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Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug

Rezensiert von Prof. Dr. Gisbert Roloff, 24.09.2014

Cover Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug ISBN 978-3-550-08017-3

Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen. Ullstein Verlag (München) 2013. 528 Seiten. ISBN 978-3-550-08017-3. D: 22,99 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Das 8. Gebot im Dekalog gebietet: „Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, in heutige Sprache übersetzt also „Du sollst nicht lügen“. Und warum bedarf es dieses Verbots? Nun, weil wir es tun, und zwar immer wieder, sogar mehrmals jeden Tag. Lügen-Können bedeutet allerdings nicht, dass es immer gut ist zu lügen. Andererseits: Wenn ein Kind unser alltägliches Lügen nicht lernt, ist es „gewissermaßen pragmatisch gestört“ (1), weil es sich nicht in andere hineinversetzen kann.

Mit etwa vier Jahren entwickeln Kinder eine eigene Theorie über das, was in den Köpfen anderer Menschen vorgeht. Diese Theorie des Einfühlens ist wichtig – und zwar nicht nicht nur beim Lügen. Sie ist erforderlich, um Mitgefühl und Mitleid zu empfinden und eigene Handlungsmöglichkeiten in der Interaktion abzuschätzen. Allgemein gesprochen handelt es sich um die Fähigkeit zur Perspektiveübernahme. Robert Trivers provoziert uns nun mit der Behauptung, Lügen sei die erfolgreichste Form der menschlichen Kommunikation. Wir alle seien Betrüger, ganz gleich, ob wir mit unseren Partnern, Freunden, Kollegen oder Fremden kommunizieren. Damit aber nicht genug, vor allem nämlich betrügen wir uns selbst. Wir halten uns für klüger, schöner, besser als wir wirklich sind. Trivers versichert uns jedoch, dass auch das gut sei. Denn je besser wir uns selbst etwas vormachen könnten, umso leichter und überzeugender könnten wir andere nasführen. Durchschlagender Selbstbetrug sei somit das beste Mittel zum Erfolg.

Autor

Robert Trivers, Jahrgang 1943, ist ein US-amerikanischer Soziobiologe und Evolutionstheoretiker. Er arbeitet als Professor für Anthropologie und Biologie an der Rutgers University, New Jersey. Er hat das Konzept des „Reziproken Altruismus“ (2) entwickelt und maßgebend an der Entwicklung der Theorie vom „egoistischen Gen“ mitgewirkt. Als Evolutionsbiologe stellt er sich stets die Frage: Warum hat sich ein bestimmtes Verhalten durchgesetzt? Welchen Vorteil bringt es dem Individuum?

Entstehungshintergrund

Trivers hält die Zeit für gekommen, eine „allgemeine, evolutionstheoretisch begründete Theorie der Täuschung und Selbsttäuschung“ zu konzipieren, und zwar deshalb, weil Täuschung im Prinzip für alle Lebewesen gilt, im besonderen aber für unsere Spezies. Er bietet uns ein Buch über Unwahrheit, Falschheit und Lüge. Obwohl es mitunter bedrückend sei, habe es das Thema „Täuschung und Selbsttäuschung“ verdient, Gegenstand „einer gezielten wissenschaftlichen Analyse und Untersuchung zu werden“, eben weil es allumfassend verbreitet ist. So auch kürzlich in dem vergnüglichen „Reiseführer ins Schummelland“ bei Roloff, Angielczyk & Zoeke (4) nachzulesen.

Aufbau

Anschauliche Überschriften zu den insgesamt 14 Kapiteln zeigen dem Leser, was ihn inhaltlich erwartet. Anmerkungen zu den jeweiligen Kapiteln, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Register erleichtern Orientierung und Lektüre.

  1. Die evolutionäre Logik der Selbsttäuschung
  2. Täuschung in der Natur
  3. Neurophysiologie und Ebenen der aufgezwungenen Selbsttäuschung
  4. Selbsttäuschung in der Familie – und das gespaltene Ich
  5. Täuschung, Selbsttäuschung und Sex
  6. Die Immunologie der Selbsttäuschung
  7. Die Psychologie der Selbsttäuschung
  8. Selbsttäuschung im Alltag
  9. Selbsttäuschung bei Luft- und Raumfahrtkatastrophen
  10. Falsche historische Darstellungen
  11. Selbsttäuschung und Krieg
  12. Religion und Selbsttäuschung
  13. Selbsttäuschung und die Struktur der Sozialwissenschaften
  14. Wider die Selbsttäuschung in unserem Leben

Das Buch muss nicht unbedingt in der Reihenfolge der Kapitel gelesen werden. Allerdings sollte das 1. Kapitel den Anfang bilden, danach kann die Wahl frei erfolgen. Überraschend für manchen Leser dürfte das 2. Kapitel sein, wird hier doch Täuschung als durchgehendes Prinzip der Biologie dargestellt.

