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Robert Maruschke: Community Organizing

Cover Robert Maruschke: Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung - Eine kritische Einführung. edition assemblage (Münster) 2014. 128 Seiten. ISBN 978-3-942885-58-4. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Robert Maruschke legt mit dem Buch eine kritische Einführung in verschiedene Richtungen des Community Organizing (CO) vor und diskutiert deren Möglichkeiten und Grenzen anhand von historischen und aktuellen Beispielen.

Das Ziel des Buches ist eine kritische Reflexion dessen, was in den USA und in Deutschland unter CO verstanden und praktiziert wird. Der Verfasser stellt „liberalen“ Formen des CO, die zur Herrschaftssicherung beitrügen, „transformative“ bzw. „revolutionäre“ Formen gegenüber, die Teil von schlagkräftigen sozialen Bewegungen sein könnten. Die deutsche Diskussion zum CO soll mit dieser Unterscheidung re-politisiert werden.

Autor

Robert Maruschke ist Politikwissenschaftler, hat in den USA Erfahrungen im CO gesammelt, in Berlin empirisch mit Experteninterviews zu Projekten des Community Organizing geforscht, sich insbesondere der Theorie und Praxis des Transformativen Community Organizing gewidmet und die Ergebnisse zunächst in seiner Diplomarbeit und sodann in einer Reihe von Veranstaltungen und Interviews sowie einem Buchbeitrag (Maruschke in Holm, 2014) vorgestellt.

Einleitung und Aufbau

In der Einleitung (Kap.1) geht Maruschke von den sozialen Verwerfungen in den Städten aus, wie Zwangsräumungen, Abschiebungen, Wohnungsnot und Polizeigewalt. Soziale Bewegungen hätten das Ziel, diese Zustände grundlegend zu verändern. Es stelle sich ihnen die Frage: Wie erreichen sie die am stärksten Betroffenen? Wie organisieren sie sich mit ihnen? „Wie wird Basisorganisation zu einer gesellschaftlichen Kraft, die die Verhältnisse substantiell herausfordern kann?“ (S.7).

CO sei ein Konzept, das eine Antwort verspricht. Zwei Modelle des CO stünden sich dabei gegenüber: ein liberaler Ansatz des CO und eine revolutionäre bzw. transformative Form. Diese beiden Formen beleuchtet Maruschke in einer „Entdeckungsreise“ (S.11) zu bisher wenig bekannten Seiten des CO jeweils für die USA und für die Bundesrepublik Deutschland (BRD).

In den Kapiteln 2-5 geht es um CO in den USA, mit einem historischen Rückblick zum liberalen und revolutionären CO sowie einer Beschreibung aktueller dem revolutionären CO zugeordneter Projekte.

Die erheblich knapperen Kapitel 6-8 beziehen sich auf CO in der BRD mit einer Darstellung des Quartiersmanagements und der Bürgerplattformen sowie einer Analyse der Beziehungen zwischen CO und neoliberaler Stadtpolitik.

CO in revolutionärer Perspektive illustriert der Autor mit zwei Interviews, zu Beginn des Buches in Kap. 2 mit Eric Mann als einem prominenten Vertreter dieses Ansatzes in den USA sowie in Kap. 7 mit Akteuren zweier politischer Stadtteilorganisationen in Berlin.

Das Buch schließt in Kap. 9 mit einem Appell „Für eine schlagkräftige soziale Bewegung!“

Kap. 2 Gespräch mit Eric Mann

Eric Mann ist Mitbegründer des in Los Angeles aktiven „Labor and Community Strategy Centers“ und für Maruschke der wichtigste Vertreter des transformativen Organizing. In dem Interview berichtet Mann über seine grundlegenden Positionen sowie die konkrete Praxis mit der Organisation von Busfahrern, die er in einen Kontext stellt zu den Theorien des revolutionären Organizing. Transformatives Organizing, so Mann, rufe zum Kampf auf, „ausgehend von Klassenbewusstsein, anti-rassistischer Positionierung“ und stelle „mit einem ganzheitlichen Ansatz die ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse in Frage“ (S.15). Aber man verbünde sich auch mit Menschen anderer Ansichten: „So klein die US-amerikanische Linke auch sein mag, fast alle waren in Obamas Kampagne aktiv. Wir waren alle sehr enthusiastisch, als er gewählt wurde. Aber wir wurden getäuscht. Es ist aber gut, dass wir nicht so zynisch sind, um uns nicht täuschen zu lassen“ (S.20).

