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Sonja Bandorski: Integration in unsichere Verhältnisse?

Rezensiert von Gloria von Papen Robredo, 01.04.2014

Cover Sonja Bandorski: Integration in unsichere Verhältnisse? ISBN 978-3-8309-2982-6

Sonja Bandorski: Integration in unsichere Verhältnisse? Berufliche Integration im Einwanderungsland Deutschland. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. 272 Seiten. ISBN 978-3-8309-2982-6. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 44,90 sFr.
Reihe: Internationale Hochschulschriften - 599.

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Thema

Vor dem Hintergrund einer Zunahme von Prekarisierungsprozessen auf dem deutschen Arbeitsmarkt besteht das Ziel der Autorin darin, die berufliche Integration in Abhängigkeit von soziostrukturellen Bedingungen, wie Bildungsstand, Alter, Migrationshintergrund, Geschlecht und Elternschaft, zu analysieren und dabei die Funktions- und Wirkungsweisen von Erwerbstätigkeit als Kerndimension gesellschaftlicher Teilhabe kritisch zu untersuchen.

Anhand einer intersektional orientierten Analyse quantitativer Daten aus dem Scientific-Use-File des Mikrozensus 2005 entwirf die Autorin ein Konzept beruflicher Lagen, um gesellschaftliche Teilmilieus darzustellen, die jeweils die Integration bzw. Nicht-Integration in einer funktional, sozial und auch kulturell hoch differenzierten Gesellschaft abzubilden. Durch Clusteranalysen auf zwei Analyseebenen ermittelt die Autorin berufsbezogene Handlungskontexte sowohl für die Gesamtbevölkerung gemeinsam als auch für die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund getrennt. Somit können die Gemeinsamkeiten in der Bevölkerung als auch migrationsspezifische Einflüsse der Arbeitsmarktintegration erforscht werden.

Autorin

Dr. Sonja Bandorski hat an der Universität Bremen im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften promoviert und ist seit 2012 im Zentrum für Lehrerbildung dieser Universität als Qualitätsmanagerin tätig.

Aufbau

Die Publikation ist nach einem Vorwort von Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu und einer kurzen Einleitung in zwei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil werden die berufliche Integration als Kernkonzept gesellschaftlicher Teilhabe und die Prekarisierungsprozesse des Arbeitsmarktes als theoretischer Hintergrund der Fragestellung analysiert sowie die Untersuchung beruflicher Integration von Personen mit Migrationshintergrund als eine Forschungslücke diskutiert.
  2. Im zweiten Teil werden zunächst die intersektionale Forschungsmethode sowie die Entwicklung beruflicher Lagen geschildert. Danach wird die Ermittlung dieser typischen Kontexte als Handlungsspielraum beruflicher Integration anhand empirischer Daten sowohl für die Gesamtbevölkerung (Analyseebene I) als auch getrennt für die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund (Analyseebene II) ausführlich erklärt. Am Ende erfolgt eine kurze Reflexion der Erkenntnisse über den Stand beruflicher Integration sowie ihrer Bedeutung für die erziehungs- und bildungswissenschaftliche Forschung und Praxis.

Im Anhang befinden sich detaillierte Grunddaten der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund – ebenfalls zuerst gemeinsam und danach getrennt – in Form von Tabellen mit entsprechenden ausdifferenzierten Variablenkombinationen, welche zur Grundlage der empirischen Analyse gehören.

Inhalt

Der theoretische Teil beginnt mit dem Kapitel 2, in dem zunächst eine heuristische Definition beruflicher Integration entwickelt wird, nach der diese sowohl als der Prozess der Eingliederung in die bestehende Struktur des Arbeitsmarktes als auch als das Ergebnis dieser Eingliederungsprozesse bzw. als eine Zustandsbeschreibung beschrieben wird. Danach wird die migrationsspezifische Integration als die Eingliederung von Menschen mit Migrationshintergrund in die bestehenden gesellschaftlichen Systeme definiert. Demnach ergibt sie sich relational zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, was die Gefahr mit sich bringt, dass gesellschaftliche Prozesse zu individuellen Integrationsleistungen umgedeutet werden. Vor diesem Hintergrund wird die Notwendigkeit der Berücksichtigung weiterer Merkmale einzelner Akteure sowie der kombinierten Untersuchung allgemeiner und migrationsspezifischer Desintegrationsmechanismen zwecks einer angemessenen Erfassung beruflicher Integration im Einwanderungsland stark betont.

