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IGfH-Arbeitsgruppe: Argumente gegen geschlossene Unterbringung und Zwang in den Hilfen zur Erziehung

Rezensiert von Anne-Laura Weißleder, 17.07.2014

Cover  IGfH-Arbeitsgruppe: Argumente gegen geschlossene Unterbringung und Zwang in den Hilfen zur Erziehung ISBN 978-3-925146-85-5

IGfH-Arbeitsgruppe: Argumente gegen geschlossene Unterbringung und Zwang in den Hilfen zur Erziehung. Für eine Erziehung in Freiheit. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2013. 104 Seiten. ISBN 978-3-925146-85-5. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.
Reihe: Grundsatzfragen - 50
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Thema

In jüngerer Zeit findet die geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe wieder vermehrt Anklang in Diskursen und Anwendung in der Praxis. Dies nimmt die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IgfH) zum Anlass erneut Argumente gegen diese Form der erzieherischen Hilfen zu publizieren und ihre Position zu vertreten.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort ist der Band in die vier großen Themenbereiche unterteilt:

  1. Der Streitfall geschlossene Unterbringung,
  2. Geschlossene Unterbringung: Begründungen, Empirie, pädagogische und strukturelle Gegenargumente,
  3. Rechtliche Argumente gegen geschlossene Unterbringung und
  4. Schlussbemerkung

Im ersten Teil nähern die AutorInnen sich dem Thema, indem sie festlegen, was in dem Band unter den Begriffe „geschlossene Unterbringung“ und „freiheitsentziehende Maßnahmen“ verstanden werden soll. Es werden Formen der geschlossenen Unterbringung vorgestellt und den LeserInnen so verdeutlicht, dass es in der heutigen Jugendhilfelandschaft neben geschlossenen Heimen weitere Formen von freiheitsentziehenden Maßnahmen oder Zwängen gibt, zu denen beispielsweise Time-Out-Räume oder die Regularien innerhalb von Jugendhilfeeinrichtung zählen.

Die AutorInnen stellen die heutigen Verhältnisse denen der stark kritisierten Erziehungsformen zur Zeit der DDR gegenüber und bezeichnen die heutige Situation als „Renaissance freiheitsentziehender Maßnahmen am Ende des 20. Jahrhunderts“ (S.35). Diese Entwicklung wird vor einem rechtlichen und politischen Hintergrund betrachtet. In die Argumentationslinie werden Elemente der aktuellen Gesetzgebung und der Kinder- und Jugendhilfeberichte eingeflochten.

Im zweiten Abschnitt stellen die AutorInnen die Begründungen vor, die heutzutage für geschlossene Unterbringungen vorgebracht werden. Sie legen in diesem Abschnitt weiterhin dar, dass es seit der scharfen Kritik an den geschlossenen Unterbringungsformen zu Zeiten der DDR keine neuen Erkenntnisse gibt, die irgendeiner Form freiheitsentziehender Maßnahmen Erfolge nachweisen könnte.

Auch aus pädagogischer Sicht führen die AutorInnen Argumente an, die gegen den Erfolg von Maßnahmen sprechen, die unter Zwang oder sogar in geschlossenen Kontexten durchgeführt werden. Hierzu zählen z.B. die Partizipation der jungen Menschen oder auch die im Kinder- und Jugendhilfebericht postulierte Lebensweltorientierung.

Im dritten Abschnitt zu den rechtlichen Argumenten führen die AutorInnen den LeserInnen vor Augen, dass nicht nur keine gesetzliche Legitimation für geschlossenen Unterbringungen und Freiheitsentzug gibt, sondern solche Formen der Erziehung sogar dem Gesetz entgegenstehen. Hannelore Häbel zeichnet die Entwicklung der Gesetzeslage nach und kommt zu der fachlich begründeten Konsequenz, dass geschlossene Unterbringung rechtlich unzulässig ist.

In den Schlussbemerkungen verdeutlichen die AutorInnen ihre Position und führen die Kernargumente noch einmal auf. Auch ihr Fazit wird deutlich formuliert: Geschlossene Unterbringung soll gesetzlich verboten werden. Sie plädieren für höhere Investitionen, um die Kinder- und Jugendhilfelandschaft für „schwierige Fälle“, die potentiell geschlossen untergebracht werden könnten, zu rüsten und den jungen Menschen so die Möglichkeit zu geben, in Freiheit und ohne Zwang erzogen zu werden.

Diskussion

Den AutorInnen gelingt es, den LeserInnen eine schlüssige Argumentation gegen jegliche Formen von freiheitsentziehenden Maßnahmen und Zwangselementen in der Kinder- und Jugendhilfe darzubieten. Sie greifen die Argumente der Fürsprecher auf und widerlegen diese anhand von gut begründeten und nachvollziehbaren Argumenten aus pädagogischer, rechtlicher und empirischer Sicht. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass dieses polarisierende Thema im besprochenen Band nur aus einer Perspektive vertreten wird. Auch wenn die Begründungen der Gegenseite im Band Beachtung finden, so nur, um in der weiteren Argumentation widerlegt zu werden.

Fazit

Der Band ist LeserInnen zu empfehlen, die sich bislang noch nicht tiefgehend mit der Thematik der geschlossenen Unterbringung befasst haben, um einen Einblick über die verschiedenen Facetten freiheitsentziehender Maßnahmen zu erhalten. Aber auch LeserInnen, die in ihrer beruflichen Laufbahn schon einmal mit solch einer Unterbringung in Berührung gekommen sind, ist der Band nahezulegen, um sich und ihre Tätigkeit zu reflektieren. Auf jeden Fall regt der Band zum Nachdenken an und hält den LeserInnen die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich vor Augen. Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Blickwinkeln auf das Thema eignet sich die Publikation allerdings nicht.

Rezension von
Anne-Laura Weißleder

Es gibt 10 Rezensionen von Anne-Laura Weißleder.

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Zitiervorschlag
Anne-Laura Weißleder. Rezension vom 17.07.2014 zu: IGfH-Arbeitsgruppe: Argumente gegen geschlossene Unterbringung und Zwang in den Hilfen zur Erziehung. Für eine Erziehung in Freiheit. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-925146-85-5. Reihe: Grundsatzfragen - 50. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16386.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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