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Sabine Maschke: Appsolutely smart!

Cover Sabine Maschke: Appsolutely smart! Ergebnisse der Studie Jugend.Leben. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. 278 Seiten. ISBN 978-3-7639-5270-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Jugend.Leben ist eine Panaromastudie mit dem Anspruch, ein differenziertes und repräsentatives Generationenporträt heutiger Heranwachsender aus Nordrhein-Westfalen im Alter von zehn bis achtzehn Jahren zu zeichnen. Eingebunden in die Apparaturen moderner Wissenschaft ist die vorliegende Publikation ein Kooperationsprojekt der Universität Gießen mit den Universitäten Köln und Siegen. Auf der Grundlage aufwändiger Interviewverfahren wurden in der Stichprobe die Aussagen von 5520 Mädchen und Jungen zu ihren Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten erfasst (ausführlicher hierzu S. 276). In ihrer Ausrichtung und Stichprobenziehung folgt die Erhebung der bekannten und vielzitierten Vorgängerstudie „Null Zoff und voll busy“, die Imbke Behnken und Jürgen Zinnecker im Jahr 2001 veröffentlichten.

Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen aber auch Ängste und Verunsicherungen Heranwachsender in einem Zeitkolorit jugendlicher Sicht auf Gesellschaft zu fassen, um Eltern ebenso wie professioneller Pädagogik sowie Studierenden der sozial- und Erziehungswissenschaften Orientierungen vermitteln zu können, ist zentrales Anliegen der Panoramastudie. Wohl spätestens seit dem Bericht der Enquete-Kommission „Jugendprotest im demokratischen Staat“ aus dem Jahr 1983 sind Jugendstudien zudem auch Instrumente der sozial-und bildungspolitischen Standortbestimmung, da sie relativ klare Aussagen dazu ermöglichen, wie Kinder und Jugendliche Politik und ihre Wirkungen einschätzen. So ist neben dem auch im Titel gespiegelten Stellenwert des Smartphones mit Apps als zeittypischen juvenilen Statussymbol konsumorientierten Lifestylings in den Wertcollagen Heranwachsender auch das gesellschaftliche Defizit ernsthaft realisierter Partizipationangebote Thema. Jugend.Leben eröffnet damit Einblicke in heutige jugendliche Lebenswelten und verweist besonders mit Blick auf Brüche auch auf ausstehende Entwicklungsaufgaben Erwachsener als derjenigen, die in Gegenwart Gestaltungsräume und Regeln für Zukunft festlegen.

Autorinnen und Autoren

Der hohe und gesicherte wissenschaftliche Standard dieser Studie ist Ergebnis der Expertisen mehrerer Autorinnen und Autoren:

  • Susanne Maschke, Privatdozentin und Vertretungsprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Gießen,
  • Ludwig Stecher, Professor für Empirische Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Gießen,
  • Thomas Coelen, Professor an der Universität Siegen mit den Forschungs- und Lehrfeldern Sozialisation, Jugendbildung, Lebenslaufforschung,
  • Jutta Ecarius, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität zu Köln mit dem Fachgebiet Kindheitsforschung sowie
  • Frank Gusinde, promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Feldern Jugendbildung, Schulsozialarbeit und Übergangsforschung an der Universität Siegen.

Sechzehn weitere Kolleginnen und Kollegen waren zudem an den verschiedenen Projektstandorten, im Lektorat und im Projektmanagement eingebunden. Die Funktionen dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ebenso wie die Autorenschaften und Verantwortungen für die Einzelkapitel in einer Übersicht ausgewiesen.

Aufbau und Inhalt

Den Leserinnen und Leser wird eine sehr klar strukturierte, ausgesprochen übersichtlich gehaltene, optisch ansprechende und leicht lesbare Studie geboten. Die Struktur mit den vier Teilen

  1. „Jugend.Leben – Porträt einer Generation“,
  2. „Jugend.Leben - die Ergebnisse im Einzelnen“,
  3. „Blitzlichter“ sowie
  4. „Die Studie Jugend.Leben“

ermöglicht in Verbindung mit dem lesefreundlichen Layout schnelle Zugriffe auf den Entwurf eines Generationenbildes, auf Einzelbefunde und ein Nachschlagen nach Stichworten sog. „Blitzlichter“ sowie auch Einsichtnahmen in Design und Durchführung der Erhebung.