Kap. 3 Kritische Einordnung

Maruschke grenzt sich ab gegenüber Positionen, bei denen Saul Alinsky als der Gründer des CO verstanden wird. Er sieht in Alinskys Organisationen einen konfrontativen, aber zugleich auch einen kooperativen liberalen Organisationsstil. Saul Alinsky hätte sich „durch konfrontative Aktionen als radikaler Organizer inszenieren“ können, obwohl „seine Organisationen langfristig kaum emanzipatorische Inhalte transportierten“ (S.21). Kritisch zu diesem Ansatz hätte sich in den USA transformatives Organizing entwickelt, zu dessen Definition der Autor Steve Williams zitiert: „Transformatives Organizing zeichnet sich durch seine explizite Absicht aus, sowohl das System als auch die Menschen zu verändern, die sich in den Kampagnen engagieren, um so eine wirkliche Befreiung für alle zu erreichen“ (S.25).

Kap. 4 Jahrhundert zwischen Revolution und Herrschaftssicherung

Die Geschichte des liberalen CO beginnt für Maruschke mit der Gründung der Settlements um 1880. Alinsky sei aber von dem gewerkschaftlichen Organizing geprägt und hätte dieses mit seiner ersten Organisation im Chicagoer Stadtviertel „Back of the Yards“ auf Nachbarschaften übertragen. Die entscheidende Kategorie sei für ihn Macht, aber nicht verstanden als strukturelles Phänomen, sondern als Machtungleichgewicht in einzelnen Konflikten, das durch CO so verändert werden könne, dass die Betroffenen sich gegen die herrschenden Interessen durchsetzen können. In der Traditionslinie des liberalen CO sieht Maruschke auch staatliche Aktions- und Entwicklungsprogramme. Alinskys CO-Modell gäbe Ansatzpunkte für eine kritische Praxis, sei aber, so Maruschke „begrenzt, staatstragend, gescheitert“ (S.34).

Das transformative Organizing könne auf eine ebenso lange Geschichte zurückblicken. Zum transformativen oder revolutionären CO rechnet Maruschke „Knights of Labor“ aus den 1880er Jahren, „die erste Gewerkschaft, die Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, unqualifizierte und qualifizierte Arbeiter_innen gemeinsam organisierte“ mit einem „nachbarschaftlichen Organisationsansatz“ (S.43). Als weitere Stationen sieht er den „Aufstand der Arbeitslosen“ (S.44) in den 1930er Jahren, sowie Organisationen wie den amerikanischen SDS („Students for a Democratic Society“) in der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. Aus der Arbeit des SDS ergäbe sich die „Einsicht, dass Verbindlichkeit nicht allein dauernde Präsenz bedeutet, sondern auch belastbare persönliche Beziehungen aufzubauen“ (S.51). Ein Beitrag feministischer Einflüsse seien „die Forderung sowie praktische Ansätze, die Trennung von öffentlich und privat aufzuheben“ Transformatives CO müsse „die Beteiligten selbst revolutionieren“ (S.52).

Kap. 5 Vier Eckpunkte des revolutionären CO

Vier aktuelle Organisationen in Los Angeles, San Francisco, Boston und Virginia sind für Maruschke Beispiele revolutionärer Nachbarschaftsorganisationen. Alle Organisationen hätten einen konfrontativen Stil und einen relativ hohen Grad von Professionalisierung, d.h. vor allem bezahlte Stellen.

