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Hans Joachim Jungblut: Drogenhilfe. Eine Einführung

Cover Hans Joachim Jungblut: Drogenhilfe. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 371 Seiten. ISBN 978-3-7799-1444-0. 23,00 EUR, CH: 26,30 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Sozialpädagogik, Sozialarbeit.
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Überblick und erste Einschätzung

Jungblut wirft mit diesem Werk einen "sozialpädagogischen Blick" auf die Sozialarbeit im Bereich der Drogenhilfe, ohne es zu versäumen, dem Leser, der Leserin wesentliches Hintergrundswissen an die Hand zu geben. Mit diesem Buch liegt eine Einführung in das Thema Drogenhilfe vor, welche kompakt und verständlich historische, gesellschaftliche, pharmakologische, gesundheitliche und rechtliche Aspekte der illegalisierten Drogen und deren Konsument/innen in einem kritischen Diskurs erörtert. Neben der Analyse der Bedingungen, unter welchen sich die heutige Drogenhilfe entwickelt hat, zeigt das Buch realitätsbezogene Perspektiven auf, die die Drogenhilfe als sozialpädagogisches Arbeitsfeld darstellt. Damit wird es neben einer Einführung in die theoretischen Grundlagen der Drogenhilfe auch einer praxisorientierten Einführung gerecht. Jungblut zeigt auf, dass eine Notwendigkeit besteht, zeitgemäße Methoden der Sozialarbeit zu entwickeln, da sich in der modernen Gesellschaft die Frage nach Identitätsbildung und Normalitätserstellung nicht mehr mit den tradierten Methoden beantworten lassen.

Diese Einführung ist nicht nur für Sozialarbeiter/innen/Sozialpädagog/innen, die sich erstmals mit dem Thema Drogenhilfe auseinandersetzten von Bedeutung. Auch für die professionellen Mitarbeiter/innen der Drogenhilfe, die schon Jahre im Geschäft sind, bietet dieses Buch mit Sicherheit "Neues" und ermöglicht, das Hinterfragen eigener Bewertungen und Handlungsstrategien im Umgang mit drogenkonsumierenden Menschen.

Über den Autor

Hans Joachim Jungblut, geb, 1946, ist Professor für Erziehungswissenschaften und an der Fachhochschule Münster im Fachbereich Sozialwesen tätig. Zu seinen Arbeitschwerpunkten gehören Drogenhilfe und Drogenpolitik, Theorie der Sozialpädagogik, interkulturelle Erziehungswissenschaft und Jugendhilfe. Zu dem Thema "Primär und Sekundärprävention in der Drogenhilfe" bot er in Südamerika Workshops an. In Montevideo nahm er an einem Forschungskolloquium "Jugendhilfe und Kinderhilfe - Uruguay und Deutschland im Vergleich" teil. Vorlage zu dem hier besprochenen Buch bildet ein Seminarscript zu Lehrveranstaltungen an der katholischen Universität von Uruguay in Montevideo 1999/2000.

Aufbau ...

Zur Systematisierung des Wissens im Arbeitsfeld Drogenhilfe empfiehlt Jungblut eine Unterteilung in Strukturwissen und Orientierungswissen, wobei das Strukturwissen die Rahmenbedingungen der Dogenhilfe umfasst und das Orientierungswissen den "Drogenhelfern" der Strukturierung und Bewältigung der anfallenden Tätigkeit im Drogenhilfealltag dient. Entsprechend ist sein Buch aufgebaut. 6 Kapitel finden sich unter der Überschrift Strukturwissen, 3 Kapitel sind dem Orientierungswissen zugeordnet.

A Teil Strukturwissen

  • 1 Zur Geschichte der Drogen
  • 2 Strukturen der deutschen Drogenpolitik
  • 3 Zur Pharmakologie illegaler Alltagsdrogen
  • 4 Strafrecht und der Konsum von illegalen Betäubungsmitteln
  • 5 Drogengebrauch und Psychopathologie- Zur Kritik der vorherrschenden Sichtweise in der Drogenhilfe
  • 6 Drogengebrauch als Lifetime-Phänomen des Jugendalters

B Teil Orientierungswissen

  • 7 Die Drogenszene
  • 8 Die Drogenhilfe
  • 9 Drogenhilfe als sozialpädagogische Aufgabe

Ein Glossar und eine Erklärung der Abkürzungen tragen zum Verständnis bei. Am Ende eines jeden Kapitels empfiehlt der Autor weiterführende Literatur.

... und Inhalt

Zur Einführung in das Thema wählt Jungblut die Kurzbiographie eines Heroinabhängigen, so dass der Leser/die Leserin einen sofortigen Einblick in die Lebenswelt von "Junkies" erhält. Gleichsam dient die Biographie als Themensammlung für Jungbluts Einführung in die Drogenhilfe.

