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Hiltrud von Spiegel: Methodisches Handeln in der sozialen Arbeit

Cover Hiltrud von Spiegel: Methodisches Handeln in der sozialen Arbeit. Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis. UTB (Stuttgart) 2013. 5., aktualisierte Auflage. 269 Seiten. ISBN 978-3-8252-8557-9. 26,99 EUR.

Reihe: UTB - 8277.
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Thema

Wie handele ich in eigener gegebenen Situation als Fachkraft der Sozialen Arbeit „richtig“ oder „professionell“? Diese Frage stellen sich vor allem Noviz/inn/en und Studierende der Sozialen Arbeit am Beginn oder in Vorbereitung auf ihre berufliche Laufbahn häufig. „Das berufliche Handeln in der Sozialen Arbeit wird durch den reflexiven Einsatz der eigenen ‚Person als Werkzeug‘ verwirklicht“, antwortet hierauf Hiltrud von Spiegel zu Beginn ihres vorliegenden Lehrbuches: „Methodisch zu handeln bedeutet, die spezifischen Aufgaben und Probleme der Sozialen Arbeit zielorientiert, kontextbezogen, kritieriengeleitet sowie strukturiert und gleichzeitig offen zu bearbeiten. Dabei sollte man sich an Charakteristika des beruflichen Handlungsfeldes sowie an der wissenschaftlichen Vorgehensweise orientieren“ (S. 9).

Jungen Praktiker/inne/n und Studierenden scheint oft das Rüstzeug für die Planung und Nachbereitung ihrer Arbeit zu fehlen. Berufliches Handeln erfolgt überwiegend im Rückgriff auf (erste) Erfahrungen und (frühe) Routinen. Ob und warum dies angemessen ist, bleibt dabei oft unklar. „Was bedeutet es, im beruflichen Alltag strukturiert und offen zuarbeiten?“, fragt die Autorin weiter: „Wie kann man sich ein verständigungsorientiertes, mehrperspektivisches und revidierbares Vorgehen vorstellen? Was sind Charakteristika der beruflichen Handlungsstruktur und inwiefern kann man sich an ihnen orientieren?“ (S. 9). Berufliches Können brauche zentrale und wissenschaftlich begründete Arbeitsregeln, die als Anregungen für ein systematisch geplantes und am wissenschaftlichen Vorgehen orientiertes methodisches Handeln zu verstehen sind, indem Arbeitshilfen beschrieben und begründet werden, die die berufliche Handlungsstruktur und die für Soziale Arbeit relevanten Wissensbestände in einen reflexiven Zusammenhang bringen. Zudem lasse sich „feststellen, dass die professionelle Kunst vor dem Hintergrund der fiskalischen Prioritäten abgewertet oder missachtet wird. Angesichts dieser Entwicklungen wird es noch wichtiger, sich der Spezifika des Berufs zu vergewissern“ (S. 11).

Autorin

Dr. Hiltrud von Spiegel lehrte als Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Theorien der Sozialen Arbeit und methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit (hier vor allem Qualitätsentwicklung und Selbstevaluation). Insbesondere in der regionalen Jugendhilfelandschaft hat sie sich durch Begleitung und Evaluation von Projekten einen Namen gemacht. In „Jugendarbeit mit Erfolg: Arbeitshilfen und Erfahrungsberichte zur Qualitätsentwicklung und Selbstevaluation“ (Münster 2000: Votum) klingen bereits wichtige Elemente der Praxishilfen an, die die Autorin in dem vorliegenden Lehrbuch vorstellt. Bei socialnet sind 2004 bereits zwei (auf der ersten Ausgabe 2001 der vorliegenden Veröffentlichung beruhende) Rezensionen von Petra Zimmermann (www.socialnet.de/rezensionen/1335.php) und Willy Klawe (www.socialnet.de/rezensionen/1436.php) erschienen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin formuliert in der Rückschau auf die vier ersten Auflagen eingangs, es seit „Zeit (geworden), das gesamte Werk noch einmal gründlich zu überarbeiten“ (S. 11). Dabei bleibt sie der bisherigen Struktur des Werkes durchaus treu:

