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Hilge Landweer, Ursula Renz (Hrsg.): Handbuch Klassische Emotionstheorien

Cover Hilge Landweer, Ursula Renz (Hrsg.): Handbuch Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. Walter de Gruyter (Berlin) 2012. 712 Seiten. ISBN 978-3-11-028415-7. D: 59,95 EUR, A: 60,50 EUR.

Reihe: De-Gruyter-Handbuch.
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Thema

Emotionen zählen zum Menschsein wie Hunger und Durst. Sogar Diskussionen über Emotionen bewegen zuweilen die Emotionen. Emotionstheorien bieten hier Orientierung. Seit der Antike beschäftigt sich die Philosophie mit Gefühlen, Emotionen, Affekten, Leidenschaften, Stimmungen usw. Das vorliegende Handbuch kennzeichnet die darin behandelten Theorien im Titel als „klassisch“ und meint damit faktisch „philosophisch“.

Autorinnen

Hilge Landweer ist Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

Ursula Renz ist Associate Professor an der Roskilde Universität bei Kopenhagen.

Aufbau

Das Handbuch enthält nach einer kurzen Einleitung zur Geschichte philosophischer Emotionstheorien nicht weniger als 31 Kapitel, grossmehrheitlich zu einzelnen Philosophen. (Philosophinnen sucht man, abgesehen vom letzten Beitrag über Susanne K. Langer, vergeblich.) Am Schluss folgen Angaben zu den Autorinnen und Autoren der Beiträge.

Inhalt

Menschen haben Gefühle, und Menschen haben Möglichkeiten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, allem voran durch die Sprache. Für bestimmte Gefühle scheint es mehrere Bezeichnungen zu geben, bei näherem Hinsehen könnte es sich aber doch um unterschiedliche Gefühle handeln, bestimmte Gefühlsbezeichnungen haben sich aus dem üblichen Wortschatz verabschiedet, neue Bezeichnungen für altbekannte oder neue Gefühle sind hinzugekommen. Angst und Furcht, Eifersucht und Neid, Melancholie und depressive Verstimmung – meinen sie je dasselbe? Gibt sprachlicher Wandel tatsächliche Veränderungen menschlicher Gefühlswelt wieder? Scheelsucht: Wie steht es um sie heute? Der Blick in die Geschichte des Fachs offenbart, dass die Philosophie vielfältige Antworten auf solche Fragen gibt. „Es zeigt sich überdies, dass hinter den verschiedenen Ansätzen oft bestimmte Erkenntnisinteressen – moralisch-praktische, politische, therapeutische oder rein theoretische – stehen, die je nach Kontext beträchtlich variieren können. Emotionstheorien aus verschiedenen Epochen sind deshalb nur bedingt miteinander vergleichbar“ (S. 4), folgern die beiden Herausgeberinnen. Eine weitere Frage betrifft das Verhältnis von Emotionen und deren Reflexion. Verändern sich die Gefühle mit den Theorien über diese? Die Herausgeberinnen bemerken dazu, „dass die Gefühle selbst vom Wandel der Theorien nur mittelbar tangiert sind. Dass wir bei der Interpretation von emotionalem Erleben mit kulturellen Grammatiken rechnen müssen, schließt epochenübergreifende Gemeinsamkeiten nicht aus“ (S. 5).

