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Gerhard Gaudard: GedankenWelten eines Autisten

Cover Gerhard Gaudard: GedankenWelten eines Autisten. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2014. 100 Seiten. ISBN 978-3-9524076-5-3. CH: 20,00 sFr.
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Thema

Das Buch GedankenWelten lässt Anteil haben an viele Facetten und Themen des Lebens eines Menschen, der in der Lebensmitte (mit 38 Jahren) erfährt, dass er Asperger-Autist ist. In persönlichen Texten werden Gedanken und Erfahrungen, Wünsche und Anliegen geschildert. Es wird darüber berichtet, was ein Aspergerautist gut kann und was schwierig sein kann. Am Ende steht die Erkenntnis, wie wichtig es ist, sich als Person so anzunehmen wie man ist.

Autorin

Gerhard Gaudard wurde 1975 in der Schweiz geboren. Er wuchs in einem kleinen Ort auf. Mit 17 verließ er das Elternhaus, um eine Lehre als Chemielaborant zu machen. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Firmen. 2004 sattelte er um und schloss 2007 erfolgreich ein Informatikstudium ab. Es folgen Anstellungen in verschieden Firmen im Bereich Sicherheit und Softwareentwicklung. Im Alter von 38 Jahren erlitt er einen Zusammenbruch (Burn-Out). Nach einem Klinikaufenthalt begann er im November 2011 als Informatiker bei der Specialisterne Schweiz AG und ist dort seit September 2012 Projektleiter. Er hatte gezielt nach einer Firma gesucht, die Autisten einstellt. 2013 kam ihm die Idee, ein Buch aus seinen Blogbeiträgen zu veröffentlichen, um seine Erfahrungen und Ideen zu teilen und davon zu berichten, wie er mit der Welt umgeht und wie er sie wahrnimmt. Er ist seit 1,5 Jahren verheiratet, das Paar lebt in getrennten Wohnungen.

Aufbau und Inhalt

Auf 100 Seiten im Din A 4 Ringbindung – Format sind über 50 Beiträge veröffentlicht. Das Buch beginnt mit einer Widmung, einer Einleitung sowie der Anleitung zum Lesen. Im Hauptteil sind die Artikel fortlaufend (1-58) durchnummeriert. Das Buch schließt mit der Vorstellung des Autors ab. Die meisten Artikel wurden schon in seinem Internetblog veröffentlicht, aber nicht alle.

Gerhard Gaudard ist 38 Jahre alt als er bei einem Klinikaufenthalt nach einem Zusammenbruch erfährt, dass er Aspergerautist ist. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus beginnt er den Blog „Gedankenwelten“ zu schreiben. Mit der Herausgabe dieses Buches erfüllt sich einen lang ersehnten Traum. Es ist im Autismusverlag erschienen, der Menschen mit Autismus einen Arbeitsplatz gibt, indem jedes Buch selber kopiert, geheftet und vertrieben wird. Weitere Informationen zum Autismusverlag findet man unter www.autismusverlag.ch.

Mit seinen hier zusammengestellten Blogbeiträgen gewährt er Einblicke in seine Gedanken- aber auch reale Lebenswelt vor und nach der Diagnose Aspergerautismus. Durch seinen authentischen und offenen Stil lässt er den Leser an seiner Entwicklung teilhaben. Er schreibt so wie es ihm in den Sinn kommt, da kann es – wie er sagt – auch schon mal sein, dass er die gängigen Regeln der Grammatik und Satzzeichen missachtet. Jeder Beitrag trägt die Überschrift Asperger und „(Thema)“, welche nun in der Reihenfolge der Gliederung aufgelistet sind: „Anfang“, „jetzt“, „das neue Leben“, „als Behinderung“, „Depression“, „die NTs“, „wieso die NTs über uns lachen“, „Mobbing“, „Veränderungen“, „kein Asperger“, „die Antriebslosigkeit überwinden“, „das Reden“, „der Smalltalk“, „die verpackte Sprache“, „das Lebendig-begraben-sein“, „das verbale Erbrechen“, „die Gefühle“, „das normale Leben“, „Ziele“, „die Überbelastung“, „das Burn-out“, „der Kampf“, „der geregelte Tag,“, „Veränderungen“, „das Aussehen“, „das Körpergefühl“, „das Egalsein“, „das Zu-Ende-bringen“, „das Nicht-zu-Ende-bringen“, „die Konzentration“, „das Fatalistische“, „Computerspiele“, „ungewollte Reaktionen“, „das Wollen“, „Bedürfnisse“, „unbekannte Personen“, „keine Freunde“, „Beziehungskiller“, „Beziehungen II und III“, „der NT-Partner“, „die Liebe“, „der Partner“, „die Ehe“, „das Alleinewohnen“, „das Zusammenleben“, „Kinder“, „Bewerbungen“, „der geschützte Arbeitsplatz“, „Integration“, „keine Aufgabe“, „die Muggel“, „die Tarnung“, „Heavy Metal“, „die Überempfindlichkeit“, „der Emotionsfilter“, „die Details“ und das „man“.

