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Wolfgang Sander: Handbuch politische Bildung

Cover Wolfgang Sander: Handbuch politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 4. völlig überarb. Auflage. 628 Seiten. ISBN 978-3-8997-4969-4. 64,80 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Politische Bildung und Politikdidaktik sind in Deutschland spätestens seit den 1960er Jahren in Wissenschaft und Gesellschaft gleichermaßen verankerte „Institutionen“ und haben sich von der „Re-Education“ zu einer wissenschaftlichen und pädagogischen Disziplin emanzipiert, die in Schulen und Universitäten ebenso wie in außerschulischen Bildungseinrichtungen ihren Platz und ihre Anwendung finden. Wie in vielen anderen Disziplinen auch ist in der politischen Bildung ein rasanter Wissensfortschritt bei einer gleichzeitigen Pluralisierung von Ansätzen und Themen zu beobachten.

Das nun in der vierten Auflage vorliegende Handbuch politische Bildung soll „einen verlässlichen Überblick zum Stand der wissenschaftlichen Fachdiskussion zur politischen Bildung“ (S.11) liefern. Es hat dabei Lehrerinnen und Lehrer sowie Erwachsenenenbildner ebenso zur Zielgruppe wie Studierenden und interessierten Laien. Um diesen Spagat leisten zu können, wurde das Handbuch Politische Bildung von Auflage zu Auflage gründlich überarbeitet. Zudem erfolgte von der dritten Auflage 2005 zur vierten Auflage 2014 eine Neugewichtung von Inhalten, die den Entwicklungen im Fach Rechnung trägt.

Herausgeber

Wolfgang Sander ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist einer der zentralen Autoren im Bereich der politischen Bildung und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke zu Politikdidaktik und Politikunterricht. Eine Auswahl finden Sie unter www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb03/institute/isd. Das erstmals 1997 erschienene Handbuch Politische Bildung gibt er mittlerweile in der vierten Auflage heraus.

Aufbau und Inhalt

Der 623 Seiten starke und 60 (!) Beiträge umfassende Band, der in der vierten Auflage als Hardcover in neuem, in blau und weiß gehaltenem, ansprechend schlichtem Design vorliegt und mit den seitlichen Abschnittszusammenfassungen einen schnellen Überblick gibt, ist in sieben übergeordnete Kapitel gegliedert:

  • Kapitel I. Wissenschaftliche Grundlagen (S.15-126) umfasst neun Beiträge
  • Kapitel II. Institutionen (S.127-176) setzt sich aus fünf Kapiteln zusammen.
  • In Kapitel III. setzen sich sieben Beiträge mit Praxisfeldern auseinander (S. 177-240).
  • Kapitel IV. Didaktische Prinzipien beinhaltet sechs Beiträge (S. 241-294).
  • Inhaltsbezogene Aufgabenfelder Politischer Bildung sind Gegenstand der dreizehn Beiträge in Kapitel V. (S.295-414).
  • Kapitel VI. Methoden und Medien ist mit vierzehn Aufsätzen das umfangreichste (S.415-540).
  • Politische Bildung im internationalen Vergleich wird in Kapitel VII (S.541-608) in sechs Beiträgen abgehandelt
  • Personen- und Sachregister (S.609-619) ermöglichen den schnellen Zugriff auf Themen. Kurzprofile der Autoren runden den Band ab.

In der Struktur des Bandes spiegeln sich schon die grundlegenden Überarbeitungen der vierten Auflage wieder. Sie wurde von 46 Beiträgen in sechs Kapiteln auf 60 Beiträge in sieben Kapiteln ausdifferenziert und erweitert. Da bei der Fülle der Beiträge nicht alle in ihrer Gänze gewürdigt werden können, werde ich im Folgenden besonders auf die Neuerungen in der vorliegenden Auflage eingehen.

