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Marion Oliner: Psychische Realität im Kontext

Cover Marion Oliner: Psychische Realität im Kontext. Reflexionen über Trauma, psychoanalyse und die persönliche Geschichte. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-95558-059-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Das Leben ist (k)ein Traum(a)

Welche Chuzpe reitet jemand, der nicht Fachmann ist, ein Fachbuch über psychoanalytische Fragestellungen zu besprechen? Vielleicht ist es der Blick von „außen“, der dieses Wagnis begründen könnte; möglicherweise ist es auch die Neugier eines Laien, über „psychische Realität im Kontext“ nachzudenken und zu lesen; in jedem Fall aber ist es das Interesse an einer Autorin, die sich bemüht, ihren fachlichen, psychoanalytischen Standpunkt und ihre professionellen Erfahrungen zu verbinden mit ihrer ganz persönlichen Geschichte. So mögen die Fachleute Nachsicht wegen der sicherlich deutlich erkennbaren Defizite bei der Auseinandersetzung mit den psychoanalytischen Fragestellungen haben.

Die 1929 geborene New Yorker Psychoanalytikerin, Lehranalytikerin und Supervisorin, Vorstandsmitglied der New York Freudian Society, Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV), Marion M. Oliner, ist Überlebende von Holocaust-Opfern. Sie, wie auch ihre Mutter und deren Vorfahren, wurden in Andernach am Rhein, ihr Vater in Merxheim bei Bad Kreuznach geboren. Sie und ihre Eltern reisten 1939 nach Belgien aus, mit dem Ziel, ein Visum für die Einreise in die USA zu bekommen. Doch nach der Annexion des Landes durch die Deutschen, 1940, war dies nicht mehr möglich. Ihr Vater wurde verhaftet und in ein Lager nach Südfrankreich gebracht. Die Restfamilie blieb in Brüssel, bis es ihrer Mutter gelang, mit Hilfe von Schleusern nach Südfrankreich zu kommen, um den Ehemann dort zu treffen. Ihre Bemühungen, über jüdische Organisationen die Auswanderung in die USA zu erreichen, führten dazu, dass die Tochter Marion Gelegenheit erhielt, mit einem der Kindertransporte in die Schweiz gebracht zu werden und von dort in die USA zu gelangen. Sie wurde amerikanische Staatsbürgerin, studierte, heiratete und bekam zwei Kinder. Ihre Eltern wurden 1942 in das Konzentrationslager in Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Es ist die Suche nach den Realitäten, die mehr sein sollten als eine Anpassung an sich real anfühlende Wirklichkeiten (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php), die bei Opfern und ihren Nachkommen die Fragen laut werden lassen, wie die Shoa möglich sein konnte und wie man mit dem Land, in dem dies geschah und den Menschen, die den Holocaust zuließen, umgehen solle (Andrea Treuenfeld, Zurück in das Land, das uns töten wollte. Jüdische Remigrantinnen erzählen ihr Leben, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/17994.php; auch wie Täterinnen und Täter ihre Schuld anerkennen; Ursula Mahlendorf, Führers begeisterte Töchter. Wie Mädchen die Hitlerzeit erlebt und später verharmlost haben. Eine amerikanische Intellektuelle über (ihre) NS-Kindheit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16998.php).

Als ihre 16jährige Tochter über ihre familiäre Herkunft intensiver nachfragte, unternahm Marion mit ihr 1976 das erste Mal eine Reise zu ihrem Geburtsort, dem des Vaters und denen der Mutter, Großeltern und Verwandten in Deutschland. In zwei Prologen arbeitet Marion M. Oliner ihre eigenen Erlebnisse und frühen, individuellen und familialen, traumatischen Erfahrungen heraus und bringt sie in Beziehung zu ihrer Profession. Sie reflektiert, immer mit ihren individuellen Erfahrungen im Hintergrund, die verschiedenen Erinnerungen, Einflüsse und Wunden bei der Entwicklung der Wahrnehmungsidentität, die gespickt ist mit Vergessenszwängen und mächtigen Leerstellen. Beim Internationalen Kongress der IPV 2007 in Berlin hielt Marion M. Oliner einen Vortrag, den sie titelte: „Entschuldigen Sie, dass ich geboren wurde“ und in dem sie, aus psychoanalytischer

Sicht, die Bedeutung von Trauma-Analyse insbesondere bei Überlebenden und deren Nachkommen der Shoa aufzeigt.

