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Anna Schober: Cinema Makers

Cover Anna Schober: Cinema Makers. Intellectbooks (Bristol) 2012. 189 Seiten. ISBN 978-1-84150-515-2.
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Thema

Anna Schober sieht im Film das Potential, die Geschichten des „Anderen“, bzw. des „Anderssein“, zu erzählen. Diesen Ansatz nimmt sie zum Gegenstand, um eine alternative politische Kinogeschichte im deutschsprachigen Raum und dem ehemaligen Jugoslawien seit den 1960ern zu zeichnen. Sie untersucht in ihrem Buch „The Cinema Makers“, wie in verschiedenen Ländern Zentraleuropas, Kino-Zuschauer zu Kino-Aktivisten wurden, indem sie sich in der Öffentlichkeit mit dem Medium Film auseinandersetzten. Basierend auf Interviews mit Kino-Aktivisten zeigt sie verschiedene Methoden, mittels Kino eine Öffentlichkeit herzustellen und Diskurse in sie hineinzutragen. Dabei beschreibt sie sowohl ihre Geschichten, ihre Aktivitäten (z.B. bzgl. Festivalgründungen) als auch ihre filmischen Produkte (z.B. Fassbinder). Das vorliegende Buch ist in englischer Sprache verfasst.

Autorin

Anna Schober stammt aus Österreich und interessiert sich für die öffentliche Kultur und ihre politischen Auswirkungen. Sie hat bereits mehrere Publikationen mit ähnlicher Thematik veröffentlicht. Sie studierte zeitgenössische Geschichte und lehrte an den Universitäten in Wien und Gießen.

Aufbau

Das vorliegende Buch ist in vier Kapitel aufgeteilt.

Im ersten Kapitel erklärt Anna Schober ihre soziologischen Schlüsselbegriffe: den Sozialen Raum, das umkämpfte Terrain, die Öffentlichkeit, ästhetische Events und das Subjekt im Prozess.

Im zweiten Kapitel vergleicht sie die Arbeit von Kinoaktivisten-Gruppierungen und untersucht, inwiefern diese durch die Auswahl an gezeigten oder produzierten Filmen einen Diskurs angestoßen haben.

Im dritten Kapitel nimmt sie sich eine Analyse von Filmen von Rainer Maria Fassbinder und dem Jugoslawischen Kino, die in diesem Kontext gedreht worden sind, vor, ehe sie im letzten Kapitel zwei Essays von Ihr vorstellt, die den Geist der 1960er Jahre in die 1990er und 2000er transferieren.

Inhalt

Anna Schober beschreibt anhand von Projekten und Aktionen verschiedene Ansatzpunkte ihres Themas. Sie erklärt, wie der (Kino-) Zuschauer zum Handelnden werden kann. Dabei unterstreicht sie das Potential des Kinos, Öffentlichkeit zu erschaffen. Sie beschreibt das Kino auch als temporären (Zufluchts-) Ort in der Fremde, da dieses dem Zuschauer aufgrund der Standardisierung des Prozesses der Kinovorführung und Rezeption bekannt ist. Sie beschreibt hierbei eine Installation des Künstlers Rirkrit Tiravaja in Glasgow. Darüber hinaus besitze das Kino die Macht eine Begegnung mit dem Anderen und dem Ungewohnten zu schaffen. In Einparteiensystemen, wie im ehemaligen Jugoslawien, wurde es deswegen auch möglich, dass aus dem Kino heraus politische Bewegungen entstehen konnten, die den Filmemacher in die Rolle eines Revolutionären brachten.

Im zweiten Kapitel beschreibt die Autorin die kulturpolitische Dimension des Nationalsozialistischen Regimes in Bezug auf das Kino und seine Auswirkungen auf das Nachkriegsdeutschland und Österreich und vergleicht diese Auswirkungen mit Jugoslawien. Sie beschreibt die Entwicklungen des „Anderen Kinos“, des „Freien Kinos“ oder des „Kommunalen Kinos“ im deutschsprachigen Raums, beziehungsweise die Entstehung des „Expanded Cinemas“ sowie Filmgruppen im ehemaligen Jugoslawien (wie „novi film“) als eine Form von Kino als Bewegung, in Anlehnung an den Begriff einer politischen Bewegung. In dieser politischen Dimension war das Kino selbstredend in Jugoslawien Zensurversuchen ausgesetzt, mit denen die Filmemacher umzugehen lernen mussten. Schober zeigt eine ambivalente Haltung Jugoslawiens zwischen dem Westen und dem ehemaligen Ostblock und in diese Haltung eine transnationale Dimension. Es bestanden Verbindungen mit politischen Gruppen aus den Vereinigten Staaten und besonders Filmfestivals schufen ein Forum für eine transnationale Zirkulation von Filmen der verschiedenen Film-Aktivisten.

