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Nina Hogrebe: Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit

Rezensiert von Dipl.Soz-Päd. Martin Walz, 01.08.2014

Cover Nina Hogrebe: Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit ISBN 978-3-658-03488-7

Nina Hogrebe: Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit. Der Sozialraum als Indikator für eine bedarfsgerechte Finanzierung von Kindertageseinrichtungen? Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-658-03488-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
Reihe: Educational Governance - 24.

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Thema

Die vorliegende Publikation beschäftigt sich mit dem Thema „Finanzierung von Kindertageseinrichtungen als frühkindliche Bildungseinrichtungen“.

Kindertageseinrichtungen stehen zunehmend im Zentrum der fachpolitischen Diskussion. Zum Einem geht es um die Personalqualität, also die Ausstattung mit Fachkräften und deren jeweilige Qualifikation, sowie um den notwendigen, quantitativen Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Zum Anderen ist ein wichtiges Thema, allen Kindern, unabhängig von ihrer Herkunft, zu optimalen Entwicklungs- und Teilhabechancen zu verhelfen.

Im Zuge der Veränderungsprozesse wurden „in einigen Bundesländern Deutschlands … schon neue Finanzierungssysteme eingeführt.“ (S. VII) Allerdings, so Nina Hogrebe in ihrem Vorwort, fehle es oft an einer systematischen Verknüpfung von Finanzierungsfragen und inhaltlichen Aspekten der Frühpädagogik. Ihr Hauptinteresse ist es demzufolge, zu hinterfragen, was Kinderbetreuungseinrichtungen leisten können, um allen Kindern einen erfolgsversprechenden Start zu ermöglichen und welche Unterstützungsformen in Bezug auf die Rahmenbedingungen oder finanziellen Ressourcen dazu notwendig sind. Außerdem kündigt sie an, eine „bestehende Form einer Ressourcenzuwendung anhand des Sozialraums der Kindertageseinrichtungen, die sich dem Ziel der Förderung benachteiligter Kinder und Einrichtungen verschreibt“, einer kritischen Prüfung zu unterziehen. (S. VIII)

Autorin

Dr. Nina Hogrebe, Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation wurde von der Westfälischen Wilhelms-Universität im Jahr 2012 als Dissertation der Autorin angenommen. Das Buch erschien 2014 als vierundzwanzigster Band der Reihe „Educational Governance“ des Springer Verlags.

Aufbau

Nach Vorwort und Inhaltsverzeichnis gliedert sich die Publikation in

  1. Finanzierung von Kindertageseinrichtungen – transdisziplinäre Bezüge (10 Seiten)
  2. Das Verhältnis von Pädagogik und Ökonomie (38 Seiten)
  3. Zieldefinition - Bildungsgerechtigkeit als Bezugssystem (64 Seiten)
  4. Maßnahmendefinition – Effekte frühkindlicher Bildung (53 Seiten)
  5. Bedarfsorientierte Finanzierung von Kindertageseinrichtungen (24 Seiten)
  6. Der Sozialraum als Indikator für eine bedarfsorientierte Finanzierung (76 Seiten)
  7. Bildungsgerechte Finanzierung: Potenziale und Herausforderungen (11 Seiten)

Am Ende jedes Kapitels findet sich ein Literaturverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel beschäftigt sich Nina Hogrebe mit der „Zieldisziplin“ ihrer Arbeit. Die vorliegende Arbeit erfordert demzufolge einen mehrperspektivischen Zugang, der sowohl die Wirtschaftswissenschaften als auch die Erziehungswissenschaften berücksichtigt. Sie kritisiert, dass Fragen der Finanzierung meist von der Finanzwissenschaft und deren Akteuren thematisiert werden und häufig eine Verknüpfung zu den pädagogischen Zielsetzungen fehlt. Da „mehr Ressourcen nicht automatisch ein besseres Bildungssystem hervorbringen“ (S. 4), betrachtet sie auch die Mechanismen der Ressourcenallokation vermehrt. Auch die Frage nach dem „Wie“ der Verteilung wird im Buch aufgegriffen. Um eine angemessene Beantwortung dieser interdisziplinär angelegten Frage zu ermöglichen, kann, so die Autorin, der Ansatz der Transdisziplinarität genutzt werden.

