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Werner Sacher: Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

Cover Werner Sacher: Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Grundlagen und Gestaltungsvorschläge für alle Schularten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-7815-1946-6. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Der Autor setzt sich intensiv mit den Grundlagen und den verschiedenen Ausgestaltungen einer professionellen Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Lehrern/-innen auseinander. Hierbei beschreibt er nicht nur die Erfordernisse an eine wissenschaftliche fundierte Elternarbeit im herkömmlichen Sinne, sondern zeigt auf, wie eine Willkommenskultur in der Schule aussehen sollte und wie beispielsweise auch eine „heimbasierte Kooperation“ aussehen kann sowie Schülerinnen und Schüler als weitere Partner genutzt werden können.

Autor

Prof. Dr. em. Werner Sacher hat über acht Jahre lang (bis 1974) als Hauptschullehrer gearbeitet, ehe er eine wissenschaftliche Laufbahn einschlug, promovierte und jahrelang im Bereich der Schul- und Bildungsgeschichte, Medienpädagogik, Unterrichtstheorie und Schulleistungsdiagnostik forschte und lehrte; u.a. an den Universitäten Bamberg, Augsburg, Erlangen-Nürnberg, Kiel und Linz. Prof. Dr. em Werner Sacher wurde im Jahr 2008 emeritiert, ist seitdem als freier Wissenschaftler tätig und hält Vorträge und Workshops im In- und Ausland. Außerdem hat Prof. Dr. em. Werner Sacher zahlreiche Bücher zu seinen Forschungs- und Lehrthemen veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die zweite, vollständig überarbeitete Auflage eines ersten Buches, das unter dem gleichen Titel im Jahre 2008 erschien. Diese Ausgabe nun lässt viele aktuelle Entwicklungen, wie beispielsweise Inklusion, individuelle Förderung und die „Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus nichtdeutschen Herkunftskulturen und bildungsfernen Milieus“ mit einfließen sowie die Rückmeldungen und Anregungen, welche durch die Vortragstätigkeiten entstanden sind.

Aufbau

Dieser Band ist in ausgesprochen kleine Untergliederungen aufgeteilt und enthält nach dem Vorwort zehn Kapitel:

  1. Elternarbeit: Lohnt sich der Aufwand?
  2. Von der „Elternarbeit“ zur Erziehungs- und Bildungspartnerschaft
  3. Willkommenskultur und Schulgemeinschaft
  4. Kontakte und Kommunikation zwischen Schule und Familie – Grundlagen
  5. Gestaltung von individuellen Kontakten
  6. Gestaltung von kollektiven Kontakten
  7. Schulbasierte Kooperation zwischen Schule und Familie
  8. Kooperation in den Familien (heimbasierte Kooperation)
  9. Besondere Herausforderungen
  10. Schülerinnen und Schüler als weitere Partner

und im Anschluss ein 16seitiges, aktualisiertes Literaturverzeichnis sowie ein Sachregister und einen Anhang mit vier Fragebögen und Spielplänen zum Kommunikationsspiel „Schullaufbahn“.

Inhalte

Prof. Dr. em. Werner Sacher fasst in seinem einleitenden Kapitel die Ergebnisse von Studien, u.a. der Hattie-Studie, konkret zusammen und stellt klar, dass es nicht zielführend ist, wenn Lehr- und Fachkräfte den Part der Familie übernehmen wollen; vielmehr könne man gegen „ungünstige Umweltbedingungen von Kindern und Jugendlichen nur gemeinsam mit ihren Familien angehen“ (S.16). Er vergleicht unterschiedliche Studien und zeigt auf, dass sich eine richtig konzipierte Elternarbeit beispielsweise mehr auf die Schulleistungen auswirke als die Evaluation von Unterricht und Schule oder der Einsatz spezieller Lehr- und Lernmaterialien.