Beschäftigten sich in der dritten Auflage lediglich drei Beiträge mit den wissenschaftlichen und institutionellen Grundlagen politischer Bildung, so sind es nun insgesamt vierzehn Beiträge in zwei Kapiteln. Beide Bereiche sind somit neue Schwerpunktsetzungen der vierten Auflage. In Kapitel I wissenschaftliche Grundlagen finden sich neben einer Darstellung der Geschichte der politischen Bildung (Wolfgang Sander) und einer Diskussion von Positionen und Kontroversen (Reinhold Hedtke) neue Kapitel zu wissenschaftstheoretischen Grundlagen: Dabei werden Hermeneutik (Ingo Juchler), Pragmatismus (Armin Scherb) und Konstruktivismus (Wolfgang Sander) diskutiert. Auch die empirische Bildungsforschung und ihre Befunde wird differenzierter, weil getrennt nach qualitativen (Sebastian Fischer und Dirk Lange) und quantitativen (Georg Weißeno) Ansätzen, vorgestellt. Wolfgang Sander rundet Kapitel I mit einer Diskussion der Kompetenzorientierung als Konfliktfeld der politischen Bildung ab und wendet sich kritisch gegen damit verbundene „hypertrophe Steuerungserwartungen und Machbarkeitsphantasien“ (S.122).

Das neu eingefügte Kapitel II beschäftigt sich mit den Institutionen und Strukturen politischer Bildung und erweitert diesen Themenbereich auf fünf Beiträge. In der dritten Auflage war das Thema Institutionen noch in einem Aufsatz behandelt worden. So ergibt sich im vorliegenden Band ein wesentlich differenzierteres Bild. Andreas Luttner vergleicht zunächst die Schulfachorganisation der Politischen Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und konstatiert eine dem Föderalismus in allen drei Staaten geschuldete Vielfalt. Er unterstreicht zudem die Notwendigkeit „einer fest verankerten politischen Bildung auf der Stundentafel (…) – schon um des demokratischen Auftrags der politischen Bildung in der Schule willen“ (S.133). Christine Zeuner skizziert sodann die Insitutionenlandschaft außerschulischer politischer Bildung und konstatiert eine nachhaltige „Ökonomisierung“ (S.142). Die Lehrerbildung für die Politische Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz vergleichen Frank Langner und Alexandra Lechner-Amante und finden erhebliche Unterschiede, wobei insbesondere in der Schweiz und in Österreich Nachholbedarf bestehe (S.152). Mit der Bundeszentrale und den Landeszentralen für Politisch Bildung beschäftigen sich Hans-Georg Golz und Andreas Kost und stellen zunächst einmal die mehr oder weniger rhetorische Frage nach der Notwendigkeit solcher Institutionen, um aufzuzeigen, dass gerade in der Institutionalisierung die Qualitätssicherung von politischen Bildungsangeboten betrieben werden kann und „Wissen, Einstellungen und Handlungskompetenzen“ (S.162) vermittelt werden können. Mit den Unterstützungsstrukturen – Verbänden, Förderern, Materialien – setzt sich Christoph Kühberger auseinander und weist darauf hin, dass deren vielfältige Angebote jedoch immer „hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit und der Zielgruppenangemessenheit geprüft werden müssen“ (S.174).

Kapitel III widmet sich wie schon in der dritten Auflage den Praxisfeldern politischer Bildung. Während in letzterer ein Schwerpunkt auf die unterschiedlichen Schulformen gelegt wurde, sind nun drei Aufsätze weniger in dieser Rubrik zu finden, die zudem auf einer allgemeineren Ebene gehalten wurden. Die vier neuen Beiträge von Norbert Neuß zu vorschulischen Einrichtungen, von Kerstin Pohl zu schulischem Fachunterricht, von Wolfgang Sander zu politischer Bildung im gesellschaftswissenschaftlichen Lernbereich und in Integrationsfächern sowie von Alexandra Lechner-Amante zu politischer Bildung als Unterrichtsprinzip ergänzen die aktualisierten Beiträge von Peter Henkenborg zur politischen Bildung als Schulprinzip, von Benno Hafenegger zu politischer Bildung in der außerschulischen Jugendbildung sowie von Klaus-Peter Hufer zur Rolle von politischer Bildung in der Erwachsenenbildung. So ergibt sich ein umfassendes Bild, in welchen Bereichen politische Bildung in der Praxis eingesetzt wird sowie über die spezifischen Diskurse, Herausforderungen, Materialien und Zielvorstellungen in den einzelnen Feldern.

