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Ronald Hartz, Matthias Rätzer (Hrsg.): Organisationsforschung nach Foucault

Cover Ronald Hartz, Matthias Rätzer (Hrsg.): Organisationsforschung nach Foucault. Macht - Diskurs - Widerstand. transcript (Bielefeld) 2013. 259 Seiten. ISBN 978-3-8376-2171-6. 34,99 EUR.

Reihe: Sozialtheorie.
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Vorbemerkung

Foucault gilt als der meistzitierte Wissenschaftler in den Geisteswissenschaften. Trotzdem oder gerade deshalb lassen sich die Herausgeber im Werbematerial des Verlags die Frage stellen, ob es sich bei ihrem Werk um eines der Bücher handelt, das die Welt nicht braucht. Sie beantworten diese zugegebenermaßen rhetorische Frage folgendermaßen: „Mit Foucault die Welt ein wenig zum Tanzen zu bringen, erscheint uns immer noch als eine reizvolle Aufgabe. Wenn Organisationen zudem die mächtigen Akteure der Moderne sind, ist gerade hier die Foucault´sche Optik angebracht.“ (Interview auf der Webseite des Verlags: www.transcript-verlag.de/ download am 29.7.2014)

Herausgeber und Autoren

Die Herausgeber lehren und forschen an der Technischen Universität Chemnitz:

  • Dr. rer. pol. Ronald Hartz ist Juniorprofessor für Europäisches Management mit den Arbeitsschwerpunkten Diskursanalyse, kritische Management- und Organisationsforschung und alternative Organisationsformen.
  • Dipl. Hdl. Matthias Rätzer ist ebendort wissenschaftlicher Mitarbeiter und forscht u.a. zu Diskurs und Macht in der stationären Altenpflege.

Von den elf MitautorInnen und -autoren sind drei besonders bekannt:

  • Prof. Dr. Andrea D. Bührmann, die Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung an der Universität Göttingen,
  • die emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre Dr. Gertraude Krell (FU Berlin) und
  • Prof. Dr. Rick Vogel, Lehrstuhlinhaber für Public Management und Public Policy an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Entstehungshintergrund

Das Forum „kritische Organisationsforschung“, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die sich eher am fortschrittlichen Rand des Mainstreams der Organisationswissenschaft angesiedelt sehen, veranstaltet regelmäßig Arbeitstreffen. Eines dieser Treffen war ein Workshop, der vom 19.-20.Mai 2011 in Chemnitz stattfand, und auf dem Perspektiven kritischer Organisationsforschung im Anschluss an die Arbeiten von Michael Foucault thematisiert wurden.

Aufbau

Der 259-seitige Sammelband gliedert sich in elf Aufsätze, die sich alle dem Projekt einer ‚kritischen Ontologie der modernen Organisation‘ verpflichtet fühlen. Damit ist gemeint, dass der Gegenstandsbereich nicht in Form von Klassifikationsobjekten oder gegebenen beobachtbaren Einheiten gesehen wird, sondern als Produkt und Effekt von gesellschaftlichen Regulierungen. So ergibt sich zugleich eine historische und politische Perspektive, gerichtet „gegen den Gedanken universeller Notwendigkeiten im menschlichen Dasein“ (S. 10, Foucault 2005, S. 961 zitierend). Wer die Willkürlichkeit von Institutionen erkennt, entdeckt die Freiheit „und wie viel Wandel immer noch möglich ist“ (ebd.).

Zum Ersten Teil

Die ersten sechs Beiträge setzen am „Diskurskonzept“ Foucaults an, die restlichen fünf Texte des zweiten Teils orientieren sich mehr an den Konzepten von „Macht“ und „Gouvernementalität“.

