socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Udo Baer, Rosemarie Bleil u.a.: Vom alten Eisen. An Demenz erkrankte Männer [...] (DVD)

Cover Udo Baer, Rosemarie Bleil, Frank Bergmann: Vom alten Eisen. An Demenz erkrankte Männer restaurieren einen rostigen Traktor. Semnos Verlag (Neukirchen-Vluyn) 2013. ISBN 978-3-934933-42-2. 24,90 EUR.

DVD Laufzeit ca. 72 Minuten + Bonusfilm "Ölwechsel" (ca. 12 Minuten) + Schullehrfilm (Kurzfassung ca. 20 Minuten).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Film-Dokumentation eines Traktor-Projekts: Mitglieder der Oldtimerfreunde Höslwang restaurierten gemeinsam mit Bewohnern des Katharinenheims Bad Endorf einen alten Hanomag-Traktor

Aufbau

Die DVD enthält drei Filme:

  1. den 72minütigen Hauptfilm „Vom alten Eisen“
  2. eine 20-minütige Kurzfassung („Schullehrfilm“)
  3. einen Bonusfilm „Ölwechsel“

Zum Hauptfilm „Vom alten Eisen“

Der Film eröffnet mit einer Szene klassischen Gedächtnistrainings aus dem Altenheim und leitet sodann über zu der Bergung eines alten, verfallenen und verdreckten Traktors aus einem alten Unterstand. Trotz Skepsis der Mitglieder der Oldtimerfreunde Höslwang, die die Restaurierung des Traktors übernehmen wollen, und unter skeptisch-neugierigen Blicken der Bewohner wird der Traktor in eine Garage auf dem Gelände des Altenheims Katharinenheim geschleppt. Hier wurde er in den folgenden Monaten in gemeinsamer Arbeit der Oldtimerfreunde, mehrerer männlicher Bewohner des Altenheims, einiger Mitarbeiter des Heims und unter Beteiligung von Rosemarie Bleil, der Initiatorin des Projekts, restauriert.

Gezeigt werden zahlreiche Szenen der Restaurierung, wobei auch die unterschiedlichen Formen der Mitarbeit der Bewohner dokumentiert werden: Abschleifen einzelner Teile des zwischenzeitlich komplett demontierten Traktors, Anziehen von Schrauben, mal mit zittriger, mal mit zielgerichteter Aktivität, Bedienung von Hebesystemen bis hin zum Betätigen des Anlassers am Ende des Restaurierungsprozesses. Zwischendurch kommen die für das Projekt tätigen Handwerksbetriebe zu Wort, so wird die Arbeit der verschiedenen Lackierbetriebe und der Reifenwerkstatt dokumentiert.

Der Film kommt ohne Sprecher aus, er ist zusammengeschnitten aus kommentarlosen Filmsequenzen und zahlreichen Kommentaren der beteiligten Mitarbeiter, Ehrenamtlichen und Sponsoren, aber auch von Angehörigen und den beteiligten Bewohnern selbst, von denen einige Landwirte oder Landmaschinenmechaniker waren. Anhand der Szenen mit den Bewohnern werden auch, eher hintergründig, die Einschränkungen deutlich, mit denen diese leben, wenn z.B. bestimmte Aussagen immer wieder wiederholt werden. Manche Aussagen im deutlich oberbayrischen Dialekt werden mit Untertiteln „übersetzt“.

Dazwischengeschoben Einblicke in das frühere Leben der alten Männer, ausführlicher dokumentiert anhand eines Ausflugs eines alten Landwirts auf seinen früheren Hof.

Insgesamt dokumentiert der Film den gesamten Prozess, von der anfänglichen Demontage des Traktors über die Lackierung und den anschließenden Zusammenbau der nun wieder glänzenden Einzelteile. Ebenso werden die abschließende Ausfahrt der Beteiligten auf einem Hänger hinter dem restaurierten Traktor und die abschließende Versteigerung zu einem guten Zweck gezeigt.

Zum „Schullehrfilm“

Die Kurzfassung des Films beginnt mit einer Einführung durch Udo Baer, einem der Initiatoren des Projekts, zur Situation von alten Männern mit Demenz in Altenheimen, in denen selten angemessene Angebote für sie gemacht werden, in denen sie sich selbst positiv wahrnehmen können.

Die Szenen des Hauptfilms sind hier natürlich stark reduziert: Ankunft des Traktors im Heim, Szenen der Demontage und des Schleifens, Ausschnitte von Lackiererei und Reifenmontage, Zusammenbau der restaurierten Teile, Starten des Motors bis zur Abschlussfahrt mit dem Traktor. Kommentare von Mitarbeiterinnen und Mitgliedern der Oldtimerfreunde, zahlreiche Szenen, wie sich die alten Männer an der Arbeit beteiligen.

Zum Bonusfilm

Der kurze Bonusfilm zeigt eine Szene, in der mehrere ältere Männer, teilweise deutlich körperlich und/ oder kognitiv eingeschränkt, beim Ölwechsel an einem Motorrad zusehen und teilweise assistieren. Gezeigt werden einige Gesprächssequenzen zwischen Älteren und Begleitern. Außerdem Ausschnitte aus einem sich scheinbar spontan ergebenden Kontakt zwischen einem älteren Mann, der sich nicht mehr artikulieren kann, aber früher selbst Motorrad fuhr, und den beiden Männern, die ihre Maschine für die Situation zur Verfügung gestellt haben.

