socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Joachim Beck, Margot Bonnafous (Hrsg.): Perspektiven lokaler Governance in Europa

Cover Joachim Beck, Margot Bonnafous (Hrsg.): Perspektiven lokaler Governance in Europa. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 324 Seiten. ISBN 978-3-8487-0986-1. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR, CH: 81,90 sFr.

Séminaire européen de Kehl des 15 et 16 septembre 2011, organisé en partenariat et avec le soutien de l´OING EUROPA] = Perspectives of local governance in Europe. Texte in deutsch, englisch, französisch.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Vielleicht ist Governance nur auf lokaler Ebene möglich. Nur Probleme auf lokaler Ebene lassen sich auch vor Ort auf dieser Ebene bearbeiten. Beteiligung an Fragen der sozialen und räumlichen Ausgestaltung der Lebensverhältnisse sind an den Ort gebunden, an dem die Menschen selbst leben, mit anderen zusammenleben, erfahren, wie sie selbst sind und wie die anderen sind, interagieren und ihren Alltag im Kontext der sozialräumlichen Rahmenbedingungen bewältigen und ihr Leben gestalten, Lebensentwürfe entwickeln und realisieren.

Wie Menschen Anteil nehmen an der Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse, hängt davon ab, welche Möglichkeiten der Einflussnahme sie auf diese Lebensverhältnisse haben – und das auf direkter Weise.

Governance wird so zu einem Beteiligungsprogramm, das auf ein anderes Demokratieverständnis verweist. Beteiligung wird dort notwendig und eingefordert, wo Interessen nicht anders einzubringen sind als in direkten Diskursen, in konkreten Formen des Aushandelns von Interessen und Bedürfnissen. Und die Kommune war schon immer auch der politische Ort, wo dies möglich war. Die politische Verfasstheit der Gemeinde war von Anbeginn eine demokratische; die europäische Gemeinde war „das Urgestein der Demokratie“ (Peter Blickle), in der sich die Mischform von direkter Beteiligung einerseits und repräsentativen Formen demokratischer Kultur andererseits entwickeln konnte. Die Gemeinde war auch immer der Ort, wo sich die Gemeinschaft der Häuser zusammen schloss, um für alle das „Gemeine Beste“, das „bonum commune“ zu erreichen; die gemeinsame Bewirtschaftung der Allmende, die keinem gehörte und doch allen, war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der demokratischen Verfasstheit der Kommune als eine politische Gemeinschaft.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Joachim Beck ist Direktor des deutsch-französischen Euro-Instituts in Kehl.

Margot Bonnafous ist Fortbildungsreferentin am deutsch-französischen Euro-Institut in Kehl.

Autorinnen und Autoren

Die weiteren Autorinnen und Autoren kommen aus dem Bereich der Wirtschaft- und Sozialwissenschaften, der Verwaltungs- und Politikwissenschaft, der Jurisprudenz und aus der Verwaltung.

Entstehungshintergrund

Das dreisprachige Buch (deutsch, englisch, französisch) ist die Dokumentation einer europäischen Tagung, die das Euro-Institut 2011 gemeinsam mit der Association EUROPA, der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl und dem Europarat in Kehl durchführte.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Margot Bonnafous gliedert sich das Buch in vier große Kapitel mit jeweils mehreren Beiträgen:

  1. Local und participatory governance: Bürger und Verwaltung als Partner?
  2. Praxisbeispiele aus Europa
  3. Grenzüberschreitende und europäische Ansätze und ihre Bedeutung für den lokalen Kontext
  4. Interdisziplinäre Betrachtung und Perspektiven

Zu: Einleitung

In ihrer Einleitung erläutert Margot Bonnafous den Kontext der Tagung. Wichtig ist der lokale Kontext der Beteiligung, wobei Schlüsselbegriffe wie Governance, local governance, participatory governance und deliberative Demokratie erläutert werden und ihre theoretischen und historischen Bezugsrahmen verdeutlicht werden.

