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Roberto Dutra Torres: Funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit und Exklusion

Cover Roberto Dutra Torres: Funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit und Exklusion. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2013. 351 Seiten. ISBN 978-3-86764-477-8. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 58,90 sFr.

Reihe: Soziologie.
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Thema

Die Trennung der soziologischen Perspektiven, die Gesellschaft entweder über Ungleichheit, Klassen, Schichten zu erklären, oder systemtheoretisch inspiriert über funktionale Differenzierung, bildet den Hintergrund der Ausführungen. Im Vordergrund steht, wie im Rahmen der Theorie der funktionalen Differenzierung Ungleichslagen einen systematischen Stellenwert erhalten und so erfasst und erklärt werden können. Damit wird von systemtheoretischer Seite eine Verknüpfung zwischen den gegensätzlichen Ansätzen funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit ermöglicht.

Autor

Der Autor ist Lehrbeauftragter für Soziologe an der Universidade Estadual do Norte Fluminense (Brasilien).

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde als Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Sozialwissenschaften eingereicht und vom DAAD mit einem Promotionsstipendium unterstützt.

Aufbau …

  1. Der erste Teil steht unter der Überschrift „Funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit“. Hier werden das Primat der funktionalen Differenzierung, das Verhältnis von sozialer Ungleichheit und Individualisierung sowie die Kopplungen von Ungleichheiten thematisiert.
  2. Im zweiten Teil, „Funktionale Differenzierung und Exklusion“, werden unter diesem Gesichtspunkt das Verhältnis von Person und funktionaler Differenzierung, der Lebenslauf und die Einheit der Person sowie der Mensch als Medium der Gesellschaft analysiert. Darüber hinaus finden sich hier eine Reihe von Kapiteln, die sich konkret mit der Situation in Brasilien befassen und die vorgelegte Theorie anwenden.

… und Inhalt

Dutra Torres zentrale These ist, dass für soziale Ungleichheit und Exklusion in der Theorie funktionaler Differenzierung Luhmanns ein systematischer Platz ist. Soziale Ungleichheit kann erfasst werden, was ermöglicht, sie zu problematisieren und zu kritisieren. Strukturierte soziale Ungleichheit ist durch eine „nicht orthodoxe“ Interpretation mit dem Primat funktionaler Differenzierung kompatibel. Auch wenn davon ausgegangen wird, dass soziale Ordnung nicht ohne funktionale Differenzierung vorstellbar ist, hat soziale Ungleichheit eine konstitutive Bedeutung für die soziale Ordnung. Sie strukturiert den Raum inkludierbarer Individuen in den verschiedenen sozialen Systemen und die personenbezogenen Möglichkeiten der Teilnahme an systemspezifischer Kommunikation. „Entscheidend dabei ist die Unterscheidung zwischen sozialer Ungleichheit und sozialer Exklusion: Handelt es sich bei sozialer Ungleichheit um soziale Klassifikationsformen von Individuen, was ihren sozialen Status als Personen voraussetzt, so wird ihnen im Fall der Exklusion gerade dieser Status entzogen“ (22). Die Aufnahme der sozialen Sinndimension erweitert das analytische Spektrum.

