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Andreas Polutta: Wirkungsorientierte Transformation der Jugendhilfe

Cover Andreas Polutta: Wirkungsorientierte Transformation der Jugendhilfe. Ein neuer Modus der Professionalisierung Sozialer Arbeit? Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-531-19466-0. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Transformation des Sozialen - Transformation Sozialer Arbeit - 2.
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Thema

Seit einigen Jahren kommt der Diskurs um Fortentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe kaum mehr ohne Referenz zu Fragen der Wirkung und Wirkungsorientierung aus. Der engere Bezug zur Output und Outcome von Erziehungshilfen und anderen Maßnahmen resultiert aus der Annahme, dass Ergebnisse, Wirkungen und Effekte eine zentrale Rolle bei der Überwindung technologischer Defizite personenbezogener sozialer Dienstleistungen für Kinder, Jugendliche und Eltern einnehmen (können). Dies alles erfolgt vor dem Hintergrund eines vermeintlich immer stärker werdenden Drucks der leistungsverantwortlichen öffentlichen Mittelgeber auf Leistung, Leistungsfähigkeit und einen entsprechenden Aus- bzw. Nachweis durch Freie Träger.

Entstehungshintergrund

Andreas Polutta möchte mit dem vorliegenden Werk die vermeintliche Wirkungsorientierte Transformation von Jugendhilfe sozialpolitisch einordnen und diesbezüglich vor dem Hintergrund auch eigener empirischer Analysen theoretische Bestimmungen vornehmen. Die theoretische Fragestellung ist, inwieweit sich im Verlauf der Ausrichtung an Wirkungsaspekten bestimmte Merkmale von Profession verändern, der Bezug erfolgt insbesondere auf Hilfen zur Erziehung. Die vorliegende Arbeit wurde im Jahre 2011 an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld als Dissertation angenommen.

Autor

Andreas Polutta, Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge (FH), war als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Bielefeld an der Begleitung des Bundesmodellprogramms »Wirkungsorientierte Jugendhilfe« beteiligt. Er ist seit 2012 Professor für sozialwissenschaftliche Grundlagen Sozialer Arbeit und Studiengangsleiter an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Willingen-Schwenningen.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält vier Abschnitte sowie ein Literaturverzeichnis.

Der erste Abschnitt leitet in das Untersuchungsvorhaben und den Gegenstandsbereich ein.

Der zweite Abschnitt steht unter der Überschrift »Rekonstruktion: Die Wirkungsdebatte und die neu aufgeworfene Frage nach der Professionalität Sozialer Arbeit«. Polutta zeigt dabei u.a. auf, dass und wie Profession und Professionalisierung verschieden interpretiert werden können, das Spektrum reicht von der Zahl der Kräfte und Fachkräfte in sozialpädagogischen Handlungsfeldern über die Konstitution von Deutungshoheit im Fallbezug bis hin zu methodischer Standardisierung. Diskurs- oder Konfliktlinien können identifiziert werden. Im Zuge der Darlegungen wird auch die Befürchtung deutlich, dass über die Entwicklung und Implementierung von Evidence Based Programmen zumindest potenziell ein Verlust an Professionalität einhergehen und die reflexive Praxis von einer bürokratisch-manageriellen Logik abgelöst werden kann. Angeführt werden u.a. Ansätze im US-amerikanischen Raum sowie ein konkretes Beispiel in der deutschen Arbeitsverwaltung, in welchem auf der Basis von der Versicherungswirtschaft entlehnten Techniken der Wahrscheinlichkeitsprognose bzw. der standardisierten Diagnose- und Profilinginstrumenten gearbeitet und evidenzbasierten Handlungsprogrammen gefolgt werden soll.

