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Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.06.2014

Cover Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs ISBN 978-3-86930-758-9

Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule. Steidl (Göttingen) 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-86930-758-9. 18,00 EUR.
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Ein Reformmodell angstfreien Lernens

Vom Hannöverschen Philosophen und Sozialwissenschaftler Oskar Negt ist man gewohnt, dass er im Klartext spricht! Der politische Mensch Negt mischt sich ein, im akademischen Bereich und in der Öffentlichkeit, wenn es darum geht, gesellschaftliche Standortbestimmungen vorzunehmen und freiheitliche Positionen zu vertreten (Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php). Er hebt den mahnenden Finger, wenn individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen aus dem Ruder zu laufen drohen, wenn Egoismen über Kollektivismen zu herrschen beginnen, wenn kapitalistische Mehrwert-Mentalitäten soziale Gerechtigkeiten aus den Angeln heben.

Schule ist eine Schule ist eine Schule…

Mit dieser schrägen Charakterisierung lassen sich zwei Herausforderungen dingfest machen: Die eine könnte dem Zeitgeist entsprechen und zum Ausdruck bringen, dass die gesellschaftliche Institution so ist, wie sie ist und nicht zu ändern ist; also auch nicht geändert werden soll! Diese Auffassung vertreten wohlfeil Menschen, die das Selektionsinstrument Schule als ein bewährtes Mittel betrachten, „in der die gesellschaftliche Polarisierung fortgesetzt und zementiert wird und die Kinder möglichst frühzeitig nach künftigen Gewinnern und potentiellen Verlierern sortiert werden“.

Eine andere Interpretation könnte sein, dass Schule ein Lebens- und Erfahrungsraum für Menschlichkeit, Gleichberechtigung und soziale, gesellschaftliche Kompetenz sein sollte, in der das Menschenrecht auf Bildung wirklich ernst genommen wird. Eine solche Einrichtung aber entsteht nicht mit traditionalistischem, konservativem und egoistischem Beharren darauf, dass „die Verhältnisse so sind, wie sie sind“, sondern durch Veränderungen und echte Wandlungsprozesse, mit dem Bewusstsein: „Im Versuchen liegt der echte Idealismus“ (Ludwig Marcuse). Der ehemalige Schweizer Manager und spätere Menschenrechts- und Umweltaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) gab mit einer „positiven Subversion“ die richtige Antwort: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge (Nach uns die Zukunft, Bern 1979).

Ich vermute, dass Oskar Negt diesem Optimismus zustimmt; hat er doch 1972, zusammen mit anderen, an den Bildungs- und schulischen Zuständen in Deutschland Unzufriedenen, in Hannover eine Schule gegründet und über die Jahrzehnte hinweg als wissenschaftlicher Begleiter über Berge und Täler, drohenden Einbahn- und Stoppstraßen, aber auch durch blühende Gärten und Experimentierfelder geführt: Die Glocksee-Schule, die einzige staatlich abgesicherte, einzügige Gesamtschule mit rund 220 Kindern und Jugendlichen in Hannover. Aus Anlass des 40jährigen, erfolgreichen Arbeitens der Schule hat er 2012 in einer Rede seine Erfahrungen und Hoffnungen dargelegt. Ergänzt durch eine Zustandsanalyse der deutschen und europäischen Bildungs- und Schullandschaft legt er nun seine „Streitschrift“ vor, in der Erwartung, dass aus den Erfahrungen und Erfolgen des bisher in Europa einzigen Schulversuchs dieser Art Tausende solcher Versuche werden könnten.

Aufbau und Inhalt

Mit dem Anspruch, eine „Philosophie des aufrechten Gangs“ zu skizzieren, rekurriert er auf die für Menschlichkeit wichtigste Bedeutung von Bildung und Erziehung. Die Forderung – „Das Gehäuse der Hörigkeit aufsprengen“ – enthält dabei die Aufforderung, vom gewordenen und gepflegten zweckrationalen Denken, der „halbierten Vernunft“, Abstand zu nehmen und zu einem echten, vernünftigen und humanen Denken zu gelangen. Das ist um so notwendiger, je mehr sich die Gesellschaften, lokal und global, auf ein „anything goes“ und ein „business as usual“ einrichten und damit einen humanen Notstand produzieren, der die Menschheit zur Unmenschlichkeit verkommen lässt. Aufklärung und Orientierung sind für ein menschenwürdiges Leben notwendig. In konkreten Zugriffen zu einer Bestandsaufnahme zur Bildungssituation kommt es darauf an, „das gebrochene Verhältnis von Bildung und Lernen“ in den Blick zu nehmen. Mit zahlreichen philosophischen, literarischen, theoretischen, gesellschaftlichen und Alltagsbelegen verweist er auf den „Kältestrom“ (Adorno), der unsere Schulen durchströmt. Dabei belässt Oskar Negt seinen Fingerzeig nicht bei theoretischen und reflexiven Analysen, sondern er vermittelt auch eine Reihe von ganz konkreten Bildungs- und Lernbeispielen, etwa mit „Europa als Lernprojekt – Die Schule als Kinderstube der Demokratie in einer Zeit der Bindungs- und Ortlosigkeit“.