Sie zeichneten sich durch nachfolgende Eckpunkte aus, die Maruschke als konstitutiv für transformatives Organizing sieht:

  1. Kritische Analyse und grundsätzliche Opposition. Dies bedeute vor allem, nicht nur gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, sondern auch die Ursachen dieser Ungerechtigkeiten als strukturelles Problem und auch zugleich individuelle Erfahrung zu benennen. Maruschke sieht als Ursachen „intersektionale“ Herrschaftsverhältnisse, bei denen sich u.a. die Linien vom Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus überschneiden.
  2. Politische Basisarbeit. Politische Basisarbeit sieht Maruschke als das Herzstück transformativen Community Organizings an. Emanzipatorische Veränderungen könnten nur durch Organisierung von unten erreicht werden, das heißt von den Menschen, die am stärksten unter den Verhältnissen leiden. Menschen der Mittelschicht „können sie als Freiwillige unterstützen. Sie haben aber keine Stimme bei richtungsweisenden Entscheidungen“ (Seite 61). Dazu sei es notwendig, von Tür zu Tür zu gehen, die Menschen direkt anzusprechen, mit Telefonkontakt Verbindlichkeit zu schaffen und auch bei dem Angebot von Hilfe mit dem Menschen in Kontakt zu kommen. „Entscheidend ist bei jedem Kontakt, die Menschen ernst zu nehmen, sie zu Freund_innen werden zu lassen“ (S. 62). „Nimm dir die Zeit, zu lernen und nicht zu lehren“, zitiert Maruschke eine Pfarrerin, aber auch Eric Mann: „Du klopfst ja auch nicht an eine Tür und sagst ‚hi ich bin hier um was zu lernen‘“ (S.62). Dabei gäbe es einen Balanceakt zwischen politischer Klarheit der eigenen Organisation und Offenheit gegenüber abweichenden Sichtweisen der Menschen.
  3. Konfrontative Politikformen. Direkte Konfrontation und direkte Aktion könnte eindringlicher als jeder Workshop eine Politisierung hervorrufen. Dabei sollten sich die Nachbarschaftsorganisationen nicht auf Kämpfe beschränken, die sie auch gewinnen können. Dies würde die Unvereinbarkeit der eigenen Ansprüche mit den aktuellen Herrschaftsformen zeigen.
  4. Solidarität. Erforderlich sei eine Bildung von Bündnissen, wie es z.B. bei „Right to the City“ in den USA geschehe. Die Aufgabe sei das „movement building“, die Arbeit daran, dass „aus vereinzelten Organisationen eine transformative soziale Bewegung wird“ (S.69). Es bestehe die Gefahr, „sich im Stadtteil einzusperren und den Blick für die gesamtgesellschaftlichen Probleme zu verlieren“ (S.70), notwendig sei deshalb landesweite und internationale Vernetzung.

Maruschke geht nicht davon aus dass das fertige Modell des revolutionären Community Organizing bereits gefunden sei. „Transformatives Community Organizing bedeutet auch kontinuierliche Selbstüberprüfung“ (S.70). Es sei eine „Soziale Such-Bewegung“, bei der viele Fragen nicht endgültig geklärt seien, insb.

  • die jeweils angemessene Organisationsform,
  • die Kluft zwischen den konkreten Problemen im Stadtteil und den politischen Bedingungen auf der Ebene des Landes,
  • die Finanzierung der Organisation und die Einwerbung von staatlichen oder Stiftungsmitteln,
  • das Verhältnis zwischen Dienstleistungsangeboten und CO,
  • die Frage der Bündnisse mit weniger kritischen Akteuren,
  • „das Verhältnis von organisationsinterner Demokratie und bezahlten Organizer_innen“ (S.72).