Im dritten Abschnitt skizziert der Autor zunächst die Erziehungshilfen nach § 27 ff. KJHG als sozialpolitisches Steuerungs- und Forschungsfeld. Sodann werden sozialpolitische Programme zur sog. „Wirkungsorientierten Jugendhilfe“ umrissen, ein Forschungsprogramm für eine empirische Untersuchung dargelegt sowie eine Analyse wirkungsorientierter Steuerungsmedien im Zusammenhang mit Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarung vorgenommen. Im Zuge dieser Analysen soll gezeigt werden, dass »insbesondere die Steuerungsmedien „professionellen Wissens" durch die Bestrebungen einer Wirkungsorientierung respektive die Instrumente Wirkungsorientierter Steuerung in den HzE« eine neue Gewichtung erfahren und transformiert werden. Die »konstitutive Orientierung professionellen Wissens« verliere »zugunsten einer fallübergreifenden Zielüberprüfung an Bedeutung«. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Fachkräften. Deren Einschätzungen lassen auf »ambivalente Haltungen schließen«.

Der vierte Abschnitt enthält eine »Konklusion: Die Bedeutung professioneller Sozialer Arbeit für wirkungsvolle Jugendhilfe und Perspektiven der Professionalisierung«. Dabei kommt der Autor zum Schluss, dass die Frage, inwieweit mit einer Orientierung an Wirkung eine Professionalisierung oder das Gegenteil verbunden ist, nicht eindimensional beantwortet werden und ein »Spannungsfeld« aufgezeigt werden kann. Klar scheint zu sein, dass sich Transformationen der »Erbringungskontexte soziale Dienste« ereignen, die einen »neuen Modus der Professionalisierung darstellen«. Dies wird jedoch von den Fachkräften selbst »nur teilweise wahrgenommen, problematisiert und reflektiert«. Aus unserer Sicht von Bedeutung ist auch der Hinweis von Andreas Polutta, vieles deute darauf hin, »dass die Annahme unzutreffend ist, die Steuerungsmodelle hätten mit der pädagogischen Praxis nichts zu tun und verblieben auf einer programmatischen Ebene, die den Arbeitsalltag der Fachkräfte nicht erreichen würde«. In seinen abschließenden Erörterungen beschreibt der Autor auch »Sackgassen der Wirkungsorientierung«. Explizit benennt er die Wirkungsorientierung als Instrument von Haushaltskonsolidierung oder bloßer Rhetorik, Wirkungsorientierung im »Social Investment State« sowie Wirkungsorientierung als »Weg kommunalisierter Speziallösungen«.

Diskussion

Andreas Polutta zeigt sehr deutlich die Divergenzen rund um das Thema der wirkungsorientierten Jugendhilfe auf, vor allem im Kontext von Profession bzw. Professionalisierung. Mit der Entwicklung und Implementierung von Evidence Based Programmen könnte in der Tat ein Verlust an Professionalität einhergehen. Auch die Logiken sozialer Arbeit als personenbezogene soziale Dienstleistung inklusive der Rolle der Adressaten als Ko-Produzenten können ins Wanken geraten. Andreas Polutta vermittelt interessierten Leserinnen und Lesern aber auch Wissenswertes rund um die Konzeptionierung von Wirkungsorientierung, zum Beispiel den nicht unerheblichen methodischen Anspruch an Wirkungsforschung sowie die Problematik, einen angemessenen Ansatzpunkt für Wirkbestimmung zu finden. Notwendig erscheint mit Blick auf die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegenden Problematik die Eröffnung einer Perspektive, die die auch empirisch als wirksamkeitsförderlich belegbaren Grundlagen der Profession mit steuerungsaffinen und wirkungsorientierten Rahmenbedingungen so vereint, dass Aussicht auf methodische Fortentwicklung eröffnet wird, ohne die bisherigen professionellen Basics zu unterwandern. Zu bedenken sind in jedem Falle die Grenzen und Gefahren sowohl eines zu eindimensional ausgerichteten Konzepts der Wirkungsorientierung wie eines Professionsverständnisses, welches sich gegenüber Fragen der Wirkung vollends immunisiert.

Fazit

Ein interessanter Beitrag zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Wirkungsorientierung.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 31.12.2013 zu: Andreas Polutta: Wirkungsorientierte Transformation der Jugendhilfe. Ein neuer Modus der Professionalisierung Sozialer Arbeit? Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19466-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16158.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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