Der Autor berichtet über die Entstehungsgeschichte der Glocksee-Schule, beginnend als Alternativangebot für Kinder in der Stadt und im Umkreis von Hannover, mit dem Anspruch einer antiautoritären Bildung und Erziehung und der Kraft von engagierten Lehrkräften und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, sich auf eine „konfliktreiche Orientierungssuche“ zu begeben. In der Bildungs- und Schulentwicklungsgeschichte hat es (allzu) lange gedauert, bis bewusst geworden ist, dass das schulische Klima und eine kindgemäße Architektur Voraussetzungen für ein gelingendes schulisches Lernen sind. In der Glocksee-Schule wurde diesen Aspekten von Anfang an intelligent und human Rechnung getragen. Wie z. B. auch in den Schulversuchen der Integrierten Gesamtschulen, leistet die Glocksee-Schule bei der „Umdefinition und Erweiterung des Leistungsbegriffs“ wie bei bei der Berücksichtigung des gesellschaftlichen Funktionswandels der Kulturtechniken Pionierarbeit.

Interesse dürften auch die Erfahrungen hervorrufen, die Oskar Negt zur Frage „Schulversuch und Regelschule“ vermittelt, insbesondere, wenn es um die Übertragbarkeit der Erfahrungen, Konzepte und didaktisch-methodischen Instrumente geht. Bedeutsam und unverzichtbar dabei ist der Hinweis, dass schulisches Lernen, Bildung und Erziehung niemals neutral, also unverbindlich sich vollziehen darf, sondern Ziele beinhalten muss, wie sie in der Glocksee-Schule voran stehen: „Herstellung von Zusammenhang im Lernen, Vergrößerung der Autonomiefähigkeit der Menschen, Aufhebung von Vorurteilen, Mut, Toleranz, Geduld im Aushandeln von Kompromissen…“.

Die weiteren Begründungszusammenhänge, weshalb es notwendig ist, Schule (radikal und konsequent) zu verändern, sind nicht zuletzt durch die aufsehenerregenden (nicht immer schwerwiegend genug verstandenen und akzeptierten) Ergebnisse der zahlreichen nationalen und internationalen Schulvergleichsuntersuchungen (PISA, u.a.) offenbar; ebenso die bis heute ungelöste Problematik der sozialen Frage im Bildungssystem. Die zögerlich, unprofessionell angegangenen Versuche, Inklusion als Grundbestandteil schulischen Lernens zu verstehen, scheitern vor allem deshalb, weil das dreigliedrige Schulsystem dabei nicht in Frage gestellt wird. Es verwundert nicht (ja es wird sogar erwartet!), dass Oskar Negt als eindeutiger und engagierter Verfechter für „Eine Schule“ eine Lanze für die Integrierte Gesamtschule bricht. Er hat die Entwicklung insbesondere der niedersächsischen IGS „hautnah“ und mit Wohlwollen erlebt. Es ist deshalb richtig, wenn er in historischer Analyse feststellt, dass die damaligen Schulversuche mit Gesamtschulen einer unangemessenen und ihr Entwicklungspotential beeinträchtigenden „Legitimationslast“ ausgesetzt waren. Zwar hat dieser öffentliche, von parteipolitischer Seite dazu noch geschürte Druck nachgelassen – immerhin wurden in den letzten Jahren zwei niedersächsische Integrierte Gesamtschulen (Hildesheim und Göttingen) mit dem Deutschen Schulpreis als beste Schulen Deutschlands ausgezeichnet – doch den Preis, den die Gesamtschulen dafür zahlen müssen, sieht Negt (wie auch der Rezensent) als allzu hoch und für die Verwirklichung einer gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen abträglich an: Die verstärkte Wiedereinführung von Formen äußerer Differenzierung, einer Aufweichung der Zielsetzung, Noten abzuschaffen und ein alternatives Lern-Leistungsbewusstsein zu ermöglichen, und eine Reihe weiterer „Rücknahmen“ der ursprünglichen Zielsetzungen, sind Anzeichen, dass das traditionelle Schulsystem sich behauptet und weniger denn je in Frage gestellt wird. Es ist dingend angebracht, den individualistischen und standesorientierten Bestrebungen, die gesellschaftliche Institution für egoistische Zwecke zu privatisieren, entschieden entgegen zu treten: „Die Schule muss eine öffentliche Einrichtung bleiben. Sie gehört zu den unverkäuflichen Gütern der Gesellschaft“.

Fazit

„So kann es nicht weitergehen“; mit diesem Punktum! verweist Oskar Negt darauf, dass Bildung, Erziehung und schulisches Lernen nicht als abgeschobener Bereich im kapitalistischen, neoliberalen und ökonomischen Nützlichkeitsdenken verstanden werden darf, bei dem betriebswirtschaftliche Prämissen über dem Erlernen des „aufrechten Gangs“ stehen. Es bedarf der Vermittlung, Erprobung und des Erlebens eines gesellschaftlichen und politischen Erkenntnisinteresses, „das Urteilskraft und Wissen bewusst aus den geschichtlich ungenutzten Befreiungspotentialen der Menschen gewinnt“.

Es sind überwiegend keine Neuigkeiten, die Oskar Negt in seiner Streitschrift für eine neue Schule formuliert; aber es sind Gedanken, die es lohnen, aufgenommen zu werden, immer und immer wieder!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.06.2014 zu: Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule. Steidl (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-86930-758-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16273.php, Datum des Zugriffs 07.08.2022.


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