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Iris Enchelmaier: Abschied vom Kinderwunsch

Cover Iris Enchelmaier: Abschied vom Kinderwunsch. Ein Ratgeber für Frauen, die ungewollt kinderlos geblieben sind. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2004. 159 Seiten. ISBN 978-3-7831-2375-3. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Einführung

Mitte der 90er Jahre erschien in Deutschland erstmalig ein Buch zum Thema "Abschied vom Kinderwunsch". Das gleichnamige Buch der amerikanischen Sozialarbeiterin Linda Hunt Anton wurde allerdings nur einmalig aufgelegt und ist bereits seit einigen Jahren nicht mehr erhältlich. Offensichtlich ist die Auseinandersetzung mit einem solchen "Nicht-Ereignis" nicht sonderlich populär. Umso erfreulicher ist es, dass sich nun eine deutsche Autorin diesem Thema gewidmet hat.

Die Autorin

Iris Enchelmaier studierte nach einer Ausbildung als Krankenschwester Sozialpädagogik und Journalistik. Sie arbeitet als freie Journalistin und Bildungsreferentin.

Thema des Buches

Der Ratgeber von Enchelmaier richtet sich an ungewollt kinderlose Frauen, die sich mit der Möglichkeit eines Lebens ohne Kinder auseinandersetzen müssen. Das Buch ist einfühlsam und dabei erfrischend konkret geschrieben. Durchgängig werden theoretische Hinweise der Autorin untermauert mit Zitaten betroffener Frauen. Diese direkten Bezüge auf das Erleben und die Erfahrungen Betroffener regen nicht nur zum Weiterlesen an, sondern machen das Buch zudem leicht lesbar. Obwohl das Buch vor allem für Frauen geschrieben ist, wird in einigen Abschnitten auch auf die Dynamik von Paaren eingegangen.

Der Ratgeber ist in vier Abschnitte gegliedert.

Im ersten Teil werden Anregungen gegeben, wie man einen stimmigen Schlusspunkt für das Hoffen auf ein Kind erkennen kann. Hierzu zählen u.a. Hinweise auf körperliche und seelische Signale, die eine Fixierung auf ein nicht in Erfüllung gehendes Lebensziel aufzeigen können, die Empfehlung, ambivalente Gefühle zuzulassen und darüber mit dem Partner ins Gespräch zu kommen, die eigene Wertehierarchie zu überprüfen und, ein Aspekt der meiner Erfahrung nach zu Recht in diesem Buch immer wieder angeregt wird, Kontakt und Austausch mit Betroffenen zu suchen.

Im zweiten Teil werden anhand vieler Beispiele Trauererfahrungen von Frauen dargestellt und kommentiert. Die Autorin beschreibt auch, wie schwierig das Ausleben von Trauer in unserer Gesellschaft im Allgemeinen ist und zeigt deutlich auf, dass die Trauer um ein nicht geborenes Kind weder für Betroffene noch für Außenstehende leicht fassbar und daher noch diffiziler ist. Anders als bei anderen Verlusterfahrungen gibt es, so die Autorin, für "... Kinder, die nur im Herzen gelebt haben, ... keinen Ort des Gedenkens, kein Abschiedsritual". Betroffene stehen daher vor der Aufgabe, eigene Umgangsweisen für die Bewältigung dieser Trauererfahrung zu entwickeln, wovon die Autorin mehrere aufzählt:

  • Rituale,
  • eine Anerkennung der Mühen und Leistungen, die man für den Kinderwunsch auf sich genommen hat,
  • eine erneute Bestätigung der Paarbeziehung, die nun ohne Kinder bestehen bleibt
  • und eine Aussprache über Verletzungen mit dem Partner.
  • Auch konkrete Veränderungen wie beispielsweise die Neugestaltung des Zimmers, welches als Kinderzimmer gedacht war oder das Verschenken von Kinderkleidern, die vielleicht schon gekauft waren, und ein Blick auf Frauen, die ebenfalls ungewollt kinderlos blieben, werden als Tipps aufgeführt.

Des weiteren wird auf die Bedeutung psychosozialer Hilfen eingegangen. Hier wird nicht nur ausführlich auf Hilfestellung im Rahmen von Selbsthilfegruppen und therapeutischer Einzel- und Paarbegleitung hingewiesen, die Autorin gibt auch Hinweise zum eigenen "Ausprobieren und Experimentieren" und beschreibt Einstellungen und Motive, die die Abschiedsarbeit erleichtern oder erschweren können.

