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Eva-Maria Heberer: Prostitution. An Economic Perspective [...]

Cover Eva-Maria Heberer: Prostitution. An Economic Perspective on its Past, Present, and Future. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 232 Seiten. ISBN 978-3-658-04495-4. D: 53,49 EUR, A: 54,99 EUR, CH: 67,00 sFr.
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Thema

Prostitution lässt sich nicht nur als soziales Problem verstehen, sondern – jenseits kriminologischer, juristischer und insbesondere moralischer Betrachtungsweisen – auch als Wirtschaftsfaktor interpretieren. Diese Perspektive ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Studie, welche die mikroökonomischen Facetten der Sexarbeit von 1846 – dem Jahr der Illegalisierung im preußischen Recht – bis in die Gegenwart hinein gewissermaßen wirtschaftshistorisch rekonstruiert. Der Fokus auf das konkrete Marktgeschehen, auf Budgetgewinne und -verluste der beteiligten Akteure und insbesondere auf Risikoabschätzungen, stellt ein ungewöhnliches Fundament für eine Auseinandersetzung mit einem Tätigkeitsfeld dar, dessen kontroverse Reputation unter liberalen Rahmenbedingungen kaum anders aussieht, als unter repressiven.

Autorin

Eva-Maria Heberer ist Diplom-Volkswirtin und war an der School of Business and Economics der Humboldt-Universität zu Berlin tätig.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die im Jahr 2013 eingereichte Dissertation der Verfasserin.

Aufbau

Der (englischsprachige) Band gliedert sich in fünf Hauptkapitel: Einleitung; Geschichte der Prostitution; Entwicklung eines Meta-Modells; dessen konkrete Anwendung; Zusammenfassung.

Inhalt und Diskussion

„If your children are hungry, you do a lot of things“, sagte die streng katholische Großmutter einst der 11jährigen Verfasserin bei der Frage, wie man sich denn auf Prostitution einlasse könne (19). Seither ist hinsichtlich der gesellschaftlichen Bewertung bezahlter sexueller Dienstleistungen viel geschehen. Nicht zuletzt durch das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz sollte der Graubereich der Sexarbeit ins Hellfeld „normaler“ Arbeitsverhältnisse gezogen wurde – zumindest theoretisch. Heberer betrachtet Prostitution durch die Perspektive des rationalen Entscheidens: Es gibt „something to lose“ (24), wenn man sich darauf einlässt. Die Gefahren für die Gesundheit und für die Akzeptanz im sozialen Umfeld sind – für die Freier wie für die Frauen – in der Tat evident, daran haben die Liberalisierungen im Recht wenig geändert. (Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung sind die Vorzeichen für eine Revision des Sachen ProstG in Deutschland ohnehin deutlich zu sehen.) Heberers Interesse macht sich an der Angebotsseite fest, bei den Sexarbeiterinnen, deren Geschichte in einem „Meeting between history and economics“ nachgezeichnet wird (25 ff.). Die verschiedenen Wellen des Verbietens und Erlaubens der Prostitution im deutschsprachigen Raum verorten das Phänomen an der Schnittstelle von Moralgefährdung und Moralgarantie: Einerseits eine gemeinhin verächtliche Tätigkeit, ist Sexarbeit andererseits als ein Mechanismus betrachtet worden, der die soziale Ordnung stabilisiert. So gesehen, verbindet „marriage and prostitution“ (57) vielleicht mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

Die Einblicke in die frühe Moderne der Sexarbeit, sodann in eine Zeit, als das Verwenden von Kondomen als Eingeständnis einer Geschlechtskrankheit galt (44), in die Unterschiede zwischen BRD und DDR (wo Prostitution ab 1962 offiziell illegal war, aber weithin geduldet wurde) und schließlich in die jüngste Vergangenheit bis hin zum ProstG bieten, bei aller Kompaktheit, einen interessanten Überblick, wenn auch die Schlussfolgerung fraglich ist, dass „with each policy reform, the government gives a moral direction for the treatment of prostitution“ (74). Rechtsrahmungen können von moralischen Direktiven offenkundig abgekoppelt werden – das Hin und Her bei der juristischen Würdigung der Sexarbeit beweist dies besonders nachdrücklich.

Der wirtschaftswissenschaftliche Teil der Untersuchung ist alles andere als eine Kritik im Sinne der politischen Ökonomie, die es mit Blick auf die Sexarbeit schon öfter gegeben hat. Er ist vielmehr im Wesentlichen ein Versuch, ein ökonomisches Modell der kommerziellen Sexualität zu errichten, das die verschiedenen Einflussgrößen (Arbeitszeit, Freizeit, Einkommen, die Chance des „getting caught“ usw.) in eine Kalkulationsform bringt. Wer daran interessiert ist, wird mit einer umfangreichen Fülle an Ableitungen und Gleichungen entlohnt. Ohne nun in die Tiefen der formalen Wirtschaftslogik eintauchen zu wollen: Annahmen wie die, dass „women earn more working as a prostitute than they would earn on the regular labor market“ (77) lassen sich, wie die empirische Sozialforschung nachgewiesen hat, schwerlich halten. Entscheidend sind, unter anderem, die unterschiedlichen Prostitutionsformen, aber auch die Prostitutionssettings, und ebenso die Frage, ob es um legale oder illegale (z.B. erzwungene) Sexarbeit geht, ob einheimische Frauen oder Migrantinnen sich prostituieren, ob eine Berufsdienstleistung oder ein Zusatzverdienst vorliegt, und dergleichen mehr. Auf die meisten dieser Faktoren geht die Studie nicht, oder nur am Rande (vgl. 116f.) ein. Das ausführlich dargestellte, zunächst theoretisch konzipierte und dann auf die vorliegenden (nicht allzu umfangreichen) Daten bezogene Marktmodell mag somit zwar „in sich“ plausibel sein, es kann die Komplexität der Sexarbeit aber nur bedingt abbilden. Dies gesteht die Verfasserin denn auch ehrlich ein.

