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Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren

Cover Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren. Begleitung und Beratung von Kindern und Eltern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. 300 Seiten. ISBN 978-3-608-94864-6. D: 37,95 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Thema

Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren – diese Themen haben erst in den letzten Jahren in der Forschung und in der Praxis an Bedeutung gewonnen. Die Auswirkungen von Verlusterlebnissen auf Kleinkinder sind aber vielfältig und es geht darum, den Betroffenen adäquate und effiziente Hilfestellung zu geben.

Herausgeber

Rüdiger Kißgen ist Erziehungswissenschafter, Kinder- und Jugendtherapeut sowie Professor für Entwicklungswissenschaft und Förderpädagogik an der Universität Siegen, Norbert Heinen ist Professor für Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung an der Universität Köln.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch wurde im Anschluss an die Veranstaltungsreihe „Forum Frühe Kindheit“ herausgegeben. Dieses Forum, welches seit 2010 stattfindet und eine Plattform für Diskussionen von Fachleuten aus Theorie und Praxis bietet, setzt sich mit Chancen und Risiken der frühen Kindheit auseinander. Auch die Fachbeiträge der anderen beiden Veranstaltungsreihen wurden von Rüdiger Kißgen und Norbert Heinen in Buchform herausgegeben.

Aufbau

Sieben große Themenbereiche werden aus der Perspektive der Forschung und/oder der Praxis bearbeitet.

1. Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren aus der Perspektive der Humanethologie und der Bindungstheorie

In diesem Kapitel wird auf jene psychopsychischen Trennungsreaktionen und -folgen eingegangen, die als angeboren gelten und sich bei Säugetieren und Primaten finden. Diese werden näher beschrieben und mit Reaktionen/Verhaltensweisen verglichen, die auch beim Menschen auftreten. Vorgestellt werden Trauer- und Bestattungsrituale in verschiedenen Ethnien und auch die Adoptionspraxis bei verwaisten Kindern. So fand man bei Feldforschungen heraus, dass Kinder in traditionalen Gesellschaften den Tod als normalen Vorgang erleben und als endgültig ansehen. Die Tatsache, dass Sterben Alltag ist, macht es diesen Kindern und auch Erwachsenen offenbar einfacher, den Tod und somit auch ein Verwaistsein zu akzeptieren, als dies in unserer Kultur möglich ist. Die AutorInnen schließen aufgrund ihrer Forschungen, dass Trauer in allen Kulturen existent und somit völlig normal ist. Im Kern ist sie eine egoistische Emotion, wir trauern, weil wir von einem geliebten Menschen für immer verlassen worden sind.

Im Beitrag von Klaus und Karin Grossmann wird aus bindungstheoretischer Sicht die Bedeutung des Umgangs mit den Themen Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren aufgerollt.

Sichere Bindung ermöglicht einem Kind das Erforschen seiner Umwelt und neuer Personen. Die psychische Sicherheit, die daraus entsteht ermöglicht es, Herausforderungen und Konflikte zu bewältigen. Kommt es nun zu einer Trennung von der Bindungsperson, so führt dies zu großer Orientierungslosigkeit, es ist keine Exploration mehr möglich.

Trauer wird als Kehrseite von Bindung beschrieben, d.h. sie tritt auf, wenn die Bindung an eine Bezugsperson verloren geht. Kinder reagieren auf diesen Verlust emotional und physiologisch und die Trauer kann lange andauern. Wie Kinder auf den Tod einer nahen Bezugsperson reagieren ist auch von ihrem altersentsprechenden Todesverständnis abhängig.

Ein Kind muss die Möglichkeit haben seinen Kummer auszudrücken, wenn es einen geliebten Menschen verloren hat. Es kann dann trauern, wenn Menschen da sind, die die Bedürfnisse des Kindes wahrnehmen und befriedigen und so zu neuen Bindungspersonen werden, die Lebensfreude und -orientierung geben.

2. Der frühe Verlust eines Kindes. Wissenschaftliche Grundlagen und professionelle Begleitung

Der frühe Verlust eines Kindes steht im Mittelpunkt dieses Themenbereichs. Die Psychodynamik, die nach Fehl- oder Totgeburt und dem frühen Kindstod zu beobachten ist, ist dadurch charakterisiert, dass getrauert wird, obwohl der Übergang zur Elternschaft noch nicht vollzogen worden ist.

In diesem Kapitel wird auf die medizinischen Grundlagen des Schwangerschaftsverlaufs eingegangen, anschließend werden die rechtlichen Grundlagen in Bezug auf Meldung und Bestattung von Fehl-und Totgeburten in Deutschland erläutert.

