socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Debra Satz: Von Waren und Werten

Cover Debra Satz: Von Waren und Werten. Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. 318 Seiten. ISBN 978-3-86854-262-2. D: 32,00 EUR, A: 32,30 EUR, CH: 45,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Autorin

Die Publikation von Debra Satz erschien zuerst 2010 unter dem Originaltitel „Why Some Things Should Not Be For Sale. The Moral Limits Of Market“. Die keineswegs geringfügige Veränderung im deutschen Titel (2013) lässt den Leser und die Leserin neugierig werden, warum die „Moralischen Grenzen des Marktes“ als Titel nicht opportun sind.

Debra Satz thematisiert den Unterschied des Marktprinzips und die Bereiche des Marktes, sie benennt Positionen, die einerseits der Marktorganisation sehr viel zutrauen und solchen, die die Marktmacht zumindest in bestimmten Bereichen begrenzt oder gar aufgehoben sehen möchten. Sie selber will hier keine Position stark machen, sondern ihre Arbeit und Argumentation soll Leserinnen und Lesern einen differenzierten Blick auf die Märkte ermöglichen. Ihre Frage dabei ist, welch Stellenwert dem Markt in der zeitgenössischen Philosophie eingeräumt wird. Sie beschränkt sich dabei auf die gegenwärtige egalitaristische politische Philosophie in der US-amerikanischen Debatte.

Debra Satz ist Professorin für Philosophie an der Stanford University, Marta Sutton Weeks Professor of Ethics in Society, ihre Forschungsschwerpunkte liegen den Bereichen Sozial- und Wirtschaftsphilosophie sowie Politische und Feministische Philosophie.

Aufbau und Inhalt

Debra Satz hat ihr Buch in drei, nicht ganz gleichgewichtige Teile (I bis III) gegliedert. Der erste und kürzeste Teil (I) fragt: Was tun Märkte? Satz entwickelt aus dieser Frage ihre Idee des Marktes „als eines ökonomischen und sozialen Mechanismus zur Preisbildung, Verhaltenskoordination und Erweiterung von Wahlmöglichkeiten.“ (14)

Der zweite Teil (II) enthält Material für Debra Satz eigene Theoriebildung. Sie wendet sich zuerst der ökonomischen Theorie zu, um dann in einem zweiten Schritt den Ort und die Reichweite des Marktes in der zeitgenössischen egalitaristischen politischen Theorie zu erkunden. Sie beschränkt sich auf angelsächsische Literatur

Der dritte Punkt des zweiten Teils stellt klar, dass es sich nicht um eine abstrakte Abhandlung über das Marktgeschehen als solches handelt, sondern dass es Satz um ganz konkrete Marktgeschäfte geht, denen sie – ganz moralisch – gerne einen Riegel vorschieben würde.

Diesen Geschäften geht sie in dem dritten Teil (III) nach und untersucht die Märkte für die Reproduktionsarbeit von Frauen (III. 5), die Märkte für Sexarbeit von Frauen (III. 6), die Kinderarbeit (III. 7), die Freiwillige Versklavung und die Grenzen des Marktes (III. 8) sowie abschließend die Ethischen Probleme des Nierenmarktes (III. 9). Der dritte Teil und damit auch das ganze Buch schließen mit einem kurzen Fazit (III. 10).

In dem ersten Teil (I)

skizziert Debra Satz die Grundtheorie des Marktgeschehens (23 – 51). Sie versucht ihr Verständnis des Marktgeschehens zu beschreiben, kommt relativ schnell auf den Staat als den Gewährleister des Marktgeschehens zu sprechen und differenziert zwischen Markt und Marktsystem. Letzteres ist ihrer Meinung nach die Abstraktion der Menge und wechselseitigen Verbindungen aller Märkte. Deutlich wird bereits hier, das sie nicht den Markt als solchen ethisch oder politisch in Frage stellen will, sondern nur einzelne Märkte, genauer die „spezifische Natur bestimmter“ Märkte (26). Satz geht es um den Nachweis, dass die moralischen Dimensionen bestimmter konkreter Märkte nur dann verstanden werden können, wenn die Abstraktion „Marktsystem“ außen vor bleibt (25f).

