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Janina Bürger: Eine Welt zwischen Autismus und Borderline

Cover Janina Bürger: Eine Welt zwischen Autismus und Borderline. Diagnose Asperger Syndrom, Borderline & Depressionen. Gedanken und Gefühle aus einer "anderen Welt". Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2013. 264 Seiten. ISBN 978-3-7322-9403-9. 15,90 EUR.
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Thema

Die Autorin beschreibt ihr Leben zwischen den Diagnosen Aspergersyndrom, Borderline und Depression mit allen Höhen und Tiefen, die sie bisher erfahren hat. Janina Bünger gibt Einblicke in ihre Erfahrungswelt und erläutert, warum ihr Handeln sinnhaft und nachvollziehbar ist.

Autorin

Janina Bünger erfährt 2012, da ist sie 34 Jahre alt, dass sie Asperger Autistin ist. Neben dieser Diagnose lebt sie unter den Bedingungen einer Borderline Persönlichkeitsstörung und Depressionen. Sie hat viele gescheiterte Therapieversuche hinter sich.

Aufbau und Inhalt

In fünf Kapiteln werden 269 Seiten gefüllt. Die Autorin hat einige Bilder beigefügt, die sie selber gemalt hat.

Das Kapitel 1 beschäftigt sich auf den ersten 100 Seiten mit dem Thema Asperger und Borderline- Sichtweise einer Betroffenen. Die Autorin wirft einen kurzen Blick zurück in ihre Kindheit, um sich dann Ausprägungen der Autismus- und der Borderlinestörung zuzuwenden. Sie beschreibt konkret, wo die Probleme bzw. Herausforderungen liegen wie z.B. der Umgang mit overloads, Zwangshandlungen, Kleptomanie oder die Gefühlsblindheit (Alexithymie).

Das Kapitel 2 trägt den Titel Gedanken und Gefühle einer Borderlineautistin. Dabei geht es z.B. um Depressionen und Ängste, die empfundene Einsamkeit und Leere, die Suche nach dem ICH, die Probleme in der Gestaltung von Kontakten. Der Wunsch nach Freundschaften ist da, stellt aber auch hohe Anforderungen, die immer wieder in Enttäuschungen münden. Am Ende des Kapitels reflektiert die Autorin darüber, ob sie die Therapie weitermachen soll oder nicht.

Im 3. Kapitel beschreibt sie ihr Erleben in der Nacht: „Nachts wenn ich schlafe besuchen sie mich…Träume“.

Das 4. Kapitel befasst sich mit den Fragen: Was ist Gewalt gegen Kinder? Folgen und Spätfolgen. Die Autorin beschreibt körperliche Gewalt, seelische Gewalt und Vernachlässigung. Das Thema sexueller Missbrauch wird ausführlicher behandelt.

Das Buch schließt mit dem Nachwort, Hinweise zu websites und Kontakten sowie Quellen und Literaturangaben. Dabei werden Seiten zur Borderline Persönlichkeitsstörung, zum Aspergerautismus, zum Mutismus sowie zur Gefühlsblindheit (Alexithymie) empfohlen.