Die Prekarisierungsprozesse des deutschen Arbeitsmarktes werden im Kapitel 3 als ein weiterer Bestandteil der theoretischen Basis der Untersuchung diskutiert. Prekarität wird als eine Abweichung vom Normalarbeitsverhältnis bzw. als ein dauerhaft ungesichertes Beschäftigungsverhältnis verstanden, das immer häufiger auftritt. Die Integrationschancen und Exklusionsrisiken des deutschen Arbeitsmarktes werden auf der Basis des Zonenmodells von Robert Castel durch die Systematisierung der bestehenden Struktur der Beschäftigungsverhältnisse in drei Zonen (Zone der Integration, Zone der Prekarität und Zone der Entkoppelung) diskutiert. Damit werden die abnehmende Bedeutung des Arbeitsmarktes als Integrationsinstanz und die daraus folgende Verschärfung gesellschaftlicher Spaltungslinien erklärt, was am Ende des Kapitels mit empirischen Daten belegt wird.

Im Kapitel 4 wird auf die Forschungslücke einer Verwobenheit verschiedener Merkmale zur Analyse beruflicher Integration von Menschen mit Migrationshintergrund hingewiesen. Denn die zahlreichen Untersuchungen in diesem Bereich werten die migrationsspezifischen Daten meistens bivariat deskriptiv aus und vernachlässigen damit andere wichtige Einflussfaktoren, wie z. B. die veränderte Struktur des Arbeitsmarktes und seine prekären Integrationsformen sowie die intersektionale Analyse der migrationsspezifischen und allgemeinen Ungleichheitsmerkmale. Damit wird die Notwendigkeit einer empirischen, explorativen, intersektionalen Untersuchung der Struktur des Arbeitsmarktes begründet. Am Ende des Kapitels werden die migrationsspezifischen Merkmale und die zentralen berufsrelevanten Ungleichheitsmerkmale erörtert, die in der quantitativen Analyse berücksichtigt werden. Um den Anschluss an die Diskussion um die (Aus-) Bildungsbeteiligung zu gewährleisten, wird die Altersgruppe der jungen Erwachsenen zwischen 15 und 34 Jahren ausgewählt, wobei die Altersgruppen der 15- bis 24-Jährigen und der 25- bis 34-Jährigen aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung getrennt analysiert werden.

Mit dem Kapitel 5 beginnt der empirische Teil mit der Darstellung eines Modells zur quantitativ-intersektionalen Analyse der Integrationsgrade (Stellung auf dem bzw. zum Arbeitsmarkt). In Anlehnung an das Konzept der sozialen Lagen von Stefan Hardil wird die Entwicklung der beruflichen Lagen detailliert erläutert. Das methodische Instrument zur Ermittlung dieser typischen Erwerbstätigkeitskontexte ist die Two-Step-Clusteranalyse, welche den Vergleich der beiden Altersgruppen ermöglicht. Darüber hinaus wird ein gestuftes Forschungsdesign ausgewählt, welches eine differenzierte Analyse dieser beiden Altersgruppen - zunächst der Gesamtbevölkerung gemeinsam (Kapitel 6) und danach der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund getrennt (Kapitel 7) - erlaubt. Demnach werden in jeder der sechs Untersuchungsgruppen fünf berufliche Lagen ermittelt, die Auskunft über den Grad der Integration bzw. Prekarität der Beschäftigungsformen sowie über Zusammenhänge mit den Bildungs- und Migrationshintergründen u. a. geben sollen. Jede ermittelte berufliche Lage – zunächst diejenige der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen und danach diejenige der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen – wird entlang ihrer Grundqualität, z. B. „jung Verheiratete“, genannt und ausführlich beschrieben.

Damit wird im Kapitel 6 die Gesamtstruktur des Arbeitsmarktes bzw. gemeinsame Kontexte von Personen mit und ohne Migrationshintergrund ermittelt. Zum Beispiel zeigen die Grundmuster der ermittelten beruflichen Lagen der älteren Gruppe, dass sich über die Hälfte – überwiegend Alleinlebende und Kinderlose, unabhängig vom Migrationshintergrund - in einer integrativen beruflichen Lage befinden. Jedoch fällt dabei der Migrationsanteil ähnlich wie bei dem Grundmuster der jüngeren Gruppe unterdurchschnittlich aus. Bei den prekären beruflichen Lagen beider Gruppen ist der Migrationsanteil zwar überdurchschnittlich vertreten, es lassen sich aber dort auch andere ausgeprägte Merkmale wie niedriger Bildungsstand oder Elternschaft finden.

