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Tony Attwood: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom

Cover Tony Attwood: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein ; alles was weiterhilft. Trias (Stuttgart) 2012. 2. Auflage. 448 Seiten. ISBN 978-3-8304-6504-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Thema

Was bedeutet es die Diagnose Asperger-Syndrom zu bekommen? Tony Attwood beschreibt in seinem Buch den Weg von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Der Autor vertritt eine ressourcenorientierte Haltung, deshalb stehen im Mittelpunkt des Buches Dinge, die im Leben weiterhelfen.

Autor

Tony Attwood ist einer der weltweit bekanntesten Asperger-Experten. Menschen, die mit der Diagnose Autismus zu ihm kommen gratuliert er. Als klinischer Psychologe arbeitet er seit über 30 Jahren mit Betroffenen, die sich selber oft eher als „Aspies“ bezeichnen.

Aufbau und Inhalte

Das Buch umfasst 15 Kapitel auf 448 Seiten. Die erste Auflage erschien 2008, dies ist die zweite Auflage. Ganz nach der Manier des Triasverlages ist es systematisch und übersichtlich aufgebaut. Jedes Kapitel hat eine andere Farbe, die an jedem Seitenrand abgedruckt ist. Damit wird die Übersichtlichkeit und Orientierung erleichtert. Textboxen fassen Inhalte zusammen oder beinhalten Zitate mit O-Tönen „aus dem Leben“.

  1. Was ist das Asperger-Syndrom
  2. Die Diagnose
  3. Soziales Verständnis und Freundschaft
  4. Hänseln und Bullying
  5. Theory of Mind
  6. Gefühle verstehen und ausdrücken
  7. Spezialinteressen
  8. Sprache
  9. Kognitive Fähigkeiten
  10. Bewegung und Koordination
  11. Sensorische Empfindlichkeiten
  12. Leben nach der Schule
  13. Langfristige Beziehungen
  14. Psychotherapie
  15. Häufige Fragen

Anhang

Je 10 Regeln in den Klappentexten

Kapitel 1 erläutert, was das Asperger-Syndrom ist. Es zeigt auf, was im Vergleich zu Menschen, die nicht vom Autismus betroffen sind, anders ist. Es beschreibt Wege zur Diagnose und erläutert, warum es ratsam ist, eine Diagnose einholen. Es folgt die Beschreibung von Kompensations- und Anpassungsstrategien.

Kapitel 2 befasst sich mit der Diagnose an sich und damit wie die Diagnosekriterien entwickelt wurden. Es beleuchtet, wie häufig das Asperger-Syndrom vorkommt und enthält Fragebögen und Skalen. Diagnosekriterien ändern sich mit der Zunahme von Erkenntnissen. Attwood beschreibt die gegenwärtigen Diagnosekriterien des Asperger-Syndrom oder High-Functioning-Autismus. Dieses Kapitel endet mit der Frage, warum die Diagnose bei Mädchen oft schwieriger ist und wie sicher eine Diagnose ist.

Um das soziale Verständnis und Freundschaft geht es im 3. Kapitel. Kennzeichen des Asperger-Syndroms ist, das die Betroffenen oft zurückgezogen leben. Attwood untersucht soziale Fähigkeiten und beschreibt, warum Freundschaften so wichtig sind, was dazu beiträgt Freundschaften zu fördern und wie sich das soziale Verständnis entwickelt.

Menschen mit Autismus werden nicht selten gehänselt. Im 4. Kapitel Hänseln und Bullying unterscheidet der Autor Arten des Hänselns und definiert das Bullying. Nicht selten bleibt unerkannt, wenn Asperger-Kinder gemobbt werden. Es ist sehr wichtig, Strategien gegen Hänseln und Bullying zu kennen.

Im 5. Kapitel stellt Attwood das Konzept des Theory of Mind (ToM) vor. Es wird erläutert, was sich hinter dem Begriff verbirgt und welche Auswirkungen eine schwache Theory of mind im Alltag hat. Er erläutert Beispiele, wie ToM-Fähigkeiten gezielt gefördert werden können.

