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Angela Schorr (Hrsg.): Gesundheitskommunikation

Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 02.06.2014

Cover Angela Schorr (Hrsg.): Gesundheitskommunikation ISBN 978-3-8487-0930-4

Angela Schorr (Hrsg.): Gesundheitskommunikation. Psychologische und interdisziplinäre Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 535 Seiten. ISBN 978-3-8487-0930-4. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.

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Thema

Gesundheitskommunikation – was ist das eigentlich? Reden über Gesundheit und Krankheit? Eine Mischung aus Gesundheitswissenschaft und Kommunikationswissenschaft? Ein neues Forschungs- und Betätigungsfeld in einer Gesellschaft, in der das Thema Gesundheit in den letzten Jahrzehnten an Wert gewonnen hat? Angela Schorr vereint als Herausgeberin in diesem Buch psychologische, kommunikationswissenschaftliche und gesundheitswissenschaftliche Sichtweisen und lädt damit zu einem breiten Blick in das Forschungsfeld ein.

Autor

Angela Schorr hat als Psychologin eine Professur für Medienpsychologie und pädagogische Psychologie an der Universität Siegen inne. Gesundheitskommunikation und eHealth sind eine ihrer langjährigen Forschungsschwerpunkte. Für diesen Reader hat sie knapp 50 Expertinnen und Experten gewinnen können, die in Einzel- oder Gemeinschaftsbeiträgen ihren Anteil zum Buch beitragen.

Aufbau

Das 535 Seiten starke Buch umfasst sechs Teile.

  • Teil I beleuchtet unterschiedliche Perspektiven zur Gesundheitskommunikation als interdisziplinäres Forschungs- und Anwendungsfeld in drei Kapiteln,
  • Teil II in vier Abschnitten die Kommunikation zu Krankheit und Gesundheit über die Lebensspanne: Kinder, Jugend, Ältere.
  • Teil III zeigt die Gesundheitskommunikation als interpersonelle Kommunikation auf.
  • Teil IV betrachtet den Anteil der öffentlichen Kommunikation an der Gesundheitskommunikation, während
  • Teil V Gesundheitsberufe und deren Ausbildung in Bezug auf Kommunikation hin untersucht.
  • Teil VI schließt mit Betrachtungen zur Gesundheitskommunikation per Computer und Internet ab.

Inhalt

Die Herausgeberin führt den Leser im ersten Teil zunächst in das Thema ein. Sie skizziert die Veränderungen der Gesundheitskommunikation anhand der unterschiedlichen Definitionen aus den letzten dreißig Jahren und wirft die aktuellen Problemfelder auf. Standen früher z.B. Publikationen zur Behandler-Patienten-Kommunikation im Vordergrund, so lassen sich heute (auch kritisch zu betrachtende) Verengungen auf massenmediale Fragestellungen beobachten. Obwohl viele Disziplinen beteiligt sind, liegt die Forschung häufig auf den Schultern der Kommunikationswissenschaftler. Es ist notwendig, hier in Zukunft die anderen Fachbereiche stärker einzubeziehen. Am Beispiel Jugendgesundheit und Nichtraucherschutz wird gezeigt, wie gesundheitspolitische Regulation und Gesundheitskommunikation miteinander verknüpft sind. Wie können positive Gesundheitsbotschaften auf massenmedialen und interpersonellen Wegen verankert, wie Gesundheitsziele öffentliche vermittelt werden? Das Konzept des Gesundheits- und Lebenstil-Brandings der EU-Expertengruppe von 2009 ist hier die Diskussionsgrundlage. EHealth, Internet und virtuelle Gesundheitsversorgung sind die nächsten Schritte, die zu diesem Thema zu gehen sind, weshalb sich einer der Beiträge des ersten Teils auch vertieft hiermit befasst.

Der zweite Teil eröffnet das Feld aus entwicklungspsychologischer Sicht zur Wechselbeziehung zwischen Gesundheitspsychologie und -kommunikation und zeigt am Lebensverlauf entlang, welche Bezüge hier hergestellt werden können. Wie erklärt man Kindern Krankheit? Whaley diskutiert den Bedarf, an Theoriebildung zum Verstehen effektiver Strategien zur Erklärung von Krankheit bei Kindern zu arbeiten. Er kommt dabei zu dem Schluss, das (spezifische, kindgerechte und kulturabhängige) Erklären des Krankseins eine viel höhere Bedeutung hat als Erklärung der Krankheit. Für Jugendliche als Adressaten von Gesundheitsmaßnahmen, so zeigt es das nächste Kapitel, gelten andere Regeln. Das Jugendalter ist zwar zumeist eine gesundheitlich stabile, aber auch durch Verhaltensrisiken gekennzeichnete Phase. Medien spielen eine große Rolle. Nussbaum und Kollegen schließen sich an, wie man älteren Menschen Krankheit erklärt und wie hier die Behandler-Patienten-Interaktion aussieht. Anhand des Kommunikationsdilemma-Modell des Alterns wird die These diskutiert, das Altersunterschiede zwischen Behandler und Patient sich ganz wesentlich auf die Kommunikation und auf die Beziehung niederschlagen.

