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Thomas Bergner (Hrsg.): Endlich ausgebrannt!

Rezensiert von Dipl.Sozialarbeiter Jörg Dahlbeck, 25.11.2014

Cover Thomas Bergner (Hrsg.): Endlich ausgebrannt! ISBN 978-3-7945-2932-2

Thomas Bergner (Hrsg.): Endlich ausgebrannt! Die etwas andere Burnout-Prophylaxe. Schattauer (Stuttgart) 2013. 198 Seiten. ISBN 978-3-7945-2932-2. 16,99 EUR.
Reihe: Wissen & Leben.

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Thema

„Die Psyche. Unendliche Weiten. Wir schreiben den 12.Dezember 2011. Das Abenteuer beginnt: Auf der Bühne erscheint eine nussbraune Schönheit, die offenbar direkt von der Copacabana eingeflogen ist. Ihr brasilianischer Akzent erfreut mein Männerherz und ich denke mir, mit der kann man wirklich nicht ausbrennen, allenfalls durchbrennen.“
Was so beginnt wie eine Mischung aus Science Fiction und billigem Erotikroman ist in Wahrheit ein sehr ungewöhnliches Fachbuch zu einem Trendthema unserer Zeit, dem Burn-Out.

Autor

Dr. med Thomas Bergner ist Facharzt für Dermatologie und seit den 1980er Jahren auch Psychotherapeut und Coach. Er war mit eigener psychotherapeutischer Praxis ca. zehn Jahre niedergelassen und ist seit Mitte der Neunzigerjahre vor allem als Coach und Autor tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt zwanzig Kapiteln gegliedert. Die Überschriften dieser Kapitel lassen erahnen, mit welchem Sprachstil der Autor sein Publikum zu erreichen versucht. Überschriften wie zum Beispiel „Der Esel in der Gummizelle“, „Wenn der Hammer hängt“, „Mount Everest in Lilliput“ oder „Geschlafen wird am Ende des Monats“ vermitteln bereits erste Eindrücke seines unorthodoxen Ansatzes. Aber der Reihe nach.

Im ersten Kapitel widmet er sich den aktuellen Zahlen über das Ausmaß von Burnout und der Anzahl von Ratgeberliteratur zum Thema und stellt fest, dass es aber noch keinen Ratgeber gebe, wie man denn effektiv und garantiert ausbrennt.
Das möchte er mit diesem Buch ändern

Im zweiten Kapitel definiert er den Begriff Krise, beschreibt die verschiedenen Phasen und die Chancen von Krisen, während er dann im dritten Kapitel die Kriterien von Burnout benennt und auch die vielen wirtschaftlichen Nutznießer dieses Phänomens.

Im vierten Kapitel mit dem schönen Titel „Der Esel in der Gummizelle“ zeigt er dann einige Voraussetzungen für Burnout auf, wie zum Beispiel die gefühlte Alternativlosigkeit, die „Gummizelle“.

Im fünften Kapitel geht es um die Disposition von Betroffenen. Er zeigt typische Traumen auf, die Burnout begünstigen, und wie diese auch wirkungsvoll für Burnout genutzt werden können.

Das sechste Kapitel nimmt das Spannungsfeld zwischen Machtverlangen und Ohnmachterkennen unter die Lupe. Das Helfersyndrom und das Katastrophisieren werden von Berner als besonders hilfreich beim Weg ins Burnout gesehen.

Im siebten Kapitel, das „Von der Rolle sein“ heißt, geht um passende und unpassende Rollen die Menschen den Weg ins Burnout ermöglichen, während es dann im achten Kapitel um die vermeintlichen Stärke des Neinsagens und um die Fähigkeit der Selbstabwertung geht, die für Bergner ebenfalls sehr wichtig für einen erfolgreichen Weg ins Burnout ist.

Auch im neunten und zehnten Kapitel zeigt Bergner weitere Möglichkeiten zum effektiven Ausbrennen auf. Überhöhte Selbstansprüche, Verachtung von Selbstliebe, Misstrauen und das Aufbauen von Scheinsicherheiten vervollkommnen die Meisterschaft. Dass dabei der Glauben an die eigene Unersetzbarkeit, Kompromisslosigkeit und eine stete Fehlerfixierung nicht fehlen darf, versteht sich ja beinahe von selbst.

In Kapitel elf und zwölf wird dann auch an Hand von Fallbeispielen gezeigt, wie schwierig es ist eingeschliffene Verhaltensmuster zu ändern. Ein kleiner Streifzug durch die Persönlichkeitstypen nach Riemann und wie motivationale Muster entstehen und wirken, runden diese Kapitel ab.

Im dreizehnten Kapitel macht er dann deutlich, wie effektiv eine konsequente Event- und Erlebnisorientierung den Weg ins Burnout erleichtern kann.

Welche Chancen eine gut trainierte Hypochondrie für Ausbrennen liefert, wird im vierzehnten Kapitel herausgearbeitet. Aber auch, wie sie ihren Körper effektiv selbst schädigen können, wird aufgezeigt.

Auch die Fixierung auf materielle Dinge ist sinnvoll, will man möglichst schnell ausbrennen. In Verbindung mit mangelnder Pflege von sozialen Kontakten ist das ein weiterer Königsweg zum wahren Burnout-Champion. Wie das genau geht, wird im fünfzehnten und sechzehnten Kapitel thematisiert.