Ausgewählte Inhalte

Die evolutionäre Logik der Selbsttäuschung

Selbsttäuschung ist eine vielfach belegte Tatsache. Wozu aber dient uns das, da wir andererseits so großartig entwickelte Sinnesorgane ausgebildet haben? Die überraschende Antwort lautet: Wir täuschen uns selbst, um andere besser hinters Licht führen zu können. Wer andere täuschen und sich selbst etwas vormachen kann, hat Vorteile im Daseinskampf. Daher kommt Täuschung auf allen Ebenen des Lebens vor. Sie wirkt im Gen, in der Zelle, im Individuum, in der Gruppe. Alle grundlegenden Beziehungen sind davon betroffen: … „Parasit und Wirt, Räuber und Beute, Pflanze und Tier, Mann und Frau, Nachbar und Nachbar, Eltern und Kind, ja sogar die Beziehung eines Organismus zu sich selbst“ (S.25). Selbsttäuschung ist biologisch tief verwurzelt und nicht auf Lebewesen mit Selbstreflexion und Sprachfähigkeit beschränkt. Wenn man an die eigene Überlegenheit „glaubt“, bezwingt man ein Gegenüber leichter; Selbstzweifel und Eingeständnis der Täuschung dagegen lassen einen schwach erscheinen. Wenn zum Beispiel zwei etwa gleich starke Rivalen aggressiv aufeinander treffen – bei Revierkonflikten oder bei der Partnerwerbung – wird derjenige gewinnen, der sich besser aufblähen und den anderen einschüchtern kann.

Täuschung in der Natur

Täuschung kommt zwar quer durch alle biologischen Arten in einer Fülle von Formen vor, sie beruht jedoch auf nur wenigen Grundprinzipien. Der wichtigste Trick heißt: Erfinde etwas Neues, gegen das der Getäuschte kein Mittel hat. Das funktioniert so lange bis der Getäuschte eine neue Abwehr (er)findet. Über evolutionäre Zeiträume betrachtet entwickelt sich so ein Kampf, der auf beiden Seiten die Intelligenz fördert, denn Täuscher und Getäuschter sind ständig in einem Prozess wechselseitiger Anpassung gefangen. Dabei sind ihre Interessen fast immer entgegengesetzt.

Gelingt einem Rivalen, einem Fressfeind oder einem Beutetier eine neuartige Täuschung, so gewinnt zunächst der Täuscher, weil der andere aus Unkenntnis der Finte wie gewohnt reagiert und dadurch das Nachsehen hat.

Doch irgendwann findet ein Lebewesen aufgrund einer vorteilhaften Mutation ein Gegenmittel, und damit ist dieses Gegenmittel für ihn und für seine Nachkommen in der Welt. Am Beispiel einer Kuckucksart lässt sich schön zeigen, wie Täuscher und Getäuschte ineinander verhakt sind:

  1. Zunächst legt der Täuscher ein eigenes Ei in die Nester seiner Opfer. Das ist eine Zeitlang erfolgreich, weil der Getäuschte keine Gegenmittel kennt.
  2. Auf Dauer entsteht jedoch in der Spezies der Opfer Selektionsdruck für die Fähigkeit, ein seltsam aussehendes Ei zu erkennen und aus dem Nest zu werfen.
  3. Das wiederum führt in der Parasitenspezies zur Selektion von Eier-Mimikry. Das will heißen: Das untergeschobene Ei bleibt nur dann im Nest, wenn es die gleiche Farbe oder das gleiche Fleckenmuster aufweist wie die Eier des Wirtes.
  4. Für den Wirt wiederum ist es von Vorteil, wenn er zählen kann und folglich das Nest aufgibt, wenn die Zahl seiner Eier verändert ist. Ein neues Nest an anderer Stelle schützt ihn vielleicht vor einem Kuckucksei.
  5. Das wiederum führt zur Selektion von Parasiten, die für ein abgelegtes Ei ein Ei des Wirts entfernen, so dass die Gesamtzahl gleich bleibt.

Innerhalb evolutionärer Zeiträume findet so ein Hochschaukeln von Strategie und Gegenstrategie statt.

Aus der unüberschaubaren Fülle der Tricks durch alle Lebensformen seien nur wenige Beispiele raffinierter Täuschung angeführt:

  • Läuse überleben im Vogelgefieder, weil sie dank Farbmimikry für den Wirt unauffindbar sind.
  • Raupen leben als Untermieter in Ameisenbauten. Sie mimen eine hungrige Ameisenkönigin und werden bevorzugt gefüttert. Bei Gefahr werden sie sogar vor der wirklichen Königin fortgetragen.
  • Bestimmte Leuchtkäferweibchen täuschen Paarungsbereitschaft vor und fressen Männchen einer verwandten Art, die auf den Trick reinfallen.
  • Ungiftige Insekten täuschen in ihrem Aussehen Giftigkeit vor und werden dadurch nicht zur Beute.
  • Falsche Alarmrufe veranlassen Fresskonkurrenten ihre Beute fallenzulassen. Der Rufer schnappt sich den Bissen.
  • Tintenfische und Kraken sind schmackhafte Beutetiere ohne schützenden Panzer. Sie nutzen Tarnung als Lebensrettung: In zwei Sekunden können sie die jeweilige Färbung des Untergrunds annehmen und dadurch nahezu unsichtbar werden. Wollen sie sich schnell entfernen, ahmen sie eine Flunder in Form, Farbe, Schwimmbewegungen und Geschwindigkeit nach und schießen über den Boden davon.

