socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peer Pasternack, Johannes Keil: Vom "mütterlichen" Beruf zur gestuften Professionalisierung

Cover Peer Pasternack, Johannes Keil: Vom „mütterlichen" Beruf zur gestuften Professionalisierung. HoF Wittenberg - Institut für Hochschulforschung Wittenberg e.V. (Wittenberg) 2013. 107 Seiten. ISBN 978-3-937573-38-0. 10,00 EUR.

Reihe: HoF-Handreichungen - 3/2013.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autoren

Prof. Dr. Peer Pasternack und Johannes Keil sind am Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg verortet. Beide befassen sich seit geraumer Zeit u.a. mit der Professionalisierungsentwicklung in der Frühpädagogik. Laut Inhaltsverzeichnis wird der größere Teil der vorliegenden Veröffentlichung von Peer Pasternack verantwortet.

Entstehungshintergrund

In der Veröffentlichung sollen zentrale Themen der Qualitätsentwicklung und Professionalisierung im Bereich Frühpädagogik griffig und niederschwellig präsentiert werden. Die Basis sind Untersuchungen, die am HoF durchgeführt wurden sowie Studien anderer Forschungsgruppen.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält eine Einführung und drei inhaltliche Kapitel.

Gleich zu Anfang der Einführung findet sich eine Kernaussage, „im deutschen Bildungssystem treffen Kinder bzw. Heranwachsende auf umso höher qualifiziertes Personal, je älter sie werden“ (5). Dass das – entsprechend der Hirnforschung – nicht mehr zeitgemäß ist, wird als Grund für eine Teilakademisierung des frühpädagogischen Feldes erkannt. Postuliert wird weiter, dass Qualitätsimpulse für das Feld ganz wesentlich von den Bachelor – Studiengängen ausgehen (6).

Das erste Kapitel „Beruf – Profession - Professionalisierung“ befasst sich überblicksartig mit der Professionsgeschichte des frühpädagogischen Feldes in Deutschland, dabei wird die von der BRD abweichende Situation in der ehemaligen DDR ebenso dargestellt wie die im europäischen Vergleich abweichende Situation in Deutschland. Schließlich kommen die Autoren zu dem überraschenden Schluss, dass sich die durchaus beträchtlichen Unterschiede im frühpädagogischen Ausbildungsfeld zwischen den europäischen Staaten im unübersichtlichen deutschen Ausbildungssystem komplett wiederfinden, wobei Fachschulen den weitaus größten Teil der Absolventinnen und Absolventen stellen (26 ff).

Im zweiten Kapitel „Ausbildungen und Ausbildungseinrichtungen“ werden die verschiedenen frühpädagogischen Studienqualifikationen dargestellt und mit der Fachschulausbildung verglichen, dabei zeigen sich deutliche formale Unterschiede (45 ff). Der Vergleich der frühpädagogischen Kompetenzentwicklung mit einem von den Autoren entwickelten Bewertungsmodell, ergab, dass auf höheren Ausbildungsebenen die Methodenausbildung in der Regel einen größeren Umfang einnimmt und die Theorie-Praxis-Verflechtungen sowie die Möglichkeiten zu forschendem Lernen stärker ausgebildet sind (52). Schließlich werden Überlegungen angestellt, wie eine Ausweitung der Studienangebote im gesamten Feld befördert werden könnte. Das Kapitel endet mit Entscheidungshilfen für Berufsinteressierte zur Wahl des „richtigen“ Ausbildungsweges.

Das dritte Kapitel „Entwicklungen im Berufsfeld“ geht vor allem der Frage nach, ob eine weitere Akademisierung des Berufsfeldes – wie oft behauptet – unbezahlbar wäre und wie die geschlechtsspezifischen Strukturen in geschlechtergerechte weiterentwickelt werden könnten. Hinsichtlich der Bezahlbarkeit der Akademisierung kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die gesellschaftlichen Kosten für eine an einer Fachhochschule ausgebildete Fachkraft um 29,5 % günstiger sind (80), als die für eine mit Fachschulausbildung, sofern man als Kriterien die Ausbildungskosten pro Ausbildung unter Einbeziehung bildungs- und berufsbiographischer Voraussetzungen sowie die Berufsverbleibsquoten einbezieht. Weiter zeigt sich, dass sich die Annahme bisher nicht bewahrheitet hat, der derzeit verschwindend kleine Männeranteil erhöhe sich mit der Akademisierung.

Diskussion

Der vorliegende Band enthält eine Reihe interessanter und für neue Weichenstellungen wichtige Aussagen und Annahmen. Eine davon ist, dass durch die Teilakademisierung eine Aufwertung und eine Überwindung der Karrieresackgasse des Erzieherinnenberufs möglich wird. Gleichwohl wird u.a. die schlechte Bezahlung als Killerfaktor für ein erhöhtes Sozialprestige gewertet, dem nur durch politische Weichenstellungen zu begegnen ist.

Überlegenswert ist der vorgeschlagene Weg zu einer Erhöhung der Studienangebote: Über gezielte Organisationsentwicklung und die Qualifizierung einzelner Fachschulen könnten diese nach einer Evaluation mittelfristig in Fachhochschulen und Berufsakademien integriert werden (65). Nach einer langfristig erfolgten Überführung der gesamten Erzieherinnenausbildung an Hochschulen sieht Pasternack zudem die Möglichkeit einer Anhebung der Qualifizierung von Kinderpflegerinnen und Sozialassistentinnen auf Fachschulniveau. Eine solche Entwicklung könnte entscheidend zur Qualitätsverbesserung im frühpädagogischen Feld beitragen.

