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Rolf Gröschner (Hrsg.): Wörterbuch der Würde

Cover Rolf Gröschner (Hrsg.): Wörterbuch der Würde. UTB (Stuttgart) 2013. 402 Seiten. ISBN 978-3-8252-8517-3. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.

Reihe: UTB - 8517.
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Thema

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes, die vor allem als bewusste Antwort auf die systematische Menschenverachtung und Menschenvernichtungin der NS-Zeit gelesen werden muss, ist eine verbindliche, normativ verpflichtende Grundentscheidung für alles staatliche Handeln und für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Für Christen liegt die Begründung für die Unantastbarkeit der menschlichen Würde in der Gottesgesetzlichkeit (Theonomie) und insbesondere in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Es ist aber einleuchtend, dass mit religiösen Argumenten keine Normen begründet werden können, die auch für Personen gelten sollen, die die religiösen Annahmen nicht teilen. Der säkulare Staat verlangt nach nicht-religiösen Begründungen des Normgefüges. Verpflichtende Kraft kann indes auch die Begründung der Menschenwürde in der Tradition des Christentums, des Humanismus und der Philosophie der Aufklärung, insbesondere Kants, entfalten. Hier gründet die Würde des Menschen in seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung. In der Autonomie des Menschen, sich selbst Gesetze geben zu können, denen er sich verpflichtet weiß, liegt die Menschenwürde. Ist die Kantische Begründung der Menschenwürde, die dem Grundgesetz zugrunde liegt, aber noch ausreichend für die Klärung vieler wichtiger Fragen und Konflikte? Gibt die Menschenwürde uns nur eine Orientierung vor? Oder ist sie ein Auftrag, unsere Gesellschaft entsprechend zu gestalten? Oder ist das Konzept der Menschenwürde gar eine Leerformel, auf die man verzichten kann? Gibt es Gründe, dieses Konzept zu überdenken?

Was wir heute unter Menschenwürde verstehen sollen, ist keineswegs eindeutig und klar. Es gibt eine Menge von Herausforderungen und Fragen, denen wir ratlos oder doch zumindest verstört gegenüberstehen. Es gibt viele Felder, auf denen um das richtige Verständnis von Menschenwürde gerungen wird: In der Bioethik ist es die Frage nach dem Beginn des Lebens und der Würde des Embryos, die unterschiedliche Antworten findet. Wie weit reicht eigentlich die Forschungsfreiheit und in welchem Verhältnis steht sie zur Achtung der Menschenwürde? Ist das Hirntodkonzept der Transplantationsmedizin noch haltbar? Sind lebende Hirntote noch Menschen? Gehört zum angemessenen Verständnis der Menschenwürde nicht auch das menschenwürdige Dasein? Wann beginnen Armut und Arbeitslosigkeit, die Menschenwürde zu beeinträchtigen? Entspricht es der Würde, wenn die Bekämpfung des Alterns und des Todes und die Lebensverlängerung um jeden Preis vorrangige Ziele der Medizin des Alterns sind? Dürfen wir das in der globalisierten Welt immer wichtiger werdende Freiheitsrecht auf kulturelle Identität infrage stellen, wenn wir für Menschenwürde eintreten? Was an Integrationsleistungen darf von Migranten ohne Einbuße an Identität und Menschenwürde eingefordert werden? Ist es sinnvoll, den Würdebegriff auf jede Kreatur anzuwenden, oder reicht es aus, die freie Anerkennung der apersonalen Subjektivität der Tiere als konstitutiv für die Menschenwürde anzusehen? Massentierhaltung und Tierversuche ließen sich auch auf dieser Grundlage ablehnen. Wie steht es um den Schutz der Privatsphäre im Internet und überhaupt in der digitalen Ära? Bleibt die Menschenwürde in der Datenwelt auf der Strecke?

Auf alle diese und noch wesentliche andere Fragen und Problemkomplexe des Begriffs der Menschenwürde kann man im Wörterbuch der Würde Antworten, Überlegungen, Ansichten, Gedanken, Anregungen und Entwürfe finden. Das ist nicht wenig.

Herausgeber

Die Herausgeber vertreten die Fächer Recht (R. Gröschner), Philosophie (A.Kapust) und Politikwissenschaft (O.W. Lembcke) und haben somit gute Bedingungen, um zentrale Aspekte der Thematik kompetent beurteilen zu können. Sie wollen, wie sie im Vorwort betonen, mit ihrem Wörterbuch einer Entwertung des Wortes Würde durch „undisziplinierte“ Verwendung und inflationären Gebrauch entgegenwirken und somit den Wert des Würdebegriffs durch sinnvollen Gebrauch erhalten. Für diesen Zweck gelang es den Herausgebern, durchweg kompetente und namhafte Autoren aus dem Inland, aber auch aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Österreich, Polen, der Schweiz und den USA zu gewinnen, die zumeist an Universitäten lehren. Die insgesamt 241 Beiträge des Wörterbuches (Angabe des Klappentextes) werden dabei in deutscher Sprache präsentiert. Folgt man dem Vorwort, so ist es unter den Herausgebern die Philosophin Antje Kapust gewesen, die die Idee zu diesem Wörterbuch der Würde hatte und mit wesentlichen Vorarbeiten zu dessen Verwirklichung beigetragen hat; außerdem ist sie mit zahlreichen Artikeln und Übersetzungen vertreten.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Das erste Kapitel des Buches thematisiert die Ideengeschichte des Würdebegriffes. Die antike Philosophie (Platon, Aristoteles, Stoa und Cicero), die Mittelalterliche Theologie (u. a. Origenes, Gregor von Nyssa, Augustinus, Albertus Magnus, Thomas von Aquin), Renaissance und Reformation (u. a. Salutati, Manetti, Ficino, Pico della Mirandola, Luther und Calvin), das Neuzeitliche Naturrecht (u. a. Grotius, Hobbes, Pascal, Locke, Rousseau), der Deutsche Idealismus (u. a. Kant, Schiller, Fichte, Hegel) sowie Materialismus und Existenzialismus (u. a. Feuerbach, Marx, Scheler, Jaspers, Bloch, Plessner) werden in kurzen Artikeln auf knapp 40 Seiten vorgestellt.

