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Hans Wydler, Petra Kolip u.a. (Hrsg.): Salutogenese und Kohärenzgefühl

Cover Hans Wydler, Petra Kolip, Thomas Abel (Hrsg.): Salutogenese und Kohärenzgefühl. Grundlagen, Empirie und Praxis eines gesundheitswissenschaftlichen Konzeptes. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 255 Seiten. ISBN 978-3-7799-1414-3. 19,00 EUR, CH: 39,80 sFr.
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Zum Thema

Warum ist es möglich, dass Menschen auch unter schwerwiegenden Belastungen gesund bleiben? Dies ist die zentrale Frage, die Aaron Antonovsky, ein israelischer Medizinsoziologe, vor etwa zwanzig Jahren aufwarf. Er leitete damit einen Perspektivenwechsel in den Gesundheitswissenschaften ein, der die bis dahin in der Medizin dominierende Frage „Was macht Menschen krank?“ ergänzte. Dem klassischen Begriff der Pathogenese stellte er seine Wortschöpfung, die „Salutogenese“, gegenüber. Im Zentrum seines Interesses stehen weniger die Risikofaktoren, sondern die Schutzfaktoren, Ressourcen und Potenziale, die Menschen körperlich und psychisch gesund erhalten bzw. dazu beitragen, dass sich die Person auf dem Kontinuum zwischen Gesundheit und Krankheit in Richtung des Pols Gesundheit entwickelt.

Eine zentrale Ressource in seinem Gesundheitsmodell stellt ein Persönlichkeitsmerkmal, das Kohärenzgefühl (sense of coherence SOC), dar. Antonovsky versteht darunter die erworbene, relativ stabile Überzeugung eines Menschen, inwiefern er die Anforderungen in seinem Leben als verstehbar (sense of comprehensibility), als handhabbar und zu bewältigen erlebt (sense of manageability) und inwiefern er einen Sinn darin sieht (sense of meaningfulness), sich mit diesen Anforderungen auseinanderzusetzen. Menschen mit einem starken Kohärenzgefühl haben eine größere Chance, Anforderungen und Stressoren zu bewältigen, und gehen daraus gestärkt hervor.

Antonovsky hat mit seinem Modell nachhaltige Anregungen für eine multidisziplinäre Theorieentwicklung und Forschung in den Gesundheitswissenschaften sowie für eine programmatische und empirische Fundierung von Praxis im Bereich der Gesundheitsförderung gegeben.

Gliederung und Inhalte des Buches

Das Buch bietet eine Sammlung interessanter Beiträge aus gesundheitswissenschaftlicher Forschung und Praxis, die sowohl zur Reflexion als auch Weiterentwicklung des theoretischen Modells, seiner empirischen Überprüfung als auch zur Reflexion von Praxisimplikationen anregen.

(1) Theoretische und konzeptuelle Weiterentwicklungen

Als Beitrag zur Reflexion des theoretischen Modells stellt zunächst Christa M. Schneider assoziative Verknüpfungen zu historischen und aktuellen Aspekten philosophischer Diskurse her. Andrea Welbrink und Alexa Franke erweitern das Antonovsky'sche Modell um die Kompontente der Genussfähigkeit, des euthymen Erlebens und Verhaltens, als ein Faktor, der unmittelbar die Gesundheit fördert, ohne dass notwendigerweise eine Belastung durch Stressoren vorausgesetzt und bewältigt werden müsste. Die Bedeutung dieses Faktors thematisieren die Autorinnen insbesondere für das Verständnis der Problematik von Sucht und Abhängigkeit. Renate Höfer verknüft das Konstrukt des Kohärenzgefühls mit einem sozialpsychologisch fundierten Konzept der Identitätsarbeit. Eine erfolgreiche Identitätsarbeit, bei der es der Person gelingt, eine Balance zwischen den äußeren Anforderungen und den eigenen Zielen und Bedürfnissen aktiv herzustellen, wird als Quelle des Kohärenzgefühls gewertet.

