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Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kultur­wissenschaftlichen Arbeitens

Cover Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch. transcript (Bielefeld) 2013. 512 Seiten. ISBN 978-3-8376-2248-5. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR.

Reihe: Mainzer historische Kulturwissenschaften - Band 15.
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Thema

Wenn im Vorwort „die Reflexion des methodischen und theoretischen Tuns (…) als ein Signum der Kulturwissenschaften“ (S. VII) bezeichnet wird, so möchten die Herausgeber_innen mit diesem Handwörterbuchs die Aufmerksamkeit mehr auf „die konkrete Praxis und die Bedingungen des kulturwissenschaftlichen Arbeitens“ (ebd.) lenken. So rücken „Orte (Hörsaal, Schreibtisch, Cafeteria) (…), akademische Praktiken (Lesen, Notieren…) oder (…) Kommunikationsformen (Vorlesung, Seminar…)“ (ebd.) in den Fokus. In der Zusammenschau von „Praktiken, Räumen und stilistischen Aspekten des kulturwissenschaftlichen Arbeitens“ (ebd.) verschiedenster Kulturwissenschaftler_innen wollen die Herausgeber_innen erschließen, ob es einen „kulturwissenschaftlichen Habitus“ gibt. Die Beiträge der 62 Autor_innen werden dabei in der Einleitung als „akteurszentrierter Zugang“ im „Modus einer Produktion für Produzierende“ (S. 1) vorgestellt. Dass sich die Beiträge auf den deutschsprachigen Raum beschränken, verwundert allerdings angesichts der internationalen Verwobenheit der Kulturwissenschaften.

Als zentrale Fragestellung nennen die Herausgeber_innen die „nach dem Selbstverständnis von Wissenschaft“ und was „in den Kulturwissenschaften heute als wissenschaftlich“ (S. 3) gilt, bzw. soll die Frage erörtert werden, ob es spezifische Aspekte dafür zu benennen gibt. Obwohl an Bourdieu angeknüpft werden soll, werden viele der für ihn bedeutsamen Begriffe als „soziologische Konzeption“ verworfen und klare Grenzen gezogen. Auch die bei ihm entlehnten Begriffe „Praxeologie“ und „praxeologisch“ werden aus dem Bourdie´schen Verwendungszusammenhang gelöst. Die Herausgeber_innen des Handwörterbuches betrachten Praxeologie als „eine Theoretisierung der akademischen kulturwissenschaftlichen Praktiken“, „bei der die jeweiligen institutionellen Kontexte mitbedacht werden“ (ebd.). Verbindungslinien werden zu einem „practice turn“ oder „material turn“ aufgezeigt und eine starke Akzentuierung auf „die nicht-verbalen, körperlichen und habituellen Interaktionsformen sowie (…) den Aspekt der Machtanalyse“ (S. 4) betont.

„Einen Beitrag zur Verständigung über das Ethos und die Integrität der Wissenschaften“ (S. 6) sowie „eine Quelle für weitere wissenschaftliche Untersuchungen zu sein“ (ebd.) sind zwei der hochgesteckten Zielvorgaben. Noch ambitionierter lesen sich die Ziele in der Einleitung, wenn hier Bezug genommen wird auf „das Unbewusste des Wissens“ oder „die blinden Flecken einer wissenschaftlichen Selbstobjektivierung“ (ebd.). Wie dieses reflexive Moment angesichts der gewählten Schwerpunktsetzung einzulösen sein soll, bleibt eine Frage. Wenn auf Seite 5 von „Zeitverlusten“, „effektiverer Organisation“ und der „Verpflichtung zur Effizienz“ gesprochen wird, scheinen da einige Dinge nicht recht passen zu wollen.

Herausgeber

Ute Frietsch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der Universität Mainz sowie Privatdozentin im Fach Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin.

Jörg Rogge ist Akademischer Direktor am Historischen Seminar und Sprecher des Forschungsschwerpunktes Historische Kulturwissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Entstehungshintergrund

Dieses Handwörterbuch möchte in der gewählten Weise die Veränderungen im kulturwissenschaftlichen Feld beleuchten und dabei eine kulturwissenschaftliche Selbstreflexion anstoßen, die die Herausgeber_innen angesichts der vielen Transformationen und Neuerungen (historisch und organisatorisch, medial, inter- und transdisziplinär) für geboten erachten.