Der dritte Abschnitt ist dem Leben ohne Kind gewidmet. Hier geht die Autorin zunächst auf geschlechtsspezifische Unterschiede der individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung von Kindern aus. Sie verdeutlicht, dass Männer sich auch weiterhin vor allem über ihr Erwerbsleben und ihren Beruf, Frauen über Kinder definieren: "Vater wird man, Mutter ist man". Diese Unterschiede zeigen sich auch in der Verarbeitung der Kinderlosigkeit, hinzukommen geschlechtsspezifische Krisenbewältigungsmuster. Enchelmaier räumt hier mit dem Vorurteil auf, dass Männer kaum oder gar nicht um die bleibende Kinderlosigkeit trauern und beschreibt, dass ihre Trauer andere Formen hat als die von Frauen. Sie spricht sich dafür aus, die Unterschiedlichkeit als Chance wahrzunehmen und sowohl männliche Umgangsweisen, die eher pragmatisch und rational geprägt sind, als auch weibliche Bewältigungsmuster, also die Suche nach Austausch und Empathie, zuzulassen. Zudem erklärt sie, dass der Partner nicht immer in der gleichen Phase der Trauerverarbeitung ist, so dass auch hier unterschiedliche Bedürfnisse entstehen. Eine Reihe von Hinweisen für Paare zielt darauf, diese Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und damit konstruktiv umzugehen. Auch wird der Umgang mit den Schuldgefühlen des Diagnoseträgers, als desjenigen Partners, bei dem die Unfruchtbarkeit diagnostiziert wurde, und mit dem sozialen Umfeld angesprochen. Ein spannender Teil dieses Kapitel ist der "Entmystifizierung der Mutterrolle" gewidmet. Hier ist es der Autorin gelungen, auch die negativen Seiten der Mutterrolle, beispielsweise die anstrengende Zeit nach der Geburt, die Isolierung von "Nur-Müttern", die nicht immer einfache Umstellung von der Dyade der Partnerschaft zur Triade mit Kind, das nach wie vor herrschende Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen bei Haus- und Familienarbeit und auch gesellschaftspolitische Benachteiligung wie beispielsweise schlechtere Bezahlungen von Frauen so anzusprechen, dass sie von kinderlosen Frauen leicht angenommen werden können. Als letztes wird in diesem Teil das heikle Thema der Sexualität angesprochen. Ungewollte Kinderlosigkeit bedeutet für die meisten Paare früher oder später auch Schwierigkeiten im sexuellen Bereich, denn der Geschlechtsverkehr wird nur noch als Mittel zum Zweck eingesetzt. Lustvolle und spielerische Elemente von Sexualität treten in den Hintergrund und der Liebesakt wird zur monatlichen Pflicht. Am Ende der medizinischen Behandlung sind viele Paare daher mit einem desolaten Liebesleben konfrontiert. Die Autorin gibt hier Empfehlungen, die teilweise angelehnt sind an sexualtherapeutische Interventionen (z.B. gegenseitiges Streicheln ohne Geschlechtsverkehr), aber auch die spezifische Erfahrung der ungewollten Kinderlosigkeit mit einbeziehen (z.B. der Verzicht zum Verkehr an den früheren "Pflicht"-Tagen um den Eisprung).

Im letzten Teil zeigt Enchelmaier Anregungen für ein Leben ohne Kinder auf. Dabei geht sie auf die in diesem Zusammenhang typischen und wichtigen Bereiche ein. Sie gibt Beispiele dafür, wie man in sein Leben ohne eigene Kinder dennoch für Kinder da sein kann, wie man eine Portion gesunden Egoismus entwickeln und eigene Bedürfnisse verfolgen kann, wie ein Leben im Alter ohne Kinder gestaltet werden kann oder man einem adoptierten Kind ein Zuhause geben kann. Besonders lesenswert ist in diesem Teil der Bericht einer 81-jährigen Frau, die kinderlos geblieben ist.

Im Anhang ist ein kurzes Glossar mit den wichtigsten reproduktionsmedizinischen Fachbegriffen sowie eine Auflistung zahlreicher Anlaufstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Zielgruppen

Der Ratgeber ist vor allem für Frauen geschrieben, die kinderlos geblieben sind. Ebenso lesenswert ist er für ihre Partner, denn in vielen Kapiteln wird auch auf die Bedeutung der Kinderlosigkeit für die Partnerschaft hingewiesen. Auch für Fachkräfte, die sich in dieses Thema einlesen möchten, ist das Buch geeignet.

Fazit

Obwohl zum Thema ungewollte Kinderlosigkeit in den letzten Jahren viele Ratgeber erschienen sind, ist es zurzeit das einzige Buch, welches sich dem Thema Abschied vom Kinderwunsch widmet. Viele Paare bleiben auch nach medizinischer Unterstützung kinderlos. Dieses Buch schließt für Betroffene eine wichtige Lücke in der vorhandenen Literatur.


Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
Homepage www.pthorn.de
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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 14.12.2004 zu: Iris Enchelmaier: Abschied vom Kinderwunsch. Ein Ratgeber für Frauen, die ungewollt kinderlos geblieben sind. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-7831-2375-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1639.php, Datum des Zugriffs 17.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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