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Andreas Zimmer, Dorothee Lappehsen-Lengler u.a.: Sexueller Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen

Cover Andreas Zimmer, Dorothee Lappehsen-Lengler, Maria Weber, Kai Götzinger: Sexueller Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen - Zeugnisse, Hinweise, Prävention. Ergebnisse der Auswertung der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-2267-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Studien und Praxishilfen zum Kinderschutz.
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Thema

Die vorliegende Veröffentlichung stellt die Ergebnisse der Dokumentation und wissenschaftlichen Aufarbeitung der gebührenfreien Hotline der Deutschen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt, die von 2010 bis Ende 2012 geschaltet war, dar. Das wichtigste Anliegen war es, den Anrufenden zuzuhören und sie mit ihren zumeist leidvollen Erfahrungen wahrzunehmen. Gleichzeitig hatte die Hotline aber auch eine Lotsenfunktion angesichts der vielschichtigen diözesanen Strukturen und Ordensgemeinschaften in der katholischen Kirche zur Klärung von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Häufig suchen Anrufende keine weitere Hilfe, sondern wollen vielmehr mit ihren Schicksalen und Berichten einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder nicht weiter zu Schaden kommen. Es geht also um Prävention. So haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Hotline nicht nur beraten, geklärt und Lösungswege für individuelle Situationen und Bedürfnisse gesucht, sondern sozialwissenschaftlich orientiert Erkenntnisse gebündelt und für die Präventionsarbeit aufbereitet. Einige Zeit nach Freischaltung der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz wurde die telefonische Anlaufstelle bei der Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch der Bundesregierung geschaffen. Beide „Hotlines“ standen in inhaltlicher und organisatorischer Hinsicht in Verbindung miteinander und waren dennoch unabhängig voneinander agierende Angebote, die beide von Betroffenen intensiv genutzt wurden. Die Hotline der Deutschen Bischofskonferenz wurde Ende 2012 eingestellt, da die Zahl der Anrufer/innen beträchtlich zurückgegangen war und gleichzeitig in den Diözesen direkte Ansprechpartner/innen etabliert werden konnten.

Es ist das Anliegen der Autorinnen und Autoren mit ihrer Arbeit an der Hotline und der vorliegenden Veröffentlichung das Bewusstsein für strukturelle Risiken in Institutionen zu schärfen und weitere Hinweise auf Bedingungen zu geben, die für mehr Schutz von anvertrauten Kindern und Jugendlichen sorgen können. Hier geht es insbesondere um die Gestaltung von Beziehungs- und Betreuungsverhältnissen wie um pastorale Abhängigkeitsbeziehungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht nur um eine Dokumentation der Arbeit an der Hotline und eine Darstellung der vielen Schicksale aufgrund sexuellen Missbrauchsgeschehens, sondern um Hinweise und Faktoren aus Betroffenensicht für anzustrebende Veränderungen und Weiterentwicklungen in der Präventionsarbeit.

Autorinnen und Autoren

Andreas Zimmer ist Diplom Pädagoge und promovierter Theologe. Er leitet die Beratungsdienste im Bistum Trier und ist darüber hinaus seit 2012 der Präventionsbeauftragte des Bistums Trier mit Leitung der Fachstelle Kinder- und Jugendschutz im Bistum. Er war der Fachverantwortliche für die Hotline der Deutschen Bischofskonferenz.

Dorothee Lappehsen-Lengler ist psychologische Psychotherapeutin und arbeitet seit langen Jahren, jetzt in Leitungsfunktion, in der Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatungsstelle des Bistums Trier. Ihr oblag die fachliche Leitung der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz.

Maria Weber ist Diplom Psychologin und langjährige Mitarbeiterin der Lebensberatung des Bistums Trier und ist nunmehr Leiterin der Lebensberatung in Saarbrücken. Sie war die leitende Mitarbeiterin bei der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz.