Grundsätzlich wird soziale Ungleichheit durch das Primat funktionaler Differenzierung kontingent. Wie soziale Räume eingeschränkt werden, wie ungleiche Inklusionschancen im Kontext individueller Karrieren als Selbstselektionen individualisieret werden, findet Platz in der Theorie funktionaler Differenzierung. „Die Verhaltensrelevanz sozialer Ungleichheit, so unsere These, liegt im Verhältnis zwischen den Inklusionserwartungen eines Individuums und den Selektionskriterien/Fremderwartungen, die seine Inklusionsmöglichkeiten in soziale Systeme strukturieren“ (102). Der operative Vollzug sozialer Ungleich auf der Ebene der Individualisierung steht im Mittelpunkt eines Begriffs sozialer Ungleichheit, wie ihn Dutra Torres entwickelt. Sein Vorschlag ist, wir müssen den Begriff der strukturierten sozialen Ungleichheit über „die Differenz Ereignis/Struktur“ definieren (119). Ungleichheit wird operativ strukturiert und Ungleichheitsstrukturen sind Bezugspunkte von Systemoperationen, die über Organisationen vollzogen werden. „Soziale Ungleichheit zwischen Personen wird durch Adressierung von Individuen erzeugt“ (120). Mit Luhmann gegen Luhmann argumentiert Dutra Torres wenn er betont, dass soziale Ungleichheit „auch in der modernen Gesellschaft eine unentbehrliche Ordnungsleistung erbringt“ (137). Vor allem: Funktionale Differenzierung reduziert die Komplexität nur in der Sachdimension. Diese muss aber auch in der Sozialdimension (Verhaltenserwartungen) und Zeitdimension (Vergangenheit/Zukunft) eingeschränkt werden. Soziale Ungleichheit wird erzeugt, indem die Komplexität der Sozialdimension in Verbindung mit der Sach- und Zeitdimension reduziert wird: „Personen (Sozialdimension) werden hinsichtlich ihrer Fähigkeiten zur künftigen Wiederherstellung (Zeitdimension) von Ressourcen (Sachdimension) ungleich bewertet“ (139). Die Programme der Funktionssysteme sind konstitutiv mit sozialer Ungleichheit verknüpft.

Vor diesem Hintergrund liegt soziale Macht in Organisationen (ihrer spezifischen Kommunikation) mit denen sie Entscheidungen über Personen und Leistungen strukturieren. Ungleichheit ist Ergebnis und Bedingung der Programmierung der Teilsysteme. Der Lebenslauf bietet eine Schnittstelle zur Analyse der Schnittstelle zwischen funktionaler Differenzierung und sozialer Ungleichheit. Der Zugang zu sozialen Räumen bildet eine der Grundlage, in denen sich Lebenschancen realisieren (161), ebenso wird von Dutra Torres die strukturelle Kopplung von Erziehung und Wirtschaft konzeptionell einbezogen.

Der zweite Teil des Buches konzentriert sich auf den Zusammenhang von funktionaler Differenzierung und Exklusion. Bei Exklusion geht es über den Verlust von Einkommensquellen hinaus, um den Verlust des Status einer sozialen Person. Schlüssel dazu ist die Konstruktion der Person in der Passung zur funktionalen Differenzierung, die Bedeutung des Lebenslaufes (als Selbstwahrnehmung einer Geschichte von Inklusion und Exklusion) sowie die Dimensionen Zeit und soziale Vergleiche. Publikumskonstruktionen ziehen Grenzen zwischen möglichen Adressaten von Funktionssystemen, die über hinreichende Kompetenzen (Bedeutung) für funktionsspezifische Kommunikationen verfügen. Die Konstruktion von so etwas wie dem „Exklusionsbereich“ verweist, so die These, auf eine soziale Grenze, die in den meisten Funktionssystemen als nicht-kontingent vorausgesetzt und reproduziert wird. Diese Grenze ist deshalb nicht kontingent, „weil der Exklusionsbereich so erscheint, als könne er nicht anders sein“ (216). Dabei wird die individuelle Formung der Inklusionsansprüche durch beobachtbare Erfahrungen anderer Individuen von Erfüllung und Enttäuschung gesteuert. Der Bezug auf Andere gibt Auskunft über den Horizont der realisierbaren Inklusionsansprüche. Die Übereinstimmung von Entscheidungsprämissen, die von Organisationen genutzt werden, und denjenigen, die von Individuen antizipiert werden, bildet die Grundlage für die Passung von Fremd- und Selbstselektion. So entsteht ein überindividuelles Konstrukt, das nicht nur sozialen sondern auch psychischen Orientierungswert enthält (229).

Für den Exklusionsbegriff hält Dutra Torres einen Definitionsvorschlag parat: „Exklusion ist jede strikte Kopplung von Individuen an ein Funktionssystem, die die Inklusionschancen in andere Funktionssysteme sowie die Entwicklung eines für die Nutzung dieser Chancen erforderlichen Unterscheidungsvermögens vernichtet und dadurch den Individuen den Personenstatus entzieht“ (237). An Luhmanns Beschreibung des Exklusionsbereiches kritisiert er, dass er nur auf die Ergebnisse von Prozessen fokussiert. Interessant wäre dagegen, zu erfahren, wie Personen exkludiert werden. Klar beschreibt Dutra Torres die Dominanz der Wirtschaft bei der Erzeugung von Instabilitäten, die den Individuen den Zugang zu den meisten Funktionssystemen versperren. Allerdings sind Folgen der funktionalen Differenzierung insgesamt in Betracht zu ziehen, nicht nur die des Wirtschaftssystems. Es geht um die hinreichende Befriedigung elementarer Bedürfnisse, um sich von ökonomischen Relevanzkriterien distanzieren zu können.

Den öffentlichen Debatten in Deutschland und in Brasilien über die Reproduktion von Armut in der Unterschicht stellt Dutra Torres kein gutes Zeugnis aus, nämlich: „Die Existenzweise von Individuen, die keinen Ausblick auf Zukunft haben, zu missachten und die Individuen, die mit der Zukunft synchron sind, von moralischem Urteil zu entlasten“ (248).

Im Abschnitt „Exklusion in Brasilien“ geht der Autor u.a. auf den Nationalstaat, die Bedeutung der Region und die Grenzen des Wohlfahrtsstaates ein und widmet die letzten Kapitel der Kontingenz von Sozialstrukturen und der politischen Exklusion und ihren Folgen.

Für die brasilianischen Exkludierten sieht Dutra Torres Lebenslagen, die durch eine Art von sozialer Zukunftslosigkeit geprägt wird, die eine Enthumanisierung in fast allen Gesellschaftsbereichen zur Folge hat.

Diskussion

Dutra Torres bestätigt Luhmanns Theorie sozialer Systeme aber nicht seine Gesellschaftstheorie (230). Ihr analytisches Vermögen, auf das Grenzregime der Funktionssysteme, adäquate Reflexionspotenziale bereit zu halten, erweist sich als unscharf und das Spätwerk von Luhmann ist nicht frei von Irritationen (was häufig dem Kontakt zu brasilianischen Favelas zugerechnet wird). Die Irritation entsteht durch den Wiedereinritt der Inkludierten als „Menschen“ – festgemacht an der Reduktion der Menschen als bloße Körper.

Dutra Torres gelingt es überzeugend eine systemtheoretische Gesellschaftsanalyse vorzulegen, die diesen Fragen nicht ausweicht. „Die These lautet: dass die funktional differenzierte Gesellschaft ein mit Fähigkeit zur Selbstkontrolle, mit Zukünftigkeit und mit Entscheidungsfreiheit hinsichtlich des Wechsels von sozialer Fremdreferenz (also hinsichtlich der Teilnahme an Funktionssystemen) ausgestattetes Individuum als ihr Menschenbild voraussetzt“ (231).

Bei den grundlegende Fragen nach den spezifischen Qualitäten von Kapital und Raum sind weitere Arbeiten notwendig, aber die Arbeit von Dutra Torres macht deutlich: Dem sich systemtheoretisch gebenden Verstecken hinter vorgeblicher Ironie, neutraler Abstraktionsnotwendigkeit oder dem Wegducken vor der gesellschaftskritischen Potenz der Systemtheorie steht eine klare Alternative gegenüber.

Fazit

Eine sehr anspruchsvolle systemtheoretische Analyse der zentralen gesellschaftlichen Strukturen und ihrer Folgen. Eine im mehrfachen Sinne hervorragende Gesellschaftsanalyse. Sie zeigt, die Auseinandersetzung mit Ungleichheit hat ihren systematischen Platz in der Systemtheorie, auch wenn sich diese an Luhmann orientiert. Autoren, die das Ungleichs- gegen das Differenzierungsparadigma ausspielen, machen es sich zu leicht. Dutra Torres systemtheoretische Analysen von Ungleichheit und Exklusion sind theorieimmanent sehr differenziert begründet, nützlich für Aufgaben eines sozial ausgerichteten Berufes und ertragreich für einen konstruktiven Diskurs zwischen Ungleichs- und Differenzierungsparadigma.


Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 06.06.2014 zu: Roberto Dutra Torres: Funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit und Exklusion. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2013. ISBN 978-3-86764-477-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16183.php, Datum des Zugriffs 23.01.2020.


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