Nach diesen eher einleitenden Sätzen erläutert Satz, was sie unter Markttugenden, (Pareto-) Effizienz, Freiheit, Eigentumsrechten und Marktversagen versteht. Mit Hilfe dieser Begriffe sucht Satz Märkte als ökonomische und gesellschaftliche Mechanismen zu verstehen. Sie behauptet in dem Ausblick des I. Teils, dass die zeitgenössische Volkswirtschaftslehre über starke Argumente für die Märkte und ihre Mechanismen habe. (48) Gleichzeitig weist sie schon hier zu dem folgenden Teil II, wenn sie ohne einen Beleg behauptet, dass die Argumente für den Markt den Produkten und getauschten Waren keinen moralischen Wert zumessen. Ethische Dignität und auch die materiale Qualität der Güter ist ohne Relevanz für die klassische Volkswirtschaftslehre, so Satz. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler sehen sich zuständig für die ökonomischen Folgen und für die Effizienz auf bestimmten Märkten. Die ethischen Aspekte sind uninteressant. Hier hakt Satz ein und formuliert, den ersten Teil abschließend, die zentrale These ihres Buches:

Sie möchte die Bewertung der Märkte erweitern. Die Auswirkungen der Märkte und etwaigen Marktversagens auf unsere wechselseitigen Beziehungen und Demokratie sei so erheblich, dass sie eine ethische Bewertung für unverzichtbar hält. Dazu möchte sie auf die klassische Ökonomie versus die bislang referierte zeitgenössische Wirtschaftswissenschaft zurückgreifen. Die Klassiker berücksichtigten ihrer Meinung nach Machtstrukturen und Auswirkungen der Märkte auf das Individuum und die sozialen Beziehungen.

In dem zweiten Teil (II)

greift Debra Satz dann auf den Klassiker schlechthin, auf Adam Smith zurück und auf sein Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“. Als weitere Klassiker zieht sie David Ricardo und später auch auf Karl Marx heran. Diese drei haben, wie insgesamt die klassische politische Ökonomie, Märkte durchaus ethisch beurteilt, so beispielsweise wenn es um die Beziehungen der verschiedenen sozialen Klassen ging. Mit Ricardo sieht Debra Satz in dem Auffinden der Gesetze der Verteilung des Sozialprodukts das Hauptproblem der Politischen Ökonomie schlechthin. Den klassischen ökonomischen Denkern ging es um Fragen, wie eine gute Gesellschaft zu verwirklichen wäre. Es ging um Visionen einer guten Gesellschaft.

Satz möchte an diese älteren Vorstellungen anknüpfen und wendet sich der zeitgenössischen egalitaristischen politischen Theorie in Auseinandersetzung mit Ronald Dworkin und Michael Walzer zu.

Satz interpretiert Dworkin dahingehend, dass seine Theorie nicht darauf zielt, den Markt zu begrenzen. Lediglich aus paternalistischen Gründen kann der Staat Ausnahmen machen und eine gewisse Begrenzung vornehmen. Sie referiert den vorherrschen Ansatz des allgemeinen Egalitarismus als eine Theorie, die alle Märkte gleich behandelt und deren Vertreter Ungleichheiten durch finanzielle Abhilfemaßnahmen korrigieren wollen. Mit der Theorie des speziellen Egalitarismus, der Märkte dahingehend kritisiert, dass an ihnen mit solchen Dingen Handel betrieben wird, die nicht für Geld zu haben sein sollten (vgl. den deutschen Titel) nähert sie sich ihrem eigentlichen Thema. Satz wendet sich dagegen, dass es Märkte „für alles“ gibt und wendet sich gegen Tauschvorgänge bei bestimmten Gütern. Diese nennt sie toxische Märkte und beschreibt sie mithilfe von vier Parametern. Es geht ihr um die Auswirkungen dieser toxischen Märkte. Diese können erstens schädliche Ergebnisse für die Menschen hervorbringen. Ein Beispiel ist der Genozid bei einem Bürgerkrieg. Zweitens können sie extrem schädlich für die Gesellschaft sein, indem die sozialen Rahmenbedingungen untergraben werden. Drittens gibt es Märkte, in denen die Marktteilnehmer über hochgradig asymmetrische Kenntnisse und Informationen verfügen. Viertens spiegeln einige Märkte extreme Verwundbarkeiten einer der Parteien wider und verschärfen diese auch noch. Ein Beispiel ist die fehlende Grundversorgung der Bevölkerung in Bangladesch.