Aufbau und Inhalt

Nach diesen persönlichen Bekenntnissen und Vergangenheitsdarstellungen ihrer eigenen Geschichte thematisiert die Autorin in sieben Kapiteln die Zusammenhänge von Realitätsüberzeichnung bis hin zur -verleugnung, von Objektbetonung bis -verlust.

Im ersten Kapitel denkt die Autorin über den „Stellenwert historischer Ereignisse in der Behandlung“ nach; im zweiten über „Historische Erfahrung, Erinnerung und die Assimilation des Traumas“; im dritten reflektiert sie „Die schwer fassbare Dimension der äußeren Realität in der psychoanalytischen Theorie“; im vierten wird „Die Grenze der Ominipotenz“ aufgezeigt; im fünften geht es um die „Bedeutsamkeit der wirklichen Wahrnehmung“; im sechsten wird mit dem Schlusskapitel festgestellt: „Das Unbewusste hat Augen und kann sehen“. In einer Replik auf Jacques Lacans Theorie von der „Sprache der Entfremdung“ wird „Psychoanalyse unter anderem Blickwinkel“ dargestellt.

Das Trauma, als durch äußere, gewaltsame oder nicht kontrollierbare und nicht zu verhindernde seelische Verletzung, gehört in der Psychopathologie, -analyse und -therapie zu den wichtigen, komplexen Behandlungsanlässen. Dabei kommt es darauf an, analytische Unterscheidungen vorzunehmen zwischen „den Ereignissen der äußeren Realität und ihren Folgen“. Es sind Formen der sich verstärkenden unbewussten Omnipotenz, die Traumata hervorrufen und, besonders bei der Behandlung von Überlebenden, entweder zu erfolgreichen oder auch erfolglosen Behandlungen führen können. Es ist das Dilemma, das sich zwischen der Notwendigkeit auftut, dass traumatisierte Menschen Abwehrmechanismen benötigen, um überhaupt (über-)leben zu können und der konkreten Vergegenwärtigung des traumatisierenden Vergangenen.

Weil die subjektive Erfahrung eines Traumas auf dem Erinnern beruht, werden Bewältigungsmodelle und -methoden mit den vielfältig auftretenden, realen, gewordenen und gemachten Erfahrungen konfrontiert. Es sind die nicht selten zwanghaften, unbewussten Bestrebungen von Angenommensein, Integration und Verweigerung und Trennung, die besonders bei Traumata von Überlebenden erkennbar werden.

In der psychoanalytischen Theorie der äußeren Realität zeigt sich die Tendenz, wenn nicht gar das Zwanghafte, die Ereignisse und Erscheinungsformen als „Bedrohung der Integrität des Individuums“ wahrzunehmen; ein Ausweg daraus wird gesucht, indem das Objekt mit seiner „nie erlahmenden Aktivität der unbewussten Phantasie“ in den Mittelpunkt gestellt wird. Ohne dass die Autorin die eine Version bevorzugt oder die andere ablehnt, kommt sie zu der Beobachtung, dass „eine der am häufigsten begegnenden Unzulänglichkeiten der ursprünglichen Theorie sowie der Theorien, die als Korrektiv aufgeboten wurden, ( ) die übertriebene Konzentration des Prozesses auf die psychische Realität (kursiv, JS) zu Lasten der Suche nach dem angemessenen Platz der äußeren Welt und ihres Einflusses auf das Individuum und die analytische Beziehung (ist)“.

Wenn es stimmt, dass „das psychische Leben auf greifbaren Eigenschaften beruht“, wie dies in der Freudschen Diktion formuliert wird, muss den Wirkungen und Einflüssen der unbewussten Omnipotenz eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden; besonders dann, wenn sie sich als Unsterblichkeits- und Machtphantasie äußert. Im vierten Kapitel plädiert die Autorin deshalb für eine „Grenze der Omnipotenz“. An einem ausführlich beschriebenen Fallbeispiel zeigt sie auf, dass „die Überbetonung der psychischen Realität ( ) eine Gefahr in sich (birgt), weil die innere Realität grenzenlos ist“.

Das fünfte Kapitel titelt die Autorin mit „Das Leben ist kein Traum“. Darin geht es um die Suche danach, „das rechte Verhältnis zwischen Innen und Außen wiederherzustellen und der äußeren Realität den Stellenwert einzuräumen, der ihr gebührt“. Wie sich ein adäquater, wirksamer und hilfreicher Kontakt zwischen Patient und Analytiker herstellen lässt, verdeutlicht die Autorin wieder mit einem Fallbeispiel. An dem Aspekt der „bedeutungshaltige(n) Reaktion“ zeigt sie auf, wie sich die Formen von „Wahrnehmungsidentität“ ausbreiten wie auch einengen können.