Im zweiten Kapitels geht es um das „Verhältnis von Pädagogik und Ökonomie“. Hierzu beschreibt die Autorin zu Beginn Verbindungslinien zwischen beiden Bereichen und verdeutlicht so, dass pädagogische Probleme nicht unabhängig, sondern im Zusammenspiel von Ökonomie und Politik zu lösen sind. Sie stellt die Bildungsökonomie als interdisziplinäre Wissenschaft dar. Diese junge Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften beschäftigt sich mit den wechselseitigen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bildung und der wissenschaftlichen Analyse von Bildung unter ökonomischen Gesichtspunkten. Im Bereich des Sozialen wird die „Ökonomisierung“ häufig kritisiert. Nina Hogrebe skizziert diesen Diskurs und nimmt im Anschluss eine (Neu-)Bestimmung des Verhältnisses von Ökonomie und Pädagogik vor. Abschließend erläutert sie daraus resultierende Konsequenzen für die Finanzierung von Kindertageseinrichtungen.

Kapitel drei erörtert die „Zieldefinition“. Da Ziele immer kontextsensibel zu betrachten sind und eine Abhängigkeit von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen besteht, betrachtet Hogrebe zunächst den Bereich der frühkindlichen Betreuung in Deutschland mit seinen Zielen und Funktionen. Es folgen Ziel- und Zielgruppendefinition. Bildung nimmt hierbei einen immer größeren Stellenwert ein. Besonders dem Schlagwort „Bildungsgerechtigkeit“, das heute viele Diskussionen bestimmt, fehlt es der Autorin zufolge an wissenschaftlicher Trennschärfe. Um ihn für das Vorhaben ihrer Dissertation „wissenschaftsfähig“ zu machen, nimmt Nina Hogrebe zunächst eine Begriffsdefinition vor und stellt sie in den Zusammenhang mit den empirischen Theorien sozialer Gerechtigkeit von Walzer (1992) und Miller (2008). „Grundsätzlich sind bestehende Bildungsungleichheiten dann als ungerecht zu bewerten, wenn ein vorher festgelegtes Mindestmaß an Bildung unterschritten wird.“ (S. 77) Um dieses Mindestmaß zu bestimmen, werden Indikatoren zur Beschreibung von Bildungsdisparitäten zusammengetragen und bestehende Bildungsdisparitäten in Deutschland dargestellt und bewertet. Da Ungleichheiten nicht erst in der Schulzeit entstehen, geht Nina Hogrebe kapitelabschließend auf die Bedeutung von Bildungserfahrung in der frühen Kindheit ein.

Im vierten Kapitel greift die Autorin die Effektivitätsforschung im Bereich der frühkindlichen Bildung auf. Sie beschreibt Fragestellungen und Methoden, gibt einen Überblick über den Forschungsstand und geht dabei, neben einer internationalen Verortung, explizit auf Studien in Deutschland ein. Nach der Diskussion der Forschungsergebnisse stellt sie diese in den Kontext von Praxis und Finanzierung.

Kapitel fünf „Bedarfsorientierte Finanzierung von Kindertageseinrichtungen“ beschreibt die aktuelle Finanzierungspraxis und geht auf allgemeine Mechanismen der Mittelverteilung und formelbasierten Finanzierung ein. Im letzen Teil des Kapitels diskutiert Nina Hogrebe mögliche Bedarfsindikatoren.

Der empirische Teil der Untersuchung folgt im sechsten Kapitel. Am Beispiel der Stadt Münster (Nordrhein-Westfalen) geht Nina Hogrebe der Frage nach, ob ein Sozialraum als Finanzierungsbasis herangezogen werden kann. Zwei unabhängige Datenquellen (kommunale Sozialberichtserstattung, Daten aus Schuleingangsuntersuchungen) werden in einem mehrstufigen Verfahren analysiert, aufgestellte Hypothesen überprüft, die Ergebnisse beschrieben und bewertet.

