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Christine Kupfer: Bildung zum Weltmenschen

Cover Christine Kupfer: Bildung zum Weltmenschen. Rabindranath Tagores Philosophie und Pädagogik. transcript (Bielefeld) 2013. 426 Seiten. ISBN 978-3-8376-2544-8. D: 36,99 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 48,10 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Ganzheitlichkeit interkulturell

In der sich immer interdependenter und entgrenzender bildenden (Einen?) Welt wird die Frage immer drängender, auf welchen Weltbildern die Entwicklung der Menschheit in der Gegenwart und Zukunft beruht. Die hoffnungsvolle Erwartungshaltung, dass sich ein Bewusstsein entwickeln möge, das jeder Mensch tagtäglich die Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit mit sich trägt (vgl. dazu: Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10879.php), wird im bildungstheoretischen und pädagogisch-praktischen Diskurs nach wie vor durch die Überhöhung des abendländischen und der Tabuisierung oder zumindest der Nichtwahrnehmung des morgenländischen Denkens vollzogen (Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistemologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14403.php). Einige zaghafte, aber in der wissenschaftlichen Diskussion eher peripher ausgedrückte Auffassungen, dass der Mensch ein homo mundanus, also ein „Welt“Mensch sei, weil alles Lebende auf der Erde Evolution ist (Wolfgang Welch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php), finden im westlichen Denken nur schwer Aufmerksamkeit und Verankerung.

Entstehungshintergrund

Inter- und transkulturelles Denken und Lernen wird zwar als globale Herausforderung propagiert; und es gibt einige interessante Ansätze dafür (Wiltrud Gieseke / Steffi Robak / Ming-Lieh Wu, Hrsg., Transkulturelle Perspektiven auf Kulturen des Lernens, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7674.php; siehe auch: Alfred Holzbrecher, Hrsg., Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe,2011 / 2013, www.socialnet.de/rezensionen/11812.php); doch in der westlichen wie östlichen Bildungswirklichkeit wird der Blick über den eigenen kulturellen Gartenzaun nur zögerlich gewagt. Die der globalen Ethik der Menschenrechte zugrunde liegende Prämisse, dass die Würde des Menschen als Individuum und gesellschaftliches Wesen sich in der Vielfalt der Menschheit ausdrückt, lässt sich ja nur verstehen, wenn es gelingt, kulturelles Denken und Handeln als Pluralisierung möglicher Identitäten zu begreifen (Wolfgang Gippert / Petra Götte / Elke Kleinau , Hrsg., Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7090.php).

Autorin

An der Universität Heidelberg hat die Sozialwissenschaftlerin Christine Kupfer (aktuell als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Scottish Centre of Tagore Studies an der Edingburgh Napier University tätig) ihre Dissertationsschrift „Bildung zum Weltmenschen. Rabindranath Tagores Anthropologie und Pädagogik“ vorgelegt, die nunmehr mit dem etwas abgewandelten Titel veröffentlicht wird. Es ist ein Exempel dafür, wie informativ und überraschend ein Blick auf einen außereuropäischen Denker sein kann, der im westlichen, erziehungswissenschaftlichen Diskurs bisher nur allzu einseitig wahr genommen wird, um nicht zu sagen vergessen wurde.

Aufbau und Inhalt

Rabindranath Tagore (Thakur) lebte von 1861 bis 1941 im heutigen indischen Bundesstaat Westbengalen. Für sein literarisches, vor allem poetisches Schaffen wurde er 1913 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. In Indien und Bangladesh werden seine Lieder weiterhin gesungen, seine Gedichte rezitiert und seine Romane gelesen. Bei seinen Deutschlandbesuchen 1921, 1926 und 1930 entwickelte sich beinahe im Lande ein Tagore-Kult. Die Veranstaltungen mit ihm waren ausverkauft. Als „Weiser aus dem Morgenland“ wurde er gefeiert. Bertold Brecht, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und Albert Schweitzer haben seine Gedichte gelesen, teilweise übersetzt und sind von seiner Philosophie beeinflusst worden. Doch danach erlosch die Begeisterung für sein Werk. Erst jetzt wieder, 2011, hat die Deutsch-Indische Gesellschaft aus Anlass seines 150. Geburts- und 70. Todestages sich des indischen Weltgelehrten erinnert, z. B. mit der Tagung „Tagore und Deutschland“, vom 10. – 11. 3. 2011 in Marburg. Doch alle, die historischen wie die aktuellen Aktivitäten zielen auf Tagores literarisches Schaffen; sein pädagogisches Wirken kommt damit nicht in den Blick.