Mit dem sechsten Kapitel kommt die Autorin wohl zu der schwierigsten psychoanalytischen Frage, wie sich das Reale in das imaginäre „Andere“ entwickelt. Es sind die Funktionalitäten und Dysfunktionen der Sinnesorgane, die zu machtvollen Sinneseindrücken und -täuschungen führen können. Es sind (primäre) narzisstische Objektivierungen, die eine „Verbindung zwischen der Wahrnehmung und sämtlichen Aspekten der psychischen Realität“ eingeht und dadurch eine Eingrenzung oder gar Blockierung der Aktivität bewirkt. „Demnach scheint es keine definitive Wahrnehmungsverengung zu geben, die nicht auch zu einer Selbstverstümmelung führt“.

Im siebten Kapitel wird ein Aufsatz abgedruckt, der 1998 als Erstveröffentlichung in dem von P. Marcus und A. Rosenberg, Hg., publizierten Band „Psychoanalytic Version of the Human Condition and Clinical Practice“ erschienen ist: „Psychoanalyse unter anderem Blickwinkel“. Sie setzt sich mit den Theorien und Positionierungen des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan (1901 – 1981) auseinander, der mit seiner Zielrichtung der „Rückkehr zu Freud“ Zu- und Widerspruch in der Zunft der Psychoanalytiker findet. Mit der Gewichtung auf die „Sprache der Entfremdung“ definierte er die „Sprache zum Schlüssel des Unbewussten“ und das „begehrliche Subjekt“ als den narzisstischen Sieg über das biologische Überleben. Die sich im psychoanalytischen Denken daraus entwickelte, in seiner Zeit (auch) durchaus als sensationell und unanständig empfundene, paradoxe These, dass das Sein „durch Unterwerfung unter die Unvermeidlichkeit der Selbstentfremdung befreit wird“, weist den Analytiker als den „Anderen“ aus, der das Unbewusste des Patienten repräsentiert. Damit hebt er den Zeigefinger in Richtung der Profession, dass es nicht Aufgabe des Psychoanalytikers sei, „die haltende Umwelt zu schaffen“; vielmehr käme es darauf an, „mit dem Patienten eine Unternehmung in Angriff zu nehmen, bei der jeder der beiden Beteiligten spezifische Aufgaben hat und die am Ende dem Patienten zu der Selbsterkenntnis verhelfen soll, die er braucht, um sein Leben weiterzuführen“.

Fazit

Der Tenor der Ich-Erzählungen, Ich- und Fremd-Analysen, wie sie von Marion M. Oliner in ihren theoretischen Darstellungen und Praxisberichten zum Ausdruck kommen, beruhen auf der an Freud und Lacan orientierten Flexibilität bei der Auseinandersetzung mit Traumata. An zahlreichen, speziell auf die Traumas von Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen ausgerichteten Fallbeispielen gelingt es ihr, ihre selbstreflexiven und professionellen, praktischen Erfahrungen zusammen zu bringen. Dass die Autorin auch in der deutschen Community Aufmerksamkeit hat, zeigt nicht nur die Herausgabe des Buches „Psychische Realität im Kontext“, sondern auch ihr Auftritt bei zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen und Kongressen, wie etwa bei der International Psychoanalytik University in Berlin. Der Schweizer Schriftsteller Gerhard Meier (1917 – 2008) hat zum Ende seines Lebens hin einmal geäußert, „Ich frag(t)e mich, ob man am Ende lebe, um sich erinnern zu können“. Erinnerungen an gute und böse Zeiten und Situationen sind deshalb Bestandsaufnahmen und Perspektiven zugleich!

Der psychologische und psychoanalytische Diskurs über die psychischen Realitäten der Menschen hat, in Ansätzen, auch die anderen medizinischen Professionen, bei den Sozialwissenschaften, der Erziehungswissenschaft, bei den Historikern und Kulturwissenschaften Eingang gefunden. Es ist ohne Zweifel im Sinne von Marion M. Oliner, hier einen Appell zur interdisziplinären und interprofessionellen Zusammenarbeit zu richten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.02.2015 zu: Marion Oliner: Psychische Realität im Kontext. Reflexionen über Trauma, psychoanalyse und die persönliche Geschichte. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-95558-059-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16285.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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