Eingeschränkte Handlungsfähigkeit einerseits und Verwundbarkeit andererseits führen zum einen zu extremen Schäden für den Einzelnen und zum andern für die Gesellschaft. (138) Mit Hilfe dieser vier Parameter will Debra Satz die Akzeptabilität bestimmter Märkte überprüfen. Dies setzt Satz im nächsten Abschnitt ihrer Studie um.

Der dritte Teil (III)

benennt fünf toxische Märkte:

  • erstens Märkte für die Reproduktionsarbeit (Vertragsschwangerschaft) von Frauen bzw. für weibliche Ovarien;
  • zweitens Märkte für Sexarbeit von Frauen;
  • drittens der Markt für Kinderarbeit;
  • viertens der Markt für freiwillige Versklavung und
  • fünftens der Markt für den Handel mit Nieren.

In ihren fünf Einzelstudien diskutiert sie die mit den Märkten verbundenen ethischen Problemen ausführlich mit Hilfe des Gleichheitsgrundsatzes und sachlichen Nachweisen von Ungleichheit und kommt jeweils zu differenzierten Urteilen. Damit erschließt sich auch, was diese vergifteten Märkte gemein haben: sie verwehren den Marktteilnehmer ihre Gleichheit als Bürger und Bürgerinnen. Leihmutterschaft wie Prostitution trägt zur Ungleichheit der Geschlechter bei.

In einem letzten Kapitel des dritten Teils kommt Debra Satz zu ihren Schlussfolgerungen:

  1. Die Fähigkeit der Märkte zur Selbstkorrektur wird überschätzt, wie die Finanzkrise, während deren Dauer Satz ihr Buch geschrieben hat, zeigt. (Vor allem in der US-amerikanischen Debatte, wie mir scheint!)
  2. The invisible hand des Marktgeschehens kommt nicht ohne Hilfe z. B. des Staates aus.
  3. Zur Beurteilung der Märkte braucht es eine breite Palette von Werten. Aus den vier oben aufgezeigten Parametern werden im Schlussteil nun plötzlich Werte.
  4. Neben der Bestimmung dieser Werte erhebt Satz eine sozialdemokratische Forderung – sie spricht von hier von einer These: Bestimmte Güter sollten außerhalb des Marktes zur Verfügung gestellt werden!

Interessanterweise fordert Debra Satz kein Verbot irgendeines toxischen Marktes. Das gilt auch für den Nierenmarkt und die Märkte für Kinderarbeit und Sklaverei. Sie tendiert wohl eher dazu, dass diese Märkte durch politische Regulierung restrukturiert oder begrenzt werden müssen. Satz will eine Diskussion über die Heterogenität von Märkten anstoßen und schließt ihr Buch mit der Frage, in welche Art von Gesellschaft wir diese heterogenen Märkte eingebettet sehen wollen.

Fazit

Debra Satz hat eine anregende Studie vorgelegt, die zum Nachdenken über Märkte und (Un-) Gleichheit einlädt. Der Umfang der fünf Einzelstudien ist beeindruckend. Ihr Nutzen für die akademische Lehre liegt auf der Hand.

Das Buch insgesamt wirft die Frage auf, warum Satz sich so dagegen sträubt, das Marktsystem als ganzes in den Blick zu nehmen. Dass der amerikanische Titel „Moralischen Grenzen des Marktes“ in der deutschen Übersetzung weggefallen ist, wird nach der Lektüre verständlich. Satz ignoriert das Marktsystem als solches. Sie stellt nicht die Frage nach den moralischen Grenzen unseres Wirtschaftens. Sie interessieren die Grenzen toxischer Märkte, vorzugsweise in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Immer wieder erwähnt sie, dass sie den Markt nicht beurteilen, sondern nur toxische Märkte untersuchen will. Nicht nur hier wirken ihre Redundanz und die Wiederholungen ihrer Darlegung störend.

Das beigebrachte Material lässt durchaus fragen, warum Debra Satz so beharrlich bei einer – nicht weiter begründeten – Bejahung des Marktsystems bleibt. Die von ihr aufgezeigten großen Machtasymmetrien legen ja doch nahe, dass Märkte zu Monopolbildung und Konzentrationsprozessen neigen, dass systematischer Ausbeutung und dadurch verursachte Ungleichheit eben „System“ sind. Warum sie in keiner Weise die Hilfen für die versagende unsichtbare Hand, die sie anspricht, diskutiert, bleibt mir unverständlich. Märkte sind – eben auch nach Debra Satz – auf staatlich gesicherte Rahmenbedingungen, auf Bildungseinrichtungen und auf eine funktionierende Judikative, auf ein zivilgesellschaftlich organisiertes Gemeinwesen und auf Sozialität, angewiesen, wenn es denn eine „gute“ Marktwirtschaft sein soll. Der Eigennutz mag die Märkte regieren, welche Debra Satz eben keineswegs in Frage stellen möchte, er kann und darf aber nicht eine humane Gesellschaft dominieren. Bei ihrer Anlehnung an Adam Smith hätte sie die starke moralphilosophische Verankerung von Smith selber durchaus zu weiterreichender Kritik am heutigen Marktgeschehen motivieren können. Ohne die Frage aufzuwerfen, für wen und wozu wir denn wirtschaften, bleibt Satz bei der Vorstellung des „idealen Marktes“ stehen. Die angedeuteten Eingriffe in sehr selektiv ausgewählte toxische Märkte bleiben vage. Ihr Plädoyer für eine Beschäftigung mit den Rahmenbedingungen des Marktes ist zu begrüßen. Aber umgekehrt sollten wir „Rahmenbedingungen“ beschreiben. Eine sinngebende und legitimierende Politik für ein gutes Leben und gutes Wirtschaften setzt den Rahmen für das Marktgeschehen. Die Kriterien des guten Lebens und des guten Wirtschaften müssen sich im gerechten Zusammenleben der Menschen bewähren! Dass die Moralphilosophie durchaus den theoretischen Rahmen für gezielte Eingriffe in den Markt bis hin zum Verbot des Tausches bestimmter „Waren“ bereitstellt, lässt Satz trotz ihres ausführlichen Diskurses über Egalitarismus außen vor. Debra Satz bleibt – ebenfalls trotz ihres Bezugs auf Smith und Marx – den Beweis schuldig, dass es ihr mit den klassischen ökonomischen Denkern um die Frage geht, wie eine gute Gesellschaft zu verwirklichen wäre, ja, dass es ihr um Visionen für eine gute Gesellschaft geht.


Rezensent
Prof. Dr. Friedrich Heckmann
Hochschule Hannover
Arbeitsschwerpunkte: Sozial- und Wirtschaftsethik, Prakt. Philosophie
Homepage www.ethik-heckmann.de


Alle 3 Rezensionen von Friedrich Heckmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Friedrich Heckmann. Rezension vom 13.03.2014 zu: Debra Satz: Von Waren und Werten. Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten. Hamburger Edition (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-86854-262-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16249.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung