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Renate Zitt, Thomas Zippert u.a.: Wahrnehmen

Cover Renate Zitt, Thomas Zippert, Joachim Weber, Lutz Müller-Alten, Peter und Ulrike Höhmann, Frank Dieckbreder: Wahrnehmen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 245 Seiten. ISBN 978-3-17-022645-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Theologie und soziale Wirklichkeit.
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Thema

Das Thema Wahrnehmen ist vielleicht nicht für Jede/n ein richtiger Hingucker. Aber Wahrnehmung beschreibt die Vorgänge zwischen der Umwelt, der Innenwelt und ihrer psychischen Repräsentationen und wie man sich das vorstellen kann, ist relevant und spannend. Der Psychopathologe Christian Scharfetter spricht im Hinblick auf Wahrnehmen unter Rückgriff auf die Gestaltpsychologie von „fortschreitender Differenzierung und Strukturierung von der kognitiv-affektiven Anmutung zur prägnanten Gestalt von einer bestimmten Bedeutung.“ (Allgemeine Psychopathologie, Thieme Verlag 2010, S. 184). Dieser vielfältige Prozess wird in dem zu rezensierenden Buch in unterschiedlichen Bereichen entfaltet. Dabei akzentuiert die Verbform wahrnehmen noch einmal diesen Prozesscharakter. Zitt weist darauf hin, dass „wahrnehmen, deuten und reflektieren, kommunizieren und handeln die Grundvollzüge professionellen Handelns im sozialen Bereich“ (S. 7) umfasst und es damit ein fundamentales Phänomen für soziale Berufe betrifft.

Entstehungshintergrund

Dies ist der zweite Band in der Reihe „Theologie und Soziale Wirklichkeit. Studium – Lehre – Praxis“ im Kohlhammer Verlag. Ziel der Reihe ist es, jeweils fokussiert auf ein Thema verschiedene Disziplinen, darunter jeweils die Theologie, zusammen zu führen, um so ein interdisziplinäres Verständnis sozialer Wirklichkeit zu fördern.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Renate Zitt, Diakoniewissenschaftlerin und Pfarrerin, Professorin mit den Schwerpunkten, Bildung, Diakonik, Religionspädagogik, folgen Artikel von Joachim Weber, Professor für Wissenschafts- und Handlungstheorie, Theorie der Sozialen Arbeit und Ethik, zu „Wahrnehmung und Wissenschaft“ und „Wahrnehmung und Praxis“ und von Thomas Waldeck, Pfarrer, zu „Wahrnehmung aus philosophisch-theologischer Sicht“. Frank Dieckbreder, Professor für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, folgt mit „pädagogischen Dimensionen der Wahrnehmung“ und zusammen mit Thomas Zippert, Professor für Diakonik, zu „institutionengeleiteten Aspekten der Wahrnehmung“. Zippert ist auch Autor von „Sozialräumliches Wahrnehmen“. Lutz Müller-Alten, emeritierter Professor für Recht, setzt sich mit der „Wahrnehmung im Sozialrecht“ auseinander. Abschließend stellen die Soziologin und Pflegewissenschaftlerin Ulrike Höhmann, Professorin, und der Kirchensoziologe Peter Höhmann „Wahrnehmung als Aufgabe der empirischen Sozialforschung“ dar.

Inhalt

Zitt führt in „Theologie und Soziale Wirklichkeit: Wahrnehmen“ einleitend zu den Prämissen der Beiträge aus, „Wirklichkeit ist vorgegeben und aufgegeben; Subjekte sind nicht nur determiniert, sondern haben Handlungsspielräume; Wirklichkeit wird durch Wahrnehmung konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert. Theologie versteht ihren Beitrag im Wahrnehmungskonzert unter anderem darin, Brüche auszuleuchten und auf Transzendenzen, Grunderfahrungen, Horizonte und Grenzen hinzuweisen. Dabei ist die Multiperspektivität unterschiedlicher Zugänge die wichtigste Voraussetzung für die hermeneutischen Diskurse im Versuch soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu deuten.“ (S.7-8) Damit ist das Grundgerüst der folgenden Beiträge skizziert.

