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Klaus P. Hansen: Kultur und Kulturwissenschaft

Cover Klaus P. Hansen: Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2011. 4., vollst. überarb. Auflage. 304 Seiten. ISBN 978-3-8252-3549-9. D: 18,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: UTB - 1846.
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Thema

Sein Anliegen hat der Vf. im Vorwort zur 4. Auflage gekennzeichnet als den „Versuch, den traditionellen Kulturbegriff einerseits zu überwinden und andererseits zu erhalten“ (S.8). Leitend ist dabei die Idee, die Vielfalt der Kulturen mit der Vielfalt von Kollektiven jeder Art zu erklären, womit vor allem die noch verbreitete Gleichsetzung mit Nationalkultur verabschiedet wird. Der Kollektivbegriff ist für die Ausführungen zentral.

Autor

Hansen ist von Haus aus Literaturwissenschaftler, genauer emeritierter Professor für Amerikanistik.

Entstehungshintergrund

Hansen selbst führt auf seiner Homepage die Hinwendung zur allgemeinen Kulturwissenschaft auf die Einführung des neuen Studiengangs Diplomkulturwirt an seiner Universität Passau zurück. Aus einer Einführungsvorlesung entstand das Buch, 1995 in erster Auflage erschienen, fünf Jahre später zum ersten Mal überarbeitet und jetzt vollständig überarbeit, unter anderem um einen Überblick über Kulturbegriffe oder -theorien ergänzt.

Inhalt und Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt, wobei die Kapitel III bis VI kleinteilig gegliedert sind. In Kapitel I verständigt sich Vf. nach einem Blick auf das Alltagsverständnis von Kultur (K.) und die wissenschaftliche Verwendung des Begriffs auf eine vorläufige Definition („die Gesamtheit der Gewohnheiten eines Kollektivs“, S.15).

In Kapitel II „Natur und Kultur“ geht Vf. der Frage nach: „was ist angeboren, was erworben?“ (S.18) Denn davon hänge der Geltungsbereich der Kulturwissenschaft ab. Da er biologistischen Positionen „methodische Unzulänglichkeiten“ bescheinigt (S.23), ist für Hansen der Stellenwert von K. und Lernen belegbar.

Die vorläufige Definition von K. (s. oben) macht den Inhalt des umfangreichen Kapitels III verständlich, in dem Vf. „Standardisierungen“ als Kulturleistung erörtert, und zwar Standardisierungen der Kommunikation einschließlich der Sprache, und Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns. Den Begriff „Standardisierung“ zieht Hansen Begriffen wie Konvention oder Normierung vor. „Kollektive konstituieren sich durch gemeinsame Standardisierungen… bis ein Kollektivbewusstsein erreicht ist“ (S.31). Das Unterkapitel über „Standardisierungen der Kommunikation“ eröffnet Vf. nach der Bezugnahme auf die Semiotik damit, dass er exemplarisch an Fotos aufzeigt, was wir mit dem jeweils gewählten Kleidungsstil mitteilen können. An dem Beispiel wird zugleich die kulturelle Dimension gegenüber der Schutzfunktion von Kleidung deutlich (S.50). Die Sprache (Kap. III, 2) wird als Ergebnis von Standardisierungen verstanden, was nach Ansicht des Vf. der angeblich „biologistischen Sprachphilosophie“ von Chomsky widerspricht (S.56). Mit Saussure verweist er auf die Objektkonstitution durch Sprache, die Differenz der Sinnangebote verschiedener Sprachen und die damit verbundene Übersetzungsproblematik. Er unterscheidet zwischen dem latenten Sinn der Sprache und dem je konkreten „persönlichen Sinn“ (S.68), verweist aber auch auf die sprachliche Herstellung von Sinn (Roland Barthes). „Standardisierungen des Denkens“ (Kap. III,3) möchte Vf. beispielhaft an einer ethnologischen Schilderung aufzeigen, die für ihn verschiedene, aber kulturell gebundene Reaktionen auf Zauberei verdeutlicht. Das Alltagsdenken wird, als seinem Wesen nach pragmatisch, mit K. gleichgesetzt und der Wissenschaft gegenüber gestellt (S.84). Der Abschnitt über „Standardisierungen des Fühlens“ (Kap. III,4) wird mit der Frage eröffnet, ob Gefühle naturgegeben, d.h. anthropologisch universell, oder kulturell vermittelt sind. Und Berufung auf einige Ethnolog/inn/en, aber auch auf Foucault und Agnes Heller verständigt sich Vf. darauf, dass Gefühle kulturell modelliert, auch historisch spezifisch sind und gelernt werden. Die „Standardisierungen des Handelns“ (Kap. III,5) werden weitgehend eingeschränkt auf routinemäßiges Verhalten, das im Gegensatz zum überlegten Handeln als „ganz und gar kulturabhängig“ gesehen wird (S.105). Allerdings führt Vf. anknüpfend an die Diskussion um eine „culture of poverty“ einen erweiterten Begriff von Handlungsstrategien ein (S.108).