Nach der Entlassung aus der Klinik steht Gerhard Gaudard vor der Aufgabe, sein Leben „neu zu ordnen“. Er beginnt einen Blog zu schreiben, weil er allein ist und Kontakt zur Welt sucht. Anfänglich schrieb er einfach drauf los, berichtete von dem, was ihn beschäftigte. Das Schreiben ist eine Art „Therapie“ und eine „Erleichterung“, weil er seine Gedankenfülle, die er mit sich herumträgt, aus dem Kopf bekommt. Beim Schreiben bemerkte er zunehmend, dass das Thema Autismus für viele Menschen von hohem Interesse ist und so entwickelte sich sein allgemeiner Blog zu einem Blog von einem Asperger-Betroffenen für andere Autisten und Nichtautisten (sogenannte Neurotypische (NT)), Gaudard findet den Begriff „Muggel“ (S.87) besser, den er aus den Harry Potter Romanen entliehen hat. Muggel sind die Nicht-Zauberer, also die, die normal sind und über keine besonderen Fähigkeiten verfügen. NT klingt für ihn „klinisch, hart und abgedroschen“, er meint, diese Bezeichnung führt weg davon, dass es um etwas Menschliches geht.

Er will Mut machen, dass Menschen mit ihrem Autismus leben und diesen nicht nur als eine Behinderung wahrnehmen. Anfänglich war das nicht einfach für ihn, denn von einem Tag auf den anderen war er „nicht mehr normal, sondern behindert“ (S.6). Er bezeichnet die Diagnose aber auch als eine „Befreiung“, denn sie gibt Antwort auf viele Fragen, die er sich erst nach der Diagnose stellte.

Diskussion

Mit seinem Blog und diesem Buch will Gaudard das gegenseitige Verständnis unterstützen. Sein Anliegen ist, zu erläutern, wie es ihm als Aspergerautist geht, was leicht fällt und was schwer ist. Es wird sehr eindrücklich deutlich, dass es auf die Umgebung ankommt, wie der Autismus wahrgenommen und erlebt wird. Seiner Erfahrung nach verschwindet das Asperger-Syndrom sogar, wenn er alleine ist: „Keine Menschen, kein Müssen, nichts. Dann verschwindet es. Sobald jedoch wieder Menschen oder viel Licht und Lärm hinzukommt, ist es sofort wieder da. Ich denke, das ist eine sonderbare Funktion des Gehirns…mit der man leben muss, weil man so ist, wie man ist“ (S.24). Das ist eine neue Erkenntnis, von der ich vorher noch nie etwas gelesen habe. Ich kann mir allerdings sehr gut vorstellen, dass man es so erleben kann.

Er braucht dieses wie er sagt „aspergerfreie Zeit“, die er hat, wenn er alleine zuhause ist. Dann kann er sich erholen, dann hat er Ruhe vor sich selbst bzw. vor dem Asperger-Syndrom, welches eine Behinderung und ein Segen zugleich ist. Er weiß, dass sich diese Aussage paradox anhört, aber sie trifft den Kern: „Es ist wie immer paradox. Aber so sind wir. Anders und dennoch gleich“ (S.25).

Für ihn ist das Leben eine Herausforderung. Man muss wissen was man nicht kann, aber vor allem muss man wissen, was man kann. Vieles ist anstrengend, aber es gibt die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Wichtig ist, den Selbstzweifeln nicht so einen großen Raum zu geben: weniger grübeln, mehr handeln! Diese Ausführungen treffen nicht nur auf Menschen mit Autismus zu, sondern sind allgemeingültig. Sie unterstreichen: Autisten sind in erster Linie Menschen!

Bemerkenswert schreibt er darüber, dass der Autismus auch ein Gewinn ist. Er schreibt: In meinem Leben ohne Diagnose habe ich mich immer an das Gegenüber angepasst, kannte meine Bedürfnisse nicht, ich habe nie gesagt, was ich selber wollte. Das ist heute anders. Mit seiner Frau diskutiert er viel und sie sprechen über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Probleme. Er ist froh, dass es so ist, denn seine Partnerin, mit der er vor der Diagnose elf Jahre zusammen war, hat ihn nicht mehr verstanden, und die Beziehung ging in die Brüche.

Nach seiner Erfahrung hat es sich bewährt, dass er Menschen eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit ihm gibt, so hat er mit seiner Frau, mit der er seit 1,5 Jahren verheiratet ist ein Stopp-Zeichen ausgemacht, was sie einsetzt, wenn ihn das „verbale Erbrechen“ packt. Seine Frau gibt ihm Sicherheit und sie respektiert ihn. Er ist gerne mit ihr zusammen, möchte aber nicht mir ihr zusammenwohnen, vor allem weil das Zusammenwohnen anstrengend und stressbehaftet ist.

Fazit

Dieses Buch ist Fachbuch und Autobiografie zugleich. Es lässt Anteil an viele Facetten des Lebens haben. Man erfährt, wie es für einen Menschen ist, in der Lebensmitte die Diagnose Asperger-Syndrom zu erhalten. Gerhard Gaudard schildert in den persönlichen Texten seine Gedanken und Erfahrungen, Wünsche und Anliegen zu vielen Themen. Die Texte sind von der Seele geschrieben und somit sehr ehrlich und echt. Es war für mich persönlich und fachlich eine große Bereicherung, unverstellte Einblicke in diese GedankenWelten haben zu dürfen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.06.2014 zu: Gerhard Gaudard: GedankenWelten eines Autisten. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2014. ISBN 978-3-9524076-5-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16328.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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