Der Dreh- und Angelpunkt von local governance wird deshalb als besonders wichtig angesehen, weil hier direkt-demokratische Elemente eine Rolle spielen, in Deutschland auch die Autonomie der Gemeinden von Bedeutung ist und die sozialräumliche Struktur der Kommune eine gewisse soziale Verortung und Domizilbindung der Bürgerinnen und Bürger ermöglicht und nicht zuletzt, weil die anstehenden Probleme auch Probleme der Bewohnerschaft von Kommunen sind, an deren Bearbeitung sie beteiligt sein wollen und Entscheidungen im Rahmen von Aushandlungsprozessen erfolgen sollten. In diesem Kontext einer partizipativen Demokratie geht es dann auch um den Begriff des Empowerment, das erforderlich macht, Bürgerinnen und Bürger zu Akteuren zu machen, die sich als Teil einer res publica verstehen können und sich deshalb auch dafür verantwortlich fühlen können.

Im weiteren Verlauf der Einleitung werden die einzelnen Beiträge kurz vorgestellt

Die Einleitung wird in allen drei Sprachen wiedergegeben.

Zu: 1. Local und participatory governance: Bürger und Verwaltung als Partner?

Roland Geitmanns Beitrag „Wandel durch Beteiligung“ diskutiert zunächst die Frage, warum Partizipation unverzichtbar ist. Dabei ist vor allem die Beziehung der Bürger zur Verwaltung interessant bzw. auch die Frage, wie die Verwaltung mit Bürgern umgeht, die sich einmischen wollen.

Geitmann diskutiert dann sechs Funktionen von Bürgerbeteiligung: die Integrations- und Rechtsschutzfunktion, die Rationalisierung- und Effektivierungsfunktion und die Legitimations- und Kontrollfunktion.

Anschließend werden direktdemokratische Verfahrensregeln erörtert und deren Vor- und Nachteile abgewogen; in diesem Zusammenhang geht es dann um die Kommunalverfassungen und Gemeindeordnungen.

Bürgerschaftliches Engagement wird an Hand der Lokalen Agenda 21 diskutiert und ins Verhältnis gesetzt zu politischen Entscheidungen – zwei unterschiedliche Verfahrensformen, die aber eng mit einander verbunden sind.

Muss man Bürgerbeteiligung lernen? Und wenn ja: wer soll sie lernen – der Bürger oder die Verwaltung – oder beide? Hier wird eher auf die Aus- und Weiterbildung der Bürger gesetzt, die sich politisch engagieren. Vielleicht lernt auch die Verwaltung, mit ihr fremden Formen, auch unkonventionellen Formen der Beteiligung umzugehen.

Daniel Rölle nennt seinen Beitrag „Partizipative Verwaltung in Deutschland oder: Wie nehmen die Bürger die Verwaltung wahr und was führt potentiell (nicht) zu mehr Bürgerpartizipation?“. Im Zuge der Modernisierung der Verwaltung spielt Bürgernähe eine zentrale Rolle in der Verwaltung. Dabei ist mehr gemeint, als dass der Verwaltungsbeamte freundlich gegenüber dem Bürger auftritt.

Rölle diskutiert dann auf der Grundlage einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach die Wahrnehmung der öffentlichen Verwaltung durch den Bürger, wobei er auch ein strukturelles Dilemma der Beziehung ausmacht, das dieses Verhältnis von Bürger und Verwaltung schon immer geprägt hat.

Der Autor ging von der Annahme aus, dass eine positive Einstellung gegenüber der Verwaltung eine Grundlage einer vermehrten Bürgerpartizipation darstellt. Er fasst die Ergebnisse in drei Thesen zusammen:

  • Die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie führt zu einem erhöhten Partizipationsbedürfnis bei Entscheidungen der öffentlichen Verwaltung.
  • Soziales Vertrauen spielt beim Verwaltungsvertrauen eine wichtige Rolle.
  • Mehr Bürgerpartizipation setzt ein generelles Umdenken innerhalb der Verwaltung voraus.

José M. Ruanos englischsprachiger Beitrag „Arnstein´s Ladder in Spain: measuring citizen participation“ diskutiert zunächst die Faszination von Partizipation, wobei der Ausgangspunkt Webers Modell einer objektiven und neutralen Verwaltung ist, die ohne Ansehen der Person und „sine ira et studio“ entscheidet, die sich aber im Zuge der Modernisierung verändert hat. Der Bürger als political decision-maker unter anderen Rahmenbedingungen einer partizipatorischen Demokratie ist inzwischen akzeptiert – auch in der Verwaltung.