Im Kapitel III,6 macht Hansen im Anschluss an Thorsten Veblen und Arnold Gehlen die Entlastungsfunktion von Institutionen und entsprechend verinnerlichten Gesinnungen ungeachtet ihres konservativen Charakters verständlich. Andererseits ist ihm an der Begrenzung kultureller Standardisierungen gelegen. Da für seinen Kulturbegriff der Kollektivbezug bestimmend ist, daher beschäftigt ihn die mögliche Unterscheidung zwischen sozialen Konventionen, Rechtsnormen und ethischen Standards, die im Gegensatz zu den ersteren „ohne Kollektivbezug aus(kommen)“ (S.134). Dies wird unter der Überschrift „Kollektivierung und Transkollektivierung“ (Kap. III,7) behandelt. Ein „Exkurs“ über materielle K. beschließt das dritte Kapitel.

Am Anfang des Kapitels IV über „Individuum und Kollektiv“ liefert Vf. auf acht Seiten die amüsante Schilderung eines lokalen Tennisclubs mit seinem Personal, um Anschauungsmaterial für die weiteren Ausführungen zu gewinnen. Er setzt sich kritisch mit der Alltagsvorstellung von kultureller Prägung auseinander und räumt den Individuen „Gestaltungsspielraum“ ein (S.153). Die Freiheit des Individuums und seine Individualität ergeben sich für ihn aus der Zugehörigkeit zu vielen Kollektiven, d. h. der „Multikollektivität“ des Individuums. Da für jedes Kollektiv nur eine „partielle Gemeinsamkeit“ konstitutiv ist, kann der einzelne allen gerecht werden, denen er angehört. Hansen unterscheidet verschiedene „Kollektivarten“, und zwar „Schicksalskollektive“, „Interessenkollektive“, „Abstraktionskollektive“ (d.h. soziale Kategorien wie Jugendliche) und „Virulenzkollektive“, die überschaubar sind (wie z.B. der Tennisclub), sich durch direkten Kontakt, Gruppendynamik und -identität auszeichnen. Viele oder alle (?) Kollektive sind nach Hansen „segmentiert“. „Segmente sind konstitutive Bestandteile des Kollektivs“ (S.165). Für den Rezensenten sind die Ausführungen dazu so schwer nachvollziehbar wie die über „präkollektive Elemente“. Verständlicher ist dagegen, was Hansen mit „pankollektiven Elementen“ meint, nämlich kleinere Kollektive umfassende Standardisierungen. In dem Unterkapitel IV,6 über ethnische Kollektive entsteht der Eindruck, dass Vf. diese mit Nationen gleichsetzt, weil er hier Anderson, Hobsbawm, Wehler gegen den nationalen Einheitsmythos in Stellung bringt. Die Selbstdefinition ethnischer Gruppen wird nicht thematisiert. Nur die postkoloniale Kritik an homogenen Fremdbildern wird referiert. Für Nationen und ähnliche „Kollektive zweiten Grades“ prägt Hansen den Begriff „Dachkollektive“. Diese stellen mit „einer Art Überbau“ (z.B. sprachliche) Gemeinsamkeiten für eine Vielzahl von „Subkollektiven“ (Vereinen, Generationenkollektiven etc.) her. Eine Ebene darüber werden verbindende Wertvorstellungen oder Kommunikationsmittel von „pankollektiven Formationen“ angeboten. „Interkulturalität versus Interkollektivität“ überschreibt Vf. einen Abschnitt und verweist darauf, dass bei sog. interkulturellen Begegnungen aufgrund der Multikollektivität der Beteiligten die Signifikanz der Zugehörigkeiten situativ bedingt ist. Eine „Zwischenüberlegung“ über „Kulturwandel“ beschließt das Kapitel IV. Dieser wird einfach mit der inneren Diversität jedes Kollektivs erklärt. Gründe für einen „pankollektiven Wandel“ werden „im Anthropologischen“ gesucht (S.198).