Das gleich nach Grußwort und Vorbemerkung platzierte Porträt der Generation Heranwachsender bündelt auf zehn Seiten kompakt und trotzdem gehaltvoll zentrale Aussagen zu einem verständlichen Gesamtbild mit Einordnungshilfen und vergleichenden Bezügen zur vorangehenden Studie „Null Zoff und voll busy“. Hierzu kurz einige Stichworte. Ausgangspunkt ist eine verhalten optimistische Grundstimmung, auch wenn globale Konflikte als nicht lösbar eingeschätzt werden. Die Werteorientierungen der befragten Generation wirken recht konform und konventionell. Familie ist zentrale Säule im Weltbild. Mütter sind vorrangige Vertrauens- und Bezugspersonen. Leistung wird befürwortet, sollte jedoch nicht mit höheren Investitionen in freiwilliges Lernen verbunden sein. Gleichwohl werden mehr Möglichkeiten demokratischer Teilhabe genutzt, auch wenn eine gewisse Politikverdrossenheit erkennbar ist. Der Stellenwert von Schulabschlüssen hat zugenommen. Schule wird als „soziale Arena“ (S. 15) verstanden. Eine große Aufnahmebereitschaft für die Chancen von Welt mit hoher Zugriffsbereitschaft, was auch über das „Smartphone als Ticket in die Jugendwelt“ (S.14) ermöglicht wird, kennzeichnet durchaus kritisch-reflexive sowie auch psychosomatisch belastende jugendliche Suchprozesse in einer „Welt der tausend Möglichkeiten“.(S.15). Optionen zu prüfen und die „Qual der Wahl“ (S.16) zu treffen, wirken belastend und verlangen ein lebenslanges Lernen ab. Der Rat Erwachsener wird gesucht, auch wenn die Konsequenzen von Entscheidungen auf die Jugendlichen zurückfallen. Zugleich erleben sie sich als „Teil des großen Schwarms“, sind hierbei jedoch auf Selbstinszenierungen, Optimierungen und Challenges bedacht, was zu schnelllebigen und gleichzeitigen Collagen führt, die, wie bei einem Kaleidoskop (vgl. S.18), fortlaufend neue Facetten im Sinne einer Modellpflege aufweisen. Die permanenten, in ihren Richtungen und Geschwindigkeiten bestenfalls schwer bestimmbaren sozio-technologischen Transformationsprozesse ihrer Lebenswelt spiegeln sich in einer „smarten Jugend … sie sind nett und intelligent, akzeptieren Erwachsene und vertrauen ihnen stärker als jemals zuvor“ (S.18).

Im zweiten Abschnitt „Jugend.Leben – die Ergebnisse im Einzelnen“ werden Fragenkatalog und Antworten detailliert ausgewiesen. Themenüberschriften sind „Familie“, „Zwischen Familie und Freunden“, „Freunde, Clique, Peers – die Welt der Gleichaltrigen“, „Jugendszenen und Musikstile“, „Freizeitaktivitäten und Medien“, „Der beschleunigte Weg in die Jugend“, „Gesundheit und Körper“, „Geld, Verschuldung und Einkommen“, „neben Familie und Schule: die Orte der Kinder- und Jugendarbeit“, „Lern- und Lebensort Schule“, „Kinder und Jugendliche, die Förderschulen besuchen“, „Erwachsene -Ratgeber, Vorbilder, Vertrauenspersonen“, „Politik im Jugendalter: Partizipation und Engagement im Gemeinwesen“, „Glaube und Religion“ sowie „Zukunft: persönliche und gesellschaftliche Perspektiven“.

Der dritte Teil bietet „Blitzlichter“. in Stichworten von A-Z; so etwa „Aberglaube, Amulette … Decisions – schwere Entscheidungen … Girls and Boys … Partnerschaft … Süß und fettig … Wohnumgebung … Zimmerwelten“. Dieser Teil der Studie komplettiert und illustriert das Generationenporträt mit ergänzenden Details.

Über die Studie Jugend.Leben informiert der vierte und letzte Teil. Die Angaben zum Charakter, zum Design, zur Struktur und Organisation sowie zur Durchführung und zur Auswertung bestätigen den hohen qualitativen Anspruch der Grundlage dieser Erhebung ist. Gerade diese, trotz Komplexität, erfreulich leicht verständlich gehaltenen Informationen zum wissenschaftlichen Profil weisen die Expertise der Autorengruppe und ihres Stammes an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der souveränen Bewältigung der immensen Datenaggregation und ihrer Aufbereitung aus.

Diskussion

Die Näherungen an „Jugend als Objekt der Wissenschaft“ (Dudek) in dieser Studie eröffnen ein recht umfassend erscheinendes Generationenporträt. Die Befunde vermitteln zudem, wie auch mehrfach im Text ausgewiesen, das Bild von Heranwachsenden, die diese Befragung als ernsthaftes Interesse an ihnen verstanden, die bereit waren, sich den Herausforderungen dieser Erhebung zu stellen und die bereitwillig über ihre Einstellungen, Haltungen, Werte, Wünsche und Ängste informierten. Allein bereits die Herstellung und Beibehaltung dieses Klimas der Kooperation und des Vertrauens spiegelt die hohe Qualität dieser Studie. Im Gesamteindruck bleibt das Bild einer Generation Heranwachsender haften, die sich deutlich reflexiv und damit im klassischen Sinne auch „reifer“ als viele Erwachsene zeigt und die sehr deutlich mit der Aufforderung zur Einlösung von mehr demokratischer Teilhabe konfrontiert.


Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 18.12.2013 zu: Sabine Maschke: Appsolutely smart! Ergebnisse der Studie Jugend.Leben. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-7639-5270-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16209.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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