Im letzten Kapitel fasst die Autorin ihr Vorgehen, wichtige Kernaussagen und Ergebnisse zusammen. „Hauptergebnis der Untersuchung ist, dass die in der kleinräumigen Sozialraumstatistik vorliegenden Indikatoren … die Bedarfslagen von Kindertageseinrichtungen nur unzureichend erfassen.“ (S. 269) Daher sollte, so Nina Hogrebe, eine bedarfsorientierte Finanzierung nicht auf den Sozialraum zurückgreifen. Vielmehr sollten Indikatoren verwendet werden, die auf der Ebene der einzelnen Einrichtung ansetzen oder den tatsächlichen individuellen Bedarf der betreuten Kinder abbilden.

Diskussion

Die Autorin beschreibt anschaulich, welche Erwartungen an Kindertageseinrichtungen herangetragen werden, welche Ressourcen für ihre Erfüllung benötigt werden und betont die Notwendigkeit der ausreichenden Finanzierung unter dem Schlagwort „Bildungsfinanzierung“. Nina Hogrebe beschränkt sich dabei nicht auf finanzwirtschaftliche Kalkulationen und eine Aufstellung von Kosten / Investitionen, sondern bietet eine ausführliche und gelungene, theoretische und empirische Analyse. Bei der Suche nach einer „an pädagogischen Zielkategorien orientierte(n) Finanzierungsform“ (S. VII) berücksichtigt die Autorin beide Felder: Pädagogik und Ökonomie.

Die Autorin schließt eine Forschungslücke, indem sie belegt, dass die momentan verfügbaren Daten der kommunalen Sozialraumstatistiken in der aktuellen Form keine geeignete Informationsquellen darstellen, um Finanzressourcen bedarfsgerecht unter den Kindertageseinrichtungen zu verteilen. Sie belegt, dass bestimmte Belastungsindikatoren, zum Beispiel der Anteil der Kinder mit erhöhtem Förderbedarf oder aus kinderreichen Familien, in der Statistik derzeit nicht abgebildet sind. Auch durch Segregationsprozesse werde das Bild verzerrt.

Sie plädiert im Sinne einer gerechteren frühkindlichen Pädagogik dafür, weitere Möglichkeiten für eine Verbesserung der Sozialraumstatistik zu evaluieren: Nach Identifikation und Einigung auf relevante, die Einrichtungsebene betreffende Belastungsfaktoren, könnte die Sozialberichterstattung modifiziert werden. Als von den verantwortlichen Akteuren (Träger, Einrichtungsleitung) nicht manipulierbare Informationsquelle, könnte sie dann doch als Indikator für eine bedarfsgerechte Finanzierung herangezogen werden. Politik und Verwaltung bliebe demzufolge ein Gestaltungsspielraum, die Finanzierungssystematik bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Leider, das ist vermutlich der Publikation in Buchform geschuldet, ist der Anhang, auf den im Text mehrmals verwiesen wird, nicht verfügbar. Die ausführlichen Literaturverzeichnisse bieten jedoch eine gute Ausgangsbasis für eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema. Zudem zeigt die Autorin Ansatzpunkte für weitere Forschungsfragen auf.

Fazit

Die vorliegende Dissertation ist ein sehr gut gelungene Untersuchung. Verschiedene theoretische Positionen und Modelle werden in nachvollziehbarer Form dargestellt und in einen empirischen Zusammenhang gestellt. Die angesprochene Zielgruppe (Wissenschaftler und Entscheidungsträger) findet fundiert zusammengetragene Informationen für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema gerechte Bildungsfinanzierung.

Rezension von
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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Es gibt 68 Rezensionen von Martin Walz.

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Zitiervorschlag
Martin Walz. Rezension vom 01.08.2014 zu: Nina Hogrebe: Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit. Der Sozialraum als Indikator für eine bedarfsgerechte Finanzierung von Kindertageseinrichtungen? Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-03488-7. Reihe: Educational Governance - 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16270.php, Datum des Zugriffs 19.06.2024.


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