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Burkhard Meyer-Najda: Unternehmensaufsicht als Herzensangelegenheit

Cover Burkhard Meyer-Najda: Unternehmensaufsicht als Herzensangelegenheit. Unternehmenstheologische Grundlagen und Kriterien zur Gestaltung von Corporate Governance in Unternehmen der Diakonie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 233 Seiten. ISBN 978-3-8487-0927-4. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 62,90 sFr.

Reihe: Diakoniewissenschaft, Diakoniemanagement - Band 2.
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Thema

Eine längere Reihe von Unternehmensskandalen, die auf nicht sachgemäße Kontrolle und Steuerung durch hochrangige Aufsichtsgremien zurückzuführen sind, haben in den vergangenen Jahren das Feld der „Corporate Governance“ weiter in den Mittelpunkt der fachlichen und öffentlichen Diskussion rund um die angemessene Führung von Wirtschaftsunternehmen gerückt. Die Frage, wie ein unternehmerisches Aufsichtsgremium aufgestellt sein muss und nach welchen Prinzipien Aufsichtsräte ihre Aufgabe zu erfüllen haben, stellt sich aber nicht nur im erwerbswirtschaftlichen Bereich, sondern auch für Träger sozialer Arbeit und deren Einrichtungen, insbesondere in weltanschaulich ausgerichteten Organisationen.

Entstehungshintergrund

Burkhard Meyer-Najda stellte sich der Frage, wie und nach welchen Werten Aufsicht und gegebenenfalls Entscheidung in Unternehmen der Diakonie ausgerichtet sein müssen, um Zuverlässigkeit, Verantwortung, Motivation und Überzeugungskraft zu gewährleisten. Er tut dies vor einem sozialwirtschaftlichen und unternehmenstheologischen Hintergrund. Seine These ist, dass unternehmenstheologische Reflexionen dabei helfen (können), „diakonische Corporate Governance als eine Herzensangelegenheit mit Gefühl und Verstand zu entwickeln“. Das Ergebnis seiner Arbeit wurde als Dissertation an der kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel im Sommer 2012 angenommen, die vorliegende Publikation ist ein für den Druck überarbeitetes Werk.

Autor

Burkhard Meyer-Najda ist Theologe und PhD Diaconic Management und blickt auf eine langjährige Aufsichtsratstätigkeit in Unternehmen der Diakonie zurück. Er ist Mitglied im Diakonieausschuss des Kirchenkreises Stolzenau-Loccum.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält sieben Abschnitte sowie ein Literaturverzeichnis.

In seinem ersten Abschnitt umreißt der Autor das Thema der Corporate Governance als Aufgabe diakoniewissenschaftlicher Managementforschung. Er skizziert die Forschungsgeschichte sowie seinen Forschungsansatz.

Im zweiten Abschnitt wird Corporate Governance im Kontext eines systemorientierten Managements verortet. Als Zugang wählt Burkhard Meyer-Najda das St. Galler-Managementmodell und definiert Corporate Governance als Managementaufgabe.

Im dritten Abschnitt werden Einfluss und Ausstrahlung der systemrelevanten Umweltsphäre dargelegt. Sinnvollerweise erfolgt dabei zunächst ein Abriss der sozialstaatlichen Umwelt in ihrer aktuellen Dynamik, es werden aber auch ordnungspolitische Rahmenbedingungen sowie die Soziale Marktwirtschaft als normative Orientierung abgehandelt.

Der vierte Abschnitt widmet sich der „Ausstrahlungswirkung auf die Diakonie“. Die Rechtsform von Unternehmen und deren Aufsichtsorgane, die Orientierung an Diakonischen Regelwerken, die Diakonische Einrichtungskultur als kirchliche Funktion, Potenziale und Probleme der Implementierung am Beispiel des Diakonischen Werkes in Hannover sowie ein „ordnungspolitisches Anwendungsvakuum“ anhand von zwei exemplarischen Handlungsfeldern der Diakonie stehen im Mittelpunkt dieses wichtigen Kapitels.

Im fünften Abschnitt erfolgen explizit unternehmenstheologische Reflexionen. Dabei werden Impulse aus der Diakoniegeschichte und aus biblischer Tradition ebenso berücksichtigt wie Impulse aus der spirituellen Ökumene Südafrikas. Ebenfalls in diesem Abschnitt enthalten ist ein Abriss zur unternehmenstheologischen Diskursbeteiligung.