Im 6. Kapitel geht es um das Verstehen und Ausdrücken von Gefühlen unter dem Blickwinkel, was bei Menschen mit Autismus und Menschen ohne Autismus, den sog. Neurotypischen anders ist. Nach der Erklärung von Untersuchungsmethoden werden Themen wie Angststörungen, Depression, Wut und Liebe vertieft. Vorgestellt werden die sog. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), das affektive Lernen und Möglichkeiten der kognitiven Restrukturierung. Attwood nutzt einen sog. emotionalen Werkzeugkasten, durch den KVT-Strategien eingeübt werden können.

Das 7. Kapitel erläutert den Umstand, dass Menschen mit Autismus Spezialinteressen haben. Es wird beschrieben, wie sich diese Interessen entwickeln und welchen Zweck sie haben. Es wird der Frage nachgegangen, wie die anderen das Spezialinteresse sehen und wie man es beeinflussen kann.

Im Mittelpunkt von Kapitel 8 stehen die Sprache und deren Auffälligkeiten. Es ist eine Kunst Konversation betreiben zu können und es bedarf eines angepassten Umgangs mit den sprachlichen Besonderheiten.

Kapitel 9 beschreibt die kognitiven Fähigkeiten, welche Besonderheiten es gibt und welche Lernschwierigkeiten es in der Schule geben kann. Autisten haben eine schwache zentrale Kohärenz. Bei der Förderung der kognitiven Entwicklung nutzt man das visuelle Denken und besondere geistige Fähigkeiten.

Das 10. Kapitel Bewegung und Koordination beschreibt welche Auffälligkeiten es gibt und wie Bewegungsfähigkeiten verbessert werden können. Autisten zeigen unwillkürliche Bewegungen, Tics und können katatonisch verharren. Das Kapitel schließt mit der Empfehlung geeigneter Sportarten ab.

Im 11. Kapitel geht es um sensorische Empfindlichkeiten, besondere Über- oder Unempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, Berührungsempfindlichkeit, Geschmacks- und Geruchsempfindlichkeit, visuelle Empfindlichkeit und weitere sensorische Besonderheiten.

Im 12. Kapitel wird beschrieben, wie das Leben nach der Schule, in Studium und Beruf, weitergeht.

Das 13. Kapitel beleuchtet die Frage, wie langfristige Beziehungen aufgebaut werden können. Neben der Wahl des Partners werden auch mögliche Beziehungsprobleme angesprochen. Es geht darum, wie man Beziehung stärken kann. Abschließend geht der Autor der Frage nach, wie es ist, mit einem Elternteil mit Asperger-Syndrom zu leben.

In Kapitel 14 geht es um die Psychotherapie und insbesondere darum, was hilfreich ist und was nicht. Ziel einer Psychotherapie ist, herauszufinden, wer man ist und wie die eigene Identität gefunden und gestärkt werden kann. Das letzte Kapitel nimmt häufige Fragen auf wie z.B. welche Ursachen sind bekannt, wie und wann erklärt man dem Kind die Diagnose und wie wird die Zukunft aussehen. Das Buch endet mit dem Service und Anmerkungen, Literatur und Adressen, Webseiten und Buchtipps, Glossar und Stichwortverzeichnis. Der Covertext am Anfang des Buches enthält 10 Regeln für Asperger und der Covertext am Ende des Buches enthält 10 Regeln für Menschen ohne Asperger (die sog. Neurotypischen).

Diskussion

Tony Attwood ist mit Abstand einer der besten Autismus-Experten. Hervorstechend ist seine positive und lebensbejahende Grundhaltung, mit der er dem Autismus begegnet. Nicht umsonst gratuliert er seinen Klienten zur Diagnose Asperger-Syndrom. Er verfügt über vielfältiges Wissen und einen großen Erfahrungsschatz in der Arbeit mit Menschen aus dem autistischen Spektrum, die er seit über 30 Jahre begleitet. Attwood hat die Erkenntnis vorangetrieben, dass Autismus eine Normvariante des menschlichen Seins ist. Asperger ist kein Defizit, sondern „einfach eine andere Art, die Welt zu denken, zu fühlen und zu kommunizieren“ (Klappentext). Da kein Mensch normierbar ist sind alle Menschen Varianten einer Norm. Aus dieser Haltung heraus entwickelte er gemeinsam mit seinen Klienten bewährte Strategien. Die 10 Regeln auf dem Innencover am Anfang des Buches sind für Asperger geschrieben und die 10 Regeln im Innencover am Ende des Buches sind an Menschen ohne Asperger (sog. Neurotypischen) adressiert. Man könnte diese Regeln beispielsweise aufwandsarm kopieren und an einer exponierten Stelle aushängen, sodass sie als Erinnerungsstützen in Fleisch und Blut übergehen können.