Die Bedeutung und Interrelation dieser Merkmale kann nur mit einer künstlichen Trennung der Bevölkerung in mit und ohne Migrationshintergrund erforscht werden. Daher werden diese Bevölkerungsgruppen im Kapitel 7 getrennt analysiert. Dabei wird der Fokus auf migrationsspezifische Merkmale wie den Rechtsstatus, die nationale Herkunft sowie die Migrations- und Bildungsbiographie gelegt, um die migrationsspezifischen Wirkungsweisen in der beruflichen Integration sichtbar zu machen. Für die ältere Gruppe mit Migrationshintergrund zeigt sich Prekarität in allen ermittelten beruflichen Lagen, wobei je nach beruflicher Lage der Bildungsstand, die nationale Herkunft und/oder der Familienstand entscheidende Merkmale zur Bestimmung des beruflichen Kontextes darstellen. Für die gleichaltrige Gruppe ohne Migrationshintergrund zeichnen sich insbesondere bei geringerer Qualifizierung auch klar identifizierbare Ausgrenzungsmechanismen ab. Geringqualifizierte Personen verfügen insofern unabhängig vom Migrationshintergrund über stark eingeschränkte Möglichkeiten hinsichtlich ihrer beruflichen Integration. Bei der jüngeren Gruppe zeigen sich Parallelen in der Grundstruktur der beruflichen Lagen der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Positionen auf dem Arbeitsmarkt stehen allgemein in einem evidenten Zusammenhang mit dem Bildungsstand. Da die Menschen mit Migrationshintergrund einen niedrigeren Bildungsstand aufweisen, haben sie entsprechend eine schlechtere Positionierung als die Menschen ohne Migrationshintergrund.

Durch die Analyse auf zwei Ebenen wird einerseits deutlich, dass migrationsspezifische Merkmale bei der beruflichen Integration wirksam sind. Anderseits wird erkennbar, dass sowohl Personen mit als auch Personen ohne Migrationshintergrund von den Prekarisierungseffekten gemeinsam betroffen sind und dass der Bildungsstand dabei einen wichtigen moderierenden Faktor ergibt. Durch die empirische Ermittlung typischer Kontexte verschiedener Qualitäten der beruflichen Integration wird ein differenziertes Bild der intersektionalen Wirkung von Bildungs-, Geschlechts-, Familien- und Migrationsmerkmalen bei der Positionierung auf dem Arbeitsmarkt bzw. jenseits davon entwickelt. Diese Erkenntnisse des Standes beruflicher Integration werden im Kapitel 8 reflektiert.

Diskussion

Das von der Autorin entwickelte explorative Forschungsdesign bietet einen interessanten und innovativen Zugang zur Analyse quantitativer Daten, mit dem sich die intersektionalen Zusammenhänge allgemeiner und migrationsspezifischer Ungleichheitsmerkmale erforschen lassen. Die ermittelten typischen Erwerbstätigkeitskontexte stellen einen differenzierten Überblick sowohl der integrativen Potentiale als auch der desintegrativen Effekte von Erwerbstätigkeit bzw. von Prekarität in Deutschland und somit eine Antwort auf die Forschungsfrage nach den Funktions- und Wirkungsweisen von Erwerbstätigkeit als zentrale Integrationsdimension dar. Problematisch und unübersichtlich können die Benennung und die Zusammensetzung der 30 ermittelten beruflichen Lagen werden, was die Autorin selbst im Kapitel 5 thematisiert. Darüber hinaus erweisen sich die Erforschung der Zusammenhänge sowie die abschließende Reflexion und Theoretisierung der Ergebnisse im Kapitel 8 im Vergleich zu der ausführlichen Beschreibung der beruflichen Lagen als etwas kurz.

Fazit

Das Buch beinhaltet eine detaillierte Beschreibung der Ermittlung beruflicher Lagen mittels eines komplexen quantitativen Forschungsmodells (einer gestuften Two-Step-Clusteranalyse) zur Beschreibung der beruflichen Integration im Einwanderungsland Deutschland. Somit werden die Effekte der Prekarisierung nicht nur für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund, sondern auch für die Gesamtbevölkerung aufgezeigt und verglichen. Diese Untersuchungsform erlaubt die intersektionale Analyse von Migrations-, Alters-, Bildungs-, Geschlechts- und Familienmerkmalen und somit die Erstellung eines differenzierten Bildes der Positionierung auf dem Arbeitsmarkt bzw. jenseits davon.

Rezension von
Gloria von Papen Robredo
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Es gibt 2 Rezensionen von Gloria von Papen Robredo.

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Zitiervorschlag
Gloria von Papen Robredo. Rezension vom 01.04.2014 zu: Sonja Bandorski: Integration in unsichere Verhältnisse? Berufliche Integration im Einwanderungsland Deutschland. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. ISBN 978-3-8309-2982-6. Reihe: Internationale Hochschulschriften - 599. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16165.php, Datum des Zugriffs 25.05.2024.


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