Kap. 6 CO in der BRD

In diesem Kapitel setzt sich Maruschke zum einen mit dem Quartiersmanagement auseinander, zum anderen vor allem mit den Bürgerplattformen vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO), die er in einer qualitativen Studie untersucht hat (vgl. dazu auch Maruschke in Holm, 2014). Er sieht in ihnen das Fehlen einer strukturellen Gesellschaftskritik, die Entwicklung von neoliberalen Ausgrenzungsstrategien und die Legitimation neoliberaler Programme durch neue Beteiligungsformen.

Kap. 7 „Die Bewegung hat einen Schritt gemacht“ (S.81)

Als Gegensatz zu den „liberalen“ Organisationen stellt Maruschke mit einem Interview zwei nachbarschaftliche Organisationen in Berlin vor, „Kotti & Co“ sowie „Zwangsräumungen verhindern“. Er sieht in ihnen nicht fertige Projekte des CO, sondern sie „arbeiten mit Elementen des transformativen Community Organizings, ohne sich explizit auf das Konzept zu beziehen“ (S.80). Dabei gehe es vor allem um die Organisation der Basis, den Anspruch auf demokratische Entscheidungsfindung, die für die betroffenen Menschen wie für das angestrebte Ziel geeigneten Aktionsformen sowie die Entwicklung von politischen Forderungen. Ein Interviewpartner betont, dass man Politisierung und politisches Handeln als ständigen Lernprozess verstehen müsse.

Kap. 8 CO im Neoliberalismus

Die in Kapitel 6 und 7 beschriebenen Organisationen würden zeigen, dass die Unterscheidung zwischen (neo)liberalem und revolutionärem CO auch für die Nachbarschaftsorganisationen in Berlin sinnvoll sei.

„(Neo)liberale Community Organisationen teilen die zentralen Überzeugungen neoliberaler Stadtpolitik“ (S.89), so Maruschke. Die theoretischen Konzepte von Zivilgesellschaft und Sozialkapital ermöglichten nach Maruschke eine vereinnahmende und zugleich ausgrenzende Politik, bei der emanzipatorische Ansätze in Mitmach-Gremien ruhiggestellt oder von vornherein ausgegrenzt werden und strukturelle Ungleichheiten ausgeblendet würden.

Kap. 9 Für eine schlagkräftige soziale Bewegung

Der Abschluss ist ein Appell, offensiv Alternativen zur neoliberalen Politik zu fordern. Maruschke weist auf Erfolge der transformativen Nachbarschaftsorganisationen hin und nennt beispielsweise Verbotszonen für Zwangsräumungen, Mietobergrenzen, Umverteilung von hohen Geldsummen zum ÖPNV, Mindestlöhne und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung.

Alinskys Zielsetzung, „‚Revolutionen‘ durch Inhaltsleere und Richtungslosigkeit zu ermöglichen“ (S.103), habe zur Schwächung sozialer Bewegungen beigetragen. Transformatives CO eröffne dagegen nachbarschaftlichen Gruppen eine „strukturierte Herangehensweise an ihre eigene Basisorganisierung, die konkrete Forderungen mit einer gesellschaftlichen Vision verbindet“ (S.103).

Diskussion

Community Organizing wird in Deutschland aktuell in einer Reihe von Bänden aus unterschiedlichen Perspektiven thematisiert. So geht es um gewerkschaftliches Organizing (Wetzel, 2013), um CO als Teil des Regierungshandelns (Schmidt, 2012), als Aufbau einer partizipierenden Zivilgesellschaft (Penta, 2007 und Renner/ Penta, 2014) und als Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit (überwiegender Fokus in Müller/ Richers/ Sippel, 2014). Anders als in der USA-Literatur aber wird CO kaum im Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen diskutiert [1].

Maruschke stellt CO explizit in den Kontext der sozialen Bewegungen mit gesellschaftsveränderndem Anspruch und fragt, welchen Nutzen CO für nachbarschaftliche und stadtpolitisch ambitionierte Organisationen haben kann.

Seine „Entdeckungsreise“ führt in der amerikanischen Geschichte und Theorie zu Ansätzen des CO, die bisher in Deutschland – mit Ausnahme des Standardwerks von Robert Fisher von 1994 – kaum rezipiert wurden.