Dass Überstunden eine reine Definitionsfrage sind, zeigt dann das siebzehnte Kapitel. Hier liegen wirklich äußerst kreative Potenziale für ein rasantes Ausbrennen.

Im achtzehnten und neunzehnten Kapitel kommt Bergner dann auf gesellschaftspolitische Aspekte von Burnout zu sprechen. Ein permanent eventorientiertes Freizeitverhalten, die Unfähigkeit zur Langeweile sowie die sinnfreie Gestaltung seines Lebens im Dienste eines ständigen Wirtschaftswachstums sind ebenfalls wichtige Faktoren für gelingendes Ausbrennen. Wer immer nur die Symptome wie eben auch Erschöpfungsphänomene behandelt, erspart sich die Ursachenforschung. Und kurbelt damit auch eine ganze Beratungs- und Behandlungsindustrie an, die nur vorgibt, Probleme zu lösen, in Wirklichkeit aber ein Teil des Problems ist.

Im abschließenden zwanzigsten Kapitel fragt sich Bergner dann, warum Burnout eigentlich als eine Störung betrachtet wird und ob nicht die gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und ethischen Entwicklungen nicht eher das sind, was man als gestört betrachten könnte. Das Buch schließt mit der Frage danach ab, ob ein Burnout nicht eher eine gesunde Reaktion auf eine kranke Entwicklung ist.

Diskussion

Das Buch hat mich von der ersten Minute an gefesselt. Durch den Humor des Autors und seine sehr erfrischende Direktheit kam bei mir nur sehr selten das ja manchmal lähmende Gefühl von „Ich lese wichtige Fachliteratur“ auf. Im Gegenteil, das Buch ist stellenweise so witzig, dass ich meine Umgebung immer mal wieder mit Auszügen traktieren musste. Seine Fallbeispiele sind sehr lebensnah und werden von ihm in einer Sprache präsentiert, dass man eigentlich wissen möchte, wie es mit diesen Fallbeispielen weitergegangen ist, so lebendig erscheinen sie. Auch viele tiefsinnige kleine Geschichten und Witze lassen keine Langeweile aufkommen.
Dabei hat Bergner durchaus etwas zu sagen. Besonders herausragend war für mich die Einbettung von Burnout in einen gesellschaftspolitischen Kontext. Auch Berners durchaus kritische Haltung gegenüber den Profiteuren von Burnout, zu denen er selbst gehört, ist ungewöhnlich aufrichtig.
Aber auch viele andere Denkansätze des Autors sind bemerkenswert.
Burnout als ein Ergebnis einer gut gelernten Fehlhaltung sich selbst gegenüber zu betrachten ist sicher keine ganz neue Erkenntnis. Mit welcher Konsequenz Bergner das durchdenkt, ist allerdings erstaunlich. Auch die Sinnhaftigkeit, die ein Burnout für den Betroffenen durchaus haben kann, zeigt er auf. Dabei kommt er so augenzwinkernd daher, dass es leicht fällt, diese teilweise auch bitteren Selbsterkenntnispillen zu schlucken.

Die Schwächen des Buches sind vielleicht die etwas fehlende Strukturierung der einzelnen Kapitel sowie doch einige vielleicht etwas zu lang gewordene Auflistungen von Beispielsätzen. Der Autor erzählt sehr gern (würde er einen Roman schreiben, würde ich ihn kaufen!) und da geht es auch schon mal etwas hin und her und kreuz und quer. Mich hat es nicht gestört, eher im Gegenteil. Gut strukturierte Leser mit wissenschaftlichem Anspruch könnten irritiert sein.

Das Buch ist von außen mit einem außergewöhnlichen Titelbild ansprechend gestaltet. Das Layout im Inneren ist meiner Meinung nach noch verbesserungswürdig. Manche Auflistungen und Einschübe erstrecken sich über zwei Seiten und sind auch grafisch nicht gut vom übrigen Text abgesetzt.

Der Preis ist angemessen.

Fazit

Ein äußerst ungewöhnliches Buch zum Thema Burnout. Der Autor hat durch seinen Schreibstil großen Unterhaltungswert und ich kann mich nicht erinnern, beim Lesen eines Fachbuches jemals so viel gelacht zu haben. Und trotzdem, oder gerade deswegen, so viel gelernt zu haben. Denn Bergner ist überaus kompetent. Für Leser, die einen wissenschaftlichen Zugang zum Thema suchen, nicht unbedingt geeignet. Für Menschen die beim Lesen von Ratgeberliteratur auch gerne mal über sich selber lachen absolut empfehlenswert.

Rezension von
Dipl.Sozialarbeiter Jörg Dahlbeck
Freiberuflicher Berufs- und Projektcoach, systemischer Berater

Es gibt 11 Rezensionen von Jörg Dahlbeck.

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Zitiervorschlag
Jörg Dahlbeck. Rezension vom 25.11.2014 zu: Thomas Bergner (Hrsg.): Endlich ausgebrannt! Die etwas andere Burnout-Prophylaxe. Schattauer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-7945-2932-2. Reihe: Wissen & Leben. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16357.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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