Diskussion

Die DVD ist laut Angabe der Herausgeber ein Lehrfilm für „Fachkräfte in der Altenhilfe und für pflegende Angehörige“. Diesem Anspruch werden die Filme gerecht, man kann aber in der Zielgruppe auch weiter gehen: Lehrfilm in der Altenpflegeausbildung und insbesondere in Qualifikationsmaßnahmen nach § 87b SGB XI, Vorführungen im Rahmen von Informationsveranstaltungen zu Demenz etc.

Der Film kommt ohne jegliche reißerische Aufmachung daher und dokumentiert respektvoll und gleichzeitig eindringlich sowohl die Einschränkungen, denen die älteren Männer in den jeweiligen Projekten unterliegen, also auch ihre Begeisterungsfähigkeit, ihr Interesse und ihre Offenheit für das, was um sie herum in diesem Projekt geschieht.

Er ist ein eindringliches Plädoyer dafür, im Alltag der Altenpflege Normalität für Männer einkehren zu lassen. Normalität für heute alte Männer, das ist eben nicht Basteln, Kochen oder Singen, sondern das sind unter anderem Werkzeuge, Fahrzeuge, Motoröl und Männergemeinschaft. Sicher kann nicht jedes Heim ein derartiges Projekt wie das hier dokumentierte verwirklichen. Da ist dann der Bonusfilm eine hervorragende Anregung: Ölwechsel beim Motorrad eines Freiwilligen, auf dem Gelände eines Heims oder einem naheliegenden Parkplatz durchgeführt. Keine große Vorbereitung, einfach und spontan zu verabreden, kein großer Zeitbedarf. Und doch ermöglicht es den beteiligten Männern, sich ihrer selbst zu vergewissern, Erinnerungen aufzufrischen, sich selbst in vertrauten Situationen und Tätigkeiten zu erleben. Nicht immer muss es das Mit-Tun sein, allein das Zuschauen, ein wenig Fachsimpeln und dabei sein bei derartigen Situationen hebt den Selbstwert und schafft Normalität.

Der Hauptfilm aber ist ein schönes Zeugnis dafür, was möglich ist, wenn Fachleute wie die Projektleiterin Rosemarie Bleil auf engagierte Ehrenamtliche treffen und mit ihnen regionale Projekte zugunsten von Menschen mit Demenz verwirklichen. Ein wenig schwingt allerdings am Ende das Bedauern mit, dass derartige Projekte eben Projekte und daher zeitlich begrenzt sind. Wünschenswert ist es, dass das Traktorprojekt und dieser Film inspirieren, in möglichst vielen Einrichtungen für Menschen mit Demenz und auch in Kommunen allgemein ähnliche Angebote für Männer dauerhaft zu installieren. Es muss ja nicht immer ein zu restaurierender Traktor sein, eine Fahrradwerkstatt, ein stillgelegtes Auto, eine Holzwerkstatt – alles einfach zum Werkeln, ohne Leistungsgedanken – sind Möglichkeiten, die den Gedanken hinter „Vom alten Eisen“ auch umsetzen können. Beispiele gibt es dafür bereits einige.

Für Lehrende und Organisatoren von Infoveranstaltungen allerdings der Rat, möglichst die Zeit für den Hauptfilm einzuplanen. Hier werden viel mehr Hintergründe und kleine Geschichten neben der Hauptgeschichte deutlich, die verdeutlichen, welche Bedeutung dieses Projekt für die beteiligten älteren Männer und gleichzeitig auch für die Ehrenamtlichen hatte. Allen in der Praxis tätigen Pflegenden, Heimleitungen wie auch Alltagsbegleiterinnen nach §87b SGB XI sei der Bonusfilm ebenfalls ans Herz gelegt. Gerade weil die dokumentierte Szene eher unspektakulär daher kommt, zeigt sie doch, dass derartige Aktionen gar nicht so aufwändig im Alltag umzusetzen sind.

Tipp: Auch den Abspann beachten. Hier werden einige Diagnosen der beteiligten alten Männer aufgeführt (ohne persönliche Zuordnung). Gerade Praktiker/innen, die alte Männer mit Demenz, Korsakow-Syndrom, Krebserkrankungen in ihrem Arbeitsalltag passiv, desinteressiert oder herausfordernd erleben, bekommen hier nachträglich Aha-Erlebnisse, wie motivierend derartige Projekte auf Männer gerade auch mit Mehrfachdiagnosen bedeuten kann.

Fazit

Sehenswerte filmische Dokumentation eines Projekts für alte Männer mit Demenz, geeignet für Aus- und Weiterbildung wie auch für Informationsveranstaltungen. Unspektakulär und gleichzeitig eindringlich, informativ und inspirierend. Sicher eine Bereicherung für die Mediathek jeder Altenpflegeschule und Weiterbildungsstätte im Bereich Gerontopsychiatrie.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
E-Mail Mailformular


Alle 30 Rezensionen von Bettina Wichers anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 21.02.2014 zu: Udo Baer, Rosemarie Bleil, Frank Bergmann: Vom alten Eisen. An Demenz erkrankte Männer restaurieren einen rostigen Traktor. Semnos Verlag (Neukirchen-Vluyn) 2013. ISBN 978-3-934933-42-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16299.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung