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Brenda Batts: Aufs Klo, fertig, los!

Cover Brenda Batts: Aufs Klo, fertig, los! Toilettentraining bei Kindern mit Autismus und anderen Entwicklungsstörungen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2013. 152 Seiten. ISBN 978-3-87159-283-6. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Ein Kind mit Entwicklungsstörungen braucht bei der Sauberkeitserziehung besondere Unterstützung. Eltern und Betreuungspersonen sind nicht selten überfordert und haben das Gefühl, zu versagen. Eine Ursache für Probleme liegt darin, dass nicht passende Lernstrategien für Kinder ohne Entwicklungsstörungen eingesetzt werden. Dieses Buch zeigt Lösungswege auf, die an die individuellen Bedürfnisse des Kindes angepasst sind. Ein erfolgreiches Toilettentraining ist ein großer Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Autorin

Brenda Batts ist Leiterin einer Privatschule für Kinder mit Autismus und anderen Entwicklungsstörungen in Texas, USA. Sie hat einen Abschluss im Fachbereich Sonderpädagogik. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Menschen mit Entwicklungsstörungen. Sie gibt ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Workshops und Vorträgen weiter. Zudem ist sie selber Mutter eines Kindes mit Autismus. Es ist ihr ein großes Anliegen, Menschen mit Entwicklungsstörungen zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen.

Aufbau und Inhalt

Das Taschenbuch umfasst elf Kapitel auf 152 Seiten. Die Texte sind durch Überschriften und Abschnitte gut strukturiert, zahlreiche Beispiele aus der Praxis erläutern das Vorgehen. Sechs Abbildungen sowie Checklisten vervollständigen die praxisnahen Erklärungen. Jedes Kapitel endet mit Tipps für Eltern und ErzieherInnen, die kurz und knackig formuliert sind und zur Reflektion des eigenen Verhaltens anregen.

Einleitend wird der Weg zur Selbstständigkeit beschrieben.

Im 1.Kapitel erklärt Batts, was man unter dem Begriff individualisierter Unterricht versteht. Sie beschreibt die positiven Auswirkungen dieser Vorgehensweise.

Im 2. Kapitel beschreibt sie die Komponenten eines durchstrukturierten Programms. Den zentralen Kern bildet ein geordneter Ablauf, Vorhersehbarkeit und Routine.

Das 3. Kapitel beleuchtet wichtige Fragen: Wann sollten Sie mit dem Toilettentraining beginnen, warum sollten Sie das Toilettentraining Ihres Kindes durchführen und wie lange sollte man ein Toilettentrainingsprogramm anwenden.

Im 4. Kapitel geht es um sieben Faktoren, die den Erfolg bestimmen. Vor allem geht es darum, Zweifel und Probleme aus dem Weg zu räumen:

  1. Kann mein Kind lernen, trocken und sauber zu werden?
  2. Wer ist für das Toilettentraining verantwortlich?
  3. Bin ich dazu bereit, mein Kind beim Toilettentraining zu unterstützen?
  4. Ist mein Kind bereit für das Toilettentraining?
  5. Was ist meine Rolle?
  6. Wie lange stellt man sich der Sauberkeitserziehung mit dessen konsequenten Unterstützung zur Verfügung, bleibt man auch dann dabei, wenn Stress und Frustration auftauchen. Es wird angeregt, sich zu fragen, ob man das Toilettentraining als einen Prozess oder als einzelnes Ereignis sieht.
  7. Warum ist das Toilettentraining so schwierig?

Das 5. Kapitel stellt die Methode eines Trainingsplans vor und erläutert, wie wichtig das sorgfältige Planen ist. An einem Fallbeispiel werden das Ziel und mögliche Handlungsstrategien erläutert

Im 6. Kapitel geht es um den Beginn, bei dem das Ende der Anfang ist. Es folgen die Schritte des RSP-Programms (RSP steht für Ready, Set, Potty!- sinngemäß übersetzt mit Achtung, fertig, los).

Kapitel 7 beschreibt die 17 Schritte des Toilettentrainings, die anhand von Beispielen erläutert werden. Es gilt 1. den richtigen Tag zu wählen, 2. eine Ausscheidungstabelle zu erstellen. 3. ein Leitmotiv zu wählen wie z.B. Musik, eine Geburtstagsparty, einen Weihnachtsbaum,im 4. Schritt beginnt man das Badezimmer und die Badezimmertür zu dekorieren, was als Motivationsfaktor wirkt, ab dem 5.Schritt werden keine Windeln mehr verwendet, im 6. Schritt dekoriert man die Unterwäsche seines Kindes z.B. mit Buchstaben, Schritt 7 verwendet Lieblingsmotivationsobjekte des Kindes wie z.B. sensorische oder taktile Motivationsobjekte, Fotos und Musik, Schritt 8 erläutert, wie man den Abend vor dem Toilettentraining feiert, Schritt 9 empfiehlt Fußabdruck-Aufkleber zu verwenden um z.B. das Gleichgewicht zu unterstützen, im 10. Schritt wird der Toilettensitz dekoriert, im 11. Schritt wird eine visuelle Verhaltensanleitung hergestellt, Schritt 12 empfiehlt die Verwendung eines Badezimmerkorbes, Schritt 13 erläutert, welche Belohnungen gegeben werden können wie z.B. Zahlen, Weihnachtsdekoration, ein Puzzle, im Schritt 14 wird eine Toilettentrainingsgeschichte entwickelt wie z.B. die Geschichte mit dem Titel „Zeit, aufs Klo zu gehen!“, der15. Schritt weist auf die Bedeutung des „Zuerst/Dann“ – Schaubildes hin, im 16. Schritt wird ein Stuhlgang-Training durchgeführt. Der letzte 17. Schritt trainiert den nächtlichen Toilettengang und schließt mit der RSP-Checkliste ab.

Das Kapitel 8 fasst die Ergebnisse zusammen.

Kapitel 9 mit dem Titel „Sämtliche Schritte befolgen“ stellt die Abfolge des RSP-Programms sowie die einzelnen 17 Schritten nochmals in Kurzform vor. Ziel ist, dass beim Training eine Lernkette entsteht, damit das Gelernte verinnerlicht werden kann.

Das Buch endet mit Tipps für Eltern und ErzieherInnen (Kap. 10) sowie 20 häufig gestellten Fragen (Kap. 11).

Diskussion

Endlich ein Buch über ein Sauberkeitstraining dachte ich, als ich den Titel in Händen hielt, denn gerade für dieses Thema fehlte bisher im deutschsprachigen Raum ein Buch! Es stellt einfache und praxiserprobte Strategien vor, die wirklich funktionieren, um die Sauberkeitserziehung von Kindern (und Erwachsenen) mit Entwicklungsverzögerungen und Autismus zu unterstützen. Eltern und Betreuungspersonen scheitern nicht selten deshalb, weil sie es mit herkömmlichen Mitteln versuchen und unberücksichtigt lassen, dass andere Wege und Methoden benötigt werden, die zum Unterstützungsbedarf der Person und vor allem individuell passend sind.

Wenn man weiß, wie es geht, kann es gelingen! Die Autorin hat den Anspruch, ihr Erfahrungswissen zu teilen und ihre praxiserprobten Handlungsoptionen weiter zu geben. Dieses Buch steckt voller unkonventioneller Ideen. Im Mittelpunkt stehen Methoden, die sogar noch dann geholfen haben, als man nah am Verzweifeln war. Mit diesem Vorgehen hatten sowohl kleine zweijährige Kinder als auch zwanzigjährige Erwachsene Erfolg. Auf Seite 29 werden 11 Kriterien genannt, die darauf hinweisen, dass der richtige Zeitpunkt für das Training da ist. Wichtig sind zudem Antworten auf folgende Fragen zu erhalten: WAS ist meine Aufgabe, WIE führe ich sie aus, WO findet sie statt, WANN muss ich sie erledigen und WER ist daran beteiligt. Die Niederländerin Colette de Bruin hat einen Leitfaden zur Erziehung und Betreuung von Kindern mit Autismus geschrieben. Eine Rezension findet man unter www.socialnet.de/rezensionen/16346.php.

Anfänglich, beim Querlesen des Buches von Brenda Bratt war ich ein wenig irritiert über die teilweise unkonventionelle Vorgehensweise und dachte mir, das sei sehr amerikanisch. Z.B. wird am Abend vor dem Toilettentraining eine Party gefeiert. Nachdem ich mich auf die Darstellungsweise eingelassen hatte, eröffnete sich mir der dahinter liegende Sinn: Im Mittelpunkt steht die Person, die lernen soll selbstständig das WC zu benutzen. Das Geheimnis ist, den Vorgang des Sauberwerdens in kleine Schritte herunter zu brechen, die wichtigen Informationen zu visualisieren, die Motivatoren des Kindes zu nutzen und eine sinnvolle verstehbare Umgebung zu schaffen. Das braucht jeder Mensch, aber vor allem Personen, die einen besonderen Unterstützungsbedarf haben.

Es ist zu begrüßen, dass sich das Buch an Eltern und Betreuungspersonen richtet und nicht ausschließlich an Professionelle. Batts weiß, wie wichtig es ist, dass die Unterstützer verstehen, was sie tun, dass ihnen klar ist, dass es Hürden geben wird und dass sie sich fortlaufend reflektieren müssen, um erfolgreich handeln zu können. Deshalb schließt jedes der elf Kapitel mit den „Tipps für Eltern und ErzieherInnen“ ab. Unterstützer sollten pro – aktiv handeln und die Situation vorbereiten. Sie sollten wissen, was sie selber wollen. Dafür werden sie angeregt, sich im Vorfeld folgende Fragen zu beantworten:

  • welche drei Gründe haben frühere Anläufe schwierig gemacht,
  • welche zwei Gründe trugen dazu bei, dass man nicht erfolgreich war,
  • welche zwei Hindernisse müssen überwunden werden,
  • welche drei Strategien lassen diese Hürden überwinden und vor allen Dingen,
  • welche fünf positiven Auswirkungen hätte eine erfolgreiches Sauberkeitserziehung für die Bezugspersonen (nicht für das Kind).

Dieses Vorgehen folgt der Annahme, dass die Umgebung und vor allem auch die Bezugpersonen so aufgestellt sein müssen, dass es gelingen kann.

Fazit

Es ist der Autorin Brenda Batts (selber Mutter eines autistischen Sohnes) ein zentrales Anliegen ihr Wissen praxisnah und verständlich weiter zu geben. Sie hat ihre Erkenntnisse in zahlreichen Kursen und Beratungen erprobt. Dieses Praxisbuch ist verständlich formuliert und übersichtlich gestaltet. Die Erklärungen werden anhand von Beispielen aus der Praxis vorgestellt und durch Abbildungen sowie Checklisten vervollständigt. Jedes Kapitel endet mit Tipps für Eltern und ErzieherInnen, die kurz und knackig formuliert wurden und häufig als Frage formuliert sind, die zur Reflektion der eigenen Anteile anregen.

Aus meiner beruflichen Praxis weiß ich, dass die Sauberkeitserziehung von Menschen mit Behinderung zahlreiche Fragen aufwerfen kann. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass es nicht unmöglich ist und sogar noch im Erwachsenenalter erfolgreich bewältigt werden kann. Dieses Buch stellt zahlreiche praxiserprobte Handlungsschritte vor, die an Beispiele erläutert werden. Zudem bespricht es auch, was mögliche Hürden sein können. Menschen aus dem Autismusspektrum verstehen in ihrem Leben oft den Sinn der Dinge nicht, so auch bei der Sauberkeitserziehung. Sie brauchen deshalb besondere Unterstützung und müssen dort abgeholt werden, wo sie gerade stehen. Zudem brauchen sie andere Motivatoren als neurotypische Menschen. Erfolg versprechend sind Hilfsmittel, die eindeutig sind und Klarheit, Sicherheit und Vorhersehbarkeit geben. Statt den Ablauf mit verbalen Erklärungen zu flankieren, haben sich visuelle Hilfsmittel bewährt, denn diese stehen dauerhafter als Worte zur Verfügung. Sprachliche Informationen sind abstrakt und können sich zudem schnell verflüchtigen, sodass der Informationsgehalt verloren geht. Hier liegt eine Ursache für das Scheitern. Eine weitere liegt darin, dass eine Verhaltensänderung (selbstständiger Toilettengang) mit einer veränderten Erwartung und Anforderungen einhergeht. Oftmals wird diese Erwartungshaltung nicht thematisiert, was zu Verwirrungen und Ängsten führt. Die 17 Schritte des Sauberkeitstrainings bereiten die Beteiligten vor, erhöhen die Motivation und geben viele praktische Anwendungstipps.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 14.04.2014 zu: Brenda Batts: Aufs Klo, fertig, los! Toilettentraining bei Kindern mit Autismus und anderen Entwicklungsstörungen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2013. ISBN 978-3-87159-283-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16302.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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