Das Handbuch lässt die Geschichte der eigentlichen Emotionstheorien spät, im 17. Jahrhundert, einsetzen. „Lange bevor sich Philosophen für die Emotionen interessierten, wurden Gefühle in der Dichtung besungen, in Epen beschrieben, in Dramen inszeniert und in Gerichtsprozessen mobilisiert“ (S. 6). Die antike Rhetorik interessiert sich dafür, wie Gefühle die Bildung von Urteilen beeinflussen. Ob Emotionen für moralisches oder zweckmässiges Handeln nicht entbehrlich oder im Gegenteil störend seien, fragt sich bereits die antike Ethik. In beiden Fällen sind sie zu bearbeiten, und so liegen Lob und Tadel selten fern. Dabei betrachtet die Antike – Platon und Aristoteles allerdings – Emotionen nicht durchgehend als eigene Seelenteile. Für die Stoa beispielsweise bedeuten Affekte Fehlurteile des Verstandes, ja seelische Krankheiten, ihr gilt die Affektlosigkeit (Apathia) als Ideal. Sie kennt aber auch der Natur entsprechende Emotionen, zum Beispiel die „guten Gefühle“ (Eupathia) der Weisen, die gut sind, insofern sie gut begründet sind. Dies soll später Shaftesbury dazu anregen, die Emotionen aufzuwerten. In der Antike wird die philosophische Reflexion menschlichen Fühlens als therapeutische Praxis aufgefasst, weil Menschen nicht nur Glück empfinden, sondern auch an ihren Gefühlen leiden. Das wirft die Frage auf, wie sich Affekte generell oder zumindest gewisse Affekte vermeiden lassen. Hier leistet auch die Medizin, man denke an Hippokrates oder Galen, mit ihren diätetischen Schriften einen Beitrag. Emotionen, wird vermutet, seien psychisch verursacht, während die Philosophie psychische, moralische oder kognitive Ursachen ausmacht. Beide, Medizin wie Philosophie, zielen in der Antike letztlich auf die Lebensform ab.

Das Christentum knüpft keineswegs einheitlich an die Antike an. Der syrische Bischof Nemesius von Emesa etwa vereint platonische, aristotelische, stoische und sogar galenische Gedanken. Augustinus jedoch kritisiert die Stoa. Für ihn gehören Affekte zur Menschennatur. Aber der Wille, Herr seiner selbst zu sein, begründe die Sünde, und eine Existenz frei von Leidenschaften sei nur im Jenseits möglich. Hier findet sich die wichtigste Quelle mittelalterlicher Seelenkonzeptionen, und der Einfluss reicht noch zu den frühneuzeitlichen Affektenlehren, zu denken ist etwa an Luther, Pascal oder Malebranche. Anfangs des 18. Jahrhunderts entwickelt sodann Shaftesbury den Begriff „moral sense“, womit er den natürlichen menschlichen Sinn für das moralisch Richtige bezeichnet, der die Bildung von Handlungsmotiven wie die Beurteilung eigenen und fremden Handelns prägt. Dieses natürliche Vermögen lässt sich durch Bildung und Reflexion verfeinern. Bei allen Unterschieden in der Folge zu Hutcheson, Hume und Smith, die ihre eigenen Vorstellungen zum Moral Sense entwickeln, sind sich diese Philosophen einig, dass das Gefühl moralisch wirkmächtiger als die Vernunft sei.