Im sechsten Abschnitt widmet sich der Autor der Gestaltung Diakonischer Corporate Governance und damit dem Kern seines Anliegens. Ganzheitliches Denken in einem für Aspekte der Spiritualität offenen System werden dabei ebenso berücksichtigt wie Interdisziplinarität und Selbstdisziplin, eine durch analytisches und synthetisches Denken gestaltete Organisationsstruktur, ein dynamisches Denken mit „zirkulären und linearen Zeitaspekten“ sowie eine Diakonische Corporate Governance als Teil des Qualitätsmanagementsystems.

Im siebten Abschnitt fasst Burkhard Meyer-Najda schließlich die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen. Er kommt in seinen Analysen zu dem Schluss, dass „durch die Ausrichtung an dem biblischen Prinzip der Gemeinschaftstreue mit den Kriterien der Heiligkeit, der Befriedigung von Grundbedürfnissen und dem Respektieren des geltenden Rechts“ eine Corporate Governance als diakonische Aufsichtsführung realisiert werden kann. Eine erfolgreich ausgestaltete Diakonische Corporate Governance speise sich aus den „Wurzeln einer ordnungspolitisch gestalteten Sozialen Marktwirtschaft“, jedoch auch aus dem Bereitstellen von theologischen Kriterien, „die das Soziale in der Wirtschaft fassbar machen“. Der unternehmenstheologische Zugang „mit biblischen und diakoniehistorischen Impulsen“ ermöglicht nach Einschätzung des Autors eine „normative Ausrichtung an den Kriterien der Gemeinschaftstreue und hebt Corporate Governance über das Handwerk eines bloßen Kennzahlengebrauchs hinaus“. Eine Kooperation mit dem operativen Management der Geschäftsführungen sei nichtsdestotrotz „in genauer und guter Balance“ zu realisieren.

Diskussion

Es handelt sich bei dieser Publikation um eine lesenswerte unternehmenstheologische Grundlagenstudie zu Corporate Governance in kirchlicher Trägerschaft. Eine wirksame diakonische Corporate Governance zeichnet sich nach Einschätzung Burkhard Meyer-Najdas durch einen Dienstcharakter aus, der nach innen und nach außen wirksam ist. Eine in einem theologischen Konzept verankerte Aufsichtsführung gewinnt gemäß seiner Studie an Wirksamkeit und Überzeugungskraft, „weil durch sie Unternehmensaufsicht zu einer Herzensangelegenheit wird“. Die normative Kurzsichtigkeit bisheriger Corporate Governance, welche „bisweilen noch einem neoliberalen Gewinnkult huldigt“, könne überwunden werden. So sie sich an Gemeinschaftstreue ausrichtet, könne auch die Öffentlichkeit überzeugt werden. Es geht dabei nicht nur um eine äußerliche und ausschließlich auf Recht basierende, sondern auf eine auch theologisch begründete Autorität. Der Autor weist in seiner abschließenden Reflexion selbst darauf hin, dass durch eine unternehmenstheologische Reflexion nicht nur eine Erweiterung der Perspektiven stattfinden kann, sondern am Ende „sogar eine vorsichtige ‚Re-Theologisierung‘ der ‚unsichtbaren Hand säkularer Wirtschaftsabläufe‘“. Ob sich dies in der aktuellen Situation beispielsweise von Sozialstationen umsetzen lässt, muss die Praxis zeigen. Die Arbeit zeichnet sich aus durch Transparenz und einen engen Bezug der Überlegungen auch zu aktuellen Standards des Managements sozialwirtschaftlicher Organisationen. Die Arbeit weist durchaus Anschlussfähigkeiten auf für empirische Untersuchungen, vor allem zu einer angemessenen Corporate Governance Diakonischer Unternehmen im Zeitalter von Kosten-, Leistungs- und Wettbewerbsdruck.

Fazit

Interessante unternehmenstheologische Grundlagenstudie zu Corporate Governance in der Diakonie.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 15.01.2014 zu: Burkhard Meyer-Najda: Unternehmensaufsicht als Herzensangelegenheit. Unternehmenstheologische Grundlagen und Kriterien zur Gestaltung von Corporate Governance in Unternehmen der Diakonie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0927-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16197.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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