  1. Ronald Hartz stellt die Diskursanalyse vor, zum Beispiel in dem Sinn, dass Diskurse als Praktiken zu sehen sind, „die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (S. 23, Foucault 1973, S. 74 zitierend).
  2. Andrea D. Bührmann wendet die Diskursanalyse an in der Form der Dispositivanalyse, exemplarisch am Beispiel des Diversity Managements. Ein Dispositiv ist dabei mehr als eine (Interpretations-)Folie, denn im Sinne von Deleuze geht es um die Verteilung von Sichtbarem und Unsichtbarem, um die Wahrnehmung bestimmter Phänomene und die Ausblendung anderer.
  3. Gertraude Krell thematisiert Deutungskämpfe um verschiedene Perspektiven der Betriebswirtschaftslehre. Dass ihr Blick stark autobiographische Züge enthält, ist dabei kein Nachteil. Sie zeigt Ansätze einer „kritischen BWL“ auf, die während ihrer Berufsbiographie von ihr erfolgreich vertreten wurden, nach wie vor aber eine eher marginale Rolle im Wissenschaftsbetrieb spielen.
  4. Isabel Collien versucht in einer Art postkolonialer Diskursanalyse zu zeigen, wie ethnische und kulturelle Vielfalt in Personalmanagementzeitschriften repräsentiert wird. Dort wird zwar nicht mehr von „Rasse“ gesprochen, als simplifizierendes Unterscheidungsmerkmal wird jedoch primär die dunkle Hautfarbe herangezogen.
  5. Matthias Rätzer zeigt auf, wie die Gerontologie als Disziplin mit Mitteln der Organisationsforschung untersucht werden kann. Konkret versucht er eine narrative Analyse mittels Argumentationslinien, die u.a. dazu dienen, organisationale Kontrollstrukturen und Widerständigkeiten zu analysieren.
  6. Rick Vogel und Nina Katrin Hansen nutzen die Bibliometrie, also eine quantitative Analyse der Foucault-Rezeption, um zu erfassen, ob und inwiefern das Werk Foucaults in der heutigen Organisationsforschung Beachtung findet. Sie stellen die meisten Treffer in Arbeiten des interpretativen Paradigmas fest, nämlich dort, wo der „linguistic turn“ der Sozialwissenschaften auch in die Organisationsforschung übernommen wurde.

Zum Zweiten Teil

  1. Lars Gertenbach lotet die Tragweite der Gouvernementalitätsperspektive für Fragen der Organisationsforschung aus. Dabei arbeitet er – genau anders als vorher die Mitautoren Vogel und Hansen – nicht Begriffe oder Konzepte heraus, sondern sucht nach prinzipiellen Ähnlichkeiten der Gegenstandswahl. Die „Art und Weise, mit der man das Verhalten der Menschen steuert“ (S. 158, Foucault 2004b, S. 261 zitierend), ist dabei eine Form von Macht, die sich einerseits von souveräner Verfügung, andererseits von disziplinärer Normierung unterscheidet. Diese „weiche“ Form der Lenkung wird denn auch „Kunst des Regierens“ genannt und von Gertenbach thematisiert mit Blick „auf die Organisation der Gesellschaft“ einerseits und „auf die Organisationen der Gesellschaft“ andererseits.
  2. Eher empirisch ausgerichtet ist der Beitrag von Niels Spilker, der neoliberale Reformen von Volkshochschulen untersucht. Die Autonomisierung im Bildungsbereich beinhaltet eine Verantwortungsverschiebung hin zu mehr Selbstkontrolle, ein ambivalenter Vorgang, denn Bildung wird der reinen Verwertungslogik unterworfen.
  3. Die Metapher der „Nordwest-Passage“ (die je nach Wetter mal gelingt, mal misslingt, immer aber auf neuen Wegen) dient Yannick Kalff als Ausgangspunkt seiner kritischen Analyse des Projektmanagements. Der „Plandeterminismus“ des Arrangements der Zeit ist ein typischer gouvernementaler Regierungsmechanismus, der auch in seinem Scheitern (man denke nur an den Zeitplan des Berliner Großflughafens) konstituierend für moderne Formen der Organisation steht.
  4. Anne-Kristin Lehmann und Irma Rybnikova suchen in ihrem Betrag Widerstandsphänomene in Medienunternehmen – auch um „die wahren Machtverhältnisse sichtbar“ zu machen (S. 211 in Anlehnung an Foucault 2005, S. 173). Interessant an ihrer empirischen Untersuchung ist jedoch, dass sie die erwarteten Formen von Widerstand nur in rudimentärer Form fanden. Offensichtlich deckt ihr Analysekonzept zu wenig auf oder es müsste viel differenzierter das mikropolitische Handeln der Mitarbeiter in den Blick nehmen.
  5. Zuletzt thematisiert Ina Herrmann Heterotopien in Schulen als Ausdruck des Spannungsfelds von Einsperrung und Ausschließung. Der von Foucault verwendete Begriff der Heterotopie bezeichnet Räume und ihre ordnungssystematische Bedeutung, wo vorgegebenen Normen teils manifest teils latent umgesetzt sind, oder die subversiv nach eigenen Regeln funktionieren. Spuren von Vandalismus etwa eignen sich gut, um spezielle Ausformungen der Oberflächen- und der Tiefenstruktur zu untersuchen.