Im 1. Kapitel gibt Jungblut einen historischen Rückblick über den Umgang mit psychotropen Substanzen, insbesondere mit Opiumgebrauch im Orient und Okzident. Zwar sorgte auch die Aufklärung zu einer Veränderung der kulturellen Bewertung von Rauschzuständen, diese alleine sei aber nicht für den weltweiten prohibitiven Umgang mit psychotropen Substanzen verantwortlich. Die Legitimation der Prohibition gründe sich laut Jungblut nicht im Erhalt der Volksgesundheit, sondern habe den Ursprung in kolonialpolitischen, ökologischen Interessenkonflikten, welche durch die Opiumkriege im 17.Jahrhundert zum Ausdruck kamen. Vor diesem Hintergrund stellt der Autor die Frage nach der Berechtigung, zwischen legalen und illegalen Drogen zu unterscheiden.

Im 2. Kapitel werden die Strukturen der deutschen Drogenpolitik aus der sozialpolitischen Perspektive diskutiert, wobei immer wieder die historischen Bezüge sichtbar gemacht werden. Die heutige Drogenhilfe findet ihre rechtliche Verankerung im Sozial- und Strafrecht, was unter anderem die Kriminalisierung und Pathologisierung des Drogenkonsumenten zur Folge hat. Es werden Institutionen vorgestellt, die als Problemdefinierer durch " (...) ihren spezifischen aber auch interessensleitenden Sachverstand Einfluss auf die Inhalte und Konturen der Drogenpolitik (...)" nehmen und somit Akteure der Drogenpolitik sind (Kranken- und Rentenversicherungsträger, die DHS, Akzept e.V., das Landesprogramm gegen Sucht NRW und das BtMG). In Anlehnung an Peters Strukturmodell werden drogenpolitische Entscheidungsverläufe dargestellt und neue " (...) Entscheidungsspielräume aufgezeigt, die der Drogenpolitik eine neue, sozialpolitisch verantwortbare Richtung geben könnten."

Das 3. Kapitel widmet sich der Pharmakologie illegaler Drogen, wobei der Leser/die Leserin neben den biochemischen Prozessen psychoaktiver Substanzen auch etwas über die Herstellung, die Herkunft, den Handel, die Wirkung, die Applikationsart, dem Suchtpotential und der medizinischen Verwendung erfährt. Heroin, Kokain, Ecstasy und Cannabis, werden bewusst als illegale Alltagsdrogen bezeichnet, um zu verdeutlichen, dass sie trotz ihrer Illegalität im Alltag junger Menschen zu beziehen sind. Mit einem Diskurs zu dem Thema Abhängigkeit versus kontrollierten Konsum kommt der Autor, unter Zuhilfenahme empirischen Untersuchungen zu kontrolliertem Kokain und Heroinkonsum, zu dem Ergebnis, dass der Unterschied zwischen abhängigem und kontrolliertem Konsum vor allem im soziokulturellen Bereich liegt, und weniger in der Pharmakologie der Substanzen zu begründen sei.

Im 4. Kapitel werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die den Umgang mit psychotropen Substanzen regeln erörtert. Wesentliches Augenmerk liegt hierbei auf dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Nachdem Jungblut die Beziehung und Funktion zwischen Strafrecht und Betäubungsmittelrecht darlegt, zeigt er die Zusammenhänge internationaler und europäischer Vereinbarungen im Umgang mit psychotropen Substanzen und dem BtMG auf. Ausführlich geht Jungblut auf die Systematik des BtMG ein, und gibt dem Neuling in der Drogenhilfe damit einen kompakten Überblick. Bei der Frage dach der Legitimation des BtMG bezieht er sich auf Nestler, der zu dem Ergebnis kommt, dass das BtMG weder den generalpräventiven, noch den spezialpräventiven Intentionen gerecht wird. Die Lösung eines Werteproblems könne nicht durch strafrechtliche Maßnahmen erfolgen. Auch wenn die prohibitive Rolle des Strafrechts in der Drogenpolitik durch internationale Abkommen verbindlich ist, bestehen dennoch nationale Gestaltungsspielräume. Entkriminalisierung, Entpönalisierung und Legalisierung im Sinne einer Teilprohibition böten Raum, für einen reflexiven Umgang mit dem BtMG.

Das 5. Kapitel widmet sich dem pathologischen Erklärungsansatz in der Drogenhilfe. Davon ausgehend, dass Abhängigkeit in der erkranken Person zu begründen sei, haben sich entsprechende Konzepte zur Behandlung entwickelt, die sich der Psychoanalyse, der Verhaltenstheorie und der klinischen Psychologie zuordnen lassen. Das pathologische Erklärungsmodell bezieht seine sozialpolitische Legitimation aus dem "Erhalt der Volksgesundheit". Kritisch zu betrachten sei, dass dieser Ansatz Drogenkonsum jenseits der Eigenverantwortung sieht und dementsprechend die Heilung nur durch ein professionelles System erfolgen kann und nicht durch den Konsumenten selbst. Der pathologische Ansatz sei eine gesundheitswissenschaftliche Wertung und präge stark das Bild des Drogenkonsumenten. Es bedarf der Ideologiekritik, um dem Drogenkonsumenten gerecht zu werden und entsprechende Angebote der Drogenhilfe zu entwickeln.

