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Birgit Heimerl: Die Ultraschallsprechstunde

Cover Birgit Heimerl: Die Ultraschallsprechstunde. Eine Ethnografie pränataldiagnostischer Situationen. transcript (Bielefeld) 2013. 361 Seiten. ISBN 978-3-8376-2551-6. D: 36,99 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 48,10 sFr.

Reihe: KörperKulturen.
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Thema

Ultraschalluntersuchungen sind heute in Deutschland selbstverständliche Diagnostiken während einer Schwangerschaft. Mit Hilfe der Sonografie werden nicht nur Schwangerschaften festgestellt, sondern auch die Entwicklung des ungeborenen Kindes überwacht. In zahlreichen Krankenhäusern werden spezielle Sprechstunden und Ultraschallambulanzen für Schwangere angeboten. Solche „Ultraschallsprechstunden“ versteht die Autorin im Sinne Erving Goffmans als „soziale Veranstaltungen“, die sie aus soziologischer Perspektive rekonstruiert. Dafür legt Birgit Heimerl eine umfangreiche ethnografische Studie an, die Ultraschallsprechstunden und deren Praktiken der Bildherstellung beobachtet.

Autorin

Birgit Heimerl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Wege in die (leibliche) Elternschaft. Konsens- und Dissensmanagement aus paardynamischer Perspektive“ (Leitung: Waltraud Cornelißen) am Deutschen Jugendinstitut in München. Sie promovierte im Jahr 2013 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fach Soziologie mit einer Arbeit, die dem hier besprochenen Buch zugrunde liegt.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Veröffentlichung der Promotion der Autorin, die von 2008 bis 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Schwangerschaft und pränatale Sozialität“ (Leitung: Stefan Hirschauer) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz war.

Aufbau

Das Buch besteht neben Einleitung und Schluss aus neun Kapiteln, wobei die Einleitung sehr umfangreich ausfällt, denn sie enthält auch die Ausführungen zum methodischen Design der Studie. Die Gliederung der Arbeit ist zum Teil am typischen Ablauf einer Ultraschallsprechstunde orientiert. Allerdings werden auch besondere Anlässe für Untersuchungen in die Studie einbezogen: eine ultraschallgesteuerte Fruchtwasserpunktion und ein anstehender Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer Fehlbildungsdiagnose.

  1. Vorgespräche
  2. Die Präparationsphase
  3. Sonografieren als ‚Körperpraktik‘
  4. Das Kindsgeschlecht
  5. Zu dritt: Dyadische Koalitionen und Einzelkämpfer
  6. Eine Fruchtwasserpunktion mit Hindernissen
  7. Eine Sonografie vor dem Schwangerschaftsabbruch
  8. Nachgespräche
  9. Die Planung der Geburt

Inhalt

In dem Buch wird die Ultraschallsprechstunde unter Rückgriff auf Erving Goffmans Mikrosoziologie als soziale Situation in ihrem zeitlichen Ablauf und in Bezug auf spezifische Verläufe untersucht. Das heißt, es geht hier – Goffman folgend – nicht um Menschen und ihre Situationen, sondern um Situationen und ihre Menschen (S. 23). Zugrunde liegt zudem ein praxeologisches Konzept von Sozialität, das soziale Praktiken fokussiert, in die in diesem Fall beteiligte Körper, technische Apparaturen und Personen involviert sind. Für ihre empirische Studie hat sich Birgit Heimerl als Ethnografin für ca. fünf Monate ins Feld begeben und in einer Klinik als Hospitantin an Ultraschallsprechstunden teilgenommen. Von den Konsultationen wurden umfangreiche Beobachtungsprotokolle angefertigt, in die das Buch in zahlreichen Auszügen Einblicke vermittelt. Als Vorbild für die ethnografische Arbeit im Feld sind u.a. die „dichten Beschreibungen“ von Clifford Geertz genannt.

Das Kapitel „Vorgespräche“ (Kap. 2) analysiert die Vorbesprechungen der Untersuchungen, in denen sich der Arzt mit der Schwangeren und ihrer Schwangerschaft bekannt macht. Ein wichtiger „Wissens(zu)träger“ (S. 45) ist dabei neben der elektronischen Patientenakte der Mutterpass. Informationen werden abgeglichen und abgefragt, so dass dem Vorgespräch die Funktion eines „Updates“ zukommt. Diese verortet die schwangere Frau in zwei aufeinander bezogene Zeiten, nämlich die kalendarische und die schwangerschaftsbezogene. Die schwangerschaftsbezogene Zeit wird in Schwangerschaftswochen angegeben und ist u.a. im Hinblick auf die Organisation von Vorsorgeterminen wichtig.

Im folgenden Kapitel wird die „Präparationsphase“ (Kap. 3) unter die Lupe genommen, also die Zeit, in der die Frau sich zur Untersuchung vorbereitet (z.B. Entkleiden), der Raum abgedunkelt oder die Liege mit Papier ausgelegt wird. Die Beteiligten platzieren sich im Untersuchungsraum – und zwar so, dass möglichst gute Sichtverhältnisse zum Monitor gegeben sind. Der Bildschirm ist der Treffpunkt der Blicke, denn er bietet die Sicht auf einen sonst verschlossenen Körperinnenraum.