Joachim Weber legt in „Wahrnehmung und Wissenschaft“ aus philosophischer Perspektive unter Hinzuziehung des Wahrheitsverständnisses eine Grundlage, indem er zugleich die wissenschaftstheoretische Entwicklung nachzeichnet in ihren jeweiligen Konsequenzen für den og. Fokus. Er arbeitet dann heraus, dass das jeweilige Wissenschaftsverständnis … „Denken nicht nur mit der Wahrnehmung vermittelt, sondern beides einbettet in Handlungsvollzüge und dabei andere Wissenschaftskonzepte nutzt.“ (S. 51) Hier setze ein kritisch-pragmatisches Wissenschaftsverständnis an, welches … „sich nicht mehr dezidiert von Praxis“ abhebt, „sie profiliert vielmehr Praxis, indem sie bestehende Praxis kritisiert und alternative Praxis ausprobiert, um daraus neue Erkenntnis zu gewinnen.“ (S. 51)

Thomas Waldeck reflektiert „Wahrnehmung aus philosophisch-theologischer Sicht“, denn „mit der religiösen Brille schaut der Betrachter über sich selbst, über die Welt hinaus, er schaut auf Transzendenz“. (S. 54) Und wie das geht, entwickelt Waldeck Schritt für Schritt, angefangen mit den Voraus-„Setzungen“ der religiösen Wahrnehmung über Wahrnehmung als subjektiver Wahrnehmung bis hin zu an den leiblichen Wahrnehmungsprozessen anknüpfenden Geschichten der biblisch-christlichen Wahrnehmung – also dem Hören, Sehen, Schmecken und Träumen. Waldeck greift wahrnehmungstheoretische Anregungen aus Buddhismus und Islam auf, um die gesamten Erkenntnisse in Impulse für die sozialpädagogische Praxis einmünden zu lassen.

Frank Dieckbreder knüpft in „Pädagogische Dimensionen der Wahrnehmung“ an der Einsicht an, dass Wahrnehmung ein komplexer Vorgang ist, der jeweils zu subjektiven Wahrnehmungsmustern führt, deren sich der Pädagoge bewusst sein und immer wieder werden muss. Ausgehend vom Empowerment-Ansatz ist es Ziel seines Aufsatzes, Wege aufzuzeigen, die die Komplexität mindern, so dass eine Haltung entwickelt werden kann, die im Hinblick auf die Wahrnehmungsdifferenzen zwischen (Sozial-)PädagogInnen und KlientInnen ermöglicht Vertrauen zu entwickeln und sie auszuhalten.

Lutz Müller-Alten zeichnet in „Wahrnehmung im Sozialrecht“ den Weg nach, wie aus abstrakten Formulierungen des Gesetzes von den VerwaltungsmitarbeiterInnen fallbezogene Konkretisierungen erarbeitet werden und welche komplexen Schwierigkeiten der Wahrnehmung wie der Kommunikation entstehen, sobald die „Lebensvorstellungen des Klienten, seine Wünsche und Hoffnungen sowohl in der Ebene der im Verwaltungsverfahren versprachlichten Form als auch in der Ebene der einem fremden Behördenmitarbeiter schwer artikulierbaren ‚eigentlichen‘ Wünschen“ Thema werden sollen (S. 120).

Nach dieser disziplingeleiteten Wahrnehmung werden im Beitrag von Frank Dieckbreder und Thomas Zippert „institutionengeleitete Aspekte der Wahrnehmung“ untersucht. Ausgehend von der Feststellung, dass sich professionelles Handeln immer im institutionellen Kontext bewegt und von diesem bestimmt wird, wird die Auswirkung des Finanzierungsvorbehalts gegenüber jeglichem institutionellen Handeln in seiner hierarchischen Bedeutung beleuchtet. Damit zeigen sich zwei Aspekte: Irritationen werden vertraut und damit unbewusst (gemacht). Die Bedeutung der Benennung kann sensibilisieren für die unbewusst gewordenen Irritationen. Dies wird an der Geschichte der Bezeichnungen für betreute und betreuende Menschen, Selbstverständnis der Einrichtung und gesellschaftliches Bezugsystem illustriert. Schließlich wird der Blick wieder gelenkt auf die Frage, wie die Wahrnehmung trotz aller institutionellen Prägungen offen gehalten werden kann für den Mitmenschen.

Joachim Weber schließt sich an mit „Wahrnehmung und Praxis“. Dazu schlägt Weber einen weiten Bogen, beginnend mit der religiösen Anschauung, um die Verwandlung der „Weite der Anschauung“ (S. 149) in die Enge eines begrifflichen Systems zu verdeutlichen. Im weiteren arbeitet Weber heraus, dass Praxis „spezifische Wahrnehmungskompetenzen“ erfordert, zu denen gehört, „das Gegebene zur Kenntnis zu nehmen“ und einen Blick für Handlungsgelegenheiten und plötzliche Zufälligkeiten zu entwickeln, die schnell beantwortet werden müssen (vgl. S. 147), was er an anderer Stelle als Neugier zur Wahrnehmung von Einzigartigkeit beschreibt. Es gelingt ihm, die Kompetenz „des praktischen Genies“ herauszuarbeiten mit seinen besonderen Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Es schließen sich Thomas Zipperts Ausführungen zu „sozialräumlichem Wahrnehmen“ an. Professionelles Handeln brauche „ein differenziertes Verständnis und Wahrnehmungsperspektiven von sozialem Raum, von dem Raum, in dem soziales Leben stattfindet.“ (S. 182). Ausgehend von Erkundungen und Bewegungen entwickelt Zippert ein mehrdimensionales Konzept. Dieses besteht zum ersten in einem „strukturfunktionalistischem Bild der Gesellschaft“, um diejenigen „Funktionen in den Blick zu bekommen, die nötig und zusammen hinreichend sind, damit ein Gemeinwesen funktioniert.“ (S. 190). Zum zweiten entwickelt Zippert die Perspektive des je individuell besonderem Alltags- und Lebensraum. Zwischen den genannten Ebenen spannt sich drittens Infrastruktur und Medien als „Zwischenräume“ aus. Schließlich benennt Zippert viertens den Raum jenseits der jeweiligen Grenzen, also Transzendenz und Immanenz. Mit Hilfe dieses Mehrebenenmodells könnte eine vollständigere Wahrnehmung des Sozialraums gelingen und zugleich eine Antwort auf die in den vorangehenden Artikeln aufgeworfene Frage der Bewusstmachung unbewusster Wahrnehmungsmuster gegeben werden.

Ulrike Höhmann und Peter Höhmann entfalten in ihrem Aufsatz die Aussage: „Wahrnehmung in der empirischen Sozialforschung ist als ein theoretischer Entscheidungsvorgang zu verstehen, der über unterschiedliche begründungspflichtige Stufen verläuft.“ Dabei stellen sie im Teil A allgemein dar, welche begründungspflichtigen Entscheidungen im Forschungsprozess schrittweise erforderlich werden. Dieses Vorgehen konkretisieren sie im Teil B „exemplarisch anhand der Projektkonzeption zur Wahrnehmung des diakonischen Profils stationärer Pflegeinrichtungen“ (S. 220). Hierbei verdeutlichen sie einerseits, welche Herausforderungen sich in einem spezifischen Forschungsprojekt aus den allgemeinen Vorgehensweisen und Begründungen ergeben, andererseits stellen sie zugleich die Ergebnisse einer Untersuchung zu dem oben genannten Thema dar,

Diskussion

Das Buch ist klug aufgebaut: man kann jeden Artikel für sich lesen, eine vorangestellte Zusammenfassung erleichtert die Auswahl. Man kann aber auch feststellen, dass die Artikel in einem inneren, sich ergänzenden Zusammenhang stehen. So werden philosophische Ansätze nicht nur in den beiden Arbeiten von Weber und Waldeck, sondern auch bei Zippert aufgegriffen. Dierckbreders und Zipperts Ausführungen zu institutionengeleiteten Aspekten der Wahrnehmung können gelesen werden als Verallgemeinerung der Ausführung zur Wahrnehmung im Sozialrecht und Webers und Zipperts Ausführungen der Wahrnehmung in der Praxis ergänzen sich. Höhmanns Darstellung der Begründungen hinsichtlich der Wahrnehmungsschwerpunkte im Rahmen der empirischen Sozialforschung sind sowohl geeignet, das Verfahren verstehen zu lernen als auch Einsichten in die konkrete Fragestellungen zum diakonischen Profil in Pflegeinrichtungen zu gewinnen. So erschließen sich üblicherweise selbstverständliche Wahrnehmungsmuster und differenzieren sich auch Wahrnehmungen. Der Anspruch der Reihe, interdisziplinäre Resonanzen zu erzeugen, wird produktiv und anregend eingelöst.

Fazit

Diejenigen Leser und Leserinnen, die neugierig auf die Vielfalt von Wahrnehmung und die sie bestimmenden Einflussfaktoren sind, kommen mit diesem Buch auf ihre Kosten. In jedem Aufsatz wird der Zusammenhang zwischen den theoretischen Ausführungen und praktischer Anwendung hergestellt. Der Bereich der Theologie und der Diakonie werden in verschiedenen Facetten mit beleuchtet. Die Lektüre lohnt sich. Das Buch ist zugleich gut geeignet zum Einsatz im Studium, sowohl zum Selbststudium als auch als Grundlage für Seminararbeit.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 24.02.2014 zu: Renate Zitt, Thomas Zippert, Joachim Weber, Lutz Müller-Alten, Peter und Ulrike Höhmann, Frank Dieckbreder: Wahrnehmen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022645-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16340.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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