifizierungs- und den daraus erwachsenden Verdrängungsprozessen in innerstädtischen Wohnquartieren und angesichts der immer kleiner werdenden öffentlichen Räume, wo Öffentlichkeit noch so erfahren wird, dass jeder Zugang zu ihr hat? Denn das wären ja Beschränkungen solcher Sehnsüchte, die wir mit einem solchen urbanen Leben verbinden.

Deutlich wird doch in diesem Band, dass die Städte schon von Anfang an solche Orte der Sehnsucht waren und die Menschen Sehnsüchte in der Stadt und durch die Stadt entwickelt haben, deren Realisierung oder Erreichung sie mit der Stadt verbanden.

Eigentlich ist dieses Buch ein Sammelband zur Kulturgeschichte der Stadt, denn Sehnsuchtspraktiken sind Kulturpraktiken und Sehnsuchtstechniken kulturell geprägte Techniken.

Die Beiträge umschließen ein breites Feld städtischer Lebenspraxis und wecken das Verständnis von Urbanität, deren Verfall wir ja auch ab und an beklagen. Und in diesen Beiträgen kommt oft auch die Sorge zum Ausdruck, dass die Stadt ihre Kraft auf so viele reale Problemlösungsstrategien verwenden muss, dass ihr die Visionen ihrer Zukunft abhanden kommen. Vielleicht verbindet auch alle Beiträge der Hilferuf: Rettet die Stadt!

Fazit

Das Buch bietet ein breites Spektrum kulturhistorischer und kulturwissenschaftlicher Aspekte städtischen Lebens und wendet sich so an eine interdisziplinär arbeitende und interessierte Leserschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 13.02.2014 zu: Marco Thomas Bosshard (Hrsg.): Sehnsuchtsstädte. Auf der Suche nach lebenswerten urbanen Räumen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2429-8. Reihe: Urban studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16156.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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