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Christa Wewetzer, Marlis Winkler (Hrsg.): Beratung schwangerer Frauen

Cover Christa Wewetzer, Marlis Winkler (Hrsg.): Beratung schwangerer Frauen. Interprofessionelle Zusammenarbeit bei Pränataldiagnostik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 207 Seiten. ISBN 978-3-17-022253-3. 29,90 EUR.
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Thema

Thema der Publikation ist die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen bei der Beratung von Frauen, die pränatale Diagnostik in Anspruch nehmen.

Herausgeberinnen und AutorInnen

Die Herausgeberinnen sind Christa Wewetzer, Biologin und Referentin am Zentrum für Gesundheitsethik Hannover sowie Marlis Winkler, Sozialarbeiterin und Diakoniewissenschaftlerin, Referentin für Schwangerenberatung im Diakonischen Werk

Einige AutorInnen gehören zu Professionen, die sich mit den Problemlagen schwangerer Frauen im Zusammenhang mit pränataler Diagnostik befassen (ÄrztInnen, Hebammen, BeraterInnen, SeelsorgerInnen u. a.). Andere der AutorInnen beschäftigen sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit Besonderheiten interdisziplinärer oder interprofessioneller Zusammenarbeit in Netzwerken (SoziologInnen, PsychologInnen u. a.).

Entstehungshintergrund

Pränatale Diagnostik ist in Deutschland ein routinemäßiger Teil der Schwangerenvorsorge. Werdende Eltern können durch pränatale Untersuchungen vor die Wahl gestellt werden, ihr voraussichtlich behindertes oder krankes Kind zur Welt kommen zu lassen oder aber die Schwangerschaft abzubrechen. Insbesondere in diesen Fällen kann bei der Schwangeren bzw. dem Paar Beratungsbedarf in medizinischer und psycho-sozialer Hinsicht bestehen. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, ist Beratung durch unterschiedliche Personen und Professionen vom Gesetzgeber geregelt. Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis eines Projektes, das die Netzwerkbildung und die interprofessionelle Zusammenarbeit bei der Beratung im Zusammenhang mit pränataler Diagnostik zu fördert.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst elf Beiträge von insgesamt 14 AutorInnen.

Nach einer Einführung geben die beiden ersten Beiträge einen Überblick über die Vorgehensweisen und die Rechtslage bei der Pränataldiagnostik und der Beratung. Während Christa Wewetzer (1) vor allem Untersuchungsmöglichkeiten und Anforderungen an die Beratung bespricht, wendet sich Anne Rummer (2) den gesetzlichen und untergesetzlichen Regelungen zu.

Es folgen mehrere Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven, die Interprofessionalität, Netzwerkarbeit und Qualitätszirkel sowie Merkmale von Beratung und Gesundheitsinformationen thematisieren. Karl Kälble stellt seinem Beitrag (3) terminologische Klärungen (z. B. interprofessionell, interdisziplinär) voran, um dann Voraussetzungen und Barrieren, personen- und bedingungsbezogene Faktoren der Kooperation zu diskutieren. Im Beitrag (4) von Henning Staar geht es um Anforderungen an das Management eines Beratungs-Netzwerks. Staar sieht in Verbindlichkeit den Schlüssel zum Erfolg. Als Voraussetzung für die Zusammenarbeit diskutiert er die Formalisierung von Arbeitsprozessen, Transparenz und Partizipation, Kommunikation und Vertrauen sowie einen aktiven Umgang mit Fragen von Macht, Einfluss und Wettbewerb. Ottomar Bahrs stellt im Kapitel 5 Interprofessionelle Qualitätszirkel als Instrument der Kooperation vor. Er zeigt, welchen Beitrag sie zur Zusammenarbeit leisten können, indem sich die Angehörigen verschiedener Berufsgruppen z. B. durch die Arbeit an konkreten Fällen als „peers“ wahrnehmen. Jürgen Kasper und Daniela Reitz (6) verweisen auf die unterschiedlichen Qualitätsmerkmale von Beratung durch verschiedene Berufsgruppen. Sie stellen eine explorative Studie zu Merkmalen der Beratung verschiedener Professionen vor, die Unterschiede zwischen ärztlicher und nicht-ärztlicher Beratung zeigt. Im folgenden Beitrag (7) beschäftigen sich Fülop Scheibler, Susanne Müller und Jürgen Kasper mit evidenzbasierten Gesundheitsinformationen und Entscheidungshilfen. Sie referieren eine Übersichtsarbeit, die untersucht, inwiefern verschiedene Entscheidungshilfen relevante Endpunkte wie Ängstlichkeit oder Inanspruchnahme von pränataldiagnostischen Untersuchungen beeinflussen.