In drei Arbeitsgesprächen zu den Schwerpunkten „Wissen und akademische Praktiken; Medien Materialien und Stil; (…) Räume, Verkörperungen und performative Prozesse“ (S. 2) wurden die Beiträge zu diesem Handwörterbuch und deren Passung diskutiert. Die letztlich gewählten Markierungen „Praktiken, Räume, Stile“ (ebd.) spielen im Aufbau des Handwörterbuchs indes keine weitere Rolle.

Aufbau

Einem Vorwort und einer Einleitung (zur Konzeption des Handwörterbuchs) folgen eine alphabetisch sortierte Übersicht und eine – den größten Teil des Buches bestimmende – Artikelserie zu den ausgewählten Lemmata. Eine Auswahlbiographie, Informationen zu den Autor_innen und ein Sachregister schließen an.

Die 84 Beiträge sollen der gewählten Form eines Handwörterbuches insofern Rechnung tragen als keine Grundbegriffe ausgezeichnet werden, auf eine hierarchische Anordnung verzichtet wird und im Gegensatz zu beispielsweise systematischen Artikeln eines Handbuches hier eine knappe Darstellungsweise und einheitliche Struktur vorgegeben ist, nämlich „1. Definition, 2. Geschichtliche Herleitung, 3. Diskussion und Forschungsstand, 4. Anwendungsbeispiel, 5. Transdisziplinäre oder alternative Verwendungsweise (…) und 6. Literaturverzeichnis“ (S. 3). Innerhalb der einzelnen Beiträge liegen Verweise auf andere Artikel des Handwörterbuchs vor.

Inhalt und Diskussion

Da sich Kulturwissenschaften als sehr facettenreich und aus unterschiedlichen Traditionen gespeist entsprechend uneinheitlich präsentieren, vermisst man eine klare Positionierung der Herausgeber_innen. Schaut man sich die auf Seite 11 präsentierte Übersicht über die gewählten Lemmata an, so kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass da etwas bunt zusammengewürfelt wurde: Die Auswahl wird nicht begründet und erschließt sich der motivierten Leserin nicht, vielmehr erscheinen die einzelnen Beiträge wie ein ungeheures Technik- und institutionenlastiges Sammelsurium, das die in der Einleitung aufgeführten hehren Ansprüche und Zielsetzungen nicht abbildet. Auch die von den Autor_innen auf Seite 3 genannten Systematisierungskriterien – nämlich Praktiken, Räume, Stile – werden in den Handwörterbucheinträgen nicht ausdrücklich als Gliederungsgesichtspunkte aufgenommen. Die alphabetische Sortierung suggeriert eine Ordnung, die auf inhaltlicher/thematischer Ebene keine Entsprechung findet.

So stehen Lemmata wie „Anführungszeichen“, „Gutachten“, „Handbuch“, „Hörsaal“, „Qualitätsstandards“, „Sammeln/Versammeln“, „Schreibtisch“, „Seminar“, „Sitzung“, „Vorwort“ neben Begriffen wie „Dekonstruieren“, „Diskurs“, „Dispositiv“, „Feldforschung“, Kritik/Kritisieren“, „Transdisziplinarität“ und „Turns“ – um nur einige Beispiele zu nennen: also ein buntes Konglomerat, bei dem man sich mehrfach fragt, wo denn die in der Einleitung genannte kulturwissenschaftliche Bedeutung zu liegen scheint. Für wen soll denn diese Zusammenstellung und Auswahl einen Informationsgehalt haben?

Zudem vermisse ich viele wichtige Begriffe, die ein Stück Geschichte der Kulturwissenschaften nachzuzeichnen vermögen und für die Forschung hoffentlich weiterhin Bedeutung haben, zum Beispiel: Iterabilität, Wiederholung, Differenz, Hybridität, Evidenz, Kontingenz, (Anti-) Essenzialismus, Zeit, Ethnologie, Emergenz, Othering, Krise der Repräsentation, Improvisation, Spiel und so manche andere, die die charakteristischen kulturwissenschaftlichen Denk- und Handlungspraktiken geeignet(er) ansprechen bzw. problematisieren könnten.