Der Autor setzt sich dann mit der Natur und der Polifunktionalität einer repräsentativen Demokratie auseinander, um dann den rechtlichen Rahmen von Beteiligung in Spanien zu diskutieren. Dabei beschreibt er mehrere Schritte ausführlich: Information (1), Konsultation (2) und Mitentscheidung (3).

Anschließend erörtert der Autor die Entwicklung und Implementation von Instrumenten der Beteiligung, die eine gute Legitimationsbasis für die Politik liefern und die Bürger einladen, ihre Meinung zu Fragen der lokalen Politik zu artikulieren.

Zu: 2. Praxisbeispiele aus Europa

„Demokratieförderung durch lokale Politik? Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse auf kommunaler Ebene: Herausforderungen und Potentiale“ heißt der Beitrag von Edith Schreiner.

In ihrer Reflexion und der konzeptionellen Einbettung eines praktischen Beispiels geht es der Autorin um die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger auf der Grundlage auch der Gemeindeordnung eingebunden werden können in bestimmte konkrete Projekte und Planungsprozesse, und zwar am Beispiel von drei Projekten der Stadt Offenburg.

  • MehrLiN (Mehr Lebensqualität in Nordwest), wo es um ein Stadtteilentwicklungskonzept in einem sozial benachteiligten Quartier geht.
  • Freizeitbad
  • Interessengemeinschaft Bahn, wo es um den viergleisigen Ausbau der Rheintalbahn geht, der zu einer Verminderung der Lebensqualität durch Lärm, Zerschneiden der Stadt und „Verschandelung“ durch Lärmschutzwände führt.

In allen Projekten wird die Bürgerbeteiligung beschrieben und begründet.

Abschließend werden drei Thesen vorgestellt.

  • Wenn Bürger frühzeitig in Planungen einbezogen werden und offen mit den Anliegen umgegangen wird, kann die Stadt nur gewinnen.
  • Der Gemeinderat als zentrales Entscheidungsgremium wird nicht in Frage gestellt.
  • Die Möglichkeiten des E-Governments erlauben eine noch transparentere Kommunikation.

Robert Herrmanns französischsprachiger Beitrag heißt „Le dialogue, une chance pour restaurer la confiance entre élus citoyens“. Am Beispiel von Straßburg erläutert der Autor die Rolle der conseils de quartiers, der Quartiers- und Stadtteilräte. Entscheidend sind die Schaffung von Strukturen und die Bereitstellung finanzieller Ressourcen für das Gelingen von Projekten und die Beteiligung der Bürger daran.

Graham Garbutt nennt seinen Beitrag „Local Democratic Participation in England“. Der Autor will zeigen, wie die nationale Politik im United Kingdom Beteiligung entwickelt hat. Zunächst geht es dem Autor um die Darstellung der Geschichte und Struktur von Government in England, auch in der regionalen Differenzierung und im regionalen Bezug bis 2010. Danach herrscht eine konservative Regierung, die das Ziel der „big society“ verfolgt und die Regionen bedeutungslos machen will, wohl aber die lokale Ebene stärken will. Die Localism Bill gibt den kommunalen Verwaltungen die allgemeine Kompetenz, außer bei den Steuern.

Der Autor beklagt den Widerspruch zwischen Äußerungen der Regierung und den Erfahrungen der Menschen vor allem in den ärmsten Regionen Englands, auch angesichts reduzierter Ressourcen und Möglichkeiten kommunaler Partizipation.

Birgit Oelkers berichtet über „Lektionen der holländischen Kommune Hellendoorn zum Thema Bündnisarbeit mit Bürgern“. Ausgehend von einem konkreten Anlass, wo ein angeblicher Gemüsehändler eine Initiative ins Leben ruft, die ihm angeblich über den Kopf wächst und er die Stadtverwaltungen von 450 Kommunen um Hilfe bittet, um zu überprüfen ob das von der niederländischen Regierung ausgegebene Motto für eine Bürgerbeteiligung auch Wirklichkeit wird, aber nur 12 % der Kommunen angemessen reagierten, analysiert die Autorin die Gemeinde Hellendoorn und kommt zur der Frage, was man unter Bündnisarbeit mit Bürgern verstehen kann und wie sich die Kommune als Bündnispartner verstehen muss.