Zuweilen vergessen geht, dass Kant, ein Jahr nach Smith geboren, zwischen 1764 und 1766 eine Lebensphase hat, in der er im Anschluss an Shaftesbury, Hutcheson und Hume Moralsensualist ist. „Ein allgemeinmenschliches Gefühl für die Schönheit und die Würde der menschlichen Natur, das er als das moralische Gefühl auszeichnet“ (S. 459), treibt ihn hier um. Wenngleich er sodann eine rationale Begründung der Moral vorziehen soll, hallt jene frühe Position in der Grundlegung der Moral im guten Willen als der reinen praktischen Vernunft nach. „Nicht jede x-beliebige Empfindung von Lust und Unlust, sondern solche Gefühle, deren Ursprung als in Prozessen der Reflexion einsichtig gemacht werden kann, bilden das Thema der Vernunftkritik als Gefühlstheorie. In Kants Theorie findet mit dieser Engführung eine Qualifizierung solcher Gefühle statt, denen kognitive und praktische Funktionen zukommen“ (S. 459). Affekte dagegen unterlaufen Überlegungen dazu, ob man sich dem Gefühl überlassen oder verweigern soll, und unterminieren so die innere Freiheit. Sie sind, da von der Vernunft nicht kontrollierbar, für Kant defizitär, er interessiert sich denn theoretisch auch nicht sonderlich für sie. In seiner „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ von 1798 wendet er sich nicht nur gegen – spontane – Affekte, sondern auch gegen – habituelle – Leidenschaften. Er vergleicht Erstere mit Rausch und Letztere mit Wahnsinn. „Affecten und Leidenschaften unterworfen zu sein, ist wohl immer Krankheit des Gemüths, weil beides die Herrschaft der Vernunft ausschließt“ (S. 462), schreibt Kant in der besagten Schrift. Der Königsberger Philosoph bekundet denn Sympathie für das stoische Prinzip der Apathie, der Affektlosigkeit. Und auch die Bedeutung der Gefühle stellt er damit nicht völlig in Abrede: „Das Gefühl taugt zwar nicht als Grundlage der Moral, doch es muss als die bewegende Kraft dafür sorgen, dass wir die im Verstandesurteil als gut eingesehene Handlung auch tun“ (S. 466), lässt sich seine Position in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von 1785 zusammenfassen. In der „Kritik der praktischen Vernunft“ von 1788 übernimmt anstelle des moralischen Gefühls von einst die „Achtung vor dem Gesetz“ die fragliche Motivationsaufgabe. Die Vernunft bewegt hier in einem „selbstgewirkten Gefühl“. Kant spricht folgerichtig von einem „vernunftgewirkten Gefühl“. Ein von Sinnlichem freier Gedanke vermag Lust oder Unlust hervorzubringen und zur Triebfeder des Handelns zu werden. Die Demütigung auf der sinnlichen Seite wird mit einer Erhebung auf der moralischen, intellektuellen Seite, die „Kränkung unserer Selbstliebe“ mit einer „Erhebung in der Selbstachtung“ aufgewogen. Hier erfährt der Mensch gleichsam Lust durch Unlust. In umgekehrter Weise zeugt noch schlechtes Gewissen von diesen Vorgängen. Über diese moralphilosophischen Zusammenhänge hinaus thematisiert Kant Gefühle auch in erkenntniskritischem und ästhetischem Kontext.

Lange beschäftigt sich die Philosophie beim Thema der Emotionen mit Fragen, die später nicht mehr dieser Disziplin zugerechnet werden. Das hängt mit der Entwicklung der empirischen Wissenschaften, vor allem der Psychologie, im 19. Jahrhundert zusammen. Im 20. Jahrhundert positionieren sich denn manche Philosophen, die sich mit Emotionen beschäftigen, in Bezug auf die Psychologie. Über die Emotionssoziologie – vielleicht noch ein zu junger Zweig der Soziologie – schweigen sich die Herausgeberinnen aus. Sie räumen in ihrem einleitenden Beitrag Lücken ein und begründen ihren Entscheid, die neuesten Entwicklungen nicht einzubeziehen, damit, deren Richtung zeichne sich noch zu wenig deutlich ab. Folgende Denker und Denkerin bzw. Denkrichtungen behandelt das Handbuch somit mit einem Beitrag: Platon, Aristoteles, Stoa und Epikur, Hippokrates und Galen, Plotin, Augustinus, spätantikes und frühmittelalterliches Christentum, Thomas von Aquin, Wilhelm von Ockham, Juan Huarte de San Juan und Francisco Suárez, Montaigne und La Rochefoucauld, Descartes, Hobbes, Spinoza, Malebranche, Shaftesbury, Hutcheson, Hume, Smith, Rousseau, Kant, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, James, Whitehead, Scheler, Wittgenstein, Heidegger und Bollnow, Sartre und schliesslich Susanne K. Langer.