Das dritte Kapitel widmet sich einer Analyse der Filme von Rainer Maria Fassbinder und Dusan Makavejev, die auf ihre jeweils eigene Art und Weise das politische Kino in den 1960er und 1970er in ihren Ländern geprägt haben. Dabei geht es um die Wiederentdeckung des Unterschiedes, einmal in Form des migrantischen Gastarbeiters (z.B. in „Angst essen Seele“ auf), in Form der unterschiedlichen Lebensformen, die in den 1960er bürgerliche Institutionen von Familie auflösten, aber auch Unterschiede bezüglich des Geschlechts, beziehungsweise der Ethnie. Schober beschreibt wie Makavejev in vielen seiner Filme haptische Bilder erschuf, mit denen Unterschiede sinnlich (per Auge, Nase und Geschmack) entdeckt werden konnten. Am Ende springt die Autorin noch kurz in die Zeit des Post-Jugoslawischen Films der 1990er.

Das letzte Kapitel widmet sich neueren Initiativen, wie dem „Low-Fi-Video Projekt“, dem „Trash Parade Film Festival“ und ähnlichen Aktionen und schaut hier insbesondere auf die Qualität von Humor im Zeichen des Balkankrieges. Am Ende hält sie noch einen Ausblick auf jüngere Phänomene wie „A Wall is a Screen“ in Hamburg und Festivals in dem „Top Kino“ in Wien als Rückgewinnung des Kinos im urbanen politischen Raum.

Diskussion

Anna Schober führt den Leser zurück in die 1960er, als das Kino explizit politisch wurde. Während in den Zeiten zuvor der Film eher als Mittel zur politischen Beeinflussung gesehen wurde (Propaganda-Filme in den 1930ern, aber auch Klassen-Filme in den 1920ern), entwickelte sich der Film und das Kino in jener Zeit zum Zentrum der politischen Diskussion. Dabei wurden Filmliebhaber, bekannterweise besonders in Frankreich, zu Filmemachern, die neue Ideen in Filme und in die Art Filme zu präsentieren einbrachten. Anna Schober konzentriert sich in ihrem Buch auf Jugoslawien und den deutschsprachigen Raum, wobei die Schweiz hier eine untergeordnete Rolle und die ehemalige DDR keine Rolle spielt.

Auf der einen Seite zeigt sie, wie im Westen der Film als politisches Medium frei genutzt werden konnte, um öffentliche Diskussion, insbesondere gesellschaftspolitische um das Anderssein, zu führen. Auf der anderen Seite beschreibt sie das kritische Kino in Jugoslawien, einem Land, das als sozialistisch geprägtes Einparteien-System fungierte, aber dennoch die frühere Schnittstelle zwischen West- und Ostblock bildete, wo der Film zwischen politischem Anspruch und Zensur agierte.

Beide Themen sind an sich interessant, doch schafft die Autorin es nicht, eine Relevanz des Vergleichs zu führen. Ihre Ansätze lassen sich zwar auf beide Seiten anwenden, doch wirkt dies letztendlich nicht zwingend, da sie sich weder diametral zueinander verhalten (Freiheit versus Unterdrückung) noch eine allzu große Ähnlichkeit haben. Ist ein Fassbinder nicht eher mit einem Bezug auf Godard zu verstehen? Müssten für Deutschland nicht die Studentenproteste und transnationale Phänomene wie u.a. die Hippies, die vor allem vom Vietnamkrieg geprägt wurden, viel stärker in Betracht gezogen werden, wenn es um Film, Event und öffentlicher Raum geht? Das Buch Cinema Makers ist genau und geht sehr in die Tiefe – was fehlt, ist der erhellende Blick von oben.

Fazit

Anna Schobers Buch zeigt einen interessanten Aspekt bezüglich des politischen Kinos in den 1960ern. Jedoch ist die Konzentration auf das deutschsprachige Kino und dem Kino aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht kongruent. Die Bezugspunkte zwischen diesen beiden Filmkulturen sind nicht so stark, dass hier eine einfache Nebeneinanderstellung genügen würde. Vielmehr wäre entweder eine Konzentration auf das ehemalige Jugoslawien alleine oder eine Einbeziehung ähnlicher Strömungen in Frankreich und den USA interessanter gewesen. Zudem führt sie teilweise ihre Erzählung weit vom eigentlichen Thema weg. Auch wenn diese Bezugspunkte für das Verständnis ihres Forschungsansatzes wichtig sind, wäre eine stärkere Konzentration auf das eigentliche Anliegen, dem Aufzeigen des Prozesses wie Filmaktivisten zu eben solchen werden, für den Leser aufschlussreicher.

Dennoch ist dieses Buch interessant. Anna Schober betreibt durch die Art ihrer Forschung eine Film-Ethnologie, beziehungsweise Film-Anthroplogie, in dem sie die Forschungsmethoden der Ethnologie in die Erforschung der Kultur des Filmvolkes einbringt.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 11.07.2014 zu: Anna Schober: Cinema Makers. Intellectbooks (Bristol) 2012. ISBN 978-1-84150-515-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16181.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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