  1. Die Grundlagen des methodischen Handelns stehen im Mittelpunkt des ersten der drei Teile ihres Buches, das weitgehend überarbeitet, begrifflich präzisiert und durch ergänzte Materialien erweitert wurde: Zunächst skizziert sie das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit (1. Kapitel, S. 17 – 35), dessen gesellschaftliche Aufträge und disziplinäre Positionen, d. h. die historische Herausbildung des Handlungsfeldes sowie Funktion und Gegenstand Sozialer Arbeit, sowie die Charakteristika der beruflichen Handlungsstruktur (Doppeltes Mandat, Subjektorientierung, Technologiedefizit und Koproduktion). Anschließend beschreibt sie Soziale Arbeit als wissenschaftlich fundierte Praxis (2. Kapitel, S. 36 – 70), insbesondere durch Herausarbeiten der für methodisches Handeln relevanten Wissensbestände (wissenschaftliches, Beschreibungs-, Erklärungswissen, Wert- und Veränderungswissen). Die dazu erforderlichen Handlungskompetenzen – d. h. individuelle und institutionelle Voraussetzungen für den Beruf (z. B. Persönlichkeitsmerkmale und professionelle Handlungskompetenz) und die Dimensionen professioneller Handlungskompetenz (z. B. berufliche Haltung) – stehen im Zentrum des 3. Kapitels (S. 71 – 100). Mit dem methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit setzt sich die Autorin im (den ersten Teil anschließenden 4. Kapitel (S. 101 – 136) auseinander, das sie definiert und als „Werkzeugkasten“, als eklektisches und collagenhaftes Handeln, bestimmt. Hier entfaltet von Spiegel die immer wiederkehrenden Handlungsbereiche methodischen Handelns, d. h. die Klärung der je gegebenen Rahmenbedingungen spezifischer (Handlungs-) Situationen, mit denen Fachkräfte der Sozialen Arbeit konfrontiert sind, die Situations- bzw. Problemanalyse, die Entwicklung von Zielen, die Planung und das Handeln in Situationen sowie dessen anschließende Evaluation). Sie beschreibt hier das zentrale Ordnungs- und Präsentationsprinzip,
  2. dem die im Teil II („Der Werkzeugkasten für methodisches Handeln“) geschilderten Bestandteile des „Werkzeugkastens“ für das methodische Handeln jeweils folgen: nach einer Einführung (in situatives Handeln [S. 139 – 141], in die Hilfeplanung [S. 164 – 167], in die Konzeptionsentwicklung [S. 188f] und in die Selbstevaluation [S. 213f]) folgen jeweils die Werkzeuge zur Analyse des jeweiligen Kontextes, der Zielbestimmung bzw. -aushandlung, der Handlungsplanung bzw. -operationalisierung und der Evaluation bzw. Auswertung. Diese Arbeithilfen beziehen sich auf die Gestaltung von Situationen (5. Kapitel, S. 139 – 162), die Hilfeplanung (6. Kapitel, S. 163 – 186), die Konzeptionsentwicklung (7. Kapitel, S. 187 – 212) und die Projektplanung und Selbstevaluation (8. Kapitel, S-. 213 – 243). Die von der Verfasserin konstruierten 30 Arbeitshilfen können als Word-Datei über die website des Ernst Reinhardt Verlages heruntergeladen werden.
  3. Der Anhang (Teil III) enthält ein 13seitiges Glossar (von „Aktionssystem“ über z. B. „Konzept“, „Methode“ oder „Person als Werkzeug“ bis zu „Ziele, Zielpyramide“), acht Seiten Literatur (im Kern zwischen 2000 und 2010 mit einzelnen Titeln bis 2012) sowie ein knappes Sachregister auf zwei Seiten.

Zielgruppen

Hiltrud von Spiegel schreibt, dass sich ihr Buch „in erster Linie an Studierende der Sozialen Arbeit“ richte; da die Arbeitshilfen aber im Rahmen von Fortbildungen entstanden sind, „sollten sie auch für Praktikerinnen interessant sein“ (S. 12). Dieser Einschätzung kann von hier aus gefolgt werden, ja, sie kann zugespitzt werden, dass es vor allem wohl Berufsanfänger/innen in den verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit sein werden, denen das Buch helfen kann, mit den vielfältigen Anforderungen des beruflichen Noviziats umzugehen – wenngleich auch mit der im Fazit ausgeführten Einschränkung.