Im umfangreichen Abschnitt „Sonografieren als ‚Körperpraktik‘“ (Kap. 4) wird der Frage nachgegangen, wie visuelle Spuren des ungeborenen Körpers erzeugt werden. Hier wird bspw. auf die bildvermittelte Interaktion und Kommunikation zwischen Arzt und Patientin während des Ultraschalls eingegangen. Es wird deutlich, dass erst die „Sehhilfen“ des Arztes die Körperteile für werdende Eltern erkennbar machen. Diese Zeigepraktiken sind nicht nur sprachlich (z.B. durch Einsatz von Metaphern: „Kind liegt wie Klappmesser“), sondern auch gestisch, indem Kindshaltungen mit Händen und Armen dargestellt werden. Die Autorin fasst die Ergebnisse so zusammen: „Der soziologische Blick hat die pränatale Sonografie nicht einfach nur als ‚Visualisierung des Ungeborenen‘ identifiziert, sondern als körperkonstituierendes ‚Body-Building‘, das zugleich körperbeanspruchend ist, weil es komplexe deiktische Praktiken erfordert, mit denen Ärzte das Sonogramm sowohl ‚vertexten‘ als auch am und vor dem Monitor ‚verbildlichen‘. Erst dann wird für den Laienblick sehbar, was das technische Display sichtbar macht“ (S. 331, Herv. i.O.).

Eine Frage, um die werdende Eltern kaum herumkommen, ist die nach dem „Kindsgeschlecht“ (Kap. 5). Bereits im Vorgespräch oder am Ende der Anamneseerhebung wird in der Regel erfragt, ob die Mutter wissen will, welches Geschlecht sich feststellen lässt. Das „Wissenwollen“ lenkt das Interesse der Eltern auch auf die Genitalien als am Bildschirm erkennbare Körperstrukturen. Die Geschlechtsdiagnose ‚Mädchen‘ ist häufig eine Ausschlussdiagnostik: „Mädchen sind primär dann Mädchen, wenn ihnen etwas fehlt, nämlich das männliche Geschlechtsorgan („zwischen den Beinen seh´ ich sonst nichts“)“ (S. 171).

Bei vielen Ultraschallsprechstunden sind Begleitpersonen (z.B. Partner, Mütter, Freundinnen) anwesend, weshalb das folgende Kapitel „Dyadische Koalitionen und Einzelkämpfer“ (Kap. 6) thematisiert. Die dyadische Koalition bilden der Arzt und die Patientin, die für die Untersuchung aufeinander angewiesen sind. Der Arzt ist der Regieführende in der Schallgemeinschaft, während die Begleitperson als unbeteiligter „Zaungast“ am Rande agiert. Die ethnografischen Beobachtungen zeigen jedoch, dass diese Interaktionsordnung auch episodisch unterlaufen wird, indem sich die Begleiter kommunikativ und interaktiv einbringen.

Die folgenden beiden Kapitel (Kap. 7 und 8) analysieren Sprechstunden, die wegen einer Fruchtwasserpunktion bzw. wegen eines bevorstehenden Schwangerschaftsabbruchs aufgrund einer Fehlbildung stattfinden. Während die Amniozentese wegen der aufwändigen Untersuchung körperlich anspruchsvoll ist, erweist sich die Untersuchung vor dem Abbruch als emotional besonders intensiv.

Die „Nachgespräche“ (Kap. 9) im Anschluss an die Untersuchung haben die Funktion, die Untersuchungsergebnisse zu bündeln. Die Schallgemeinschaft löst sich auf, der Arzt teilt seine Messergebnisse mit und beurteilt diese in Bezug auf Normwerte. Manchmal erhalten die Patientinnen auch einen Papierausdruck, der als „Bild vom Kind“ verstanden wird.

Die „Planung der Geburt“ (Kap. 10) gegen Ende der Schwangerschaft geht bei Kaiserschnittwünschen der Schwangeren manchmal auch mit Verunsicherungen oder Konflikten im Gesprächsverlauf einher, die mit der Mystifizierung der Vaginalgeburt zusammenhängen. Die Geburtsplanung hat mitunter einen Aushandlungscharakter, wenn Erfahrungen und Präferenzen des Arztes als Argumente eingebracht werden.

Diskussion

Das Buch beruht auf einer gründlichen empirischen Studie, die von einer medizinisch informierten und aufmerksamen ethnografischen Beobachterin durchgeführt wurde. Mit zahlreichen Protokollausschnitten und „dichten Beschreibungen“ gelingt ein detailreicher Einblick in den Klinikalltag. Die Orientierung an Goffmans Mikrosoziologie wird konsequent durchgehalten und überzeugend umgesetzt. Umfangreiche Literaturrecherchen geben die Möglichkeit zu einem tiefen Einblick in die Thematik. Die große Genauigkeit der Autorin führt zu vielen Fußnoten, die nicht in jedem Fall das Buch im Hinblick auf die Ausgangsfrage anreichern, und zu einigen Ausführungen oder Vergleichen, die manchmal abschweifen statt zu pointieren. Mit Zwischenfazits nach Kap. 2 und 4 gelingt es der Autorin, den Kern ihrer Ergebnisse zusammenzufassen. Für einen schnellen Überblick wären solche Resümees auch nach Kap. 6 oder 10 wünschenswert.

Fazit

Das Buch liefert nicht nur für die (Medizin-)Soziologie, sondern auch für die Pflegeforschung interessante Befunde. Auch methodisch interessierte LeserInnen finden hier eine gute ethnografische Studie, die handwerklich Anregendes enthält. Die „Ultraschallsprechstunde“ als soziale Situation wird mit ihrer hohen Komplexität sensibel beobachtet, gelungen dargestellt und klug analysiert.


Rezension von
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 21.05.2014 zu: Birgit Heimerl: Die Ultraschallsprechstunde. Eine Ethnografie pränataldiagnostischer Situationen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2551-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16160.php, Datum des Zugriffs 31.10.2020.


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