In dem Interview, das der Transcript Verlag zu jedem Buch online stellt, betonen die Autor_innen, dass „das Buch (…) auf Praktiken der Wissenschaften anstatt auf Theorien“ fokussiert. Sie meinen, auf diese Weise zu veranschaulichen, „worin der Beruf von Geistes- und Kulturwissenschaftler_innen heute besteht und wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sein müssen, damit eine gute wissenschaftliche Praxis gewährleistet ist“. Inwieweit die hier vorgelegte Themenauswahl einen solchen Nachweis antreten kann, mag dahingestellt bleiben, einleuchtend diskutiert wird dieses nicht. Weiter im Text heißt es, dass „Fragestellungen der Praxeologie in der Tradition von Bourdieu (…) am Gegenstand der Geistes-/ Kulturwissenschaften selbstreflexiv weiter entwickelt“ werden. Zu fragen wäre, ob dies dem Theorie – Praxisverständnis Bourdieus gerecht wird oder dieses nicht eher in unzulässiger Weise verkürzt, ging es Bourdieu doch um die spezifische Verschränkung von Theorie und Praxis, keinesfalls hatte er sich auf die historische Entwicklung von Praktiken beschränkt. Er wollte das spezifische Ineinander-Verwobensein beider auszuloten, um nicht in einen blanken Empirismus oder eine abgehobene scholastische Haltung zu verfallen.

Vielleicht wäre es gut, wenn die Herausgeber nicht zu schnell den Boden des reflexiven theoretischen Tuns verlassen (nicht zuletzt sind in den letzten Jahren ja einige Publikationen erschienen, die eine theorielose Empirie für ausgeschlossen halten, etwa die Beiträge im von Kalthoff, Hirschauer und Lindemann herausgegebenen Sammelband Theoretische Empirie [Frankfurt am Main 2008]). Bourdieu wird hier als Aushängeschild absorbiert, machtanalytische Fragen werden nicht gestellt, auch wenn Ute Frietsch in ihrem Aufsatz zur Praxeologie deren Wichtigkeit durchaus betont (S. 313). Die Machtthematik ist anscheinend so nachgeordnet, dass sie nicht als Lemma auftaucht und auch im Sachregister „Machtanalyse“ nur zweimal erwähnt wird.

Ich habe nicht alle Beiträge, aber einige doch mit Gewinn gelesen, z.B. den komprimierten Beitrag über die „Turns“ von Bachmann-Medick, „Routine“ von Philipp Sarasin, „Implizites Wissen“ von Ellen Harlizius-Klück, „Kritik/Krisen“ von Ulrich Breuer und Christopher Busch. Geärgert habe ich mich beispielsweise über „Sitzung“ von Maren Jäger mit ihren zwischen Banalität und Idealität pendelnden Setzungen.

Exemplarisch dafür, dass kulturwissenschaftliche Arbeiter_innen vielleicht doch von diesem Handwörterbuch profitieren könnten, möchte ich auf den Beitrag von Matthias Meinhardt zum Thema „Krise“ verweisen: Jürgen Habermas einen systemtheoretischen Krisenbegriff anzuhängen (S. 232), mutet schon etwas abenteuerlich an. Dass die aus dem Habermas-Buch wörtlich übernommene und nicht als Zitat gekennzeichnete Passage (!) von selbigem einen Absatz weiter relativiert und kontextualisiert wird, [1] ist dem Autor wohl entgangen. Vielleicht hätte man in die Begriffsliste des Handwörterbuchs „Plagiat“ aufnehmen sollen oder den Text „Kontextualisieren“ und „Zitieren“ vorher lesen lassen sollen?

Fazit

Braucht man dieses Handwörterbuch wirklich für die vermeintliche gute wissenschaftliche Praxis, zu der die Herausgeber anregen wollen? Gibt es im Internet-Zeitalter nicht viel aktuellere Beiträge zu einzelnen Stichworten und u.U. auch einleuchtendere Systematisierungen? Die Annahme, dass für eine solche Sammlung die Printform überhaupt geeignet ist, möchte ich bezweifeln.

Bei den von mir wahrgenommenen und in der Rezension beschriebenen Widersprüchlichkeiten kann ich mir weder vorstellen, dass hiermit ein Forschungsdiskurs eröffnet und gefördert wird, noch dass ein 512 Seiten starkes Buch ein praktischer alltagstauglicher Begleiter ist.

Vielmehr möchte ich eine von Ulrich Johannes Schneider in Bezug auf Handbücher vorgebrachte Kritik modifizierend auch für das Handwörterbuch in Anschlag bringen: es wird ein Wissenschaftsverständnis genährt, „nur wenig Lektüre verhülfe zu ausreichender Kompetenz im Tun“ (S. 181). Dies aber dürfte kaum zu der von den Herausgebern angesprochenen „guten wissenschaftlichen Praxis“ passen.


[1] Habermas, J. (1973). Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/Main, S. 11 f.


Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 06.02.2014 zu: Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2248-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16314.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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