So ist es sehr verdienstvoll, dass Christine Kupfer gerade diese Aspekte ausgräbt und diskutiert. Tagores Verständnis von Ganzheitlichkeit zeigt nämlich weitergehende Fragestellungen, als sie im Verständnis von Ganzheitlichkeit im westlichen Diskurs deutlich werden: Neben den Verbindungslinien zu den physischen und ästhetischen Bereichen der menschlichen Entwicklung und des Lernens, bringt er auch spirituelle und lebensräumliche Gesichtspunkte ein, wie z. B. beim schulischen Leben im Zusammenhang mit Umweltbewusstsein und sozialem Lernen.

Die Autorin gliedert ihre Arbeit in drei Teile.

Im ersten Kapitel werden „Biographie und Einflüsse auf Rabindranath Tagores pädagogische und weltanschauliche Entwicklung“ thematisiert, mit der Schilderung seiner Kindheit, seiner Bildungsentwicklung im kolonisierten Indien und den Zuständen, wie sie sich im Land in der Spannweite von Adaption westlicher Bildungsvorstellungen und traditionellen, religiösen und kulturellen Entwicklungen darstellten. Die Gründung von Schulen und die speziellen, in Indien zu diesem Zeitpunkt kaum im öffentlichen und kulturellen Bewusstsein befindlichen schulischen, Bildungs- und Emanzipationsförderungen der Mädchen und Frauen, wie auch die universitären Initiativen, die Orte der interkulturellen Begegnungen sein sollten, zeigen Auffassungen, die heute als modern anmuten: Selbst lernen, Coaching und allseitige Bildung mit Herz und Hand (Maria Montessori).

Im zweiten Teil geht es um „Tagores Anthropologie“, die Aspekte der Evolution mit religiösen Schöpfungsgedanken verbindet und den Menschen als „Freiheitssucher“ charakterisiert. Es sind philosophische Gedanken, die Grenzen der asiatischen Mystik ausloten und sowohl in Konfrontation zu westlichem anthropologischem Denken gehen, als auch Verbindungen zu den Idealen der Aufklärung suchen. Dabei wird deutlich, dass nur ein Philosoph, der im asiatischen Denken zu Hause ist und gleichzeitig die Fähigkeit besitzt, abendländische Traditionen zu kennen und aufzunehmen, Wege zum Weltmenschen ebnen kann: „Der Weltmensch nähert sich … durch Handlung, Wissen und Liebe dem Bereich des Universalen an, ohne dabei seine Individualität zurückzustellen“.

Im dritten Teil thematisiert die Autorin Tagores Pädagogik: „Bildung durch Freiheit und Verbundenheit“. Die Bedeutung, die individuelle und gesellschaftliche Bildung und Erziehung des Menschen für die Menschheit haben, wird insbesondere in der Analyse der Kindheitsentwicklung aufgezeigt. Das Gerüst der Erziehungsziele beim Entwicklungsprozess baut Tagore anhand seiner eigenen Bildungs- und Schulerfahrungen und der sozialen, gesellschaftlichen Betrachtungen auf. Es sind psychologische, biographische, politische, soziale, ökonomische, künstlerische, schöpferische, philosophische, religiöse und kulturelle Begründungen und Zielsetzungen, die sein Menschenbild und sein Bildungs- und Erziehungskonzept bestimmen. Hier finden wir im übrigen Parallelen zu den Reformbestrebungen, wie sie etwa in der deutschen und europäischen Reformpädagogik diskutiert wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass Tagore bei seinen Korrespondenzen und Deutschlandbesuchen auch Kontakte zu den Reformpädagogen jener Zeit, etwa zu Paul Geheeb und der Landerziehungsheimbewegung (Odenwaldschule) hatte. Die Erkenntnis, dass vor allem das heranwachsende Kind zum Weltmenschen erzogen werden muss, ist eine der Tagoreschen Zielsetzungen. Er spricht von „Erziehungsgefängnissen“ und „Bildungsfabriken“, wenn er die Schulen betrachten, die im Osten wie im Westen entstehen, und die anstatt Freiheit und Ganzheitlichkeit, Mechanisierung und Uniformität produzieren.

