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Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker

Cover Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2014. 150 Seiten. ISBN 978-3-7795-0488-7. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Gestalttherapie.
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Gipfelerlebnisse

Der aufregende, anthropologische und psychologische Perspektivenwechsel, dass Mystiker nicht einzigartige Menschen sind, sondern jeder Mensch ein einzigartiger Mystiker ist, scheint Perspektiven zu öffnen, die Menschen, seit sie sich ihres Verstandes und ihrer Humanität bewusst geworden sind, zu Hoffnungen bewegt haben, und was in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) als Idealvorstellung von Menschlichkeit zum Ausdruck kommt: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Viel zu selten wird bedacht, dass bei dieser beschwerlichen Gipfelwanderung es notwendig ist, Kopf, Herz und Gliedmaßen zu benutzen und vor der Anwendung die Erfahrung zu berücksichtigen.

Autor, Herausgeber und Kooperationspartner

Der US-amerikanische Psychologe und Präsident der „American Psychological Association“, Abraham H. Maslow (1908 – 1970), gilt als Mitbegründer der Humanistischen Psychologie (vgl. dazu auch: Jürgen Straub, Hrsg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php). Maslow ist in der deutschsprachigen, psychologischen, psychotherapeutischen, soziologischen und entwicklungspolitischen Diskussion vor allem durch seine „Bedürfnispyramide“ bekannt geworden, mit der er die individuellen Grundbedürfnisse der Menschen aufzeigt und dabei auf existentielle Menschenrechte verweist, wie dies in Art. 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert wird: (1) Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung und notwendiger sozialer Leistungen…“. Es sind Forderungen nach sozialer und Verteilungsgerechtigkeit, die auf der globalen Agenda stehen und an das Gewissen der Menschheit rühren.

Als Maslow bei seiner Suche nach Menschlichkeit die bis dahin in der Psychologie und Psychotherapie gewohnte Fragestellung „Was macht Menschen psychisch krank?“ einfach umdrehte und mit der Frage „Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?“ positiv nachschaute, da stieß er auf eine bemerkenswerte Erkenntnis: „Psychisch besonders gesunde Menschen tendieren zu ‚mystischen Erfahrungen‘“. Dieser erstaunliche, und dem traditionellen Mainstream der Psychologie und Psychotherapie entgegenstehende Befund hat auch den in Österreich geborenen, einem kontemplativen Zweig des Benediktinerordens in den USA angehörenden Psychologen und Theologen David Steindl-Rast veranlasst, nach Brücken zwischen dem abendländischen, christlichen Denken und dem Zen-Buddhismus zu suchen. In der Einführung spricht er von den Inspirationen, die er dabei durch das Maslowsche Denken erfuhr.

Der Gestalttherapeut und Leiter der Gestalt-Institute Köln und Kassel (GIK, www.gestalt.de), Erhard Doubrawa, gibt das Buch heraus. Er bezeichnet sich als „Seelensorger“ und sieht in seiner beruflichen Tätigkeit vielfältige Zusammenhänge zu den Maslowschen Forschungen über „Gipfelerlebnisse“.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber editiert, neben der Einführung durch David Steindl-Rast, im Buch „Jeder Mensch ist ein Mystiker“ zwei Schriften von Abraham H. Maslow: „Lessons from the Peak-Experience“ – „Was Gipfelerlebnisse uns lehren“ (1961/62), und: „Religions, Values, and Peak-Experience“ – „Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse“ (1964). Dass die Herausgabe der Schriften erstmals in deutscher Sprache nach mehr als 50 Jahren erfolgt, erstaunt. Wenden wir die Tatsache im Sinne Maslows positiv, kann man auch sagen: Endlich werden sie zugänglich gemacht! „Die neuen Forschungswege, die sich aus Maslows Entdeckung der Gipfelerlebnisse ergeben, erfordern mutiges Vorangehen“ (David Steindl-Rast).

„Gipfelerlebnisse“ befinden sich in der Welt; nicht im Himmel! Diese wahrhaft mundane Erkenntnis (siehe dazu auch: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php) rüttelt an den festgefügten, religiösen wie natur- und geisteswissenschaftlichen Mauern der „Gewissheiten“. Sie verlangt nach „Ganzheit“ und der Zusammenfügung von „Sein“ und „Sollen“.

Bei der Neuherausgabe des Buches „Religions, Values, and Peak-Experience“ weist Maslow 1970 darauf hin, dass sich seit der Erstausgabe (1964) in der Welt viel verändert habe; insbesondere die Betrachtung und Bewertung von traditionellen Mystiken, die Ausweitung von Egoismen, Fatalismen und Fundamentalismen habe ganzheitliches Denken verringert. Mit den Fragen – „Eine wie gute Gesellschaft erlaubt die menschliche Natur?“, und „Eine wie gute menschliche Natur erlaubt die Gesellschaft“ – holt er transzendentes Denken und Erleben auf die Erde und die Alltagswelt der Menschen zurück: „Der Mensch besitzt eine höhere und transzendente Natur, und sie ist Teil seines Wesens, d. h. seiner biologischen Natur als Mitglied einer Gattung, die der Evolution entsprungen ist“.

Maslow stellt die traditionellen Beziehungen und „Gewissheiten“ auf den Prüfstand; er tritt im gesellschaftlichen Dasein der Menschen für eine Trennung von Kirche und Staat ein, jedoch nicht für eine „Austilgung“ entweder der einen oder der anderen Institution, weil „Einseitigkeit krank macht“. Dies gilt in gleicher Weise für das Verhältnis von Wissenschaft und Religion: Während der Atheist das Haus niederbrennt, anstatt es zu renovieren, leugnet auch der orthodoxe Wissenschaftler spirituelle und ethische Werte. Hingegen werden differenzierende Wissenschaftler erkennen können, dass „religiöse(s) Suchen, die religiöse Sehnsucht, die religiösen Bedürfnisse… der Wissenschaft völlig würdig sind, dass sie tief in der menschlichen Natur wurzeln, dass sie sich wissenschaftlich erforschen lassen…“.

Die Auseinandersetzungen über „die im Kern religiöse oder transzendente Erfahrung“ bringt den Autor zu der, sicherlich von den Dogmatikern zurückgewiesenen Behauptung, dass alle, in den Weltreligionen und religiösen Weltanschauungen übermittelten und grundgelegten „übernatürlichen Offenbarungen“ nicht mehr und nicht weniger als „ganz natürliche, menschliche Gipfelerlebnisse“ gedeutet werden können. Bei der Frage nach „organisatorische(n) Gefahren für transzendente Erfahrungen“ wagte Maslow sogar eine Aussage, über die es in der Tat nachzudenken gilt: Er stellte bei seinen therapeutischen Erfahrungen und Forschungen fest, dass „nicht-theistische religiöse Menschen“ anscheinend religiöser, transzendentaler und mystischer denken als konventionell Religiöse. „Ich bin nicht kirchlich gebunden, aber religiös“, diese Erfahrung ist allgegenwärtig und zeigt die Probleme zwischen Institution und Intuition auf. Einen Schlüssel zum Aufsperren dieser sperrigen Türen liefert der Autor, indem er die Bedeutung einer Werte-Bildung in den Vordergrund rückt und auf „Zielwerte“ verweist, die als „spirituelle Werte“ oder „höhere Werte“ menschliches Dasein bestimmen sollten, wie Fragen nach dem „guten Leben“, dem „guten Menschen“, der „guten Gesellschaft“. Denn das Schloss für die Tür zum Leben heißt „Wahrheit“; und die Suchenden, ob Gipfelstürmer oder eher bedächtige Wanderer, sind dann eben nicht Ideologen, Fundamentalisten oder Besserwisser, sondern Fragende, Experimentierende und Menschen, die das Wagnis des Denkens ernst nehmen.

In neun Anhängen (A – I) thematisiert und unterfüttert Maslow gewissermaßen seine Thesen zu den „Gipfelerlebnissen“. Mit 25 Argumenten bringt er religiöse Aspekte ins Spiel; er erläutert das Konzept der „dritten Psychologie“ (Humanistische Psychologie); er weist auf Formen von Ethnozentrismen bei Erzählungen und Formulierungen über Gipfelerlebnisse hin; er fragt nach der (wissenschaftlichen) Verlässlichkeit bei als in Gipfelerlebnissen erlangtem und vermitteltem Wissen; er setzt sich mit „Human Values“ auseinander; er berichtet über Methoden, wie Klienten dazu gebracht werden können, Gipfelerlebnisse mitzuteilen und nennt diese Form „rhapsodische, isomorphe Kommunikation“; er beschreibt den Umgang mit Seins-Wert-Vorstellungen, wie sie bei Gipfelerlebnissen auftreten können; er diskutiert Situationen, die dazu führen, entweder individuelle Einsichten, Entwicklung und Wachstum zu stärken, oder regressive Denk- und Verhaltensweisen zu provozieren; und er legt ein Beispiel für eine S-(Seins-)Analyse vor, die es in der Therapie ermöglicht, „das Transzendentale und Einigende zu erfahren, sowohl in sich als auch im Anderen“.

Fazit

Die Herausgabe von ausgewählten Schriften des US-amerikanischen Psychologen Abraham H. Maslow in deutscher Sprache zum Bereich Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse ist überfällig. „Dialogische Gestalttherapie“ als eine Form der „seelischen Ganzwerdung“ ist kein Nischenprodukt. Vielmehr zeigen die zahlreichen lokalen und globalen Entwicklungen, dass individuelle und gesellschaftliche Unsicherheiten, Wertverlusten und Gemütskälte eine „humanistische Psychologie“ nötiger haben denn je. Die beiden Maslowschen Schriften können dabei Aufmerksamkeit für positives „Dankbarkeits“-Denken und -Handeln erzeugen. Die von GIK vorgelegten Schriften in der Reihe „Impulse zur seelischen Ganzwerdung“, im Peter Hammer Verlag, zeigen differenzierte Wege dazu auf!

So dürfte das Buch „Jeder Mensch ist ein Mystiker“ nicht nur Psychotherapeuten und Psychologen neue Forschungs- und Praxiswege aufzeigen, sondern auch allen in schulischer und außerschulischer Bildung und Aufklärung Tätigen Anregungen zum mitmenschlichen Handeln bieten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.09.2014 zu: Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2014. ISBN 978-3-7795-0488-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16223.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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