Didaktische Prinzipien sind Gegenstand der sechs Beiträge in Kapitel IV. Diskutiert werden hier wie schon in der dritten Auflage – wenngleich zum Teil von anderen Autoren – folgende zentrale Prinzipien:

  • Adressatenorientierung mit der besonderen Bedeutung der Situation und der interaktiven Sinndeutung in dieser Situation (Andreas Petrik, S.241-248)
  • Exemplarisches Lernen als Theorie der „begründeten Auswahl und Anordnung von ergiebigen Lernihalten“ (S.249) im Sinne eines Lernens am Beispiel (Tilman Grammes, S.249-257)
  • Problemorientierung als Grundsatz der inhaltlichen und methodischen Bearbeitung von politischen Problemen (Thomas Goll, S.258-265)
  • Kontroversität als grundlegendes Prinzip jeglicher sozialwissenschaftlicher Bildung, das mit dem Indoktrinierungsverbot einhergeht und im Beutelsbacher Konsens von 1976 im Sinne eines „We agree (in principle) to disagree (about other issues)“ (S.267) aufgenommen wird. (Tilman Grammes, S.266-274)
  • Handlungsorientierung als fachdidaktisches Prinzip, das die Verbindung von Handeln mit „der handlungsentlastenden Ebene der Reflexion, auf der Analysen, Bewerbungen, Alternativsichten“ (S.278) hervorhebt. (Sibylle Reinhardt, S.275-283)
  • Wissenschaftsorientierung im Sinne einer Qualitätssicherung des Unterrichts durch die Orientierung am Kenntnisstand der jeweiligen Fachwissenschaft und der didaktischen Aufbereitung für die jeweilige Zielgruppe. Interdisziplinarität, Multiperspektivität, Kritisches Denken werden vor diesem Hintergrund zu wichtigen Lernzielen (Ingo Juchler, S.284-284).

Inhaltsbezogene Aufgabenfelder werden in den dreizehn Beiträgen von Kapitel V bearbeitet. Die Beiträge sind bis auf eine Ausnahme weitgehend überarbeitete und aktualisierte bzw. von anderen Autoren angefertigte Versionen zu demselben breiten und umfassenden Themenspektrum, das auch schon in der dritten Auflage bearbeitet wurde:

  • institutionenkundliches Lernen (Peter Massing, S.295-302),
  • Rechtserziehung (Heinrich Oberreuter, S. 303-311),
  • ökonomisches Lernen (Reinhold Hedtke, S. 312-320),
  • historisches Lernen (Dirk Lange, 321-328),
  • moralisches Lernen (Sibylle Reinhardt, S. 329-340),
  • interkulturelles Lernen (Alfred Holzbrecher, S.351-358),
  • geschlechtsspezifische Aspekte politischen Lernens (Dagmar Richter, S.359-365),
  • Medienerziehung (Anja Besand, S.366-374),
  • Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (Bernd Overwien, S.375-382),
  • Friedenserziehung (Wolfgang Sander, S.383-391),
  • europabezogenes Lernen (Stefan Rappenglück, S. 392-400) und
  • globales Lernen (Barbara Asbrand und Annette Scheunpflug, S.401-414).

Der Artikel, der sich vom Titel her substanziell unterscheidet, ist der Beitrag von Stephan Bundschuh zur Prävention gegen Autoritarismus (S.341-350), der den Beitrag von Klaus Ahlheim zur Prävention von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aus der dritten Auflage ersetzt. Unter dem Begriff Autoritarismus fasst Bundschuh in der Tradition Adornos Rechstextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Ethnozentrismus und religiösen Fundamentalismus zusammen. Er liefert insofern eine umfassendere Diskussion hinsichtlich der Herausforderungen für eine demokratische Gesellschaft, als dies mit einer engen Fokussierung auf wenige Phänomene geleistet werden könnte. Gerade Antiziganismus ist ein Phänomen, dem bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

In Kapitel VI (S.415-540) setzen sich vierzehn Aufsätze mit Methoden und Medien der politischen Bildung auseinander. Auch hier setzt der Herausgeber weitgehend auf die Überarbeitung und Aktualisierung von bewährten Beiträgen. Insgesamt elf Aufsätze sind solche zum Teil von neuen Autoren bearbeitete Neufassungen zu

  • Unterrichtseinstiegen (Johannes Greving und Liane Paradies),
  • Gesprächsformen in der Politischen Bildung (Peter Massing),
  • Textquellen und Textanalysen (Hans-Werner Kuhn),
  • Bildern (Anja Besand),
  • digitalen Medien (Anja Besand),
  • Spielformen in der politischen Bildung (Lothar Scholz),
  • Forschendem Lernen (Joachim Detjen),
  • Studienreisen und Exkursionen als Formen des reisenden Lernens (Paul Ciupke)
  • Projekt, Sozialstudie und Zukunftswerkstatt als Methoden für komplexe Lernvorhaben (Dieter Maier),
  • Methoden der Evaluation und Leistungsbewertung in der politischen Bildung (Carl Deichmann) und
  • Kommunikationsstrategien politischer Bildung (Helle Becker).