Gründe für den Kinderwunsch und eine Beschreibung der Phasen, die Eltern – vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des 1. Lebensjahres – durchlaufen, stellen einen Schwerpunkt in diesem Kapitel dar. Die Verbindung zur Trauer wird hergestellt, indem der Übergang zur Elternschaft und auch der Verlust eines geliebten Menschen als Reifungsaufgaben angesehen werden.

Die Begleitung von Eltern, die ein Kind verloren haben, das kaum das Licht der Welt erblickt hat, steht im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Zunächst werden die Phasenmodelle der Trauerarbeit von Verena Kast und John Bowlby vorgestellt und den Aufgabenmodellen von William Worden und Kerstin Lammer gegenübergestellt.

Näher eingegangen wird auf Kerstin Lammer, in deren Modell vor allem die ersten beiden Aufgaben beim frühen Versterben eines Kindes bei der Begleitung der Eltern bedeutend sind. Dazu gehört zunächst, dass Eltern die Möglichkeit gegeben werden muss, Körperkontakt zu ihrem verstorbenen Kind zu haben, damit sie den Tod be-greifen können. Die zweite Aufgabe besteht darin, den Trauernden einen Raum für ihre Trauer zu geben. Die Unterstützung der Klinik bei diesen beiden Aufgaben wurde auch von Eltern gewünscht (postalische Befragung), deren Kinder am Perinatalzentrum Dresden verstorben sind.

3. Kinderhospizarbeit: Wissenschaftliche Grundlagen und Praxis

Im ersten Kapitel setzt sich Sven Jennessen mit Konzepten, einem historischen Rückblick sowie den Zielen der Kinderhospizarbeit, auseinander. Die zentrale Aufgabe der Kinderhospizarbeit sieht er in einer umfassenden Unterstützung der Familien, die sich an den Bedürfnissen und Bedarfen der Betroffenen orientiert.

Die tägliche Praxis in einem Kinderhospiz anhand von realen Ereignissen wird im nächsten Beitrag verdeutlicht. Die Ängste und Sorgen der Betroffenen und der Umgang der psychosozialen, seelsorgerischen und pflegerischen Fachkräfte zeichnen ein berührendes Bild vom Alltag im Kinderhospiz Regenbogenland.

4. Junge Waisenkinder: Historische Annäherung und psychotherapeutische Begleitung

Die Heimerziehung in Deutschland (BRD und DDR) in der Nachkriegszeit sowie die Aufarbeitung stehen im Mittelpunkt der Ausführungen von Claudia Knittel. Es ist auf den Mut und die Beharrlichkeit ehemaliger Heimkinder zurückzuführen, dass diese traumatisierende Erfahrungen öffentlich wurden.

Gertrud Bogyi beleuchtet die Situation von Kindern, die einen oder beide Elternteile verloren haben, aus mehreren Perspektiven, aus denen sie Schlussfolgerungen für die Praxis ableitet. So ist die Entwicklung des Todeskonzepts, die individuelle und soziale Situation des Kindes, die Umstände des Todes sowie die Beziehung zum Verstorbenen in der Begleitung der Kinder zu berücksichtigen. Sie hält ein Plädoyer dafür, Kindern die Wahrheit zu sagen, offen zusein gegenüber all den Fragen, die die Kinder stellen und die Kinder am Geschehen teilhaben zu lassen. Kinder können die Wahrheit besser ertragen als beschönigende Lügen.

5.Trennung und Scheidung in den ersten Lebensjahren: Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und entwicklungsunterstützende Praxiskonzepte

Sabine Walper und Alexandra Langmeyer beginnen ihre Ausführungen mit einem Exkurs in die Scheidungsforschung. Diese zeigt, dass die Entwicklung von Scheidungskindern im Kontext zahlreicher Faktoren gesehen werden muss und sehr unterschiedlich verlaufen kann. Belastungen, die auftreten, müssen nicht immer mit dem unmittelbaren Ereignis zu tun haben, wichtig ist es u.a. auch Belastungen im Vorfeld der elterlichen Trennung zu berücksichtigen. Einen großen Belastungsfaktor für die Kinder stellen anhaltende Konflikte der Eltern, die auch der Grund für jene Nachteile sind, denen Scheidungskinder ausgesetzt sind, dar.

Im Mittelpunkt des nächsten Kapitels steht die Bedeutung und Entwicklung von Bindung zwischen getrennt lebenden Eltern von kleinen Kindern. Die Autorin stellt ein siebenstufiges Konzept für die Beratungspraxis dar und integriert jene Professionen, die im Rahmen des Trennungs- und Scheidungsprozesses wichtig sind.