Im zweiten Kapitel leitet der Autor dazu über, den Begriff „Elternarbeit“ von „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ abzulösen und hebt hervor, dass unter „Eltern“ als Partnern der Schule nicht nur die biologischen Eltern zu verstehen seien, sondern in Anlehnung an das Sozialgesetzbuch VIII, § 7 „alle Sorgeberechtigten oder sonstigen volljährigen Personen, die aufgrund einer Vereinbarung mit dem bzw. den Personensorgeberechtigten längerfristig Aufgaben der Personensorge wahrnehmen, und darüber hinaus auch Großeltern, Onkel und Tanten, Pflegeeltern, Heimeltern, erwachsene Geschwister, Freunde, Bekannte und Nachbarn, die bereit sind, Verantwortung für Kinder und Jugendliche zu übernehmen.“ (S. 25). Hier macht Prof. Dr. em. Werner Sacher auch deutlich, dass diese Partnerschaft sechs verschiedene Handlungsfelder beinhaltet; nämlich eine schulische Willkommenskultur, eine intensive, regelmäßige Kommunikation, eine kooperative Unterstützung des Lernens und der Entwicklung der Kinder, die Möglichkeit der Eltern als Fürsprecher für jedes Kind auftreten zu können, das Einbeziehen der Eltern in Entscheidungsprozesse sowie die Zusammenarbeit mit der Kommune und der Region.

Das folgende dritte Kapitel bezieht einige Fragebogen und Untersuchungsergebnisse besonders mit ein und zeigt auf, dass die Atmosphäre zwischen der Schule und den Elternhäusern von drei Qualitätsmerkmalen abhängt; und zwar von dem kognitiven, emotionalen und handlungsorientierten Merkmalen. Demnach sei entscheidend, welche Informationen ausgetauscht werden und wie ein Vertrauensverhältnis hergestellt wird sowie welche tatsächlichen Kooperationen stattfinden.

Im vierten Kapitel, das ziemlich kurz gehalten sind, wird das Kontaktverhalten zwischen den Lehrkräften und den Eltern beschrieben und in bestimmte Kontakttypen kategorisiert. Demnach liegen bei Eltern am meisten die „sparsamen“ vor, welche zurückhaltend Kontakte pflegen, hieraus aber einen relativ hohen Nutzen daraus ziehen. Gefolgt werden sie von den „reservierten“ Eltern, die aus sehr sparsamen Kontakten auch wenig Nutzen ziehen; während die „aufgeschlossenen“ Eltern viele formelle und informelle Kontakte pflegen mit hohem Nutzen für sie selbst. Für die Lehrkräfte kategorisiert Prof. Dr. em. Werner Sacher die Kontakttypen wie folgt: „Kontaktunwillige“ (ca. ein Drittel) beschränken sich auf vorgeschriebene Kontakte, „Reservierte“ (fast die Hälfte) ergreifen öfter auch eine weitere Initiative und rufen beispielsweise zusätzlich an; wohingegen die übrigen Lehrkräfte sich durch diverse Kommunikationsformen auszeichnen. Hier verlässt der Autor den eher wissenschaftlichen Teil seiner Ausführungen und gibt Hinweise dazu, wie die Kontakte zu Eltern optimiert werden können und wie die Gesprächstechniken und die äußeren Gestaltungen hilfreicher sein können.

Das fünfte Kapitel nimmt sich intensiver den direkten individuellen Kontakten an. Hier beschreibt der Autor sehr praxisnah, wie Elternsprechstunden und -tage. Spontangespräche sowie Telefonate, schriftliche bzw. mediale Korrespondenz oder auch Hausbesuche besser genutzt werden können. Die Nutzung sogenannter „Familienportfolios“ dürfte sich allerdings auch aufgrund von ministeriellen Anordnungen als eher schwierig erweisen. Der vorgestellte „Gesprächsleitfaden für Hausbesuche“ dürfte für Lehrkräfte eine gute Unterstützung sein, tatsächlich lebensweltbezogen die Gespräche zu führen.

Als sehr praxisnah und auch initiativ dürften sich die Ideen zur Gestaltung von Kontakten mit mehreren bzw. allen Eltern einer Klasse oder Schule erweisen; wobei hier nicht nur die üblichen Elternsprechtage und gegebenenfalls Stammtische thematisiert werden, sondern auch die Kontakte bei Schulveranstaltungen, Unterrichtshospitationen Rundschreiben sowie die Schulhomepage.

Im siebten Kapitel geht es dann vor allem um die Mitbestimmung der Eltern, welche Zuständigkeiten es gibt und welche rechtlichen Bestimmungen hier maßgebend sind. Dabei weist Prof. Dr. em. Werner Sacher aber auch darauf hin, dass diese Mitbestimmung nicht zur Beschränkung der Mitbestimmungsmöglichkeiten der Schüler/-innen genutzt werden darf.

Das Kapitel 8 setzt sich etwas intensiver mit der Unterstützung für Familien generell auseinander und beschreibt zum Beispiel die Chancen von Elternkursen, Verhaltens- und Erziehungsverträgen, ehe das neunte und umfangreichste Kapitel sich den „besonderen Herausforderungen“ stellt.

Dieses Kapitel dürfte für Lehrer/-innen von besonders großem Interesse sein, da hier typische Probleme und Herausforderungen explizit benannt werden und „Vorurteile“ entkräftet werden oder alternative Herangehensweisen aufgezeigt werden. Berufsorientierung, das Engagement von Vätern, die „schwer erreichbaren Eltern“, kultursensible Erziehungspartnerschaft und die besonderen Erfordernisse an Ganztagesschulen werden hier intensiv erörtert.

Im zehnten und letzten Kapitel wird in überraschender Weise die Einbeziehung der Schüler/-innen thematisiert und diskutiert, warum es ein starker Gewinn sein kann, wenn die Kinder und Jugendlichen einbezogen werden. Hier werden sicher ein paar unkonventionelle Vorschläge gemacht, die dennoch hilfreich sein könnten und sicher einige Denkanstöße vermitteln werden.

Diskussion

Dieser Band ist ein fundierter Wissenschaftsband mit einer sehr hohen Relevanz für den praktischen Schul- und Familienalltag. Es ist dem Autor gelungen, die breite Palette an Themen und „Nebenschauplätzen“ der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft gut strukturiert darzustellen. Die Ausführungen sind ausgesprochen lesefreundlich und gut verständlich. Die vielen Graphiken und Tabellen unterstreichen größtenteils die Textausführungen; dennoch wäre es an einigen Stellen besser gewesen, beispielsweise eine graphische Darstellung anstelle einer Tabelle vorzuziehen. Man wird als Lesende erstaunt sein, wie viele direkte Beispiele es in diesem Buch gibt und wie der Autor es schafft, sich weder im Einzelnen zu verlieren noch zu sehr an der theoretischen Oberfläche zu bleiben. Man spürt bei Prof. Dr. em. Werner Sacher, dass es ihm ein großes Anliegen ist, das Lehrer/-innen mit Wertschätzung und Respekt den Schülern/-innen und den Erziehungsberechtigten gegenübertreten und dass sie vor allem im Kontakt mit ihnen bleiben sollten – zum Wohle und Nutzen der ihnen anvertrauten jungen Lernenden.

Vielleicht etwas verwunderlich für ein solches, wissenschaftlich stark fundiertes Fachbuch sind die einzelnen Karikaturen, welche die Textaussagen aber hervorragend unterstreichen. Dagegen ist das schwarz-weiße Einbandcoverfoto wenig einfühlsam und suggeriert einmal mehr ein „Schwarz-Weiß-Denken“. Es zeigt eine „heile Welt“- Familie, die sich mit Freude etwas vom Lehrer sagen lässt. Hier wäre es gut gewesen, wenn man Fotos aus den verschiedenen Ebenen der Erziehungspartnerschaft genommen hätte oder wenigstens ein farbiges Coverbild Alles in allem aber spürt man bei Prof. Dr. em. Werner Sacher, wie sehr ihm eine qualitativ hochwertige Erziehungspartnerschaft Herzensanliegen ist.

Fazit

Ein insgesamt sehr ideenreiches Buch, das dem so manches Mal so wenig von Leichtigkeit geprägten Thema Erziehungspartnerschaft die Schwere nimmt und mit hilft, dazu beizutragen, dass aus einseitiger und wenig geschätzter „Elternarbeit“ verstärkt eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern werden kann, welche Erziehung und Bildung gleichermaßen im Blick behält. Ein fundierter Band, der nicht nur Schulleitungen, sondern auch Lehrern/-innen sowie Seminarleitern/-innen für die Ausbildung von Referendaren/-innen sehr zu empfehlen ist.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 16.09.2014 zu: Werner Sacher: Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Grundlagen und Gestaltungsvorschläge für alle Schularten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7815-1946-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16348.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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