In diesem Buch beschreibt Attwood vor allem Strategien in Bezug auf soziale und emotionale Kompetenzen. Praxisnah erläutert er, wie man sich einen individuell passenden emotionalen Werkzeugkasten bauen kann, der im Alltag hilfreich ist. Dieser Kasten enthält z.B. einen Hammer, der die Energieentladung unterstützt, einen Pinsel, der an Möglichkeiten der Entspannung erinnert oder einen Schraubenzieher, der sich hilfreicher Gedanken bedient. Menschen mit Autismus erleben häufig zu viel Stress. Der Werkzeugkasten enthält alltagsnahe greifbare Strategien zum Abbau von zu viel Stress. Neben Attwood als professioneller Experte kommen im Buch auch zahlreiche Betroffene als Experten in eigener Sache zu Wort. „Betroffene erzählen humorvoll und ermutigend, wie sie einen Weg gefunden haben.“ (Klappentext). Immer mehr Menschen aus dem autistischen Spektrum nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, schreiben Bücher, halten Seminare oder gründen Firmen und Vereine wie z.B. Auticon in Hamburg. Auticon sucht Stellen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, bei denen Autisten ihre Stärken nützlich einsetzen können. Es bedarf noch viel mehr solcher Initiativen!

Fazit

Alle Bücher von Tony Attwood sind uneingeschränkt zu empfehlen. Sie sind verständlich und übersichtlich aufbereitet und sprechen ein breites Spektrum an Themen an. Sie sind gut gegliedert und enthalten theoretisches und praktisches Wissen, ohne unzumutbare Bleiwüsten zu enthalten. Die Texte sind durch Bilder, farbige Überschriften und Boxen, die kurze Erklärungen, Zusammenfassungen und zahlreiche O-Töne mit dem Titel „aus dem Leben“ enthalten, aufgelockert. Der Titel dieses Buches „Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom, von Kindheit bis Erwachsensein: alles was weiterhilft“ hält was er verspricht. Der Autor schreibt über Stärken, verschweigt aber auch nicht, was im Alltag schwierig sein kann.

Er macht deutlich, dass Autismus ein Persönlichkeitsmerkmal ist, dass das Leben prägt. Attwood hat dazu beigetragen, die Betrachtung, dass Autismus als defizitäre Behinderung wahrgenommen wird, die im Vergleich zu nicht Behinderten bestimmt ist von einem Mangel an Fähigkeiten, eine einseitige Zuschreibung ist, die weder zutreffend noch zeitgemäß ist. Attwood beschreibt aus seiner ressourcenorientierte Haltung heraus, dass Asperger Autismus einfach eine andere Art des Denkens, der Wahrnehmung und der Kommunikation ist. Jeder Mensch hat Stärken und Möglichkeiten, jeder Mensch ist einzigartig!

An dieser Stelle möchte ich ein besonderes Lob aussprechen. Zum einen sind die Bücher aus dem Triasverlag, die ich zum Thema Autismus gelesen habe, sehr übersichtlich aufgebaut. Die Kapitel sind in sich geschlossen, was das Querlesen erleichtert. Zum anderen stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Dieses Buch kostet 30 EUR und dafür bekommt man 450 prall gefüllte Seiten, die verständlich geschrieben sind. Informationen sind so aufbereitet, sodass man sie unkompliziert in die Alltagspraxis übertragen kann wie z.B. den emotionalen Werkzeugkasten. Ich begrüße es sehr, dass es mittlerweile kein Problem mehr ist, Literatur zum Autismus-Spektrum zu finden. Leider gibt es viele Bücher, die schnell ungenutzt im Bücherschrank stehen, weil sie zu theorielastig sind oder Störungsbilder, Probleme und fehlende Kompetenzen in den Vordergrund rücken. Mit einem Buch von Tony Attwood kann das nicht passieren. Das Buch ist nicht nur für Professionelle und Angehörige, sondern auch für Asperger Autisten selber geschrieben. Jedem Käufer des Buches kann ich nur gratulieren!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 24.02.2014 zu: Tony Attwood: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein ; alles was weiterhilft. Trias (Stuttgart) 2012. 2. Auflage. ISBN 978-3-8304-6504-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16375.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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