Im 6. Kapitel skizziert Jungblut den Drogengebrauch als typisches Jugendverhalten. Hierbei bezieht er sich auf Sozialisationstheorien und empirische Daten über das Konsumverhalten in unterschiedlichen Altersgruppen. Mit dieser Betrachtungsweise wird Drogengebrauch weder psychopathologisch, noch als hohes Risiko bewertet, sondern als normales Verhalten in der Entwicklungsphase der Jugend. In der modernen Gesellschaft haben sich die Sozialisationsbedingungen für Jugendliche verändert und Identitätsbildung ist nicht mehr als ein stufenförmiges Konzept (wie Erikson es beschrieb) zu sehen, sondern es findet laut Keupp eine "alltägliche Identitätsarbeit" statt, die an Jugendliche neue Anforderungen stellt. Drogenkonsum kann eine Handlungsstrategie des Jugendlichen sein, die teilweise widersprechenden Anforderungen von Individualisierung bei zunehmender Globalisierung in einen kohärenten Zusammenhang zu stellen.

Der B Teil, welcher dem Orientierungswissen zuzuordnen ist beginnt mit Kapitel 7. Hier werden die strukturellen Besonderheiten der Drogenszene sowohl vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Entwicklung als auch am Beispiel der Szene in Hamm und Dortmund heraus gearbeitet. Weg von der Begrifflichkeit der Subkultur, werden die besonderen Strukturen der Drogenszene aus der Perspektive des Milieuansatzes beschrieben und das Risikoverhalten von Szenemitgliedern als strukturelle Besonderheit der Szene diskutiert. Besondere Formen der Drogenszene, wie die Technoszene und die Drogenszene im Strafvollzug werden ausführlich behandelt, um vor diesem Hintergrund auch das Verhältnis von Delinquenz und Sucht zu beleuchten.

Sehr ausführlich und differenziert wird in Kapitel 8 das System der Drogenhilfe dargestellt. Hierbei legt Jungblut den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und Drogenhilfe, um die Besonderheit der Sozialen Arbeit in der Drogenhilfe zu verdeutlichen. Es werden Organisationsformen der Suchtvorbeugung, der Behandlung, der Suchtbegleitung vorgestellt sowie personenbezogene und strukturelle Maßnahmen im Umgang mit Drogenkonsumenten. Diese reichen von Schadensbegrenzung, über Suchtbegleitung, bis hin zu abstinenzorientierten Hilfen. Überlegungen zur lebensweltorientierten Drogenhilfe sollen Anstöße zu Veränderungsbereitschaft in der Praxis geben.

Mit dem 9 und letzen Kapitel gelingt Jungblut der Brückenschlag von der Drogenhilfe zur Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Intention dieses Kapitels ist es, das Arbeitsfeld Drogenhilfe als eine genuine Aufgabe der Sozialpädagogik herauszustellen. Jungblut zeigt auf, dass aufgrund des pathologischen Erklärungsansatzes das Arbeitsfeld Drogenhilfe vorwiegend auf psychotherapeutischen Interventionen beruht. " Intendiert ist, Drogenhilfe als allgemeine Gesundheitsförderung und Basis für Prävention, Risikominderung und Heilung zu skizzieren. Hier kann die Sozialpädagogik durch ihre Alltags- bzw. Lebensweltorientierung ihre Professionalität zum Ausdruck bringen." Methoden der Sozialen Arbeit, die diesem Anspruch gerecht werden, bedürfen der strukturellen Offenheit. Case Management und Empowerment könne dabei zwei Zugangswege sein.

Zielgruppe

Sozialarbeiter/innen, Sozialpädagog/innen, alle Menschen, die im Bereich der Drogenhilfe tätig sind oder sein werden. Mit Sicherheit auch eine lesenswerte Lektüre für alle, die an der Problemdefinition und der Drogenpolitik beteiligt sind.

Fazit

Durch seine klare und thematisch schlüssige Gliederung ermöglicht das Buch einen guten Einstieg in das Thema und kann zu Recht als eine Einführung in die Drogenhilfe bezeichnet werden. Jungblut gelingt es, neben der notwendigen Theorie durch seine ideologiekritische Sichtweise zu einem lebendigen Diskurs der Drogenhilfe im Allgemeinen und Speziellen beizutragen. Es gelingt dem Autor immer wieder das Verhältnis zwischen Drogenhilfe und sozialpädagogischem Auftrag zu verdeutlichen. Stringent stellt Jungblut die historischen Bezüge her und zeigt auf, dass der aktuelle Stand der Drogenpolitik und Drogenhilfe ohne dieses Hintergrundwissen nicht verstehbar ist und ohne das Wissen um die Wurzeln letztendlich auch keine Veränderung erfolgen kann. Ein erhellendes und vertiefendes Werk, welches nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit dem Umgang und der Bewertung psychotroper Substanzen in unserer Gesellschaft einlädt, sondern auch anregt, Legitimationsmuster zu hinterfragen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Frauke Ullrich
Düsseldorfer Fachstelle für Suchtvorbeugung
Düsseldorfer Drogenhilfe e.V.


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Zitiervorschlag
Frauke Ullrich. Rezension vom 12.07.2005 zu: Hans Joachim Jungblut: Drogenhilfe. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1444-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1617.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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