6. Junge Kinder in Pflegefamilien: Forschungsstand und Beratungspraxis

Dieser Themenbereich setzt sich mit der Situation von jungen Pflegekindern auseinander. Statistische Daten, Konzepte, die den Umgang mit Pflegekindern in Deutschland beeinflussen sowie aktuelle Forschungsergebnisse zur Entwicklung junger Pflegekinder stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels.

Irmela Wiemann geht auf die besondere Situation von Pflegekindern ein, arbeitet die Konsequenzen früher Trennungen, Traumatisierungen und Stresserfahrungen auch in Bezug auf die Identitäts- und Loyalitätskonflikte heraus und zeigt Möglichkeiten auf, wie Pflegekinder trotz einer schwierigen Ausgangssituation positiv in die Zukunft blicken können. Dies ist dann möglich, wenn Pflegeeltern wissen, was ihre Pflegekinder brauchen: Sie haben den Doppelauftrag für das Kind emotional-soziale Eltern zu sein und es zugleich bei der Bewältigung seiner spezifischen Situation zu unterstützen.

7. Inobhutnahme junger Kinder aus der Perspektive des Verfahrensbeistandes

In diesem letzten Kapitel geht es um den Verfahrensbeistand, der die Aufgabe hat, die Interessen des Kindes zu vertreten. Es werden die rechtlichen Grundlagen erläutert, jene gerichtlichen Verfahren aufgelistet, die als „Kindschaftssachen“ bezeichnet werden und es wird aufgezeigt, wie Kinder im familiengerichtlichen Verfahren einbezogen werden. Die konkreten Aufgaben eines Verfahrensbeistandes werden ausführlich beschrieben und anhand eines Fallbeispiels eines Neugeborenen auf den beruflichen Alltag übertragen. Dieses Fallbeispiel zeigt auf, dass bei 0 bis 3 jährigen Kindern Auftrag des Verfahrensbeistandes ist, die Bindungen und Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern wahrzunehmen.

Fazit

Wenn Menschen von einem Verlusterlebnis betroffen sind, so ist die normale, unmittelbare Reaktion darauf Trauer. Trauer darüber, dass man von einer geliebten Person getrennt worden ist. Die einzelnen Beiträge in diesem Buch stellen Trennungs- und Verlusterlebnisse in den ersten Lebensjahren in den Mittelpunkt. Die theoretische Auseinandersetzung mit Trennung, Trauer, Tod in diesem Lebensalter und die daraus resultierenden Implikationen für die praktische Arbeit mit den betroffenen Kindern kann nur in Verbindung mit der Bindungsforschung gesehen werden. Bindung in den ersten Lebensjahren ist die Grundlage für die gesamte Entwicklung des Menschen, Bindungspersonen sind Basis und Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen. Dieser Aspekt wird im vorliegenden Buch aus unterschiedlichen Perspektiven fundiert aufbereitet und in Beziehung zur Lebenssituation von Kindern gesetzt, die vom Verlust einer Bindungs-, Beziehungsperson betroffen sind. Den LeserInnen wird aber auch ein einfühlsamer Blick in die psychische Situation von Eltern, die den Tod eines eigenen Kindes betrauern und von Kindern/Jugendlichen, die mit dem eigenen Lebensende konfrontiert sind, gegeben.

Dieses Buch gibt jenen Berufsgruppen, die mit Kindern in den ersten Lebensjahren nach Trennungs- und Verlusterlebnissen zu tun haben, einen guten Einblick in den aktuellen Stand der Bindungsforschung. Dieses Wissen ist Voraussetzung, um verstehen zu können, wie Trauer in diesem Lebensalter bearbeitet werden kann. Einige Theorien zur Trauerbewältigung werden beschrieben, hier hätten die AutorInnen aber durchaus mehr in die Tiefe gehen können. Sehr gelungen ist die Verknüpfung zwischen Theorie, aktuellem Forschungsstand und den Fallbeispielen aus der Praxis.


Rezensentin
Mag. Dagmar Bojdunyk-Rack
Geschäftsführerin RAINBOWS-Österreich
Homepage www.rainbows.at
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Zitiervorschlag
Dagmar Bojdunyk-Rack. Rezension vom 22.07.2014 zu: Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Trennung, Tod und Trauer in den ersten Lebensjahren. Begleitung und Beratung von Kindern und Eltern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-608-94864-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16260.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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