Kai Götzinger ist Diplom Psychologe und Leiter der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Bistums Trier. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt u.a. in der Prävention sexuellen Missbrauchs. Er ist Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungs- und Familienberatung im Saarland sowie Vorstandsmitglied der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Entstehungshintergrund

Als im Jahr 2010, ausgelöst durch die Berichte ehemaliger Schüler des Canisiuskollegs in Berlin, zahlreiche Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche öffentlich wurden, beschloss die Deutsche Bischofskonferenz u.a. die Einrichtung einer Hotline für Opfer sexueller Gewalt, nicht nur in katholischen Kontexten, sondern auch für andere Opfer bzw. Angehörige, die sexuelle Gewalterfahrungen im familiären oder sozialen Nahbereich gemacht hatten. Aufgrund der Erfahrungen mit der Hotline für ehemalige Heimkinder gelang es relativ schnell, ein Team von erfahrenen Beraterinnen und Beratern katholischer (Lebens-)Beratungsstellen zusammen zu stellen, das sich kompetent den Anliegen der Anrufenden annehmen konnte. Als die wichtigsten Ergebnisse der Hotline Anfang 2013 in einer Pressekonferenz veröffentlicht wurden, waren sie in den Hintergrund gedrängt durch das Misslingen der Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und Prof. Pfeiffer sowie der Fachbuchveröffentlichung mit den Ergebnissen der Evaluation der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten, Dr. Christine Bergmann. Prof. Dr. Jörg M. Fegert als einer der Herausgeber der Studien und Praxishilfen zum Kinderschutz, in deren Reihe das vorliegende Buch erschienen ist, und gleichzeitig Mitautor des o.a. Fachbuches wollte daher die wichtigen Ergebnisse und Erkenntnisse der Hotline der Katholischen Bischofskonferenz über ein Fachbuch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Aufbau und Inhalt

Eingeführt wird in die Veröffentlichung durch ein Geleitwort von Bischof Dr. Stephan Ackermann, dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und durch ein Vorwort von Prof. D. Jörg M. Fegert, der die wissenschaftliche Evaluation der telefonischen Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten leitete. In einem Teil A und einem Teil B finden sich insgesamt 8 Kapitel, denen eine Literaturübersicht und Angaben zu den Autoren und Autorinnen folgen

Teil A ist mit „Die Hotline der DBK für Opfer sexuellen Missbrauchs“ überschrieben und besteht aus dem 1. Kapitel. In diesem wird die Arbeit der Hotline mit den Überschriften „Konzeptionsphase und Auftrag: Vier Wochen Zeit für einen Baustein im Maßnahmenpaket gegen sexuellen Missbrauch“, „Arbeitsweise der Hotline“, „Phasen der Hotline“, „Anliegen und Forderungen der Nutzer und Nutzerinnen“ und „Funktionalität der Hotline“ vorgestellt.

Teil B umfasst dann die übrigen Kapitel und ist mit „‚Ich hatte Vertrauen‘ – Hinweise von Betroffenen über die Verletzbarkeit von Minderjährigen“ überschrieben.

Kapitel 2 beschreibt die Datengrundlage sowie die methodologische Einordnung der Daten.

Kapitel 3 bringt aus den Schilderungen Betroffener „Licht ins Dunkelfeld“ mit den Überschriften: „Ein langer Weg – Betroffene brechen das Schweigen“, „‚Ich war fast täglich dort.‘ – Tatorte“, „‚Es war doch Missbrauch, oder?‘ – Art der gemeldeten Delikte“, „‚Es war nicht nur einmal, …‘ – Deliktserien“, „‚Vergesst die Jungen nicht!‘ – Männer und Frauen als Betroffene von sexueller Gewalt“ und „‚Sie haben nicht geholfen‘. – Missbrauch durch Peers“.