Ein Beispiel von mehreren: „Unfortunately, it is – at least for us – impossible to measure all these variables and analyze their influence on the behavior of prostitutes.“ (132) Ein weiteres: „In reality, r [die Variable für Reputation; T.B.] is probably much more complex than any mathematic equation is able to express.“ (78) Das ist in der Tat der Fall, denn Reputation lässt sich, wie alle andere soziopsychologischen Größen, überhaupt nur um den Preis radikaler Komplexitätskürzung für ein mathematisches Modell operationalisieren. Geht es um Prostitution und damit um eine Vielzahl unberechenbarer, weil subjektiver Momente – und zwar sowohl auf der Anbieter-, wie auf der Konsumenten- und auf der Steuerungsebene –, kann ein formalisiertes Schema schwerlich mehr leisten, als abstrakten Berechnungsinteressen zu dienen; mit der sozialen Wirklichkeit muss es dann nichts zu tun haben. (Um ein passendes Zitat aus dem Kontext zu reißen: „…which simplies the entire analysis to a large extent“, 84.)

Der volkswirtschaftliche Blick muss die gesellschaftlichen Dimensionen der Prostitution zwangsläufig aufgreifen, um nicht bereits a priori wie das Produkt steriler Berechnungen aus einem alltagsfernen Elfenbeinturm zu wirken. In dieser Hinsicht versucht Heberer, eine Brücke zwischen den Entscheidungskriterien und ihren sozialen Einrahmungen zu bauen. So heißt es etwa: „The violation of moral principles was not dimished until 2002, and, even today, women have to live with a moral stigma from society“ (105). So schön das klingt, so kurz greift es. Wiederum werden Recht und Moral bruchlos identisch gesetzt, als seien Parlament und Gerichtssaal an der Konstitution sittlicher Angemessenheitsregeln für jedermann interessiert. Dass im Bereich der Sexualität, und auch in ihren markförmigen Ausprägungen, neben die normative Ebene faktisch mindestens gleichberechtigt das Element subjektiver Konsensmoral tritt, ist für Heberer bei ihrer Ausrichtung allein an der „supply side of the market“ (ebd.) offenkundig unbedeutend.

Der volkswirtschaftlichen Stoßrichtung wird etwas später in einem Vergleich der Preisaufwendung für sexuelle Dienstleistung und der Kosten für 1 Kilogramm Brot Rechnung getragen – mit dem interessanten Resultat: „Relative to one kg of bread, prostitution was most expensive during the GDR and is cheapest today.“ (168). Wiederum ist zu fragen – von welcher Prostitutionsform ist hier die Rede (und: von welcher Brotsorte)? Was beinhaltet das „Angebot“, und wie lassen sich in solche Korrelationen situative Umstände einberechnen wie etwa die reale (nicht idealtypische!) Zeitaufwendung, der konkrete Zugang zu Prostitutionsorten, die überaus divergierenden Bedingungen des Verheimlichen-Müssens (oder eben nicht), und so fort. Von den schwierigen Erwägungen, die hinter den Strukturen des Begehrens respektive des (vorausplanenden oder ad hoc improvisierten) Umgangs mit diesen Strukturen durch Sexarbeiterinnen stehen, ganz zu schweigen.

An einer Stelle schreibt die Verfasserin: „Instead, we have to work with only some observations and less comparability than optimal.“ (142) In einer Art Selbstreflexion am Ende der Arbeit werden diese „shortcomings“ (170) nochmals aufgegriffen. Soviel eingestandene Lückenhaftigkeit macht ein wenig ratlos: Soll man nun den Versuch loben, ein kaum lösbares Problem angegangen zu sein (aber: wo keine Lösung, da auch kein Problem!). Oder soll man ein Unterfangen kritisieren, dessen zwingende Ergebnisunschärfen für ein mikroökonomisches Modell von vorn herein antizipierbar waren? Der abschließend postulierte Anspruch jedenfalls ist schon für qualitative Vorgehensweisen, ja selbst für die wagemutigsten Ethnographen kaum einlösbar: „The work at hand tries to make the market for commercial sex, the considerations of agents, as well as the interactions between them understandable and comprehensible for a broad audience.“ (175). Was also soll ein wirtschaftswissenschaftlicher Ansatz angesichts eines Marktes erwirtschaften, dessen informelle Binnenökonomie sich akademischen Optimierungsanliegen erfolgreich zu entziehen vermag? Wenn „at least some people started to rethink their opinion about prostitution“, wäre ein „major goal“ (179) erreicht, verrät die Verfasserin am Ende ihrer Untersuchung. Am Schluss ist es also doch wieder die Moral, um die sich alles dreht.

Fazit

Leider wird kein aufschlussreicher Erklärungsansatz für ein spannendes Phänomen der gesellschaftlichen Wirklichkeit geboten, sondern ein Umweg über die holprigen Bahnen der Verkünstlichung, Formalisierung und Vereinfachung gegangen, in dessen Verlauf die reale Komplexität des Themas unter den Tisch fällt.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 19.03.2014 zu: Eva-Maria Heberer: Prostitution. An Economic Perspective on its Past, Present, and Future. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04495-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16213.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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