Diese Beiträge werden ergänzt von drei neuen Artikeln. Mirka Mosch stellt Methoden der Diagnostik vor, die es erlauben, Vorstellungen und Vorwissen zu erfassen (S.415-423). Sie betont die Notwendigkeit der Diagnostik vor Beginn eines neuen Lernvorhabens und stellt exemplarisch die Methoden der Collage und des Concept-Mapping vor. Christoph Kühberger beschäftigt sich mit individualisiertem Lernen (S.433-441). Er betont, dass politische Bildung in der Schule trotz Jahrgangsstufen und hoch selektiver Schulsysteme nach wie vor mit stark heterogene Lerngruppen konfrontiert sei – nach Herkunft, sozialer Lage, aber auch individueller Aneignungs- und Verarbeitungsprozesse (S.433). Dies mache eine innere Differenzierung von Lerngruppen im Sinne individualisierten Lernens notwendig. Als Beispiele dafür nennt Kühberger Lernzirkel, Wochenplanarbeit, Freiarbeit, Projektunterricht, Kompetenzraster und Werkstattunterricht. (S.435-436). Er plädiert daher insgesamt für eine subjektorientierte Politikdidaktik, die „politisches Lernen vor allem auch als individuellen Prozess versteht“ (S.438). Ingo Juchler stellt die Möglichkeiten der Nutzung narrativer Medien wie Biographie, Belletristik und Spielfilm in der politischen Bildung vor (S.466-473). Denn diesen Medien komme im Zuge des „narrative turn“ in den Sozialwissenschaften neue Bedeutung zu. In der Politikdidaktik dienen sie häufig der Vermittlung von Mehrdeutigkeit, dem Erschüttern von Gewissheiten und ermöglichen multiple Perspektiven (S.470).

Der politischen Bildung im internationalen Vergleich sind in der vierten Auflage sind in Kapitel VII sechs Beiträge gewidmet. Auch dies stellt zusammen mit der Gesamtausrichtung des Bandes auf den deutschsprachigen Raum und die vielfältigen Vergleiche von Deutschland, Österreich und der Schweiz einen neuen Schwerpunkt dar. In seinem Beitrag stellt Thomas Hellmuth politische Bildung in Österreich als schwieriges Terrain dar (S.541-551). Dies liege unter anderem an fehlender Professionalisierung und generellen Strukturproblemen. Béatrice Ziegler schildert politische Bildung in der Schweiz (S.552-559) vor dem Hintergrund der Anforderungen, die die direkte Demokratie an ihre Bürgerinnen und Bürger stelle. Trotz dieser Anforderungen gebe es erst seit der Jahrtausendwende systematische Forderungen nach politischer Bildung, deren Implementierung jedoch nur ansatzweise gelungen sei (S.553). Auch bestehe Uneinigkeit darüber, was politische Bildung sein solle: Staatsbürgerkunde oder „Unterstützung der Teilhabe an den politischen Entscheidungsfindungen“ (S.554). Hoffnung verknüpft Ziegler mit der Verankerung politischer Bildung in den neuen Lehrplänen als fächerübergreifendes Thema (S.557). Andreas Eis weitet den Blick auf die Europäische Union (S.560-571) und skizziert die Initiativen Education for Democratic Citizenship (EDC) und European Union Citizenship Education (EUCE) als EU-weite Vorhaben. Darüber hinaus gibt er anhand international vergleichender Studien zu bürgerschaftlichen Werten und Partizipationseinstellungen einen Überblick über Civic Education und Demokratiebildung in EU-Mitgliedstaaten. Karlheinz Dürr untersucht politische Bildung in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Transformationsgesellschaften (S.572-581). Nach anfänglichen Überforderungen ließen sich gegenwärtig Trends zur Institutionalisierung politischer Bildung und curriculare Reformen mit der Verankerung politisch-demokratischer Wissens- und Kompetenzvermittlung beobachten. Defizite seien jedoch in der politischen Erwachsenenbildung zu beobachten. Hoffnungen verbindet Dürr mit zivilgesellschaftlichen Impulsen von der EU.