Im 4. Kapitel wird aus Opfersicht die sexuelle Gewalt durch kirchliche Funktionsträger dargestellt. Die Unterpunkte lauten hier: „Missbrauch durch kirchliche Funktionsträger als Variante des Missbrauchs durch Inhaber helfender Berufe“, „Spezifische Ausnutzung des kirchlichen Rahmens durch Täter“, „‚Ich hätte nie widersprochen.‘ – Falsche moralische Autorität“, „‚Ich habe das nicht durchschaut.‘ – Religiöse Ergriffenheit und ausgeschaltete Schutzmechanismen“ und „‚Er sagte, wir seien jetzt in Liebe verbunden.‘ – Spiritualität als Mittel der Verschleierung“.

Das 5. Kapitel beschäftigt sich mit den Langzeitwirkungen auf Betroffene. Es geht insbesondere um seelische Verletzungen, aber auch geschlechtsspezifische Folgen sowie die „Besonderheit: ‚Verstummte‘ Religiosität“.

Das 6. Kapitel ist überschrieben mit „‚Damit es künftig nicht mehr geschieht.‘“, und stellt die „Hinweise von Betroffenen für die Prävention in Institutionen“ dar. Es geht sowohl um „sexuelle Gewalt in Institutionen“ im Allgemeinen wie in der Institution Kirche. Danach erfolgt eine Differenzierung in „Katholische Internate“, „Pfarreien“ sowie „Kinder- und Jugendheime“.

Kapitel 7 bietet „Hinweisschilder auf dem Weg zu einer ‚Kultur der Achtsamkeit‘“ und besteht aus den Unterpunkten „Täterstrategien außer Kraft setzen und Schutzsysteme stärken“, „Partizipation stärken“, „Neue Räume für Betroffene/Opfer öffnen“ und „Neue Zugänge zur Religiosität“.

Kapitel 8 ist das Schlusswort.

Diskussion

Ähnlich wie bei der Anlaufstelle bei der Unabhängigen Beauftragten, führte die mediale Berichterstattung über die zahlreichen Missbrauchsfälle sowie die breite Bekanntmachung der Hotline der Katholischen Bischofskonferenz zu einen Ansturm von Anrufen Betroffener, der die Mitarbeitenden in hohem Maße forderte. Auch hier gab es eine offene Gesprächsatmosphäre. Die Betroffenen konnten über ihre Erlebnisse berichten bzw. über die Anliegen sprechen, die sie veranlassten, sich an die Hotline zu wenden. Beide „Hotlines“ waren im gegenseitigen Austausch (s. Fegert/Rassenhofer/Schneider/Seitz/Spröber (2013): Sexueller Kindesmissbrauch – Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen. Weinheim und Basel) Wie auch hinsichtlich der Anrufe bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten, wurden die Gespräche ausgewertet und geprüft, inwiefern sich bestimmte Tendenzen, Übereinstimmungen, Muster etc. feststellen lassen. Da es ein häufig genanntes Anliegen der Betroffenen ist, mit ihren Berichten konzeptionell und strukturell darauf einzuwirken, dass Kinder zukünftig besser geschützt sind, werden in der Veröffentlichung zahlreiche Tipps und Handlungsoptionen für die Prävention herausgearbeitet. Hierzu wurden wiederum nochmals Betroffene einbezogen, die diese Hinweise mit ihren persönlichen Erfahrungen abgleichen sollten.

Die Aufgabe der Mitarbeitenden an der Hotline der Katholischen Bischofskonferenz war auch eine Lotsenfunktion, da die katholischen Strukturen sehr verzweigt, überlagernd und somit kompliziert sind. So musste im Einzelfall geprüft werden, wo die jeweilige Zuständigkeit und Verantwortung für die weitere Bearbeitung lag.

Oftmals war es das Anliegen der Anrufenden, der katholischen Kirche ihr Schicksal zu schildern, um damit möglicherweise auch das Kapitel für sich schließen zu können. Insofern waren die Berichte mit der Bitte verbunden, die Geschehnisse an Kirche und Politik weiterzugeben, damit vor allem zukünftig Kinder besser geschützt werden. Nur selten wurden Entschuldigungen der Täter gewünscht. Eher war das eine Erwartung gegenüber den übergeordneten Hierarchieebenen. Insofern werden in der Veröffentlichung viele Fakten mit O-Tönen hinterlegt.

