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Wolf-Rüdiger Wagner: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein

Cover Wolf-Rüdiger Wagner: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2013. 330 Seiten. ISBN 978-3-86736-295-5. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das neue Buch von Wolf-Rüdiger Wagner „Bildungsziel Medialitätsbewusstsein“ kann als eine Fortsetzung seines 2004 erschienenen Titels „Medienkompetenz revisited“ (www.socialnet.de/rezensionen/1812.php) gesehen werden. In dem gegenwärtig geführten Diskurs um die Medienkompetenz zeichnet sich in der Tat ein Paradigmenwechsel in die Richtung einer Medienbildung ab. Für den Autor sind das Ziel und zugleich das Ergebnis einer Medienbildung die Herausbildung vom Bewusstsein für die Rolle von Medien, die sie bei der Produktion, Kommunikation und Distribution von Wissen einnehmen.

Im Rahmen seiner Tätigkeiten im Niedersächsischen Kultusministerium hat der Autor Projekte initiiert, die den Übergang der Schulen in das Web 2.0-Zeitalter begleitet haben. Darüber hinaus engagiert er sich schon lange konkret in der Umsetzung didaktischer Lehrkonzepte. Seit 1991 veröffentlich er regelmäßig in der Zeitschrift „Computer und Unterricht“ dessen Mitherausgeber er inzwischen geworden ist. So ist sein Buch ein starkes Plädoyer für mehr Medienbildung an Schulen und neue Bildungsstandards. Im Buchuntertitel wird ein weiterer Hinweis dazu gegeben. Es handelt sich um eine „Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung“. Wagner plädiert für mehr Medienbildung auch in Naturwissenschaften und Technik. In diesem Sinne erweitert er den Begriff von Medienkompetenz um weitere IT-Kompetenzen und insbesondere um das Wissen über die Strukturen medientechnischer Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

In seinem aktuellen Werk geht Wagner an die Problematik der Mediatisierung aus einer geschichtlichen Perspektive heran. Im Mittelpunkt stellt er dabei Medien als soziotechnische Systeme. Erst in diesem Kontext ist es möglich den stattgefundenen gesellschaftlichen Wandel zu fassen. Aus der medial gekennzeichneten Entwicklung „ergeben sich tief greifende Veränderungen in den Wahrnehmungsformen, Erfahrung- und Kommunikationsmöglichkeiten einer Gesellschaft“ (S.15), die unser Weltbild prägen. Im Endeffekt ist ein thematisch geordnetes Nachschlagwerk über unterschiedliche Ereignisse medial konstruierter Wirklichkeiten entstanden, das mit theoretischen Überlegungen eingeleitet wird.

Der theoretische Teil umfasst drei Themen:

  1. Die Annäherung an ein Medienverständnis aus pädagogischer Perspektive
  2. Die Medien als Soziotechniken
  3. Die Medien als Wahrnehmung von Welt

Tragen die Medien tatsächlich zum Verlust unserer sinnlichen Erfahrung bei und behindern dadurch unsere existentielle Ausgeglichenheit? Nein, argumentiert Wagner: „Sieht man in den Medien (…) Werkzeuge zur Erweiterung unseres Erfahrungshorizonts, wird aus dieser perspektive der Erweiterung die Aufhebung der Ganzheitlichkeit geradezu zur Voraussetzung für einen Zuwachs an spezifischen Erkenntnissen- und Ausdrucksmöglichkeiten“ (S.131).

Die nachfolgenden 13 Kapitel behandeln dann unterschiedliche Beispiele aus der Geschichte der Medizin, Technik und den Naturwissenschaften und belegen somit die Rolle der Medien als Werkzeuge der Produktion, Darstellung und Kommunikation von Wissen:

  1. Aufschreibsysteme als materielle Grundlage der Wissensproduktion (Technische Zeichnung, Bleistift)
  2. Die Chronophotographie und andere Techniken der Selbstabbildung (Anfänge der Fotografie und Festhaltung von Bewegung)
  3. Die Welt beschreiben und zeigen, wie sie in Wirklichkeit ist (Stenographie, Panoramen des 19. Jahrhunderts, Nachrichtendienste)
  4. Bewegungsstudien und wissenschaftliche Betriebsführung („Taylorismus“ und Computer)
  5. Apparate zur Sichtbarmachung und Wiedergabe von Schallwellen (Tonaufzeichnung)
  6. Das anthropometrische Signalement und die Verwissenschaftlichung der Polizeiarbeit
  7. Die Erfindung der Hysterie mithilfe der Fotografie
  8. Charakterbilder – Mediale Konstruktionen vom Schattenriss zu fMRT-Scans
  9. Indizienparadigma und Medien (Stimmphysiognomik oder Phonogramme)
  10. Die Bedeutung der Fotografie für die Akzeptanz der Mikroskopie
  11. Röntgenbilder – Maschinen als Augenzeugen
  12. Wissensbilder (Fernrohr, Computersimulation, Hirnscans, Ultraschallbilder)
  13. Das wachsende Bedürfnis nach anschaulichen und schnell erfassbaren Informationen (Visualisierung, Karten etc.)

Fazit

Der Autor hat mit seinem Buch viele wichtige Themen aus der Geschichte der Medien angesprochen. Die vorgestellten Beispiele eignen sich sowohl für die Vorbereitung schulischer Veranstaltungen als auch für ein Selbststudium. Demnach ist Wolf-Rüdiger Wagner seinem Anspruch, dem Perspektivwechsel in der schulischen Medienpädagogik, gerecht geworden. Die lexikonartigen Artikel geben anregende Einblicke in die zahlreichen Anfänge heutiger hochentwickelter Medieneinsätze. Da es sich jeweils um kurze Darstellungsformen handelt, bedarf es allerdings weiterer Recherche aus den Hintergrund- und Nebenbereichen, um dem Thema auch gerecht zu werden. Dafür kann auch ein Besuch der Internetseite von Wolf-Rüdiger Wagner nützlich sein: http://medienkompetenzrevisited.com. Dem Buchleser und dem Internetuser muss jedoch dabei bewusst sein, dass beide jeweils nur in der Argumentationslogik des Autors bleiben.


Rezension von
Prof. Dr. Anna Zembala
Homepage www.katho-nrw.de/koeln/studium-lehre/lehrende/haupt ...
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Zitiervorschlag
Anna Zembala. Rezension vom 14.05.2014 zu: Wolf-Rüdiger Wagner: Bildungsziel Medialitätsbewusstsein. Einladung zum Perspektivwechsel in der Medienbildung. kopaed verlagsgmbh (München) 2013. ISBN 978-3-86736-295-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16274.php, Datum des Zugriffs 09.12.2021.


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