Eine weitere sehr interessante Auseinandersetzung stoßen die Autoren mit ihren differenzierten Überlegungen dazu an, wie das Berufsfeld aus der geschlechtsspezifischen Falle herauskommen kann und wie mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen ist. Ergebnisse einer genaueren Analyse zeigen: Auf allen Ebenen dominieren Frauen mit einer Streubreite von 56 bis 97% (82). In der direkten Arbeit mit Kindern beträgt ihr Anteil über 95 %. Werden jedoch die verschiedenen Hierarchieebenen in den Blick genommen, „so offenbaren sich mit steigender Attraktivität und Verantwortung der Positionen strukturelle geschlechtsspezifische Asymmetrien zu Ungunsten der Frauen“ (84). Um der Geschlechtergerechtigkeit auch in diesem Arbeitsfeld näher zu kommen, formuliert Pasternack, dass Männer für das Berufsfeld unterhalb der Leitungsebene gewonnen werden müssen und Frauen zu Aufstiegschancen zu ermutigen sind (92). Ohne eine aktive intelligente fachpolitische und gesellschaftliche Steuerung wird sich die Akademisierung möglicherweise zu einer weiteren geschlechtsspezifischen Nachteilsschleife für Frauen entwickeln.

Die Überprüfung der Aussage, die gesellschaftlichen Kosten einer Akademisierung seien unbezahlbar, ist ebenfalls von großer politischer Bedeutung (75). Ob allerdings die von den Autoren zugrunde gelegten Prüfkriterien wirklich alle tragfähig sind, müsste zum einen genauer untersucht werden und zum anderen ist abzuwarten, ob die Annahme wirklich zutrifft, dass akademisch ausgebildete Fachkräfte länger im Beruf verbleiben als Fachschulabsolventen (78), wenn die Anstellungs- und Rahmenbedingungen sowie das Sozialprestige nicht verbessert werden.

Neben den unbestrittenen wichtigen und verdienstvollen Inhalten der Veröffentlichung, ergeben sich an anderen Stellen Irritationen. Irritierend ist z.B. die Annahme der Autoren, dass in der Arbeit mit Kindern früher vorrangig Betreuung geleistet worden sei (14) und z.B. durch die Bildungspläne nun eine deutliche Qualitätssteigerung stattfinden werde. Diese Feststellung zeigt keine profunde Kenntnis des unmittelbaren Praxisfeldes. Mindestens seit Friedrich Fröbel, aber spätestens seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind Betreuung gemeinsam mit Erziehung und Bildung wesentliche Aufgabenbereiche der Frühpädagogik, wenngleich immer wieder berechtigte Kritik an der heterogenen Qualität der frühpädagogischen Arbeit geübt wurde. Aber die Existenz von Bildungsplänen und neuen gesetzlichen Vorgaben sowie die geringe Anzahl der akademisch ausgebildeten Fachkräfte hatte bisher nicht unbedingt einen Quantensprung in der Praxisqualität zur Folge, wie die Ergebnisse der nur NUBBEK- Studie zeigen. Hier ist mehr erforderlich!

Die Verwendung der Berufsbezeichnung Erzieherin auch für akademisch ausgebildetes Personal, wie sie immer wieder durchscheint (7) überzeugt ebenfalls nicht. Dadurch wird ein in den zurückliegenden Jahren eingetretener Qualifikationssprung in der Ausbildung verwischt, was u.a. das Interesse von Männern an einem akademischen Studium für dieses Berufsfeld eher wenig befördert. Ebenso wenig überzeugt die Wahl des Begriffes Frühpädagogik für das Studium mit der Begründung, dass es bei der Verwendung Kindheitswissenschaften (oder Kindheitspädagogik d.V.) für die gesamte juristisch festgelegte Kindheitsphase bis 14 Jahren ausbilden müsste. Dies ist deshalb kein schlagkräftiges Argument, weil einige Studiengänge dies tun und weil nahezu alle zumindest auch für die Arbeit mit Grundschulkindern ausbilden, also für die frühe und mittlere Kindheit.

Fazit

Trotz der benannten Kritik handelt es sich um eine lesenswerte Veröffentlichungen für Lehrende der verschiedenen Ausbildungsebenen, für Schülerinnen und Studierende sowie für fachliche und politische Entscheidungsträger. Sie enthält den verdienstvollen Versuch, Antworten auf politisch bedeutsame Fragen zu geben, wie z.B. die Kostenfrage der Akademisierung oder die Frage, wie der Geschlechtergerechtigkeit näher zu kommen ist. Insgesamt bietet sie differenzierte Überlegungen für die weitere Entwicklung der Ausbildungsstrukturen und der Qualität im Arbeitsfeld. Außerdem fordert sie heraus zur Reflexion der Positionen der Autoren und zur eigenen Stellungnahme.


Rezensentin
Prof. Dr. Lore Miedaner
Hochschule Esslingen (i.R.)


Alle 6 Rezensionen von Lore Miedaner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lore Miedaner. Rezension vom 25.02.2014 zu: Peer Pasternack, Johannes Keil: Vom „mütterlichen" Beruf zur gestuften Professionalisierung. HoF Wittenberg - Institut für Hochschulforschung Wittenberg e.V. (Wittenberg) 2013. ISBN 978-3-937573-38-0. Reihe: HoF-Handreichungen - 3/2013. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16176.php, Datum des Zugriffs 25.04.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Betriebskrippe, Hannover

Erzieher/in für Kindergarten, München

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!