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Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

Cover Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg. Steidl (Göttingen) 2013. 448 Seiten. ISBN 978-3-86930-663-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Die Knaben Europas – zermalen von den Mühlsteinen eines kommenden Krieges

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan), der so genannte Erste Weltkrieg von 1914 – 1918, fiel in eine Zeit des europäischen Aufbruchs. Technische und wissenschaftliche Entwicklungen schienen für den Kontinent und die Menschen in Europa Fortschritt, Wohlstand und Verständigung zu versprechen. In diesem Wandlungsprozess vollzogen sich freilich gleichzeitig große Unsicherheiten bei den Völkern, die sich in den Extremen – Wohlstand und Verarmung, Nationalismen, Faschismen und völkische Entwicklungen, kriegerische Parolen und friedfertige Sehnsüchten – ausdrückten. Da sind die Wege hin zu einer Denkungsart, die den Krieg (nur) als ein anderes Mittel von Politik betrachtet, nicht weit. Die Ursachenforschungen und das Nachdenken über die Entstehungsgeschichten des Ersten Weltkriegs sind gerade jetzt, 100 Jahre danach, virulent. Zahlreiche Bücher, Zeitschriftenaufsätze, Zeitungsberichte, Fernsehfilme, Radiodokumentationen, Ausstellungen… verdeutlichen das Interesse der Zeitgenossen an jener Zeit. Der Zweite Weltkrieg mit den noch grausameren und unmenschlichen Folgen für Europa und die Welt ist nach Einschätzung von Historikern die Fortsetzung einer Entwicklung, die mit den kollektiven, ideologischen und hysterischen Setzungen im Ersten Weltkrieg begann.

Entstehungshintergrund und Autor

Eine Möglichkeit, den Wirklichkeiten auf die Spur zu kommen, ist, individuelle Schicksale und Lebenswege zu betrachten und deren Motive, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Gelingen und Scheitern zu erzählen. Der 1955 in Dublin geborene Schriftsteller Sebastian Barry arbeitet die Situation des Krieges und den dabei entstandenen Imponderabilien, den Zufälligkeiten, des Lebens und Sterbens von Menschen bei Kriegshandlungen, an der Figur eines 1896 geborenen Dubliner Knaben ab. William (Willie) Dunne, der 1914 als 18jähriger in den Krieg zieht. Ein Schlüsselsatz in dieser politischen, kolonialen, macht- und ohnmachtbesetzten Lage lautet: „Als Willie sechs oder sieben war, kam der König von Irland aus England zu Besuch nach Irland“. Auf dieser konfliktträchtigen Situation zwischen England und Irland baut Willies Kriegseintritt auf. Es ist der Zwiespalt zwischen Patriotismus, Ohnmacht und hegemonialer Macht, der den jungen Iren zum Kämpfer gegen die „Hunnen“ werden ließ, wie die deutschen Angreifer von der britischen Propaganda bezeichnet wurden. Der über Jahrhunderte schwelende, sich immer wieder in gewaltsamen Widerständen der Iren gegen die Engländer entladende Konflikt, der waffenklirrende, unterdrückende Antworten herausforderte, schien in den existenzbedrohenden, kriegerischen Herausforderungen diese Kluft zu kitten: Irische Freiwillige, darunter auch Willie, ergänzten die Verteidigungskraft der britischen Armee.

Der Zweifel und die politischen und ideologischen Widersprüche der Iren – auf der einen Seite die Ulster-Anhänger, zu denen auch sein Vater gehörte und die mit aller Macht verhindern wollten, dass Irland gegenüber England die Selbstverwaltung oder sogar die Unabhängigkeit erringen könnte, und andererseits die eher schlummernden und erahnten nationalen und völkischen Gefühle – blieben. So lässt sich auch historisch zeigen, dass die bis heute andauernden Konflikte in Nordirland eine ihrer Wurzeln in diesen Widersprüchen zu Beginn und während des Ersten Weltkriegs hatten (vgl. dazu z. B.: Bill Rolston, „Murals of War and Peace“ (1998) und „Murals and Transition in the North of Ireland“ (2003), Jos Schnurer, Der Schrei der Wandbilder, in: et cetera ppf, 2/2009, S. 15ff).