Diskussion

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Frauen eine Fülle von Diagnosen gestellt bekommen, bevor erkannt wird, dass es sich um Autismus handelt (Simone, R.: Die Welt der Frauen und Mädchen mit Asperger – Aspergirls 2012 www.socialnet.de/rezensionen/13926.php) Janina Bünger erfährt im Alter von 34, dass sie Autistin ist. Damit hat sie nun insgesamt drei Diagnosen: Borderline Persönlichkeitsstörung, Autismus und Depression. Diagnosen dieser Reichweite zu bekommen ist schwer, zeitgleich stellen sie aber auch eine Entlastung dar, da Ereignisse und Erfahrungen, die vorher nicht eingeordnet werden konnten, einen Namen und damit eine nachvollziehbare Logik bekommen. Menschen mit Autismus haben eine Schwäche in der Filterfunktion. Deshalb ist es nicht verwunderlich, völlig überrollt zu werden von zu vielen Reizen der Umgebung, was bis zum overload gehen kann. Menschen mit Autismus haben Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation und es stellt für sie eine hohe Anforderung dar, sich in Gruppen zurecht zu finden, einen Freundeskreis aufzubauen und die Komplexität der Anforderungen in Interaktionen zu verstehen und adäquat darauf zu reagieren. Frau Bünger sieht die Herausforderungen in ihrem Leben und zugleich die Chancen, die darin liegen. Einen Ausweg hat sie in der Malerei gefunden. Einige Bilder sind im Buch abgedruckt und zeigen eindrucksvoll anschaulich, wie sie sich fühlt und wie ihr Erleben ist – „traurig und fröhlich zugleich“ (S. 125). Für mich sind die Bilder, die in einer schwierigen Lebensphase entstanden sind Ausdruck der Energie, die in der Autorin steckt. Sie malt über schwere Themen, wählt aber Farben, die Mut machen.

Ich finde es äußerst bewundernswert, dass Janina Bünger Lesern diese persönlichen Einblicke gibt. Mir hat das Buch geholfen, Menschen wie Frau Bünger, die unter den Bedingungen von Borderline, Autismus und Depressionen leben müssen, besser zu verstehen. Ich hoffe, sie findet viele Leser, die bereit sind, sich darauf einzulassen, einige Schritte in ihren Schuhen zu gehen und an ihrem Leben teil zu haben. Wer sich darauf einlässt wird lernen, dass manche äußerlich betrachtete bizarr anmutende Verhaltens- und Reaktionsweise eine individuell sinnvolle und durchaus nachvollziehbare Strategie ist.

Folgende Erfahrung der Autorin sollten zum weiteren Nachdenken anregen: mit der Diagnose Borderline Persönlichkeitsstörung gehen Zuschreibungen einher, die im Vergleich zur Autismusdiagnose negativ konnotiert sind. Das könnte meines Erachtens daran liegen, dass es mittlerweile viele Veröffentlichungen von Autisten selbst gibt, die diese Vorurteile relativieren konnten. So gesehen wäre es wichtig, wenn sich mehr Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung trauen, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen, damit Einblicke in ihre Innenwelt geben und helfen Vor-Urteile abzubauen.

Fazit

Es ist zu begrüßen, dass es Frauen wie Janina Bünger gibt, die ihre Lebensgeschichte schonungslos niederschreiben. Es ist mutig, diese zu veröffentlichen und anonymen Lesern Einblicke zu geben, die sehr persönlich sind. Sie beschreibt Erlebnisse, die erschüttern. Sie schreibt aber auch davon, welche Kompetenzen vorhanden sind und wie sie Auswege gefunden hat. Die Autorin will ihrer Erfahrung veröffentlichen, damit die Umwelt verstehen kann, wie es Betroffenen unter diesen Lebensbedingungen ergeht. Zeitgleich hatte das Niederschreiben ihrer Erfahrungen sicherlich den Sinn, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es entlastend wirkt, wenn Dinge benannt werden. Damit ist ein erster Schritt der Verarbeitung getan. Zur Intention, dieses Buch zu schreiben schreibt Janina Bünger: „Ich habe das Buch geschrieben, um mein Erleben mit anderen Menschen zu teilen und um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine da draußen sind. Ein Teil meiner Gedanken und Gefühle haben hier endlich ihren Platz gefunden. Es handelt sich um eine Ansammlung von Erinnerungen, Gedankensequenzen, Erfahrungen und Gefühlen. Es ist chaotisch, aber auch voller Hoffnung.“ (S. 1)


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 04.02.2014 zu: Janina Bürger: Eine Welt zwischen Autismus und Borderline. Diagnose Asperger Syndrom, Borderline & Depressionen. Gedanken und Gefühle aus einer "anderen Welt". Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2013. ISBN 978-3-7322-9403-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16216.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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