Mit Civic Education in den USA beschäftigen sich Carole L. Hahn und Adrianne Pinkney in ihrem englischsprachigen Beitrag (S.582-598). Sie betonen, dass politische Bildung im sehr viel breiteren amerikanischen Verständnis einerseits von traditionellen Inhalten, didaktischen Konzepten und Problemen gekennzeichnet sei. Andererseits würden neue Herausforderungen wie steigende Ungleichheit, die Polarisierung des politischen Umfelds sowie Leistungsanforderungen gerade die Bildungsträger unter Druck setzen.

Ebenfalls in englischer Sprache ist der Beitrag zur Civic Education in Asien vo Kerry J. Kennedy und Li Hui (S.599-608). Auch sie betonen die Bedeutung struktureller Veränderungen in Gesellschaft und Politik. Insbesondere der Gegensatz zwischen und die Verbindung von liberaler Demokratie und traditionellen Werten sei eine für Asien typische Herausforderung (S.599). Kennedy und Hui liefern in ihrem Beitrag einen Überblick über den Einfluss von Kultur und Werten, von unterschiedlichen Regierungstypen und Politiken auf Civic Education, welche zu ganz unterschiedlichen Diskursen in der politischen Bildung führten (S.606)

Diskussion und Fazit

2005 hatte Franz Edele in einer ausführlichen Besprechung der dritten Auflage eine euro- und demokratiezentristische Perspektive des Handbuches ebenso wie ein unreflektiertes Akzeptieren des Beutelsbacher Konsenses kritisiert und darauf verwiesen, dass auch politische Bildner interessegeleitet agieren würden, denn „der demokratische Staat ist kein interesseloses und rein freiheitliches Instrument“[1]. Die im Duktus sehr kritische Besprechung findet sich unter www.klinkhardt.de/ewr/899740998.html. Diese ist in der Sache sicherlich nicht falsch und auch die vierte Auflage steht in der Tradition demokratischer politischer Bildung im Sinne des Beutelsbacher Konsenses. Dennoch wird die allzu harsche Kritik Edeles weder der dritten noch der vierten Auflage in Gänze gerecht, reduziert sie doch am Ende dieses umfassende, facettenreiche und insgesamt sehr ausgewogene Werk auf diesen „Malus“. Gerade eine kritische Fach- Öffentlichkeit kann den Stellenwert ideologischer Überlegungen und Restriktionen auch in demokratischen Kontexten sehr gut einordnen.

Die Überarbeitungen und Erweiterungen der vierten Auflage sind im Gegenteil insgesamt sehr ansprechend und differenzieren inhaltliche Aspekte nochmals deutlich aus, die in der vorherigen Auflage nur knapp behandelt wurden. Einerseits werden bewährte Beiträge in aktualisierter Form präsentiert und andererseits neue Entwicklungen und Themen berücksichtigt. Gerade die Neugliederung von wissenschaftlichen und institutionellen Grundlagen in zwei Kapitel bietet im Vergleich zur dritten Auflage einen echten Mehrwert und erlaubt differenziertere Betrachtungen. Gerade der Einbezug wissenschaftstheoretischer Grundausrichtungen politischer Bildung ermöglicht eine kritische Reflexionsfolie für die Leserinnen und Leser. Geradezu erfrischend ist Sanders Kritik an einer überbordenden Kompetenzorientierung im PISA-Zeitalter. Auch die Erweiterung des internationalen Vergleichs ist gewinnbringend, zeigt dieser doch zum einen die Stärken des „Modell Deutschland“ in der politischen Bildung ebenso wie die Besonderheiten der einzelnen nationalen und supranationalen Lernkontexte.

Das Handbuch Politische Bildung ist auch in seiner vierten, tatsächlich sehr gründlich überarbeiteten Auflage ein Standardwerk zur Politischen Bildung, das auch für Besitzerinnen und Besitzer der dritten Auflage interessant ist, weil es neuere Entwicklungen etwa im Bereich der Kompetenzorientierungen systematisch aufgreift und dokumentiert.

[1] Franz Edele: Rezension von: Sander, Wolfgang (Hg.): Handbuch Politische Bildung, (3., völlig überarbeitete Auflage; Reihe Politik und Bildung, Bd. 32). Schwalbach / Ts: Wochenschau Verlag 2005. In: EWR 4 (2005), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/899740998.html


Rezension von
Dr. Rolf Frankenberger
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Zitiervorschlag
Rolf Frankenberger. Rezension vom 19.06.2014 zu: Wolfgang Sander: Handbuch politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 4. völlig überarb. Auflage. ISBN 978-3-8997-4969-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16344.php, Datum des Zugriffs 01.03.2021.


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