Was Moderne Theorien zum Thema der Würde beitragen, wird im zweiten, circa 65 Seiten umfassenden Kapitel dargestellt. Hier finden wir Beiträge u. a. über Body Politics, zur Diskursethik, zur Empowerment-Theorie, zur Systemtheorie über Responsivität sowie u. a. zu Taylor, Rawls, Dworkin, Rorty, Levinas, Agamben und Walzer.

Leitbegriffe, welche die Diskussion um die Würde prägen, werden auf circa 88 Seiten im dritten Kapitel diskutiert. Hier eine kleine Auswahl: Anerkennung, Autonomie, Bedürfnis, Demütigung, Eigentum, Erniedrigung, Existenz, Körper/Leib, Kreatur, Leibliches Selbst, Menschlichkeit, Säkularisierung, Selbstachtung, Toleranz, Verantwortung, Verletzlichkeit.

Den größten Umfang beansprucht mit circa 175 Seiten die Aufarbeitung der mit dem Würdebegriff verbundenen Problemfelder. Bio-/Lebenswissenschaften, Feminismus/Gender, Interkulturalität, Medizin, Medien, Neurowissenschaften, Politik, Recht, Soziales/Gesellschaft, Technik, Tier, Umwelt und Wirtschaft lauten die einzelnen aus mehreren Artikeln bestehenden Felder. Im Feld der Medizin, um ein Beispiel zu geben, heißen die Artikel: Arzt-Patienten-Verhältnis, Behindertenrecht, Enhancement (Verbesserung des Aussehens oder der Fähigkeiten), Gesundheitsrationierung, Hirntod, Organtransplantation, Palliativmedizin, Patientenautonomie, Patientenverfügung, Pflege, Schwangerschaftsabbruch, Sterben, Sterbeprozess, Trauma und Wachkoma.

Aus den Leitbegriffen möchte ich einen von Antje Kapust und Bernhard Waldenfels geschriebenen Artikel über „Leibliches Selbst“ kurz in seiner Relevanz für den Begriff der Menschenwürde vorstellen.

Das Konzept der Leiblichkeit, das die Dichotomie von Körper und Geist überwindet, sieht in der Leiblichkeit und dem leiblichen Selbst eine spezifische Doppelseitigkeit. Das leibliche Selbst ist einerseits als äußeres Körperding sichtbar, andererseits ist es als gelebtes Selbst sehend: Ich sehe, nicht meine Augen. Als leibliches Selbst (ich bin mein Leib) ist es an der Erzeugung der Welt beteiligt, während es als Körper (ich habe einen Körper) zu der Welt des Daseins gehört. Ein Jemand, der nicht Etwas wäre, also ein leibliches Selbst ist, bringt in seiner Leiblichkeit, Affektivität, Empfindungen, Motoriken, Körperschemata, Habitualitäten, Motivationsvermögen und responsive Fähigkeiten (wir antworten mit unserem Verhalten immer auf Ansprüche) mit sich. Solche Leiblichkeit macht deutlich, warum man sich durch einen Nacktscanner in seiner innersten Intimität, also in seiner Würde, verletzt fühlen kann, obwohl doch „nur“ die äußere Seite eines Körperdings erfasst wird. Es wird nicht ein Jemand verletzt, sondern immer ein leibliches Selbst in seiner Einzigartigkeit. Die Thematik der Leiblichkeit eröffnet den Blick auf viele und unterschiedliche Arten der Verletzlichkeit des Menschen und kann auch die herkömmlichen Trägerbegriffe von Menschenwürde wie Subjekt/Person, Individuum und Mensch einer Neubewertung unterziehen.

Ein Autorenverzeichnis, ein Personenregister und ein für ein solches Buch unbedingt erforderliches Sachregister, das dabei hilft, das Werk in seinem in den einzelnen Artikeln enthaltenen Reichtum zu erschließen, geben der Edition einen runden Abschluss. Angemerkt sei hier noch, dass die formale Gestaltung des Buches, insbesondere die Seitennummerierung, sehr gelungen ist und die für ein Nachschlagewerk wichtige Handhabbarkeit gewährleistet. Da jeder Artikel mit knapp gehaltenen Literaturangaben versehen ist, kann sich der Leser, so er will, mit der jeweiligen Thematik vertieft beschäftigen.

Fazit

Wer in der sozialen Welt tätig ist, ob als Mitarbeiter einer Einrichtung oder eines Dienstes oder in der Verwaltung einer Institution oder in Ausbildung und Lehre, der wird in seiner täglichen Arbeit immer wieder mit Fragen und Problemen konfrontiert werden, bei denen es wichtig ist, den „Dingen“ auf den Grund zu gehen, einmal innezuhalten und sich über Maßstäbe und Orientierungen für sein Handeln zu vergewissern. Vor allem dafür ist das Handbuch der Würde besonders geeignet.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 18.02.2014 zu: Rolf Gröschner (Hrsg.): Wörterbuch der Würde. UTB (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8252-8517-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16381.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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