Der vierte Teil der Arbeit von Christine Kupfer widmet sich den Fragen, wie eine Bildung für Freiheit und Ganzheitlichkeit vermittelt werden kann. Es sind vor allem die Lehrer, die durch Vorbild und Gebildetheit „bemüht (sind), die Fülle der Menschheit zu erreichen“ und mit der entsprechenden Haltung und den Lernmethoden weiter zu geben. Den „Schul- (Zucht-)Meister“ lehnt er ab: „Die Pflichten, welche ein Schulmeister heute ausübt, beanspruchen nur einen geringen Teil seines Verstandes und Geistes. Ein Grammophon mit ein wenig Hirn könnte es ebenso gut erledigen, wenn man noch einen Stock dran bindet“. Aus seiner kulturellen Tradition ist es der „Guru“, der es ermöglicht, nicht nur den Geist zu füllen, sondern vor allem ihn zu aktivieren. Nicht die Liebe zur Macht, sondern die Liebe zum Kind und zum Stoff muss den Lehrer bewegen.

Im fünften Kapitel wird der pädagogische Weg zum Weltmenschen dargelegt. Wissensvermittlung hat das Ziel, den Menschen von der Unwissenheit, die gleichzeitig Unfreiheit ist , zu befreien (eine wahrhaft aufklärerische.Erkenntnis, betrachtet man den allzu eng geführten Diskurs, dass die Ideen der Aufklärung eine „europäische Erfindung“ seien). Wissen ist deshalb für Tagore nicht einfach Ansammlung oder Wiederholung von Fakten, weshalb er z. B. von „Buch-Sklaverei“ spricht, sondern die Fähigkeit, sich sprachlich (Muttersprache statt Kolonialsprache) und kulturell selbst zu bestimmen. Dabei kommt der Praxis, die sich ausdrückt in sozialen und solidarischen Haltungen und Handlungen, in der Kreativität und im handwerklichen und künstlerischen Gestalten, eine besondere Bedeutung zu. Schließlich ist es die Liebe, die den Menschen bildet: Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu Gott und zur Natur. Der philosophische, spirituelle und lebensweltliche Zugang zu dieser wichtigsten Eigenschaft auf den Weg hin zum Weltmenschen ist für Tagore „Harmonie“. Sie bildet sich durch die Anerkennung des Andersseins des Anderen, die Gemeinsamkeit und Gemeinschaft stiftet und sie wird erlebt und gelebt durch Spiritualität, die über rationales Denken und Handeln hinauszugehen vermag und sich „durch die Liebe zu anderen Menschen, zur Natur und zur ganzen Welt und durch Wissen und Handeln erfahren werden kann“. Hier kommt ins Spiel, was in der westlichen Reformpädagogik als „Atmosphäre“ bezeichnet wird und „Schulleben“ personifiziert und gleichzeitig sozialisiert.

Fazit

Die Arbeit von Christine Kupfer besticht zum einen dadurch, dass es ihr gelingt, Tagores pädagogische Philosophie und Anthropologie sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Dabei kann weder von Heiligsprechung noch von Lobhudelei gesprochen werden; die Autorin lässt in ihrer Arbeit auch eine Reihe von Kritiken und Gegenpositionen zu Wort kommen. Die Darstellung der pädagogischen Bedeutung Tagores als Pädagoge, Anthropologe und Philosoph – die Nennung der Reihenfolge der Charakterisierung des Genannten durch den Rezensenten ist durchaus gewollt – stellt sich als Berichterstattung und Analyse dar. Zum anderen bietet die Forschungsarbeit die Chance, im historischen und interkulturellen erziehungswissenschaftlichen Diskurs Vergleiche anzustellen, Parallelen aufzufinden und nicht zuletzt die globale Diskussion um das „gute, gelingende Leben“ (Aristoteles) anzustoßen. „Von Tagore lernen“ heißt ja nicht, blindlings und mit fliegenden Fahnen seine Ideen zu übernehmen (oder ideologisch danach zu suchen, wie sie zu verdammen wären), sondern im echten Sinne des Wissenserwerbs offen zu sein für anderes Denken und andere Erfahrungen. Wenn die Autorin in ihrem Ausblick die Perspektive einnimmt: „Würde Tagore bei uns heute leben…“, und dabei feststellt, dass er vor allem in unserem Bildungssystem und Erziehungsverhalten kritisieren würde, „dass Handlung und Liebe nach wie vor nicht genügend berücksichtigt werden“, auch, „dass Schulreformen nicht von außen übergestülpt werden können, sondern dass Schulen frei genug sein müssen, damit Veränderungen von innen wachsen können“ – dann wären Ansatzpunkte genug vorhanden, um Tagores pädagogisches Denken und Wirken im gesellschaftspolitischen, pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu bedenken!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.01.2014 zu: Christine Kupfer: Bildung zum Weltmenschen. Rabindranath Tagores Philosophie und Pädagogik. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2544-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16359.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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