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Anne-Kathrin Lück: Der gläserne Mensch im Internet

Cover Anne-Kathrin Lück: Der gläserne Mensch im Internet. Ethische Reflexionen zur Sichtbarkeit, Leiblichkeit und Personalität in der Online-Kommunikation. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 253 Seiten. ISBN 978-3-17-023440-6. 39,90 EUR.

Reihe: Forum Systematik - Band 45.
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Thema

Das Internet wird insbesondere von der jüngeren Bevölkerung intensiv zur Online-Kommunikation genutzt. Dabei hinterlässt sie vielfältige Datenspuren, gewollt in Form von selbst erstellten Profilen, aber auch ungewollt, z.B. durch Speicherung ihrer Daten durch Betreiber sozialer Netzwerke. Was macht Onlineangebote so attraktiv, dass viele Nutzer bereitwillig persönliche Daten preisgeben? Warum ist bei anderen ein Unbehagen an der Datenspeicherung zu beobachten? Wie ist die ungefragte Bewertung der Tätigkeit Dritter in Online-Bewertungsportalen wie spickmich oder hirtenbarometer ethisch einzuordnen?

Autor

Die Autorin ist Dipl.-Theologin. Sie promovierte 2012 mit der vorliegenden Arbeit am Institut für Sozialethik der Universität Zürich und arbeitet als Vikarin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Aufbau und Inhalt

Im Einleitungskapitel skizziert die Autorin das oben vorgestellte Thema und die von ihr genutzte (phänomenologisch)hermeneutische Methode.

Im zweiten Kapitel analysiert sie die Kommunikationsstrukturen und -abläufe sozialer Netzwerke und Online-Bewertungsportale.

Sodann untersucht sie im dritten Kapitel die interpersonelle Kommunikation aus anthropologischer Perspektive. Sie arbeitet hierbei heraus, welche Bedeutung der Leiblichkeit und der Sichtbarkeit des Menschen für die interpersonale Kommunikation zukommt. Sie nutzt dabei neben phänomenologischen auch theologisch-anthropologische Überlegungen, insbesondere zur Paradiesgeschichte (Gen. 2-3). An ihr macht sie die Relevanz von Scham und Schuld im Kontext der Sichtbarkeit deutlich.

Im vierten Kapitel werden die erarbeiteten Grundlagen nun für die Analyse der Probleme des gläsernen Menschen im Web 2.0 genutzt. Der erste Unterabschnitt widmet sich dem Zusammenhang von Online-Kommunikation und Sichtbarkeit sowie Leiblichkeit, der zweite geht der Attraktivität von Online-Kommunikationsangeboten unter den Aspekten der Lust an der eigenen Sichtbarkeit bzw. dem Unbehagen daran, gläsern zu sein, nach. Das fünfte Kapitel dient dazu, ethische Konsequenzen aus der Analyse des vierten Kapitels zu ziehen. Die Autorin konzentriert sich dabei auf Online-Bewertungsportale. Das Lehrerbewertungsportal spickmich hat zwar zu einer andauernden juristischen Diskussion geführt, aber ansonsten haben Online-Bewertungsportale noch keine tieferen wissenschaftlichen Untersuchungen erfahren. Es geht der Autorin hier vor allem darum, wie aus ethischer Perspektive die betroffenen Persönlichkeitsrechte zu bewerten sind, wobei der herausgearbeiteten Kategorie der Sichtbarkeit im Online-Kontext eine zentrale Rolle zukommt. Wie wirkt sich diese auf die Verhältnisbestimmung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung zum Recht auf freie Meinungsäußerung aus, die auch den juristischen Diskurs prägen? Neben spickmich wird noch das Online-Bewertungsportal hirtenbarometer kritisch bewertet, ehe die Arbeit mit einem „Fazit zu Online-Bewertungsportalen aus ethischer Sicht“ schließt.

Diskussion …

Die Schrift folgt einem originellen Ansatz, indem sie von den menschlichen Lebensbedingungen der Sichtbarkeit und Leiblichkeit ausgeht und den Begriff der Person dahin ausarbeitet, dass der Mensch Anspruch auf Anerkennung als individuell leibliches Lebewesen hat. Dies eröffnet die Möglichkeit, Online-Kommunikation als Mittel zur Verwirklichung der Lust an der eigenen Sichtbarkeit bzw. als Auslöser der Angst im Web ein gläserner Mensch zu werden zu beschreiben. Damit erreicht die Autorin ein Ziel ihrer Arbeit.

Mit diesem Ansatz gelingt es der Autorin jedoch nicht, das Problem des Persönlichkeitsschutzes im Web und insbesondere in Online-Bewertungsportalen befriedigend zu bearbeiten. Ihre Argumentation bleibt einseitig auf den Achtungsanspruch der Person als individuell leibliches Lebewesen fokussiert. Das Erfordernis, diesen Achtungs- oder Schutzanspruch mit dem Recht auf Meinungsfreiheit und dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit abzugleichen, nimmt sie nicht in Angriff. Der Schutz der Privatsphäre ist durch das BVerfG dadurch bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden, dass es dem durch Art 5 GG geschützten Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit Vorrang einräumt. Eine thematische oder funktionale Begrenzung der Berichterstattung und des Informationsinteresses schließt das BVerfG aus, indem es ausdrücklich auch die Unterhaltung in den Grundrechtsschutz des Art. 5 GG einbezieht. Wenn dem „Recht auf Unterhaltung“ eine für die Meinungsbildung relevante Funktion zugebilligt wird, lässt sich gegenüber einem Achtungsanspruch als individuell leibliches Lebewesen alles und nichts begründen. Die Autorin hätte für die hier erforderliche Grenzziehung an die jüngere Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, die Deutschland ein Defizit im Schutz der Privatsphäre bescheinigt hat, anknüpfen können. Zudem hätte sich das Kunsturhebergesetz als Parallele angeboten. Dort ist geregelt, wie das Recht des Individuums am eigenen Bild – also die Verfügung des Individuums über seine physische Sichtbarkeit – mit dem öffentlichen Informationsinteresse und dem der Meinungsfreiheit zum Ausgleich zu bringen sind. Gerade der von der Autorin gewählte Argumentationsansatz der Sichtbarkeit und Leiblichkeit hätte dessen Heranziehung nahe gelegt, denn Bildnisse einer Person dürfen nur mit dessen Einwilligung verbreitet werden (§ 22 S. 1 KUG), es sei denn, es handelt sich um Personen der Zeitgeschichte (§ 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG).

… und Fazit

Trotz der genannten Einwände kann die Arbeit insgesamt empfohlen werden. Die Herausarbeitung der menschlichen Lebensbedingungen der Sichtbarkeit und der Leiblichkeit ist gut gelungen und ihre Anwendung auf das Web äußerst fruchtbar. So kann die Autorin wesentliche Aspekte der Online-Kommunikation deutlich und verständlich machen. Hierzu zählt neben der Lust an der Sichtbarkeit und der Angst vor der Durchsichtbarkeit der eigenen Person im Web vor allem die Angewiesenheit der Online-Kommunikation auf die vorgängige Offline-Kommunikation. Auch bietet die Autorin interessante neue Einblicke in die persönliche Bedeutung der ungewollten Sichtbarkeit einer Person im Web durch Online-Bewertungsportale, die so bisher in die Diskussion noch nicht eingeführt worden sind.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 28.04.2014 zu: Anne-Kathrin Lück: Der gläserne Mensch im Internet. Ethische Reflexionen zur Sichtbarkeit, Leiblichkeit und Personalität in der Online-Kommunikation. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-023440-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16366.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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