Die meisten der berichteten Delikte lagen bereits viele Jahre zurück und fielen somit zumeist unter die Verjährung. In der Mehrzahl der Berichte handelte es sich um längere Zeiträume der sexualisierten Gewalt mit zunehmendem Schweregrad. Auch hier war der Anteil männlicher Opfer deutlich höher als bisherige Untersuchungen nahelegen. Es gibt wohl Belege dafür, dass Priester eher Jungen sexuell missbrauchen. Darüber hinaus handelte es sich in vielen Fällen um „geschlossene katholische Milieus“ wie beispielsweise Internate zur Elitenbildung mit hohem Leistungsdruck und fehlender Privatsphäre der Zöglinge. Gehorsam und Unterwerfung als Elemente von Ordensregeln zementierten die ohnmächtige Situation von Jungen und Mädchen. In der Vergangenheit war es nur in Ausnahmefällen zu strafrechtlichen Maßnahmen oder anderen Sanktionen gekommen. Hauptsächlich wurde die Hotline von Menschen mit katholischer Konfession in Anspruch genommen, wobei nicht nur Taten im kirchlichen Kontext berichtet wurden, sondern auch Taten aus der Familie oder dem sozialen Umfeld. Aber auch nicht oder anderweitig religiöse Menschen wandten sich an die Hotline.

Sehr gut herausgearbeitet ist das Spezifische in kirchlichen bzw. katholischen Kontexten, neben den bereits bekannten Täterstrategien und missbrauchsbegünstigenden Strukturen. Dazu zählt ungeeignetes Personal, fehlende pädagogische Fachkompetenz, die Machtposition von Fachkräften, fehlende bzw. unwirksame Kontrollmechanismen (Dienst- und Fachaufsicht) gerade auch auf Leitungsebene bei geäußerten Hinweisen auf ein Missbrauchsgeschehen, unzureichende Konsequenzen bei begründetem Verdacht bzw. fehlende Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen für die Opfer sowie fehlendes Wissen über sexuelle Gewalt.

Die besondere Stellung, der besondere Status sowie die Macht und Autorität von Priestern bzw. Geistlichen wurde ausgenutzt. Hinzu kommen Missbrauchstaten, die mit religiösen Riten oder Symbolen ummantelt wurden sowie die Ausnutzung von Spiritualität und Religiosität bei den Heranwachsenden durch die Kirchenvertreter/innen. So wird beispielsweise der Kreislauf von sexualisierter Gewalt, gefolgt von der Beichte mit dezidierten Nachfragen zur Keuschheit, anschließender Buße und Vergebung und erneuter sexualisierter Gewalt beschrieben. Auch zeigen sich in vielen Berichten die fließenden Grenzen zwischen den unterschiedlichen Gewaltformen, verbunden mit schweren Sexualdelikten. Für viele Missbrauchsopfer führten die Gewalterfahrungen zur Abwendung von der Kirche und Religiosität, andere wiederum fanden Trost und Unterstützung in ihrer Spiritualität um das Geschehene zu verarbeiten.

So gut einerseits die Hinweise für die Prävention sind, sind andererseits Vorschläge dabei, die zumindest diskussionswürdig sind. Denn viele der Handlungsoptionen richten sich an die Adresse von Mädchen und Jungen, wenngleich gleichzeitig klargestellt wird, dass sie nicht die Verantwortung für ihren Schutz tragen. Dargestellt werden nachvollziehbar das Erleben der Betroffenen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten, den Missbrauch und ihre Situation offenzulegen. Deshalb muten einige der Präventionstipps verwirrend an und sind mit viel zu hohen kognitiven und emotionalen Erwartungen an Kinder verknüpft. Dies gilt beispielsweise für das Einüben der dreistufigen „Konfrontationstechnik“ (S. 185). Teilweise fühle ich mich an Präventionsprogramme gegen sexuellen Missbrauch aus den 90iger Jahren erinnert, die sich nicht durchsetzen konnten. Sie setzten auf die wehrhaften Kinder in Missbrauchssituationen, was zu dem negativen Effekt führte, dass Kinder sich zusätzlich Vorwürfe machten, weil sie in diesen Situationen das widerständige Verhalten nicht abrufen konnten.