Von all diesen starb Bollnow zuletzt, nämlich 1991. Nicht auf ihn, sondern die einzige Autorin und somit auf den letzten Beitrag sei noch etwas näher eingegangen, denn in ihm reicht die philosophische Bedeutung des Fühlens tatsächlich sehr weit. Langer führt nämlich Geist (Mind) schlechthin auf die Evolution des Fühlens zurück. „Der Begriff des ‚Fühlens‘ als Grundbegriff ihrer Philosophie des Geistes wird so definiert, dass durch ihn der gesamte Umfang dessen, was von uns gefühlt werden kann – angefangen von einzelnen Empfindungen, Schmerz- und Lustgefühlen, dem Spüren von Vitalität und Stimmungen bis hin zum Gefühl eigener Identität, komplexen Emotionen, intellektuellen Spannungen und unserem bewussten Denken – bezeichnet wird. Er soll den gesamten Umfang dessen, was wir fühlen und empfinden einschließlich der höchsten intellektuellen Tätigkeiten bezeichnen und ist damit ein Synonym für ‚Bewusstsein‘. Durch den Begriff des Fühlens soll die mit dem Bewusstseinsbegriff verbundene Fixierung auf die höchsten Formen des Denkens und menschlicher Intellektualität vermieden werden“ (S. 690). Langer betont dabei den prozessualen Charakter.

„Philosophie gilt den Philosophen oft als Königsweg, um möglichst große Macht über sich selbst zu erlangen. Mittel dafür ist maßgeblich eine Klärung des eigenen emotionalen Selbstverhältnisses. Je nach Tradition wird diese Klärung entweder als Mäßigung bzw. Auslotung menschlicher Emotionalität zwischen schädlichen Extremen, als Überwindung der Affekte und Leidenschaften oder als Reflexion über ihre natürlichen Wirkungen und inneren Gesetzmäßigkeiten und damit als Selbstverständigung über Gefühle konzipiert“ (S. 11f.), fassen Hilge Landweer und Ursula Renz zusammen.

Diskussion

Das Handbuch gibt einen sehr guten Überblick über wichtige philosophische Positionen zum Thema der Emotionen. Die Publikation vermag damit aktuellen Diskursen über die Philosophie hinaus auch in Psychologie und Soziologie eine ideengeschichtliche Tiefe zu verleihen. Der beabsichtigten Prägnanz ist geschuldet, dass einzelne der stets kenntnisreichen Beiträge Vorkenntnisse erfordern.

Leider fehlt am Schluss ein abrundender Beitrag, der im Wissen der Geschichte der Emotionstheorien den Blick auf die gegenwärtige Philosophie richtet – das Thema ist ja sehr aktuell –, die wichtigsten künftigen Diskussionsstränge und möglichen Entwicklungslinien skizziert und die Erkenntnisse in einen interdisziplinären Zusammenhang einbettet. Zuletzt hätte ein Personen- und Sachregister nicht geschadet.

Fazit

Die Gliederung als Handbuch lässt Interessierte sehr gezielt auf einzelne Autoren zugreifen. Die rund 20seitigen Beiträge wecken oft die Neugier, auch bei anderen Autoren zu verweilen, und geben gelungene Überblicke. Sie eröffnen manch eine Perspektive, die heutzutage nur noch wenig bekannt ist. Glücklicherweise haben es die beiden Herausgeberinnen nicht gescheut, einer beeindruckenden Fülle philosophischer Positionen von Platon bis zur 1985 verstorbenen Susanne K. Langer Raum zu geben. Das Handbuch vermag denn insgesamt unseren heutigen Blick auf Gefühle sehr zu bereichern wie zu vertiefen.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 12.01.2015 zu: Hilge Landweer, Ursula Renz (Hrsg.): Handbuch Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. Walter de Gruyter (Berlin) 2012. ISBN 978-3-11-028415-7. Reihe: De-Gruyter-Handbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16253.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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