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Brigitte Sindelar: Von den Teilen zum Ganzen

Cover Brigitte Sindelar: Von den Teilen zum Ganzen. Theorie und Empirie einer integrativen psychologischen und psychotherapeutischen Entwicklungsforschung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. 184 Seiten. ISBN 978-3-8309-2991-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur - 7.
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Thema

Die Kindesentwicklung ist ein gut untersuchtes und hochspannendes Feld. Viele bekannte Forscher und Theoretiker wie Freud, Lewin, Bandura oder Piaget haben sich mit ihr befasst und dort wichtige und grundlegende Erkenntnisse unter anderem auch für die Entwicklung von verschiedensten Störungsbildern gewonnen.

In „Von den Teilen zum Ganzen“ denkt Brigitte Sindelar die lange getrennten Wege des Denkens und Forschens der Kindesentwicklung aus der akademischen Psychologie und der psychotherapeutischen Entwicklungsforschung zusammen. Sie entwirft ein eigenes integratives Entwicklungsmodell, mit dem sie auch das Entstehen von Entwicklungsverzögerungen und -störungen sowie Teilleistungsschwächen aus dem Zusammendenken der Dimensionen Kognition, Emotion und Sozialisation erklärt.

Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete und adaptierte Version der von ihr im Jahr 2012 vorgelegten Habilitation an der Sigmund-Freud-Privatuniversität und als Band 7 der Reihe Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur erschienen.

Autorin

Dr. Brigitte Sindelar, klinische Psychologin und Psychotherapeutin für Individualpsychologie, ist habilitiert in Psychotherapiewissenschaft und arbeitet seit 1981 in freier Praxis in Wien. Sie leitet die so genannten „Schmunzelclubs“, ein von ihr aufgebautes Netzwerk zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Teilleistungsschwächen. Sie ist zur Zeit Vizerektorin für Forschung an der Sigmund-Freud-Privatuniversität, dort in der Lehre tätig und engagiert sich in der Psychotherapieausbildung.

Aufbau

Das Buch verfügt auf seinen 166 Seiten über eine sehr kleinteilige Gliederung mit zwölf inhaltlichen Kapiteln und zwei Vorwörtern. Angelehnt an theoretische Überlegungen, „die einer Art „Hermeneutik“ durch die Beobachtung der Entwicklungsforschung folgen“ (S. 17), werden dazugehörige empirische Ergebnisse aus eigenen Forschungen der Autorin eingeflochten. Dieser Aufbau soll das Entstehen des Gesamtmodells und die Zusammenführung der verschiedenen Theorien nachvollziehbarer werden lassen. Die unkonventionelle Struktur wird von der Autorin im persönlichen Vorwort (Kapitel 2) beschrieben.

Inhalt

Den inhaltlichen Überlegungen gehen zunächst ein Vorwort (Kapitel 1) zur thematischen und ein persönliches Vorwort (Kapitel 2) zur inhaltlichen und strukturellen Einleitung in die folgenden Kapitel voraus. Kapitel 3 befasst sich überblicksartig mit der Entwicklung der Kindheitsforschung sowie einem Blick auf Kindheit und Erziehung in der historischen Entwicklung.

In Kapitel 4 stellt Brigitte Sindelar die Trennung der Entwicklungsforschung auf inhaltlicher Ebene (4.1) dar und beschreibt die parallelen Forschungsstränge der Entwicklungspsychologie und der Psychoanalyse, welche zu zwei getrennten Forschungsrahmen von Emotionen, Affekten und Beziehungsstrukturen einerseits und Sprach- und Denkprozessen andererseits geführt haben. Im zweiten Abschnitt (4.2) greift sie die Spaltung der Forschungsmethoden in qualitative und quantitative Methoden auf und schließt mit einer tabellarischen Gegenüberstellung der beiden Herangehensweisen und der Feststellung, dass seit den 1980er Jahre eine Annäherung der beiden Pole zu verzeichnen sei.

In Kapitel 5 wird der Spaltung der Entwicklungsforschung die „Ganzheitlichkeit der kindlichen Persönlichkeit“ (S. 32) entgegengesetzt und aus neurobiologischer (5.1) sowie aus individualpsychologischer Perspektive (5.2) betrachtet und hergeleitet. Im folgenden sechsten Kapitel werden die theoretischen Überlegungen zur Ganzheitlichkeit durch empirische Daten unterstützt. Mit Hilfe von Ergebnissen aus Selbst- und Fremdbeurteilungen untersucht die Autorin zunächst Zusammenhänge zwischen dem Selbstwertgefühl von Kindern mit ihrer Empathie, ihrer Kontaktfähigkeit, Impulsivität und Neigung zu riskantem Verhalten (6.1). Anschließend beschäftigt Brigitte Sindelar sich mit der Frage, inwieweit es in der Kindergruppe einen Zusammenhang zwischen Selbstwert und Leistung, hier den Ergebnissen in einem Intelligenztest, gibt (6.2). Im folgenden Unterkapitel 6.3 greift sie die Frage auf, inwiefern die Geschlechtszugehörigkeit unter dem Gesichtspunkt der Rolle der Schule Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit hat.

In Kapitel 7 wird der Zusammenhang zwischen Emotionen und Kognitionen bei Kindern thematisiert. Brigitte Sindelar geht auf die Motivation von Volksschulkindern ein und bringt diese mit der erbrachten Leistung in Verbindung. Die Autorin spricht sich hier gegen eine Betonung der Fehler durch Korrekturen aus und befürwortet eine Hervorhebung der richtigen Lösungen um das Lernen der Kinder zu erleichtern (7.1). Im Unterkapitel 7.2 stellt sie den so genannten Smiley-Test vor, der zur Erfassung der Leistungsmotivation von Kindern möglich gemacht werden soll. Es folgen empirische Daten zum Zusammenhang zwischen Motivation und kognitiven Leistungen aus einer Studie.

Im achten Kapitel gibt Brigitte Sindelar Hinweise auf den Zusammenhang von Informationsverarbeitung und höheren kognitiven Leistungen (8.1) und stellt ein Theoriemodell von Félicie Affolter vor, die eine Schülerin von Piaget war. Ihre Art der Theoriebildung nennt die Autorin „„kognitive Tiefenpsychologie“ […], wenn sie [Félicie Affolter; Anm. A.S.] höhere Denkprozesse als durch frühestkindlich entwickelte informationsverarbeitende Prozesse versteht, deren Harmonie oder Dysharmonie in ihren Auswirkungen im aktuellen kognitiven Entwicklungsstand des Kindes manifest werden“ (S. 65).

Ausgehend von diesem Theoriehintergrund leitet die Autorin im folgenden neunten Kapitel ein integratives Entwicklungsmodell der kognitiven Entwicklung her. Teilleistungen sind im Sindelar-Modell (9.1) als „Basisfunktionen der höheren Denkprozesse zu isolieren“ (S. 67). Diese Überlegung finde aber beispielsweise im Rahmen der Intelligenzuntersuchungen kaum Berücksichtigung. Brigitte Sindelar geht auf das Verhältnis von IQ-Werten zum Entwicklungsstand ein und auch auf eine mögliche Verbindung zwischen der ICD-10-Diagnose der Leserechtschreibschwäche (LSR) und IQ-Werten (9.2). Weiter werden im Unterkapitel 9.3 empirische Daten zu Intelligenz und Teilleistungen und in 9.4 ein von der Autorin entwickeltes Verfahren zur Erfassung von Teilleistungsschwächen (TLS) vorgestellt.

Im zehnten Kapitel fasst Brigitte Sindelar ihre bisherigen Überlegungen zusammen und führt sie in einem integrativen Entwicklungsmodell zusammen. Als Bild wählt sie einen Baum, „der mit Emotion, Kognition und Sozialisation, die miteinander verwachsen sind, im Boden der somatischen Entwicklung wurzelt und in seinem Wachstum, seiner Entfaltung und Entwicklung individuell von seiner Umwelt beeinflusst wird“ (S. 79). In den folgenden Unterkapiteln wird dieses Modell ausführlicher für einzelne Lebensphasen ausgeführt: das erste Lebensjahr (10.1), das zweite und dritte Lebensjahr (10.2), das vierte und fünfte Lebensjahr (10.3) sowie das sechste Lebensjahr (10.4). Abschließend wird die Entwicklung des Kindes als eine Art Spirale beschrieben: Die Entwicklung von einzelnen Fähigkeiten finde immer wieder aufs Neue statt, mit fortschreitendem Alter jedoch auf höheren Niveaus (10.5).

Das elfte Kapitel zieht vor dem Hintergrund des zuvor vorgestellten Entwicklungsmodells Schlüsse für die Entwicklungspsychopathologie. Brigitte Sindelar kommt zu dem Ergebnis, dass ein ganzheitlicher Blick auf die Kindesentwicklung den Wissenschaften zufalle, die der Somatik zugeschrieben würden oder aus dieser entstanden seien. Sie nennt die Neurologie, die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die tiefenpsychologisch ausgerichtete Psychotherapie (11.1). Im Folgenden geht die Autorin auf die Prävalenzen von psychischen Störungen bei Kindern ein (11.2) und behandelt im Anschluss daran Legasthenie und Dyskalkulie als Beispiele für „Fiktion[en] der isolierten Störung“ (S. 102) (11.3).

Im zwölften Kapitel erfolgt dann die Anwendung des erarbeiteten Modells auf die Entwicklungspsychopathologie. Als einen‚Domino-Effekt‘ beschreibt die Autorin den Vorgang, wenn eine Störung in einem Bereich der Entwicklung gleichzeitig auf andere Bereiche übergreift und dort unter Umständen die sichtbaren Symptome erzeugt. Die Überlegungen werden wieder in den bekannten Altersstufen beschrieben und anhand von Kasuistiken verdeutlicht (12.1-12.4).

Nach der Herleitung des Modells auf theoretischer Ebene und einer kasuistischen Überprüfung, werden in Kapitel 13 empirische Befunde zum Modell präsentiert. Zunächst wird auf die Methodik der Erfassung der kognitiven (13.1) sowie der emotionalen und sozialen (13.2) Entwicklung eingegangen. Es folgen zwei Exkurse zum Rohrschachtest (13.3) sowie der besonderen differentialdiagnostischen Herausforderung des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms (ADHS) (13.4). Nach der Darstellung der Stichprobe (13.5) werden Ergebnisse zu ADHS und Lernstörungen (13.6) und zu Unterschieden unter Kindern mit einer ADHS-Diagnose (13.7) vorgestellt. Es folgt die Darstellung einer Faktorenanalyse (13.8) sowie der Korrelationen zwischen den verschiedenen Entwicklungsachsen (Emotionen, Kognitionen, Sozialisation) mit den Entwicklungsebenen (13.9). Im Unterkapitel 13.10 fasst die Autorin die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zusammen und kommt zu dem Schluss, dass „die empirische Bestätigung des integrativen Entwicklungsmodells gegeben“ (S. 156) sei.

Im letzten Kapitel des Buches, Kapitel 14, stellt Brigitte Sindelar die Frage nach der Relevanz des entwickelten Modells für die Psychotherapie und die Psychotherapiewissenschaft. Dabei unterscheidet sie zwischen Kinder- und Jugendpsychotherapie (14.1) und Erwachsenen-Psychotherapie (14.2). Sie schließt das Buch mit eigenen Schlussfolgerungen ab (14.3).

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch birgt auf seinen 166 Seiten eine große Fülle von komplexen Zusammenhängen. Dies bietet einerseits für LeserInnen mit entsprechendem Vorwissen den Vorteil einer prägnanten Darstellung von hochinteressanten (empirischen) Daten und Überlegungen.

Andererseits birgt dies die Gefahr bei mangelnden Vorkenntnissen die Zusammenhänge zwischen Kapiteln nicht nachvollziehen zu können und diese zunächst als verwirrend oder sprunghaft wahrzunehmen. Unabhängig vom Wissensstand des Lesers oder der Leserin fügen sich die Herleitungen von Brigitte Sindelar in den späteren Kapiteln zu einem beeindruckenden großen Ganzen. Das integrative Entwicklungsmodell wird sehr gründlich und anschaulich dargestellt, die kasuistischen Ausführungen unterstützen das Verständnis und machen die Vorstellung von der kindlichen Entwicklung und den Zusammenhängen verschiedener Störungen deutlich.

Insgesamt stellt das vorliegende Buch eine Informationsquelle für interessierte LeserInnen dar. Es ist gerade für die PsychotherapeutInnen spannend, die auf der Suche nach einem Erklärungsmodell früher Entwicklungsstörungen sind, welches die Verbindungen der verschiedenen Entwicklungsstränge der Emotionen, Kognitionen und sozialen Fertigkeiten verbindet und äußerst plausibel darstellt. Dabei ersetzt es allerdings keineswegs Grundkenntnisse der Entwicklungspsycho(patho)logie, erfordert aufgrund der Dichte der Informationen eine gründliche Auseinandersetzung und ist keineswegs geeignet, um einen schnellen Überblick über die Thematik zu bekommen.


Rezension von
Dipl.-Psychologin Anne Spönemann
Absolventin der Universität Bremen und freie Mitarbeiterin im Kinder- und Jugendhilfeforschungsbereich
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Zitiervorschlag
Anne Spönemann. Rezension vom 28.03.2014 zu: Brigitte Sindelar: Von den Teilen zum Ganzen. Theorie und Empirie einer integrativen psychologischen und psychotherapeutischen Entwicklungsforschung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2013. ISBN 978-3-8309-2991-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16168.php, Datum des Zugriffs 27.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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