Die interpersonelle Kommunikation steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Zum einen geben die Autoren Impulse zum Unsicherheitsmanagement. Interessant ist hier der Gedanke, das die Gesellschaft eine „Kultur des chronischen Krankseins“ entwickelt hat und Menschen in zwei Lager spaltet: die „chronisch Kranken und die besorgt Gesunden, die auf ihre Diagnose warten“.

Besonders neugierig gemacht haben mich die Kapitelankündigungen im vierten Teil, Gesundheitskommunikation als öffentliche Kommunikation, weil ich hier einen großen Wandel beobachten konnte, wenn ich zurückblicke, welchen Stellenwert Gesundheit noch vor etwa 20 Jahren hatte. Verhaltensänderung steht im Fokus, darauf zielt auch der erste Beitrag ab. Drei wichtige Theorien werden herangezogen: Medienwirkungstheorie, Persuationstheorie und Verhaltensänderungstheorie. Mit Forschungsergebnissen und Beispielen werden diese untermauert, aber auch die Grenzen aufgezeigt – z.B. dass die Theorien rein der akademischen Forschung entstammen, nur für eine bestimmte Population Gültigkeit haben oder den allgemeinen Theorie-Praxis-Transfer derartiger Theorien. Die Studie von Cho, widmet sich der Frage, welchen Einfluss Faktoren wie Bedrohung und Furchtappelle haben. An amerikanischen Studenten wurde getestet, wie die Dosis von Drohbotschaften sich auf präventives Verhalten zur Vorbeugung von Hautkrebs auswirkt. Die Probanden befanden sich in verschiedenen Stadien der Verhaltensänderung. Herausgefunden wurde, dass Furchtappelle, die eine starke Bedrohung beinhalten und Wirksamkeitserwartungen auslösen, ein effektives Mittel zur Förderung präventiven Verhaltens sein können. Zum gleichen Thema der Gesundheitskampagnen legen Preiss und Kollegen eine Metaanalyse zur Rolle des antizipatorischen Einstellungswandels vor. Aus 13 betrachteten, experimentellen Studien ziehen sie u.a. den Schluss, dass dieser Einstellungswandel klar mit einem Absenken der eigenen Überzeugungen vor dem eigentlichen Überzeugungsakt einhergeht. Antizipation als Konzept kann also in Gesundheitskampagnen systematisch integriert werden.

Der fünfte Teil beleuchtet die Gesundheitsberufe und deren Ausbildung – genauer sind dies Mediziner und Pflegekräfte. In der medizinischen Ausbildung z.B. wird seit einigen Jahren daran gearbeitet, wie Studierende zu effektiveren, patientenorientierteren Kommunikatoren formen kann. Zwischen Leistungsdruck und Empathieverlust sehen die Studierenden sich hohen Erwartungen gegenüber. Kurz wird die Arbeit mit Simulationspatienten angerissen, ebenso das kanadische Konzept zur Vermittlung kommunikativer und sozialer Kompetenzen. Den Schluss des Buches bildet dann die Gesundheitskommunikation mit modernen Medien: Internet-Interventionen für Patienten mit Diabetes und ein kritischer Blick auf Gesundheitswebsites finden ebenso ihren Platz wie die Vorstellung eines patienten-zentrierten, computergestütztem persönliches Support-System zur Gesundheitsinformation für HIV-positive Menschen aus den USA, kurz: CHESS.

Diskussion

Gesundheitskommunikation ist ein Thema der Zukunft. Es ist bereichernd, dafür aus diesem Buch viele verschiedene Denkanstösse zu erhalten und internationale Forschungsperspektiven zu betrachten. Ich würde mich freuen, wenn aus den Inhalten ein praxisbezogenes Handbuch abgeleitet werden kann, um den Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis zu und den Anspruch des Anwendungsbezug zu gewährleisten.

Die sechs Teile decken das Thema breit ab. Umfangreiche Literaturangaben zu jedem Beitrag sind ein Fundus für jeden, der weiterlesen mag. Einzelne Artikel sind Übersetzungen internationaler Journalbeiträge und sehr gut in den Kontext eingefügt.

Fazit

Ein wichtiges Werk für alle, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit Gesundheitskommunikation beschäftigen müssen oder wollen.

Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Es gibt 87 Rezensionen von Nina Fleischmann.

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ISSN 2190-9245