Vögel, Affen und Babys als weitere Verstellungskünstler seien hier nur am Rande erwähnt, obwohl sie Überraschendes zu bieten haben und im Buch in zahlreichen Beispielen vorgestellt werden. Eine ausführliche Darstellung würde jedoch den Rahmen dieser Rezension sprengen.

Täuschung ist allgegenwärtig

Zieht man die Summe aus dem Werk, so ergeben sich die folgenden Thesen:

  1. Menschen reden sich die Wahrheit schön. Wir sind Lügner und Aufschneider durch und durch.
  2. Erfolg hat, wer sich für besser, klüger und schöner hält als er in Wahrheit ist.
  3. Tricksen, Täuschen, Betrug und deren Aufdeckung zählen zu den wichtigsten Waffen im Kampf ums Überleben. Schon auf der Ebene der Viren gilt dieses Gesetz.
  4. Babys lernen schon im Alter von sechs Monaten zu täuschen.
  5. Die Fähigkeit zu lügen korreliert mit der Intelligenz: Je schlauer jemand ist, desto erfinderischer sind seine Ausreden.
  6. Hohe Intelligenz bürgt nicht unbedingt für untadeliges Verhalten.
  7. Je höher entwickelt die eigene Fähigkeit zur Täuschung, umso größer die Möglichkeit, die Täuschungsmanöver anderer zu durchschauen.
  8. Täuschungsmanöver erfordern psychischen Aufwand. Die Evolution hat allerdings einen Ausweg gefunden: Das Gehirn verschiebt die Wahrheit ins Unbewusste und versichert sich selbst, dass die Lüge der Realität entspricht. Um die Täuschung zu perfektionieren, gibt man sich der Selbsttäuschung hin.
  9. Verbreitet ist dieser Zug bei Menschen, die Macht anstreben oder ausüben. Einmal an der Macht, verstärken sich solche Selbsttäuschungsprozesse. Nach Trivers korrumpiert Macht unsere mentalen Prozesse fast auf der Stelle.
  10. Niemand in Machtpositionen ist davor geschützt, sich die Wahrheit im eigenen Interesse zurechtzubiegen.
  11. Ein Lamento darüber nützt nichts, vernünftiger ist es, sich darauf einzustellen, dass Täuschung und Selbsttäuschung evolutionär verwurzelt sind. Im Einzelfall können wir uns für die Wahrheit entscheiden.

Diskussion und Fazit

Das Buch öffnet uns die Augen, wie jeder von uns qua Evolution andere und sich selbst hinters Licht führen kann und das auch weidlich tut. Beispiele aus Biologie, Psychologie, Politik und Alltag machen die Lektüre anregend und oft überraschend. Trivers legt uns nahe, dass derjenige Erfolg hat, der sich für besser, schöner und klüger hält als er wirklich ist. Wäre diese Strategie nicht so erfolgreich gewesen, wären wir nicht eine solche Spezies von Aufschneidern.

Am interessantesten sind die beiden ersten Kapitel; sie enthalten den Kern von Trivers´ Ansatz und sind durch viele Beispiele anregend zu lesen. Besonders Kapitel 2 dürfte für viele Leser Überraschungen bieten. Die übrigen Kapitel sind kommentierte Beispiele zu Täuschung im individuellen, gesellschaftlichen politischen und wissenschaftlichen Kontext. Der Autor selbst betont, dass seine These, Selbsttäuschung biete selektive Vorteile, noch weiter experimentell untersucht werden muss.

Literatur

  1. So funktioniert die perfekte Lüge. Die Welt. 28.05.13.
  2. Trivers,Robert (1971): The evolution of reciprocal altruism. In: Quarterly Review of Biology, Band 46, 1971, S. 35-57.
  3. Trivers,Robert (2011): Deceit & Self-Deception. Fooling yourself the better to fool others. Allen Lane an imprint of Penguin Books.
  4. Roloff, Gisbert; Angielczyk, Andrzej und Barbara Zoeke (2014): Anleitung für Simulanten. Mankau Verlag. Murnau am Staffelsee.

Rezension von
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 24.09.2014 zu: Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen. Ullstein Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-550-08017-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16362.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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