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Andrea Tabatt-Hirschfeldt (Hrsg.): Öffentliche und Soziale Steuerung [...]

Cover Andrea Tabatt-Hirschfeldt (Hrsg.): Öffentliche und Soziale Steuerung - Public Management und Sozialmanagement im Diskurs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 186 Seiten. ISBN 978-3-8487-0155-1. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 48,90 sFr.

Reihe: Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft - 8.
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Thema

Auch wenn es für eine Rezension ungewöhnlich erscheint, so zu beginnen: Bereits der erste Blick auf das Buch macht ratlos. Zunächst: Das Buch ist ein Sammelband mit Herausgeberin. Aber es wird der Eindruck erzeugt, als sei es das Buch von nur einer Autorin geschrieben. Andrea Tabatt-Hirschfeld taucht sowohl auf dem Umschlag als auch auf der ersten Seite, wenn man das Buch aufschlägt, nicht mit dem Zusatz „Hrsg.“ auf, sondern es wird der Eindruck erweckt, es handele sich um die Autorin des gesamten Buchs. Erst im Vorwort und im Inhaltsverzeichnis S. 13/14 wird deutlich, dass es sich um einen Sammelband handelt. Mit dieser elementaren Sorgfalts-Regel scheinen es weder die Herausgeberin noch der Verlag so genau zu nehmen – sehr merkwürdig bei einem Buch mit wissenschaftlichem Anspruch, bei dem Genauigkeit eigentlich kein Fremdwort sein dürfte! Dann macht der Titel ratlos: Was ist „öffentliche Steuerung“: das Steuerungsverhalten öffentlicher Träger? Was bedeutet „soziale Steuerung“: ist das Sozialmanagement – wenn ja, warum mit einem solch merkwürdigen und wenig logischen Begriff? Auch mit den weiteren Vokabeln im Titel ist nichts ausgesagt über die inhaltliche Ausrichtung des Buches. Der selbstverständliche Anspruch, dass die geneigte Leserin über den Titel eine Orientierung zur grundlegenden inhaltlichen Ausrichtung eines Buches erhält, wird hier nicht ansatzweise eingelöst. Auch das Vorwort, also die Einleitung der Herausgeberin, vermittelt bedauerlicherweise keine Orientierung. Die Herausgeberin referiert bzw. fasst die einzelnen Beiträge nacheinander zusammen, ohne dass ein inhaltlicher Rahmen markiert wird, in den die einzelnen Beiträge thematisch einzuordnen oder gar aufeinander zu beziehen wären.

Aufbau

Die Beiträge werden zwei Teilen zugeordnet, die mit den Überschriften „normativ-diskursive Ebene“ und „strategische Ebene und Anwendungsgebiete“ überschrieben werden.

Inhalt

Grunwald/ Roß orientieren sich am Begriff bzw. Konzept des Governance. Sie sehen darin ein „theorie- und handlungsbasiertes Rahmenkonzept“, das über eine Adaption betriebswirtschaftlicher Verfahren im Rahmen des Sozialmanagements hinausweist und das sich als Leitorientierung für ein Steuerungskonzept nutzbar machen lässt, welches als Alternative zu einer manageriell verkürzten „Neuen Steuerung“ firmiert. Trotz der von den Autoren zugestandenen Diffusität des Begriffs bzw. der Verwendungskontexte dieses Begriffs und trotz des damit einhergehenden Klärungsbedarfs vermerken sie eine gewisse Parallelität zwischen Governance-Gedanken und organisationssoziologisch begründeten Zweifeln an den Möglichkeiten einer intentionalen Steuerung. Ihr Plädoyer für ein Konzeptionierung Sozialmanagement, die intraorganisationale Governance-Überlegungen einbezieht, regt an zu weiteren Perspektiven-Diskussionen. Ob man für die vorgeschlagenen Perspektive einer „Governance Sozialer Arbeit“ unbedingt das Etikett „Hybridität“ bemühen muss, kann man unterschiedlich bewerten, aber in dem Beitrag werden in einem plausiblen Argumentationsverlauf Anregungen für die weiteren Diskussionen um Sozialmanagement vermittelt.