Diskussion

Stark ist der vorliegenden Band in seiner übersichtlichen Darstellung im ersten Teil (insbesondere in der Bestimmung wichtiger Fachbegriffe und Grundverständnisse und der Präsentation anschaulicher Beispiele). Auf die in früheren Auflagen des Werkes aufgeführten Zusammenfassungen verzichtet die Autorin in der vorliegenden fünften Auflage. Das ist bedauerlich, ist doch festzustellen, dass gerade Studierende in solchen Zusammenfassungen zusätzliche Orientierung erhalten können.

Die Arbeitshilfen des zweiten Teils sind durchdacht konzipiert und nachvollziehbar ausgestaltet. Sie zum Herunterladen bereitzustellen verdeutlicht, dass hier eine Veröffentlichung verfasst wurde, die auf Popularisierung der Überlegungen in der Profession und Anwendung dort abzielt. In Sprache und Form liegt damit ein für die Kontexte der beruflichen Praxis (und ihrer akademischen Ausbildung) immer anschlussfähiges Werk vor.

Willy Klawe schrieb 2004, dass Hiltrud von Spiegel „eine gute Zusammenschau der aktuellen Professionalisierungs- und Positionierungsdebatte der Sozialen Arbeit gelungen“ sei, wobei sie „eine erfrischend pragmatische Sicht“ entwickelt habe, „ohne auf deren wissenschaftliche Fundierung zu verzichten, sowie ein praxisbezogenes Instrumentarium zu präsentieren, das dennoch in einen anspruchsvollen theoretischen Referenzrahmen eingebettet ist.“ Dem kann ich mich anschließen; auch die fünfte Auflage überzeugt. Ihre Stärke beruht auch in dem Bekenntnis zum reflektierten Ekklektizismus und zur handlungspraktischen Collage – das mag Purist/inn/en (die eine gewisse „Sittenstrenge“ in der Formulierung von Grundprinzipien methodischen Handelns auszeichnet) fremd sein (und abgelehnt werden), den Handlungsanforderungen der beruflichen Praxis wird dieser Zugang freilich gerecht.

Aber es bleibt ein „Aber“, das sich nicht in erster Linie an die Autorin richten muss: Die Gefahr der Manualisierung, die sich aus den eben gerade so erfrischend pragmatisch entwickelten und formulierten Arbeitshilfen ergibt, muss gesehen werden. Die 30 Arbeitshilfen, die Checklisten verleiten zum „Abarbeiten“, im schlechtesten Fall zur stupiden Reproduktion. Womöglich (!) kann dazu auch der Begriff vom „Werkzeugkasten“ beitragen, den die Verfasserin selbst wählt. Das muss nicht sein, kann es aber. Die (erzwungenermaßen) verdichteten Routinen sowohl der akademischen Lehre als auch der beruflichen Praxis verleiten dazu. Dieser Gefahr ist sich sicher auch Hiltrud von Spiegel bewusst, aber wird ihr wirklich im verdichteten, durchökonomisierten und auf Schnelligkeit und betriebliche Rationalisierung programmierten beruflichen Alltag immer Rechnung getragen werden können? Es ist nicht der „Technologie-Verdacht“, gegen den sie sich (zu Recht) wehrt (S. 13), um den es gehen könnte, sondern um eine zu unreflektierte Übernahme der Handlungsanregungen, die das Buch im Teil II enthält (und enthalten muss). Der zur kritischen Einordnung notwendige Rahmungen müsste die Lehre an den (Fach-) Hochschulen Rechnung tragen – ob ihr das aber im BAMA-System nach Bologna überhaupt gelingen soll, das freilich bleibt fraglich. Die Gefahren der missbräuchlichen Verwendung als barem Technologiegebrauch entstehen also erst nach Nutzung des Bandes, sind ihm aber gleichsam eingelegt.

Fazit

Diese besorgten Bemerkungen sollen freilich nicht verdecken, was abschließend zu bilanzieren ist: Mit Hiltrud von Spiegels Lehrbuch liegt eine grundlegende Einordnung und Materialsammlung vor, Handeln in der Sozialen Arbeit profund methodisch abzustützen. Der nur scheinbar unübersichtlich breiten Literatur zum methodischen Handeln hat die Autorin auch in der überarbeiteten fünften Auflage ein grundlegendes, orientierendes Werk hinzugefügt.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 11.12.2014 zu: Hiltrud von Spiegel: Methodisches Handeln in der sozialen Arbeit. Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis. UTB (Stuttgart) 2013. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8252-8557-9. Reihe: UTB - 8277. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16307.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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