In Bezug auf Deutschland betrachtet er Projekte in Berlin. Seine kritische Einschätzung der DICO-Bürgerplattformen erscheint in dem Band knapp und relativ pauschal – wer sie vertieft und Belegen begründet lesen will, sollte auf Maruschkes Aufsatz in dem jüngst erschienenen Buch Reclaim Berlin (Maruschke 2014) zurückgreifen.

Dass er die Aktionsgruppen Kotty&Co und „Zwangsräumungen verhindern“ dem revolutionären Community Organizing zuordnet, mag auch die Organisationen selbst überrascht haben. Es ist aber sehr wohl berechtigt, in der vielfältigen Landschaft der städtischen sozialen Bewegungen in Deutschland nach faktischem Community Organizing zu suchen und nicht nur das zu betrachten, was sich bewusst an amerikanische Modelle anschließt [2].

Maruschkes Blick richtet sich vor allem auf das angestrebte Ziel: „CO zwischen Revolution und Herrschaftssicherung“ und danach teilt er die Welt des CO in zwei Teile: das „liberale“ CO, das gewollt oder ungewollt zur Herrschaftssicherung beiträgt, und auf der anderen Seite das „transformative“ oder „revolutionäre“ CO, das auf eine Alternative zum herrschenden System gerichtet ist.

Die Bipolarität strukturiert seine Darstellung. Dieses Vorgehen macht darauf aufmerksam, dass es nicht das „richtige“ CO gibt. Zugleich reduziert sie aber die tatsächliche Vielfarbigkeit des CO, sowohl in der Geschichte, als auch zwischen und in den verschiedenen Richtungen und Netzwerken.

So setzt sich Maruschke selbst nicht mit Alinsky und seinen verschiedenen Facetten auseinander (vgl. die sorgfältige Analyse von Szynka, 2006), sondern stellt Alinsky nur durch die Brille einiger seiner linken Kritiker dar. Er beachtet auch nicht die Vielfalt und Unterschiedlichkeit des CO insbesondere in den USA, das sich auch auf Alinsky bezieht, ohne deshalb auf eine eigenständige Entwicklung und oft auch ein klares Programm grundlegenden politischen Wandels zu verzichten.

Die Entgegensetzung von „(neo)liberal“ und „revolutionär“ übersieht, dass man sich im amerikanischen Kontext auf die Amerikanische Revolution (rück)beziehen kann und dann eher die tatsächliche Verwirklichung der Menschenrechte für alle Menschen statt nur für die weißen Männer meint als – wie im marxistischen Denken – die Überwindung des Kapitalismus.

Die Forderung, dass die Akteure des CO ihre eigene Position nicht hinter einer vermeintlichen Ideologiefreiheit verbergen, dürfte berechtigt sein. Es ist notwendig, dass ein Netzwerk, eine Organisation und ein Organizer zeigen, wofür sie stehen – und auch: wer hinter ihnen steht. CO ist aber erfolglos, was Maruschke durchaus in den konkreten Projekten zeigt, wenn es keinen langfristigen kommunikativen Zusammenhang zwischen Menschen und Gruppen mit unterschiedlichen Positionen herstellen kann.

Bei aller polarisierenden Darstellung zeigt das Buch in seinen praxisbezogenen Teilen, dass die oben benannten konkreten Herausforderungen und Erfolge des Organizing keineswegs alleine von der Ideologie abhängen. Wer im CO kennt nicht die von Maruschke und seinen Interviewpartnern beschriebenen Probleme der Basisarbeit?

Fazit

Maruschke sucht ein Community Organizing, das sich nicht mit der neoliberalen Wirklichkeit abfindet, sondern transformativ, ja revolutionär ist. Er findet dafür Ansätze in den USA, aber auch in Deutschland. Sein Anschluss des CO an die sozialen Bewegungen und deren Geschichte ist eine notwendige Ergänzung und Korrektur gegenüber der bisherigen Rezeption des CO in Deutschland.

Das Buch ist in oft kämpferischem Ton geschrieben und teilt die Welt des Community Organizing in zwei scheinbar gegensätzliche Welten. Eines von ihm angestrebtes Ziel erreicht des Buch wohl auch bei seinen schärfsten Kritikern: eine Re-Politisierung der Diskussion um CO.

Je mehr man sich aber der in dem Buch dargestellten Praxis nähert, desto mehr kann man es auch als „Soziale Such-Bewegung“ (S.70) verstehen, die ihr Ziel noch nicht gefunden hat,

In einer solchen Such-Bewegung befindet sich Organizing auch nach dem nahezu gleichzeitig erschienenen Handbuch Community Organizing (Müller/ Richers/ Sippel, 2014) und dem IG-Metall-Buch zum Organizing (Wetzel, 2013).

Man kann das Buch als Kampfansage lesen, aber auch als Aufschlag zur Diskussion und weiteren Entwicklung des Community Organizing in seinen verschiedenen Facetten

Literatur

  • Fisher, Robert (1994): Let the people decide. Neighborhood organizing in America, New York, Toronto
  • Maruschke, Robert (2014): Community Organizing – Zwischen Bürgerplattform und revolutionärer Perspektive, in Holm, Andrej (Hg.): Reclaim Berlin. Soziale Kämpfe in der neoliberalen Stadt, Berlin, Hamburg, S. 223-249.
  • Müller, Carsten/ Richers, Hille/ Sippel, Hans-Jörg (Hg.) (2014): Handbuch Community Organizing. Theorie und Praxis in Deutschland, Bonn, darin:
  • Schaaf, Hermann, (2014): Den aufrechten Gang organisieren – Community Organizing und Gemeinwesenarbeit, in Müller/ Richers/ Sippel, S.69-75
  • Renner, Gisela/ Penta, Leo J. (2014) Community Organizing in Deutschland, in Müller/ Richers/ Sippel, S. 43-52
  • Rothschuh, Michael (2014): Community Organizing im Kontext Sozialer Bewegungen, in Müller/ Richers/ Sippel, S. 21-31
  • Rothschuh, Michael (2014): Wie ein schwacher Stadtteil stark wird – Die Macht der Selbstorganisation. Community Organizing in Hamburg-Wilhelmsburg, in Müller/ Richers/ Sippel, S. 101-109
  • Penta, Leo Joseph (2007): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt, Hamburg
  • Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.) (22.09.2911-24.09.2011): Revolutionäre Realpolitik in Zeiten von Kürzungspolitik und Krise. Transformative Organizing – Strategies to Challenge the Cuts and Change Society, Berlin. Video-Dokumentation: www.rosalux.de/event/
  • Schmidt, Maximilian (2011): Organizing als demokratische Funktion. Die Mobilisierungs- und Beteiligungsstrategie der Obama-Administration, Berlin, Münster
  • Szynka, Peter (2006): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky (1909 – 1972), Bremen
  • Wetzel, Detlef (Hg.) (2013): Organizing. Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis durch das Prinzip Beteiligung, Hamburg.

[1] Rothschuh, 2014 thematisiert diese Verbindung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung veranstaltete 2011 eine Tagung dazu.

[2] Vgl. auch Schaaf, 2014, zu Bürgervereinen in Düren und Rothschuh, 2014, zur Selbstorganisation in Hamburg- Wilhelmsburg.


Rezensent
Prof. Michael Rothschuh
Professor an der HAWK-Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Lehrgebiete Sozialpolitik, Gemeinwesenarbeit. Pensioniert.
Homepage www.rothschuh.de
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Zitiervorschlag
Michael Rothschuh. Rezension vom 08.07.2014 zu: Robert Maruschke: Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung - Eine kritische Einführung. edition assemblage (Münster) 2014. ISBN 978-3-942885-58-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16345.php, Datum des Zugriffs 16.02.2019.


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