(2) Methodische Konzepte und empirische Ergebnisse

Der zweite Teil des Buches enthält Beiträge zum Einsatz des von Antonovsky entwickelten Messinstrumentes zur Erfassung der Ausprägung des Kohärenzgefühls (sowie einiger Varianten) in verschiedenen empirischen Studien. Es werden ausgewählte Ergebnisse der Studien skizziert. Im Zentrum der Erörterung stehen interessante forschungsmethodische Probleme des Fragebogeninstrumentes und Fragen der Kompatibilität der Befunde mit dem theoretischen Modell:

  • So wirft Siegfried Geyer die Frage auf, ob die hohen inversen Korrelationen zwischen den Maßen für das Kohärenzgefühl und den Kennwerten für Angst, Depression und für selbst eingeschätzte Gesundheit bzw. deren Beeinträchtigung möglicherweise dafür sprechen, dass das Kohärenzgefühl – zumindest in der vorliegenden Operationalisierung – weniger den Status eines eigenständigen Konstruktes beanspruchen kann, sondern eher die Abwesenheit von Angst, Depression und Gesundheitsbeeinträchtigung darstellt.
  • Ivars Udris & Martin Riemann sehen eine hinreichende empirische Bestätigung dafür, dem Kohärenzgefühl den Status eines eigenständigen Konstrukts zuzuweisen, es sei sowohl ein einflussnehmender Faktor als auch ein Bestandteil von Gesundheit. Sie begründen ihre Position mit Befunden ihres arbeits- und organisationspsychologisch ausgerichteten Forschungsprojektes „Personale und organisationale Ressourcen der Salutogenese“ (SALUTE).
  • Lebenszufriedenheit, Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit und die selbst eingeschätzte körperliche Gesundheit von in Institutionen der Jugendhilfe betreuten Jugendlichen variieren theorieentsprechend in Abhängigkeit vom Ausmaß des Kohärenzgefühls, wie die Beiträge von Florian Straus und Renate Höfer aus dem Public-Health-Forschungsverbund München aufzeigen. Kein konsistenter Zusammenhang zeigt sich zwischen Kohärenzgefühl und gesundheitsrelevanten Risikoverhaltensweisen. Neben dem Kohärenzgefühl stehen auch soziale Ressourcen, wie die soziale Anerkennung und Unterstützung durch Familie und Freunde, sowie der Bildungsstand und die materielle Situation in einem Zusammenhang mit den genannten Gesundheitsindikatoren.

Weitere Befunde, die Autoren und Autorinnen zur Reflexion des theoretischen Modells anregen, sollen hier beispielhaft skizziert werden:

  • Entgegen dem theoretischen Modell findet sich empirisch nur ein schwacher Zusammenhang zwischen Kohärenzgefühl und somatischen Gesundheitsindikatoren.
  • Der Zusammenhang zwischen Kohärenzgefühl und Gesundheitsindikatoren ist eher bei Frauen als bei Männern nachzuweisen.
  • Die Ausprägung des Kohärenzgefühls variiert in mehreren Untersuchungen in Abhängigkeit vom Bildungsniveau und beruflichem Status der Befragten.
  • In Querschnittsstudien lässt sich die in Antonovskys Modell postulierte Wirkung des Kohärenzgefühls als moderierende Variable zwischen Belastung und Gesundheitsbeeinträchtigung kaum überprüfen. Die wenigen Längsschnittstudien zeigen inkonsistente Ergebnisse bzw. eine relativ schwache prädiktive Bedeutung des Kohärenzgefühls für verschiedene Gesundheitsindikatoren. Letzters wird in dem Beitrag von Magreet Duetz, Thomas Abel, Franziska Siegenthaler & Steffen Niemann unter Rückgriff auf Ergebnisse des Berner Lebensstil Panels vorgestellt.