Böhmer versucht in seinem Beitrag eine „Choreographie der Sozialplanung“ zu entwerfen. Der hier hergestellt Bezug von Sozialplanung zu Sozialmanagement ist wenig plausibel, weil eine elementare Differenz kaum beachtet wird: Sozialplanung hat eine infrastrukturelle Ausrichtung, während Sozialmanagement sich auf die Gestaltung einer Organisation bezieht. Insofern mag Sozialplanung einen Bezug zur Diskussion um „Public management“ haben, weil hier neben den organisationsbezogenen auch infrastrukturelle Gestaltungsaufgaben einbezogen sind, nicht aber zum Sozialmanagement, das den Fokus auf die Organisation richtet. Der Bezug zur „Sozialplanung“ wird im Titel es Beitrags zwar behauptet, aber in der Darstellung bleibt er eher diffus.

Der Beitrag von Wendt über „Aspekte von Governance in der Sozialwirtschaft“ ist stark programmatisch ausgerichtet und ordnet viele Aspekte, die in vielen vorherigen Veröffentlichungen bereits vom Autor mit dem Begriff „Sozialwirtschaft“ verarbeitet wurden, nun in den Kontext „Governance“ ein: informelle Netzwerke, case management, persönliches Budget u.a.m. Gegenüber der programmatischen Ausrichtung wäre es jedoch hilfreich, die Empirie stärker einzubeziehen, um sich zu vergewissern, welche Realisierungschancen die programmatisch formulierten Perspektiven haben, z.B. im Hinblick auf informelle und familiäre Netzwerke oder im Hinblick auf den Umfang der Umsetzung von persönlichen Budgets in der Behindertenhilfe.

Bedauerlicherweise ist der Beitrag der Herausgeberin Tabatt-Hirschfeld – ähnlich wie der Buchtitel – schon in der Überschrift wenig zu fassen: „Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit – Interdisziplinäre, internationale und kritische Perspektiven zum Sozialmanagement und Public Management“. Ähnlich wie der Titel ist auch die Darstellung schwer zu greifen: Unterschiedliche Aspekt werden angesprochen (Verortung von Sozialmanagement – „Ökonomisierung“ – aktivierender Staat in internationaler Perspektive ….), ohne dass für den Rezensenten ein stringenter Argumentationsfaden erkennbar gewesen wäre. Ärgerlich und sachlich kaum nachvollziehbar ist die von der Autorin vorgenommene Gegenüberstellung von „Sozialarbeit“ und „Sozialmanagement“ – als wären es zwei unterschiedliche Elemente, die sich gegenüberstehen. Sozialmanagement ist Teil der Sozialen Arbeit! Bei Sozialmanagement handelt es sich um die Gestaltung der Organisationen, in denen Soziale Arbeit gemacht wird: in Form von fachlicher Steuerung, betriebswirtschaftlicher Steuerung, organisationsbezogener Steuerung, mitarbeiterbezogener Steuerung, Steuerung des Verhältnisses der Organisation zu ihrer Umwelt. Sozialmanagement ist Ausdruck der Tatsache, dass Soziale Arbeit in Organisationen stattfindet und dass solche Organisationen gesteuert werden müssen. Dafür stellt Sozialmanagement Wissen und Konzepte zur Verfügung. Es ist verfehlt, daraus eine Gegenüberstellung von zwei Elementen zu konstruieren – hier „Sozialarbeit“, dort „Sozialmanagement“. Sozialmanagement ist Teil der Sozialen Arbeit und kann nur dann sinnvolle und umsetzbare Konzepte entwickeln, wenn sie sich als einen solchen Bestandteil begreift und daraus Konzepte entwickelt, die den spezifischen Konstellationen in den verschiedenen Handlungsbereichen der Sozialen Arbeit Rechnung tragen!

Im letzten Beitrag des ersten Teils schreibt Brinkmann über „Sozialunternehmen: Expandierende Sozialwirtschaftsakteure zwischen Public Management und Sozialmanagement – Diskurs zur Differenz und Synergie intermediärer, investiver und wirkungsorientierter Steuerung“. Auch hier verwirrt der Titel, und diese Verwirrung wird durch die Lektüre des Beitrags nur begrenzt reduziert. Es geht offenkundig darum, darauf aufmerksam zu machen, dass mögliche „sozialinvestive“ Ansätze (Unternehmen investieren in „das Soziale“) Folgen nach sich ziehen in ordnungs- und sozialpolitischer Hinsicht: für das Sozialsystem, für öffentliche Leistungsträger und für gemeinnützige Träger. Ferner werden Möglichkeiten und Perspektiven „wirkungsorientierter Kontrakte“ zwischen Leistungsträgern und Leistungserbringern erörtert, ohne jedoch Differenzierungen zwischen einzelnen Handlungsfeldern vorzunehmen und die Debatte dadurch stärker zu erden. Nebenbei bemerkt: Bei diesem Beitrag wäre ein Lektorat durch die Herausgeberin dringend notwendig gewesen – die Fülle redaktionell zu bearbeitender Fehler ist in diesem Beitrag auffällig.