Diskussion

Handelt es sich wirklich um ein Buch, das die Welt braucht? Der Rezensent hat gewisse Zweifel, denn mit dem Titel „Organisationsforschung nach Foucault“ wird mehr versprochen als letztlich gehalten werden kann. Das liegt weniger an den Autoren selbst als daran, dass Foucault keine geschlossene Organisationstheorie, kein umfassendes Konzept der Organisationsanalyse, kein kohärentes Analyseschema vorgibt. Im Gegenteil wird in seinen Arbeiten eine Verschiebung von der Beschäftigung mit Disziplin, Gehorsam und Unterdrückung hin zu neoliberalen Überlegungen deutlich – um zwei Pole schlagwortartig zu benennen. Immer geht es ihm um die Verschränkung von Macht, Diskurs und Widerstand – gerade auch aus der Subjektperspektive. Insofern ist der Untertitel des Buches richtig gewählt. Doch diese Aspekte finden in den Beiträgen nicht in gleicher Weise Niederschlag. Stattdessen wird ausführlich und gelegentlich wiederholend auf die verschiedenen Werke Foucaults Bezug genommen, nach einem tragfähigen Fundament wird erst noch gesucht, statt es zu präsentieren.

Dem Rezensenten fehlt neben einem übergreifenden Theorierahmen eine irgendwie geartete politische Perspektive. Die Ungleichheit von Menschen anzuprangern, reichte als logisches Argumentationsmuster früher aus. Heute wird aber im Zuge von Diversity die Anerkennung von Unterschieden geradezu konstitutiv. Von Andrea D. Bührmann wird in ihrem Beitrag immerhin gefragt, welche Bedeutung es habe, „dass soziale Heterogenität nicht mehr als soziale Ungleichheit diskutiert wird und nach den Möglichkeiten seiner Bekämpfung oder Reduzierung gefragt wird“ (S. 53).

Bei der Lektüre stellt sich die Frage, wo sich der Organisationsforscher nach Foucault konkret verortet, welche Instrumente etwa die teilnehmende Beobachtung mit welcher Intention in welchem Kontext verwendet, was aus einer historisch-diskursanalytischen Perspektive aufgedeckt und damit gegebenenfalls verändert werden kann und soll.

Fazit

Der Sammelband eignet sich als Lektüre für Organisationssoziologen und ist darüber hinaus für Organisationsforscher aus anderen Disziplinen von Interesse, die ernsthaft nach Perspektiven suchen, die ihnen die Werke Michel Foucaults bieten können. Eine Anschlussfähigkeit an die psychologischen und betriebswirtschaftlichen Organisationstheorien ist aber nur sehr bedingt gegeben. Zwar wird Foucault auch dort gerne in Fußnoten genannt, um zu dokumentieren, dass man sich mit seiner Subjektperspektive, seiner Analyse der Mikrophysik von Machtprozessen sowie seiner Kritik an Disziplinar- und Normalisierungstechniken auseinandergesetzt hat. Doch die Genealogie, also Ableitung moderner Organisationen aus dem Zwangscharakter des Zellengefängnisses hat zu wenig Erklärungskraft, um als detailliertes Analyseraster dienen zu können. Jedenfalls gelingt es im Rahmen dieses Sammelbandes noch nicht, derartige Analysen zu präsentieren. Dem Arbeitskreis ist trotzdem eine weitere produktive Forschungs- und Publikationsarbeit sehr zu wünschen. Die Schätze, die empirische Analysen im Sinne der Critical Management Studies bieten könnten, gilt es im deutschsprachigen Raum erst noch zu heben.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
Homepage www.antonhahne.de
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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 11.09.2014 zu: Ronald Hartz, Matthias Rätzer (Hrsg.): Organisationsforschung nach Foucault. Macht - Diskurs - Widerstand. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2171-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16355.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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