(3) Salutogenetische Ansätze in der Praxis

Der dritte Teil des Buches thematisiert Versuche der Umsetzung des salutogenetischen Konzepts in die Praxis. Die Umsetzung beschränkt sich allerdings weitgegehend darauf, einen programmatischen Rahmen für gesundheitsbezogene Praxis zu formulieren. Markus Fäh stellt Fallbeschreibungen psychoanalytischer Behandlungen in einen solchen Rahmern, Uwe H. Ross ein Tinnitus-Behandlungs-Konzept. Marianne Brieskorn-Zinke entwirft ein anregendes Konzept, wie das Modell der Salutogenese in pflegewissenschaftlichen Studiengängen und Praxisfeldern als Orientierungsrahmen für die Entwicklung, Konzeption und Gestaltung von professionellem Handeln mit dem Ziel der Gesundheitsförderung wirksam werden kann. Personenzentrierte Gesundheitsberatung kann als eine Stützung des Kohärenzgefühls, strukturelle Maßnahmen der Gesundheitsförderung können als Ausbau generalisierter Widerstandsressourcen zur Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit konzeptualisiert werden.

(4) Schlussfolgerungen und Ausblick

Toni Faltermaier sowie Thomas Abel, Petra Koplip & Hans Wydler, als Herausgeber des Buches, stellen abschließend in prägnanter Weise Probleme und Entwicklungschancen des Salutogenesekonzepts für eine interdisziplinäre Forschung und Praxis zur Diskussion.

Autoren und Hintergrund der Beiträge

Das Komitee „Gesundheitssoziologie“ der Schweizer Gesellschaft für Soziologie veranstaltete im November 1999 einen Workshop zum Thema „Kohärenzgefühl und Salutogenese“, in dem die meisten Beiträge des Buches vorgestellt wurden. Die Autorinnen und Autoren kommen aus verschiedenen im Bereich Public Health engagierten Fachgebieten (Soziologie, Medizin und Psychologie).

Zielgruppen

Das Buch dürfte in erster Linie für Leserinnen und Leser interessant sein, die selbst im Bereich gesundheitswissenschaftlicher Fragestellungen lehren und forschen bzw. sich im Rahmen ihres Studiums damit kritisch auseinandersetzen möchten. Darüberhinaus dürfte es anregend sein für Praktikerinnen und Praktiker in gesundheitsrelevanten Arbeitsfeldern, die an einer theoretischen Fundierung ihrer Konzeption interessiert sind.

Die Lektüre des Buches, insbesondere des zweiten Teils, setzt grundlegende Kenntnisse bezüglich qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden voraus.

Abschließende Einschätzung

Hilfreich für Leserinnen und Leser wäre ein Einführungskapitel, in dem Antonovskys Gesundheitsmodell und die darin integrierten Konstrukte der Salutogenese, der Widerstandsressourcen und des Kohärenzgefühls prägnant vorgestellt werden. Dies fehlt leider. In ihren Beiträgen gehen die Autorinnen und Autoren durchgehend davon aus, dass die Rezipienten mit den Konstrukten vertraut sind, was für die Teilnehmer des Workshops sicherlich zutraf, nicht aber unbedingt für das Lesepublikum zutreffen dürfte.

Mein Tipp für die Leserinnen und Leser, die mit den zentralen Begriffen des Modells von Antonovsky noch nicht so vertraut sind: Lesen Sie zunächst die Beiträge von Andrea Welbrink & Alexa Franke und von Marianne Brieskorn-Zinke, da darin noch am ehesten anschauliche Kurzdarstellungen wichtiger Modellkomponenten integriert sind.

Das Buch bietet eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem in den Gesundheitswissenschaften populären und eingängigen Konzept, was zunächst ernüchternd, dann aber zunehmend spannend und anregend wirkt und dazu motiviert, die Entwicklungspotenziale des salutogenetischen Modells für die Forschung, Lehre, Fortbildung und Praxisreflexion zu nutzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanna Hartung
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Psychologie
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Zitiervorschlag
Johanna Hartung. Rezension vom 01.07.2001 zu: Hans Wydler, Petra Kolip, Thomas Abel (Hrsg.): Salutogenese und Kohärenzgefühl. Grundlagen, Empirie und Praxis eines gesundheitswissenschaftlichen Konzeptes. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. ISBN 978-3-7799-1414-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/163.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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