Eine solche Kommune stimmt ihre Politik auf das gesellschaftliche Engagement ihrer Bürger ab, entwickelt Methoden, wie Initiativen von Bürgern unterstützt werden können und übt sich in der horizontalen Zusammenarbeit mit Bürgern.

Drei Erkenntnisse der Lektionen sind wichtig – und diese werden ausführlich diskutiert:

  1. Als Kommune kommt man um Bündnisarbeit mit Bürgern nicht herum.
  2. Bündnisarbeit erfordert nicht neue Bestimmungen, sondern eine neue Kultur.
  3. Man muss da mit Bündnisarbeit anfangen, wo man steht.

Es geht darum, dass die Kommune ihre Rolle als Regisseur ändert und Partner wird, dass Prozesse wichtiger werden als Inhalte und dass es weniger um Verwaltung als um Netzwerkbildung geht.

Marius und Alina Profiroiu nennen ihren englischsprachigen Beitrag „The efforts of Romania to strengthen participatory democracy in the context of European integration“. In ihren einführenden Aspekten öffentlicher Partizipation stellen die beiden Autoren heraus, dass öffentliche Beteiligung von Bürgern zu einem Modell demokratischer Kultur in den Ländern der OECD geworden ist, wenngleich die Wirksamkeit dieses Modells einer Überprüfung bedarf, zumindest nicht überprüft wird.

Sie gehen dann auf das Modell ein, begründen es an Hand der Forschung, um dann auf die Praxis öffentlicher Partizipation in Rumänien einzugehen. Der Mangel an Informationen ist ein strukturelles Problem, das Partizipation auch erschwert.

Weitere Restriktionen sind die mangelnden Informationen über gesetzliche Möglichkeiten öffentlicher Konsultationen; es gibt Lücken in der Ausstattung mit solchen Möglichkeiten und diese Möglichkeiten der Konsultation gibt es in ländlichen Regionen meistens gar nicht.

Konklusion: Citizen participation ist ein Konzept, was in jeder Demokratie implementiert werden sollte, und zwar ohne Regulierung und nur auf der Basis einer guten Praxis.

Gert Fieguth und David May nennen ihren Beitrag „Den Raum für Bürgerbeteiligung öffnen: Praxiserfahrungen mit Open Space Ansätzen auf kommunaler und europäischer Ebene“.

Nach der Beschreibung des Argumentationsrahmens stellen die Autoren die Open- Space-Technik dar und begründen sie. Es geht darum „in kurzer Zeit mit interessierten Menschen zu einem umfassenden Thema wesentliche Teilthemen innovativ und lösungsorientiert zu bearbeiten und eine Aufbruchstimmung zu erzeugen (oder zu nutzen). (161) Dabei schildern sie auch die Stärken und Gefahren.

Anschließend beschreiben sie das Heidenheimer Patenmodell als ein Open-Space- Modell auf kommunaler Ebene. Als schwierigste Phase sehen die Autoren die Verzahnung von Bürgeranliegen mit der Verwaltung an. Um diesen Prozess zu ermöglichen, entwickelte man ein Patenmodell. Fokusgruppen werden eingerichtet, die sich selbst steuern und aus ihrer Runde Themenpaten benennen. Weiter gibt es Erntegruppen, die aus Vertretern der Fokusgruppen bestehen und für die Transparenz des Verfahrens sorgen. In den Fokusgruppen arbeiten Verwaltungsmitarbeiter als Verwaltungspaten mit. Das Heidenheimer Patenmodell wird ausführlich beschrieben, abschließend wird exkursartig die europäische Ebene angesprochen.

Zu: 3. Grenzüberschreitende und europäische Ansätze und ihre Bedeutung für den lokalen Kontext

„Cross-border governance and the principle of subsidiarity“ heißt der Beitrag von Joachim Beck, in dem er auf die Probleme lokaler Beteiligung in grenzüberschreitenden Zusammenhängen in Grenzregionen eingeht. Grenzregionen spielen ja eine große Rolle im Kontext der europäischen Integration und sie entwickeln ihre je eigene spezifische regionale Identität im Kontext alltäglichen Umgangs miteinander und ähnlicher Allltagsbewältigungsstrategien. Den Konflikt, den Beck beschreibt ist der, dass sich solche Regionen auch ihre eigenen politischen Problemlösungsstrategien erarbeiten wollen im Kontext ihrer national verfassten Eingebundenheit.