Das Kapitel V hat „kollektive Wahrnehmung“ zum Thema. Gemeint ist damit die Wahrnehmung von Kollektiven, deren Stereotypisierung in Fremdbildern. Solche Pauschalurteile sind nach Ansicht des Vf. unverzichtbar, dürften aber nicht auf die zugehörigen Individuen ausgedehnt werden (S.210). Außerdem fragt Vf. nach den Bedingungen einer gültigen Verallgemeinerung. Die entsprechenden methodologischen Fragen werden breit erörtert.

Im Kapitel VI werden „konkurrierende Kulturbegriffe“ unterschieden und vorgestellt. Herder und Levi-Strauss liefern die Beispiele für einen „verdinglichten Kulturbegriff“. Für einen funktionalistischen Kulturbegriff steht der von Malinowski, aber auch von Hofstede. Unter der Überschrift „Kulturkritik“ versammelt Vf. neben Rousseau und Bourdieu auch Marx. Und im Abschnitt über „semiotische Kulturbegriffe“ wird nicht nur der Ansatz des Ethnologen Marshall Sahlins behandelt, sondern auch der Sozialkonstruktivismus (Berger/Luckmann). Abschließend wird im Unterkapitel VI,5 der Idee der Transkulturalität von Wolfgang Welsch und den Postcolonial Studies Aufmerksamkeit zuteil.

Diskussion

Das Buch ist gut lesbar. Die zur Veranschaulichung verwendeten oft amüsanten Schilderungen, aber auch die Position zur Nationalkultur, zur Ethnisierung und das kritische Statement zur sog. Integrationsproblematik (S.175) machen es vermutlich für viele Leser/innen attraktiv. Aber es ist nur scheinbar leicht lesbar; denn erstens verdeckt die äußere Systematik der Feingliederung die teilweise mangelnde Systematik und Stringenz des theoretischen Vorgehens und zweitens erleichtert die recht eigenwillige Terminologie nicht gerade das Verständnis. In den Hauptkapiteln irritiert, dass die Theorieansätze eines Bourdieu oder Alfred Schütz oder auch die Beiträge der Frankfurter Schule nicht aufgegriffen, höchstens gelegentlich erwähnt werden. Es wird stellenweise sogar versäumt, auf Theoretiker hinzuweisen, wo das geboten wäre (so z.B. beim Stichwort Distinktionsfunktion auf Bourdieu, S.58f.). Durch das später angefügte sechste Kapitel wird das kaum wett gemacht. Der Rezensent fragt sich auch, ob oder inwiefern Staatsfunktionen und -verfassungen, politische Ideologien, Parteien und Gewerkschaften zum Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen Abhandlung werden können, ohne dass die Konstitution des Gegenstands unscharf wird. Einen wissenschaftlichen Gegenstand zu definieren, heißt auch, ihn abzugrenzen, z.B. den kulturellen Aspekt von Kleidung vom funktionalen (S.50). Das wird nicht systematisch aufgegriffen. Andererseits ist die Entgegensetzung von K. und Wissenschaft fragwürdig. Man denke nur an die Kritik am Eurozentrismus der Sozialwissenschaften! Äußerst problematisch sind die häufigen Technikanalogien (S.158, 178, 181, 195f., 197f.). Kulturen erlangen gegen die Absicht des Autors stellenweise Subjektstatus. Sie „speichern die ihnen wichtige Information…“ (S.36). „Kultur… ist kreativ“ (S.52). Die Identitätsfrage, die für heutige Kulturentwicklungen bedeutsam sein dürfte, bleibt ausgeklammert, ebenso der Machtaspekt mit den Kämpfen um Deutungsmacht, die Rolle sozialer Bewegungen. Solche Fragen werden erst im letzten, neu angefügten Kapitel angeschnitten. In einer ethnographischen Studie über einen Tennisclub spielt kulturelle Hegemonie freilich keine Rolle. Damit stellt sich die Frage, ob nicht das Unternehmen, einen für alle Kulturwissenschaften tauglichen Kulturbegriff zu erarbeiten, von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist.

Fazit

Die Sensibilisierung für innergesellschaftliche Kulturvielfalt und die kulturellen Überschneidungen durch die Korrelation zwischen Kulturen und Kollektiven kann anregend sein, und das ungeachtet der Schwächen des Buches aus Sicht des Rezensenten. Ob speziell für die pädagogische Debatte mehr als die Bestätigung von Bekenntnissen zu gewinnen ist, ist zweifelhaft.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 20.01.2014 zu: Klaus P. Hansen: Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2011. 4., vollst. überarb. Auflage. ISBN 978-3-8252-3549-9. Reihe: UTB - 1846. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16310.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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