Aufbau und Inhalt

Willies Vater, ein in der höheren Befehlshierarchie der Dubliner Metropolitan Police platzierter Beamter, hoffte darauf, dass sein erstgeborener Sohn einmal ein stattlicher, die geforderten Körpermaße erreichender Polizeirekrut werden würde: „Jahr für Jahr nahm sein Vater Maß, stellte ihn neben dem alten marmornen Kamin an die Tapete, balancierte einen Band Noten, Die Zigeunerin und andere volkstümliche Opern, auf seinen Kopf und markierte sein Wachstum mit dem Stummel eines offiziellen Polizeibleistifts“. Doch die Mühe lohnte nicht; der Junge würde nie und nimmer die geforderte Eins-achtzig-Meter-Marke erreichen. Seine Mutter starb bei der Geburt seiner jüngsten Schwester Dollie, und der Vater blieb mit den drei Mädchen und dem Jungen allein zurück. Willi erlernte das Maurerhandwerk, und mit 16 Jahren lernte er seine Prinzessin Gretta, „die wahrhaftig eine der Schönheiten der Stadt war“, kennen und lieben. Beide konnten mehr als ein Jahr lang ihre Liebe vor ihren Familien verbergen, und sie hüteten sie als ein ganz persönliches Geheimnis.

Gegen ihren Willen meldete sich Willie freiwillig zum Dienst in der britischen Armee. Das Manko, dass er nicht als heldenhafter, wohlgestallter, auf Gardemaß gewachsener Jüngling in die Wehrmacht eintrat, sondern als ein familiengebundener und eher dem Gesang als dem Kämpferischen zugeneigter Junge galt, wurde kompensiert durch das Staunen, dass nicht nur die Iren aus dem Süden und Norden, die Schotten und Gälisch sprechenden jungen Männer zum Krieg strömten, sondern auch die sich in Suaheli, Urdu, Bantu, in Kantonesisch, Australisch und Arabisch verständigenden Männer das Völkergemisch vervollständigten. Er war einen von ihnen!

Die drei Teile gliedert Sebastian Barry in 23 Kapitel, in denen er romanhaft Willies Lebensweg abbildet. Des Jungen emotionale und familiäre Bindungen werden in den Schilderungen immer wieder aufgelockert durch den Briefwechsel, der von den Ausbildungslagern und von der Front zu den Lieben in der Heimat und zurück in die flandrischen Schützengräben stattfand. Die Gefechtsverläufe, das Begraben der Toten auf den Kampffeldern, ob Deutsche oder Iren, ließen die Unterscheidungen ob Freund oder Feind, in eigenartiger Weise verschwimmen. Mitleid, Abstumpfung, Routine, das waren die merkwürdigen Erfahrungen des Krieges und im „hässlichen Terrain des Todes“., genau so wie die Rivalitäten, Gemeinschaftsempfindungen und wohltuenden Solidaritäten in den Unterständen und primitiven Orten der „Erholung“. Wenn er dann mit seiner schönen Stimme „sein“ Lied: „Ave Maria“ in Lateinisch sang, und andere Kameraden auch ihr Stimmungsgewühle, ihre Gefühle und ihr Heimweh in Richtung der feindlichen Schützengräben schmetterten, da wurden die Ambivalenzen bei diesen „zerstörten Männern, diese(n) todgeweihten Zuhörer(n)“ erkennbar, „die ausgezogen waren, einen Krieg zu führen ohne ein Land, das das ihrige wäre, Sklaven Englands und Könige von nichts“.

Es ist die einfühlsame Übersetzung des englischen Originaltextes ins Deutsche, die dem Leser die grausamen und aussichtslosen Wirklichkeiten des Krieges vor Augen führt; die Absurditäten und gleichzeitig tröstenden Worte des anglikanischen Priesters, der zu den erschöpften Männern davon sprach, „dass unser Herrgott mit euch ist und über euch wacht“, wie auch die Hoffnung zusprechenden Ausstöße, mit denen sich die Soldaten selbst ermunterten: „Macht schon, Jungs. Wir kommen schon durch!“. Wie ein Kaninchen aus dem Hut, so zauberte der Spieß Christy Moran mitten im Schlamassel für Willie einen Fronturlaub hervor. Das freudige Wiedersehen mit seinen Schwestern wurde getrübt durch die Begegnung mit seinem Vater, der ihm vorwarf, er zeige fehlenden Patriotismus und distanzierte Haltung gegenüber dem britischen König: „Ein Gift lief durch Willies Adern. Das Gift der Enttäuschung und des neuerlichen Schreckens…“. Aber er konnte ja eine andere Freude erwarten – das Wiedersehen mit Gretta. Voller Erwartungen näherte er sich dem Haus, in dem sie wohnte. Voller Herzklopfen stieg er die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Er sah sie am Fenster sitzen, seine Lichtgestalt – sie hatte ein Kind auf dem Arm, das sie stillte. Sein Kind? Aber es war nicht seins. Gretta hatte in der Zwischenzeit geheiratet. Sie schrieb ihm das an die Front; aber der Brief kam nie an. Die Enttäuschung und Verzweiflung Willies darüber klärte sich auf, dass „ein Soldat“ (wie sich herausstellte, war es Father Buckley) Gretta darüber informierte, dass Willie im belgischen Amiens es mit einer „berüchtigten Prostituierten getrieben“ habe.

Waren es die Kriegserfahrungen und die grausamen Erlebnisse des Kämpfens und Sterbens, dass der Himmel über ihn nicht zusammenbrach? Enttäuscht von der Begegnung mit dem Vater und mit Gretta, blieb ihm noch eine Aufgabe, die er seinem Hauptmann Pasley, den er im Gefecht sterben sah, versprochen hatte: Der Besuch seiner Eltern in Tinahely. Ihre Herzenswärme und ihre Dankbarkeit über seinen Besuch bei ihnen taten ihm gut. Es war Zeit, zurück an die Front zu fahren, zurück zum Töten. Eine Verwundung, die zuerst schlimm aussah, aber dann ziemlich schnell im Lazarett heilte, ließen ihm Zeit, einen langen Brief an seinen Vater zu schreiben; oder soll man sagen: eine Rechtfertigung und Versöhnungsgeste, vielleicht ein Testament? Zurück bei seinem Regiment („oder was davon übrig war“), erlebt Willie so etwas wie kämpferische Euphorie: die Verfolgung der fliehenden Deutschen quer durch Flandern.

Die Legende wiederholt sich: Am Weihnachtsabend, hatte sich in dem Dörfchen St. Court ein Kontingent bayerischer Soldaten eingenistet. Die Verfolgungsjagd kam ins Stocken. Die Feinde standen sich wieder gegenüber. Am Abend hörten die irischen Kämpfer, wie die Deutschen „Stille Nacht, heilige Nacht“ sangen. Es war wie ein Zwang und eine vage Erinnerung an die legendäre Begebenheit der Waffenruhe zu Beginn des Krieges 1914. Willie erhob sich aus seinem Schützengraben „und erwiderte den Gesang seines Feindes“. Ein einzelner Schuss unterbrach jäh die Stimmung: Willie „sah vier Engel, doch zu jener Zeit waren Engel ein alltäglicher Anblick“. Die Kameraden begruben ihn schnell, denn es ging weiter zur Verfolgung der fliehenden deutschen Soldaten. Den Brief seines Vaters, in dem er seinen Sohn um Verzeihung für seine abweisende Kälte bat, hat er nicht mehr lesen können: „Wenn du nach Hause kommst, sagen Maud und Annie, werden sie Dir ein Abendessen kochen, das du nicht vergessen wirst. Dolly wird die Zimmer hübsch herrichten, sagt sie. Nie wieder werden wir dir mit Kälte begegnen“. Nur ein schnell zusammengenageltes Holzkreuz mit den Angaben kennzeichnete die Stelle:

  • William (Willie) Dunne, Schütze
  • Royal Dublin Fusiliers
  • Gefallen bei St. Court
  • 3. Oktober 1918
  • im Alter von 21. Jahren
  • R.I.P.

Fazit

Die einfühlsame Erzählung über das Leben des irischen Soldaten Willie wird vom Verlag als „die irische Antwort auf ‚Im Westen nichts Neues‘“ angekündigt. Erich Maria Remarque schildert darin die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten. Das Buch erschien 1928/1929. Es wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und hat als Antikriegsroman großes Leserinteresse gefunden. Man wird davon ausgehen können, dass Sebastian Barrys Roman „Ein langer, langer Weg“ eine ähnliche Aufmerksamkeit erhält. Der Autor nennt für seine Erzählung zehn bedeutende, englische Titel, die sich mit Untersuchungen über den Ersten Weltkrieg und Irland auseinander setzen. Damit bringt er die Erzählung in eine Linie der historischen Dokumentationen und Reflexionen, und es gelingt ihm gleichzeitig, die Situationen erzählerisch und gut lesbar darzustellen. Der Übersetzer Hans-Christian Oeser fügt alphabetisch geordnete Begriffserklärungen an, die dem Leser ergänzende Informationen über die Zeitläufte anbieten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.02.2014 zu: Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg. Steidl (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-86930-663-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16268.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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