Was wissen die Bürger in solchen Regionen über den jeweils anderen und vor allem über grenzüberschreitende Initiativen? Am Beispiel der trinationalen Metropolregion Oberrhein wird deutlich, wie schwierig der Prozess der Beteiligung ist und noch schwieriger ist sicher der der Beteiligung auf lokaler Ebene. Welche Formen der Kooperationen sind unterhalb der staatlichen Ebene denkbar und praktikabel? Vielleicht geht diese Kooperation besser als bottom-up Prozess, in der die je kleineren Einheiten in den Fokus der Kooperation geraten. Beck bemüht dabei das Subsidiaritätsprinzip und plädiert für eine horizontale Subsidiarität, in der die je kleineren Einheiten nicht verantwortlich sind für die grenzüberschreitende Kooperation, aber in die Lage versetzt werden, grenzüberschreitende Probleme ihrer Einheit auch grenzüberschreitend zu lösen.

Johanna Becker beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Rendez-vous régional – grenzüberschreitende Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft am Oberrhein ebenfalls mit der Metropolregion Oberrhein, in die auch das Land Rheinland-Pfalz eingebunden ist. Ihr Fokus sind die Bürger als verantwortliche und kompetente Akteure. Es geht einerseits darum, die Bürger dazu zu bringen, die Region aktiv mit zu gestalten, andererseits geht es um eine nachhaltige Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteure in der Region.

Sie beschreibt dann ausführlich die Vorgehensweise und die Methodik, geht dann auf die Bürgerforen ein, die den Partizipationsprozess gestalten sollen und fragt dann, wie es weiter geht. In den Bürgerforen wurden etliche Starterprojekte in Leben gerufen und „Kümmerer“ benannt. Eines dieser Starterprojekte ist die Gründung eines Netzwerkes für Bürgerengagement Oberrhein.

Oliver Terriens Beitrag heißt „Le Label européen d´exellence en matière de gouvernance, un outil du Conseil de l´Europeau service de la gouvernance locale“.

Der französischsprachige Beitrag beleuchtet die Möglichkeit einer modernen Verwaltung, Bürgerbeteiligung und Transparenz als Werte zu sehen und andererseits die Potentiale der Implementation von lokaler Governance zu erkennen, die in einer Vernetzung europäischer Kommunen liegen. Dabei nehmen die Kommunen eine Mittlerrolle ein zwischen Staat und Bürgern, wenn Terrien beide Beziehungen beschreibt und analysiert.

Das Label des Europarats – European Label of Governance Excellence – gewinnt damit seine Bedeutung. Dies wird ausführlich beschrieben und im Anhang werden die 12 Prinzipien einer guten demokratischen Governance auf lokaler Ebene vorgestellt.

Alexander Manuel Ilg und Gert Fieguth überschreiben ihren Beitrag “ Bürgerbeteiligung auf europäischer Ebene: praktische Probleme und Handlungsoptionen am Beispiel der Umsetzung der Europäischen Bürgerinitiative“.

Zunächst geht es um die Bürgerbeteiligung in der EU – auch im Rahmen der europäischen Integration. Die Dokumente werden kurz erwähnt, die für die Institutionalisierung von Bürgerbeteiligung auf europäischer Ebene wichtig sind.

Anschließend werden Bürgerbeteiligungsinstrumente vorgestellt, in deren Kontext auch die Europäische Bürgerinitiative einzuordnen ist. Diese Initiative wird dann ausführlich dargestellt, ihre Entstehung und ihre Ziele werden beschrieben und auf ihre Ausgestaltung wird ausführlich eingegangen.

Anschließend werden eine Reihe praktischer Probleme benannt, die mit der Umsetzung verbunden sind und auch Handlungsoptionen erläutert: Rein online-orientiertes und komplexes Verfahren, Fehlen von Unterstützungsinfrastruktur, Doppelfunktion der europäischen Kommission, fehlende Austausch- und Vernetzungsmöglichkeiten und Regelungen für Bürgerausschuss, Sprachenvielfalt und Ressourcen, unterschiedliche Verfahren, fehlende Rechtsmittel und -wege.