In den folgenden beiden Beiträgen kommen zentrale Berufsgruppen im Feld der Beratung von Schwangeren zu Wort. Robin Schwerdtfeger (8) stellt aus der Sicht des Pränatalmediziners die Herausforderungen der Netzwerkbildung dar. Silvia Höfer (9) umreißt die Aufgaben von Hebammen, die auf persönliche Betreuung der Schwangeren ausgerichtet sind. Sie beleuchtet das der ärztlichen Schwangerenvorsorge zugrunde liegende Risikokonzept und die geringe Rolle, die Hebammen hierbei spielen. Aus ihrer Sicht haben Hebammen aber eine besonders vertraute Beziehung zur Schwangeren. Damit sind sie in besonderer Weise qualifiziert, zu einer informierten Entscheidung der werdenden Eltern beizutragen.

Den Abschluss des Bandes bilden eine kritische Würdigung der Kooperation bei der Beratung schwangerer Frauen sowie die Perspektive einer Seelsorgerin auf die Bedürfnisse der professionellen HelferInnen. Martina Weiss und Ottomar Bahrs (10) setzen hier einen Kontrapunkt, indem sie die Aufmerksamkeit darauf richten, dass auch eine optimale Kooperation zwischen den Professionen das Grunddilemma der pränatalen Diagnostik nicht löst. Vielmehr, so die These, laufen die Beteiligten Gefahr, die „Unmöglichkeit“ der Entscheidungen in der pränatalen Diagnostik durch ein gut organisiertes Vorgehen bei der Beratung zu verschleiern und die werdenden Eltern letztlich allein zu lassen. Im letzten Beitrag (11) nimmt Angela Kessler-Weinrich die Bedürfnisse der professionellen Helfer bei späten Schwangerschaftsabbrüchen in den Blick. Anhand persönlicher Erfahrungen als Krankenhausseelsorgerinnen schildert sie die Belastungen für alle Beteiligten und den Beitrag, den Seelsorge zur Verarbeitung leisten kann.

Diskussion

Der Band „Beratung schwangerer Frauen“ ist eine lohnende Lektüre für alle, die sich mit der Beratung bei pränataler Diagnostik befassen. Er umfasst Informationen zu den Rechtsgrundlagen und zur Praxis der pränatalen Diagnostik und Beratung, zum Aufbau funktionierender Kooperationsbeziehungen und zur Förderung der Beratungsqualität. Der Forschungsbedarf im Feld der Beratung zur pränatalen Diagnostik wird verdeutlicht. Insbesondere die drei letzten Beiträge zeigen, welch brisantes Thema die pränatale Diagnostik mit ihren möglichen Konsequenzen sein kann. Der Sammelband ist insofern ausgewogen: zu den zahlreichen Informationen und interessanten Untersuchungsergebnissen kommen wichtige grundsätzliche Denkanstöße. Eine stärkere inhaltliche Vernetzung der inhaltlich und theoretisch heterogenen Beiträge wäre denkbar.

Man hätte dem interessanten Werk eine sorgfältigere Redaktion gewünscht: So werden z. B. die Rechtsgrundlagen nicht einheitlich zitiert oder fehlen in den Literaturangaben (z. B. S. 34: „BT Drs 16/12970“ fehlt im Literaturverzeichnis, die Abkürzung wird nicht erklärt). Im Beitrag (7) fehlen die eingeschlossenen Interventionsstudien im Literaturverzeichnis.

In einem Sammelband, der sich mit Interprofessionalität und Interdisziplinarität beschäftigt, wäre ein einheitlicher Gebrauch dieser Begriffe wünschenswert, der gelegentlich sogar innerhalb einzelner Beiträge nicht durchgehalten wird (z. B. S. 154). Etwas lieblos erscheint auch die Sprachregelung hinsichtlich der Geschlechter mittels einer in mehreren Beiträgen eingefügten „Standard-Fußnote“ (S. 34, 76, 119, 153, 190). Schließlich hätte man der Anordnung von Abbildungen und Tabellen mehr Aufmerksamkeit widmen können (z. B. Kap. 6).

Fazit

Ein lesenswertes Buch, in dem die Probleme der interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit bei der Beratung von schwangeren Frauen, die Pränataldiagnostik in Anspruch nehmen, aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet werden. Der Band ist nicht nur informativ und anregend, sondern auch insofern erhellend, als er selbst ein Beispiel für die Stärken und Schwierigkeiten interprofessioneller Kooperation ist.


Rezension von
Prof. Dr. phil. Dorothea Tegethoff
Master of Health Administration, Diplom-Pädagogin, Hebamme, Ev. Hochschule Berlin, Dualer Bachelorstudiengang Hebammenkunde
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Zitiervorschlag
Dorothea Tegethoff. Rezension vom 12.02.2014 zu: Christa Wewetzer, Marlis Winkler (Hrsg.): Beratung schwangerer Frauen. Interprofessionelle Zusammenarbeit bei Pränataldiagnostik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022253-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16244.php, Datum des Zugriffs 22.10.2021.


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