Und damit komme ich zu einer weiteren Feststellung: Es bleibt unklar, an wen sich die Veröffentlichung richtet. Sind vorwiegend Fachleute die Adressaten oder die breite, interessierte Öffentlichkeit? Aufgrund dieser Unklarheit schwanken die Ausführungen zwischen fachlichen Darlegungen und Beratungsideen. Sehr offensichtlich wird dies bei den Präventionshinweisen, die mit sog. „Fehleinschätzungen“ eingeleitet werden. Es hat sich mir nicht erschlossen, woher diese Aussagen abgeleitet wurden bzw. wo sie formuliert wurden bzw. wer diese tatsächlich glaubt oder ausspricht. Demgegenüber fehlen für mein Dafürhalten Präventionshinweise hinsichtlich der Strukturen in der katholischen Kirche sowie hinsichtlich Macht und Hierarchie, obwohl diese Themen in der Analyse der Anrufe sehr wohl herausgearbeitet werden.

Es fällt in den dargestellten Fallbeispielen in der Veröffentlichung auf, dass es sich mehrfach um durchaus selbstbewusste Mädchen oder Jungen handelt, die in Familien leben, in denen die Eltern interessiert am Wohlergehen ihrer Kinder sind, die Opfer sexualisierter Gewalt durch Kirchenvertreter wurden. Dies gilt insbesondere für den sexuellen Missbrauch in Pfarreien. Im Gegensatz zu vielen Mädchen und Jungen, die in Angeboten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreut, unterstützt und gefördert werden, scheint dies für die sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten in gewisser Weise ein Spezifikum zu sein.

Der am häufigsten geäußerte Wunsch der Anrufenden war die Weitervermittlung in Beratung und Therapie. Dies erwies sich oftmals als schwierig, weil keine angemessene Versorgungsdichte gegeben ist, wobei es in der Vergangenheit noch weniger Angebote gab als heute. Beklagt wurde darüber hinaus eine unzureichende auskömmliche Finanzierung von Therapieangeboten. Diese Defizite decken sich mit den Erfahrungen der Anlaufstelle bei der Unabhängigen Beauftragten sowie der im Rahmen der Aktivitäten des Rundes Tisches „sexueller Kindesmissbrauch“ durchgeführten Bestandsaufnahmen und Hearings. Im Zuge dessen hat sich die mit der Hotline verbundene Internetberatung als sinnvolles Instrument erwiesen.

Fazit

Dieses Buch sei all denjenigen empfohlen, die in kirchlichen Strukturen tätig sind. Denn es enthält sowohl über die O-Töne Betroffener wie auch über die Aufarbeitung der telefonischen Gespräche viele Hinweise auf strukturelle Aspekte, die Einfluss auf das Ausmaß und die Formen sexualisierter Gewalt haben. Gerade für eine Risikoanalyse der eigenen Einrichtung bzw. des eigenen Trägers, wie sie vom Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch gefordert wird, bieten die Ausführungen viele Faktoren.

Darüber hinaus ist die Veröffentlichung für Frauen und Männer interessant, die im Bereich der Prävention sexualisierter Gewalt tätig sind, denn neben den schon bekannten Täterstrategien wird das Spezifische der katholischen Kirche im Zusammenhang mit Religiosität gut herausgearbeitet. Allerdings sollten einige der vielfältigen Hinweise zur Prävention kritisch diskutiert und geprüft werden.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 17.07.2014 zu: Andreas Zimmer, Dorothee Lappehsen-Lengler, Maria Weber, Kai Götzinger: Sexueller Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen - Zeugnisse, Hinweise, Prävention. Ergebnisse der Auswertung der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz für Opfer sexueller Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2267-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16319.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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