Zu: 4. Interdisziplinäre Betrachtung und Perspektiven

Christian de Visschers französischsprachiger Beitrag „L´évolution de la démocrate participative: le point de vue des science administratives“ beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Verwaltung mit Partizipation umgeht – und zwar aus einer verwaltungswissenschaftlichen Sicht.

Aus der Sicht der klassischen Bürokratietheorie – und hier wird auf Max Weber rekurriert – ist Partizipation der Bürger in der Verwaltung nicht vorgesehen, ja strukturell ausgeblendet. Der Bürger wurde verwaltet, aber nicht als Partner gesehen. Bürokratien müssen – neben dem Herrschaft- und Legitimationsproblem und dem Problem ihrer Verfahrensweise im Inneren auch immer Kommunikationsprobleme mit den Bürgern bearbeiten. Der Autor schlägt als Alternative den Ansatz des New Public Management vor. In diesem Zusammenhang fragt der Autor, wie das Verhältnis von Instrumenten der repräsentativen Demokratie mit denen der partizipativen gestaltet werden kann und wie eine Verwaltung autonom bleiben kann ohne in Legitimationsprobleme zu geraten. Diese Fragen werden thesenartig diskutiert.

„Von der hierarchischen zur partizipativen Verwaltung – Die Organisation des Bürgerschaftlichen Engagements“ nennt Jürgen Kegelmann seinen Beitrag. Es geht um die Frage, wie bürgerschaftliches Engagement in der Kommune gefördert werden kann. Zunächst geht es um die Darstellung des bürgerschaftlichen Engagements als Querschnittsaufgabe in der Verwaltung. Welche Organisationsstrukturen können hilfreich sein, um Bürgerschaftliches Engagement zu implementieren? Dabei geht um eine Struktur-, Prozess- und Projektorientierung. Hier werden auch einige Beispiele genannt.

Zum Schluss kommt der Autor im Zusammenhang einer erfolgreichen Implementierung bürgerschaftlichen Engagements zu einigen Thesen:

  • Der Aufbau verwaltungsinterner Strukturen muss mit dem Aufbau verwaltungsexterner Strukturen verknüpft werden.
  • Die Aufgabe muss einerseits hoch angesetzt werden, gleichzeitig aber auch mit dezentralen Aufgaben in den Ämtern verknüpft werden.
  • Formale Strukturen müssen durch intelligente externe Prozessarchitektur ergänzt werden.
  • Diejenigen, die für das bürgerschaftliche Engagement in der Verwaltung verantwortlich sind, müssen über die für die Verwaltung typischen Kommunikationsformen hinaus kommunizieren können.

Philippe Hamman nennt seinen Beitrag „L´evolution de la démocratie participatives: Lectures sociologique“.

Es geht dem Autor zunächst um eine soziologische Betrachtung des Verhältnisses von öffentlichem Handeln und Governance auf lokaler Ebene. Wie können die Kommunalverwaltung und auch die Kommunalpolitik mit Aushandlungsprozessen umgehen, die mit Governance zwangsläufig verbunden sind? Eine weitere Frage betrifft das Verhältnis von Governance zur repräsentativen Demokratie. Sind politische Vertreter bereits dadurch hinreichend legitimiert, dass sie gewählt wurden oder besteht trotzdem der legitime Anspruch der Bürger auf Einmischung? Dies wird in einem weiteren Schritt mit dem Begriff der nachhaltigen Stadt verbunden.

Christophe Bonnottes Beitrag „La démocratie participative locale: entre illusion et désenchantement“ beschäftigt sich mit den rechtlichen Dimensionen lokaler Partizipation, wobei die französische Tradition lokaler Demokratie kritisch analysiert wird.

Zunächst werden die Rechtsgrundlagen vorgestellt. Der Autor geht dann kritisch mit der Entmachtung der Bürgerbeteiligung in Frankreich ins Gericht. Diese Entmachtung macht der Autor an den Bürgerentscheiden fest: sie seien gelenkt, begrenzt und kontrolliert. Zudem würden administrative Schwellen Bürgerbeteiligung eher behindern, was er auch empirisch belegt.