Der zweite Teil des Sammelbandes enthält unter der Überschrift „strategische Perspektiven und Anwendungsgebiete“ drei Beiträge.

Brandl erörtert unter einer sehr allgemeinen Überschrift („Public Manager und Sozialmanager: Steuerung von sozialen Dienstleistungen“) managerielle Verbesserungspotentiale in der stationären Altenpflege und plädiert für eine „Steuerung durch Innovation“.

Noll greift ein altes Thema auf: die Schwächung der Ehrenamtsebene in der Leitung von Trägern durch fachliche und manageriale Professionalisierungsanforderungen; sein Plädoyer für einen „corporate governance kodex“ wird vermutlich nicht die Lösung für dieses Problem bringen, weil dies, zumindest in seiner Darstellung, eher auf der normativen Ebene verbleibt und kaum zum sachlichen Kern des Problems vordringt (für das die Praxis im übrigen verschiedentliche Lösungen erarbeitet hat, mit unterschiedlichen Erfahrungen – die aber im Beitrag nicht erwähnt werden).

Schwien will in einem kurzen Beitrag „Balanced Scorecard und Risikomanagement als Ausgangspunkt für wirkungsorientierte Steuerung“ beschreiben. Er verdeutlicht am Beispiel der Behindertenhilfe einer größeren Stiftung Zielbeschreibungen in der Logik der BSC, jedoch bleibt dies auf de Ebene einer „zielorientierten Steuerung“; zu der im Titel angesprochenen „wirkungsorientierten Steuerung“ dringt der Beitrag nicht vor.

Diskussion und Fazit

Hinsichtlich des Aufbaus ist eine inhaltliche Linie, die dem Band eine thematische Struktur geben könnte, kaum zu erkennen. Die Einteilung unter zwei Überschriften erscheint eher zufällig und vermag kaum Orientierung zu geben. Es handelt sich im schlechten Sinn um einen „Sammelband“: gesammelte, zwischen zwei Buchdeckeln untergebrachte Beiträge verschiedener Autoren zu verschiedenen Themen, die außer von den Buchdeckeln durch nichts zusammengehalten werden.

Insbesondere der Beitrag von Grunwald/ Roß zu Beginn des Bandes überzeugt durch plausible Argumentation und inhaltliche Anregungen für die weitere Diskussion. Die anderen Beiträge enthalten sicherlich den einen oder anderen Teilaspekt, der weiter und genauer beleuchtet werden sollte. Aber insgesamt spiegelt sich die am Anfang dieser Rezension benannte Ratlosigkeit bei der Lektüre des Buchtitels in der Lektüre der meisten Beiträge wider. Viele Beiträge müssten eine stringentere Argumentation aufweisen und nicht so sehr assoziativ unterschiedliche Dinge irgendwie miteinander verkoppeln.

Ein Sammelband sollte ein thematisch stringenteres und nachvollziehbares Gesamtkonzept enthalten; irgendeinen roten Faden sucht man in den Beiträgen dieses Sammelbandes vergeblich. Kein guter Ausweis für eine Buchreihe, die sich „Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft“ zu ihrem Anliegen gemacht hat.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Merchel
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion:

Zu diesem Titel liegt eine weitere Rezension vor in „Das Kölner Journal“ Doppelausgaben 2/ 2014, 1/2015, Nomos, S. 175-185. Die Rezension ist von Prof. Dr. Gotthard Schwarz verfasst.


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Zitiervorschlag
Joachim Merchel. Rezension vom 27.05.2014 zu: Andrea Tabatt-Hirschfeldt (Hrsg.): Öffentliche und Soziale Steuerung - Public Management und Sozialmanagement im Diskurs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-0155-1. Reihe: Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft - 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16228.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


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