Diskussion

Governance als eine Form die Steuerung und Organisation von Aushandlungsprozessen zwischen Verwaltung, Politik und Bürgern wird auf kommunaler Ebene immer bedeutsamer, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Kommunen werden als Orte eines guten Lebens immer bedeutsamer. Die Ausgestaltung des öffentlichen Raums, die Gestaltung des Sozialen und Kulturellen macht immer mehr die Attraktivität der Kommunen als Wohnstandorte aus. Um diese Qualität zu erreichen und erhalten, mischen sich Bürger immer mehr ein in die Entscheidungs- und Planungsprozesse der Kommune, weil es auch um die Interessen und Bedürfnisse der Bürger geht.
  2. Regionale und kommunale Identifikationsprozesse werden für Menschen immer wichtiger. Die Antwort auf eine globalisierte Welt ist, dass man nicht überall zuhause sein kann; soziale Verortung ist an konkrete und dauerhafte Alltagserfahrungen gebunden, an das Wohngebiet, die Nachbarschaft, die alltäglich wiederkehrenden, integrationssichernden und identitätsstiftenden und damit auch sozial stabilisierenden Kommunikationen und Alltagserfahrungen im Kontext der sozialräumlichen Einbettung in den Stadtteil, des Quartiers, der Stadt oder des Dorfes. Nur so entstehen lokale Lebenszusammenhänge.

Wie muss sich Verwaltung und Politik auf kommunaler Ebene verändern, um eine Kommune nicht nur als eine Gebietskörperschaft und politische Einheit zu verstehen, sondern als ein Gemeinwesen, das eben diese Lebenszusammenhänge garantiert. Geht das ohne die Bürger überhaupt?

Und was macht es im europäischen Kontext so schwierig, auf kommunaler Ebene Beteiligungsformen zu finden, die grenzüberschreitend akzeptiert sind und „funktionieren“?

Die Beiträge konzentrieren sich sehr stark auf die Verwaltung und auf die Beziehungen des Bürgers zur Verwaltung. Sicher ist das dem Thema geschuldet und den Veranstaltern der Tagung. Und aus der Verwaltungsperspektive oder der Perspektive der Bürokratieforschung kann Local Governance noch einmal ganz anders verstanden werden als aus einer gemeindesoziologischen Perspektive oder aus der Perspektive der Partizipationsforschung.

Aber vielleicht gelingt es der Verwaltung auf kommunaler Ebene gar nicht alleine, sich diesen Prozessen zu stellen. Vielmehr geht es nur in Verbindung mit der gestaltenden Politik, die sich mit anderen Formen der Auseinandersetzung um politische Entscheidungen auseinandersetzen muss.

Einiges in den Beiträgen weist auf das Konzept der lernenden Organisation hin, das die Verwaltung dringend benötigt, um sich den gesellschaftlichen Anforderungen zu stellen. Gleichzeitig zeigen fast alle Beiträge die Macht und auch die Beharrlichkeit verwalterischen Handelns.

Zeigen die Beiträge nicht auch, dass wir es beim Bürgerschaftlichen Engagement und der Organisation von Zivilgesellschaft mit völlig anderen Kommunikationsmustern und Verfahrensvorstellungen zu tun haben, die mit Verwaltung gar nicht kompatibel sein können?

Und zeigt der europäische Vergleich nicht auch, dass wir es bei allen kulturellen und mentalen Unterschieden mit ähnlichen Denk- und Deutungsmustern zu tun haben, mit denen die Verwaltung ihr Handeln versteht und Bürger ihren Anspruch einbringen, mitreden zu wollen?

Insofern diskutieren die Beiträge in diesem Buch eine vielleicht auch unterschätzte Dimension politischen Handelns und der Beziehung von Bürgern zur Politik: die Verwaltung.

Fazit

Das Buch bereichert die Debatte um die Entwicklung praktikabler und angemessener

Beteiligungsformen auf lokaler Ebene unter besonderer Berücksichtigung der Verwaltung als Partner.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
E-Mail Mailformular


Alle 161 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 15.04.2014 zu: Joachim Beck, Margot Bonnafous (Hrsg.): Perspektiven lokaler Governance in Europa. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0986-1. Séminaire européen de Kehl des 15 et 16 septembre 2011, organisé en partenariat et avec le soutien de l´OING EUROPA] = Perspectives of local governance in Europe. Texte in deutsch, englisch, französisch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16198.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung