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Hans-Peter Müller, Steffen Sigmund (Hrsg.): Max Weber-Handbuch

Cover Hans-Peter Müller, Steffen Sigmund (Hrsg.): Max Weber-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2014. 480 Seiten. ISBN 978-3-476-02432-9. D: 59,95 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 81,00 sFr.
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Thema

Ist es übertrieben, Max Weber als „Sigmund Freud der Soziologie“ zu bezeichnen? Im Jahr 2014 wurde der 150. Geburtstag des Heidelberger Gelehrten begangen, der wie kein zweiter die Anfänge der Soziologie prägte und dessen Aktualität in den Sozial- und Kulturwissenschaften unablässig diskutiert wird. Dabei soll gar ein eigentliches „Max Weber-Paradigma“ entstehen, dessen Kern seine theoretischen und methodologischen Grundannahmen enthält. Sein früher Tod hinderte Weber daran, sein Werk nach eigenen Vorstellungen zu veröffentlichen. Aber mit der Max Weber-Gesamtausgabe ist es sehr gut erschlossen. Das vorliegende Handbuch bietet hierzu eine willkommene Orientierung.

Herausgeber

  • Hans-Peter Müller ist Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Steffen Sigmund ist Akademischer Direktor am Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort der beiden Herausgeber setzt das Handbuch mit vier kurzen Unterkapiteln mit biografischen Erläuterungen zu Person und Werk ein. 41 Beiträge erschliessen sodann auf knapp 130 Seiten die Begrifflichkeit in alphabetischer Reihenfolge von ‚Arbeit und Beruf‘ bis ‚Wirtschaft‘. Es folgt das Hauptkapitel ‚Werke und Werkgruppen‘. Es ist nicht genealogisch, sondern, angelehnt an die Max Weber-Gesamtausgabe, systematisch in folgende sechs Abschnitte gegliedert:

  1. Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Antike und des Mittelalters
  2. Sozial-, Politik- und Wirtschaftsverfassung Deutschlands und Europas
  3. Wissenschaftslehre
  4. Religionssoziologische Werke
  5. Wirtschaft und Gesellschaft – Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte
  6. Weitere Schriften

Auf den folgenden sechzig Seiten werden Aspekte dieses Werks in zehn weiteren Unterkapiteln diskutiert. Thematisiert werden hier Moderne, Bürokratie, Nationalstaat, Gouvernementalité und Governance, Entzauberung und Säkularisierung, Kapitalismus, Recht, Bürgertum, Arbeit und Beruf sowie Erziehung.

Abschliessend bietet der Anhang eine Zeittafel, einen Überblick über die Max Weber-Gesamtausgabe, eine Auswahlbibliographie, ehe Angaben zu den Autorinnen und Autoren sowie ein Personenregister das Handbuch beenden.

Inhalt

Hans-Peter Müller und Steffen Sigmund geben im Vorwort die Absicht bekannt, die sie mit der Herausgabe des Handbuchs verfolgen: „Nicht disziplinäre Denkmalpflege oder ritualisierte Selbstvergewisserung sollten die Auseinandersetzung mit seinem Werk leiten, sondern Person und Werk bieten eine Fülle von theoretischen Herausforderungen und intellektuellen Anregungen, die eine intensive intellektuelle und forschungsorientierte Auseinandersetzung geradezu erzwingen. Webers Arbeiten sperren sich in gewisser Weise einer rein historischen Rekonstruktion und gewinnen ihre Kraft erst in Bezugnahme auf aktuelle Problemstellungen und theoretische Entwicklungen“ (S. IX). So plausibel dieses Vorhaben klingt, so wenig umstandslos dürfte es zu verwirklichen sein. Dabei ist zu vergegenwärtigen, in welcher Zeit Weber lebte, denn seine Geburt liegt über anderthalb Jahrhunderte zurück und erfolgte bloss zwanzig Jahre nach jener Nietzsches und acht Jahre nach jener Freuds.

Weber erlebt zunächst gesellschaftliche Verhältnisse, die von Bismarck geprägt sind, dem – von 1871 bis 1890 – ersten Reichskanzler des Deutschen Reiches. Webers Werk entfaltet sich dann aber vor allem in der Zeit, als Wilhelm II. – von 1888 bis 1918 – als letzter deutscher Kaiser wirkt. „Seither driften die Modernisierungskräfte in Gestalt von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik auf der einen Seite und die reaktionären Beharrungskräfte in Gestalt von Kaiser, Adel und Militär auf der anderen Seite in der wilhelmininischen Gesellschaft immer weiter auseinander. Größe und Elend des Kaiserreichs treten somit deutlicher hervor. Es geht um weitere Traditionalisierung und Feudalisierung oder Modernisierung und Industrialisierung im Kampf zwischen dem preußischen Adel und dem erstarkenden Bürgertum und der Arbeiterklasse“ (S. 1). Weber soll also noch die Urkatastrophe des europäischen 20. Jahrhunderts und das Ende der Herrschaft der Hohenzollern miterleben. Das fordert seine nationalliberale Gesinnung heraus. Er interessiert sich mit Blick auf Politik, Recht und Verwaltung für Herrschaft, eingebettet in die Dynamik von Wirtschaft und Technik und die Sinnquellen aus Religion, Wissenschaft und Kultur. In diesen Perspektiven schweift sein Blick über die antike, mittelalterliche und moderne Gesellschaft. Darum ist er ebenso Mensch seiner Zeit wie Vorbote unserer Zeit. „Gerade weil Weber als Kind seiner Zeit einerseits ein wilhelminischer Mensch ist, andererseits aber sein Interesse als moderner Mensch auf die Ambivalenzen, Widersprüche und Konflikte der Moderne richtet, steht er uns fern und ist uns fremd, um zugleich nah und vertraut zu erscheinen. Er wirkt fern und fremd, weil die genuinen Probleme und Spannungen des wilhelminischen Kaiserreichs heute allenfalls noch ein historisches Interesse zu wecken vermögen. Er wirkt überraschend nah und vertraut, wenn er, über den Tellerrand seiner wilhelminischen Zeit hinausblickend, die Eigenart und Einzigartigkeit der modernen Gesellschaft im Werden kongenial in Augenschein zu nehmen vermag“ (S. 2).

Weber wird als erstes von acht Kindern in eine grossbürgerliche Familie hinein geboren. In frühester Jugend schon liest er Schopenhauer, Spinoza, Kant sowie die griechischen und lateinischen Klassiker. Wie der Vater wird er Jurist und betreibt Politik. Erst 29-jährig, wird er ausserordentlicher Professor für Handels- und deutsches Recht in Berlin, ehe er Professuren für Nationalökonomie ein Jahr darauf in Freiburg und weitere zwei Jahre nachher in Heidelberg antritt. Fulminant also beginnt Webers universitäre Karriere, ebenso jäh soll sie enden: Ein vor dessen Tod nicht mehr wieder gut gemachtes Zerwürfnis mit dem Vater lässt Weber bereits 1898 nervlich zusammenbrechen. Er erholt sich nur sehr langsam und scheidet in der Folge 1903 aus seinem Heidelberger Amt und wird zum Privatgelehrten, dem in dieser misslichen Lage das reichliche Erbe seiner Frau zu Hilfe kommt. „Für Weber markierte diese Phase eine tiefe Zäsur in seinem Leben. Nach dem titanenhaften Aufstieg des Götterlieblings des wilhelminischen Wissenschaftssystems folgte der tiefe Absturz in Krankheit und Depression, von der er sich zwar erholen sollte, aber nie mehr genesen konnte“ (S. 4). 1904 klinkt er sich wieder in den Wissenschaftsbetrieb ein. In diesem Jahr erscheint bereits sein berühmtestes Werk, die „Protestantische Ethik“, in dem er die These der Wahlverwandtschaft von Protestantismus und Kapitalismus verficht. 1909 gründet er die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mit und nennt sich fortan konsequent Soziologe. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird er in Heidelberg als Reserveoffizier in das örtliche Lazarett eingezogen, die deutsche Niederlage am Ende erschüttert ihn. 1919 zählt er zur deutschen Friedensdelegation in Versailles und kehrt angesichts des ausgehandelten Knebelvertrags besorgt zurück. Er wird Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei und leistet seinen Beitrag zur Weimarer Reichsverfassung. 1918 in Wien und 1919 in München übernimmt er sogar wieder Lehrstühle für Nationalökonomie, doch erneut beendet eine dieses Mal tödliche Krankheit sein universitäres Engagement. Im Sommer 1920 stirbt Weber an einer zu spät behandelten Lungenentzündung. Nicht verschwiegen werden kann und soll neben diesem „Vorzeige-Weber“ der „Fluchtmensch“ (S. 6), der Alkohol und Drogen zusagt, vor Kriegsbeginn Sympathie für die Lebensreformer auf dem Monte Veritá im Schweizer Kanton Tessin entwickelt und gegen Ende seines Lebens aussereheliche erotische Leidenschaften entdeckt. Sein Leben war ein Kampf zwischen Askese und Leidenschaft. „Dieser tragische Grundzug kehrt denn auch in seinem Werk wieder“ (S. 6).

„Als Max Weber im Jahre 1920 plötzlich und unvermutet stirbt, ist die Bestürzung seiner Zeitgenossen denkbar groß und allgemein. Wie die zahlreichen Nachrufe zeigen, wird vor allem der großen Person, dem großen Deutschen und der intellektuellen Lichtgestalt nachgetrauert. Von seinem Werk dagegen ist kaum die Rede“ (S. 7). Karl Jaspers zum Beispiel hält in Heidelberg eine Gedenkrede zum Tod des, wie er ihn nennt, „existentiellen Philosophen“ und sagt darin: „Sieht man sein Werk an, wie es vorliegt, so findet man eine Fülle einzelner Arbeiten. Aber eigentlich sind alle Fragmente. (…) Es ist kaum je ein Buch von ihm erschienen, früher einmal die Römische Agrargeschichte, eine Broschüre über die Börse, in den letzten Jahren einige Vorträge als Hefte, sonst nichts. Alles andere steckt in Zeitschriften, Archiven, Zeitungen“ (S. 7). Für die Verbreitung von Webers Schriften sind nach seinem Tod zuerst seine Gattin Marianne Weber (1870-1954) sowie Johannes Winckelmann (1900-1985), der ab 1925 mit ihr in Kontakt steht, verantwortlich und bedeutsam.

Einem amerikanischen Studenten, der von 1925 bis 1927 in Heidelberg studiert, soll ebenso grosse Bedeutung zukommen. Er übersetzt „Wirtschaft und Gesellschaft“ und legt ein Jahrzehnt später eine synthetisierende Studie vor, die für Aufsehen sorgen würde: Talcott Parsons mit „The Structure of Social Action“ (1937). Ähnlich studiert von 1930 bis 1933 in Köln und Berlin ein junger Franzose: Raymond Aron. Er publiziert 1935 „La sociologie allemande contemporaine“. Früh schon werden also die deutschen Klassiker der Soziologie einem englisch- und französischsprachigen Publikum bekannt gemacht. Die deutsche Weber-Rezeption kommt dagegen erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Fahrt. „Man kann ohne Übertreibung feststellen, dass Max Weber aus Amerika nach Deutschland reimportiert wurde“ (S. 8). Ein „Fragment“, um Jaspers´ Wort wieder aufzugreifen, scheint das Werk geblieben zu sein. „Tatsächlich ist sein Œuvre ein riesengroßer Torso, wie die Max Weber-Gesamtausgabe (MWG) zum ersten Mal in anschaulicher Weise deutlich macht“ (S. 8). Die Werkbiographie lässt sich nach einem Vorschlag von Wolfgang Schluchter in drei grosse Perioden einteilen: eine erste Phase von 1889 bis 1898, eine zweite von 1904 bis 1910 und eine dritte von 1910 bis 1920.

In der ersten Phase untersucht Weber die Agrarwissenschaft der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit und hofft, daraus nützliche Erkenntnisse für die Agrarprobleme des Kaiserreichs zu gewinnen. Von einem Juristen wären Arbeiten zum Recht zu erwarten. Weber schreibt die Dissertation „Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter“ (1889) und die Habilitation „Die römische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung für das Staats- und Privatrecht“ (1891). Aber hier schon thematisiert er nicht nur rechtliche, sondern auch wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge. In diese Schaffensperiode fallen auch die Studie „Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur“ (1896) und der lange Handwörterbuchartikel „Agrarverhältnisse im Altertum“. Dass Webers Frühwerk in der Soziologie kaum Beachtung findet, hält das Handbuch für falsch: „Auch der junge Weber ist schon ganz bei sich“ (S. 11). Er behandelt hier schon die Themen, die ihn auch später beschäftigen – Kapitalismus und Bürokratie, Staat und Militär, die Einbettung der Wirtschaft – und nähert sich ihnen mit allgemeinen Begriffen, um sodann jeweilige Besonderheiten herauszuarbeiten, also in methodischer Hinsicht mit Hilfe von Idealtypen. Im Rahmen des „Vereins für Socialpolitik“, dem er seit 1888 angehört, verfasst er den 891-seitigen Bericht „Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ (1892), zudem schreibt er über die Börse. So wird ihm ein nationalökonomischer Lehrstuhl in Freiburg angeboten. In der wissenschaftlich wie politisch beachteten Antrittsrede „Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik“ (1895) rückt er den nationalen Machtstaat und die „Grösse Deutschlands“ ins Zentrum. „Nicht Frieden und Menschenglück haben wir unseren Nachfahren mit auf den Weg zu geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unserer nationalen Art“ (S. 14). Weber will den Grossmachtstatus des Deutschen Reiches sichern, tritt für einen liberalen Imperialismus ein und möchte diese Grossmacht in ihrem Innern einigen.

Der Unterbruch zwischen erster und zweiter Phase rührt von Webers Erkrankung her. In der mittleren Werkphase beschäftigen ihn vier Themen: 1. die Logik und Methodik der Kultur- und Sozialwissenschaften; 2. das Verhältnis von Religion und Wirtschaft, Protestantisums und Kapitalismus; 3. die Industriearbeiterschaft und die Psychophysik der Arbeit sowie 4. die Situation in Russland nach der ersten Revolution 1905. In methodischer Hinsicht sucht er Verstehen und Erklären zu versöhnen. Es resultieren vier Schritte sozialwissenschaftlicher Erklärung: Kausalanalyse, individuelle Konstellationsanalyse, genetische Analyse und projektive Zukunftsanalyse (S. 17). Sie werden ergänzt um das Verstehen des subjektiv gemeinten Sinns, die Methode des Idealtyps und die geforderte Wertfreiheit der Kultur- und Sozialwissenschaft. Schluchter umschreibt solche Wissenschaft als „eine wertfreie, zugleich theoriegeleitete und verstehende historische Kulturwissenschaft, die der Kantischen Erkenntnislehre folgt“ (S. 17). Diese Methodologie wird von Weber in seinem bekanntesten, 1904/05 erschienenen Text, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, umgesetzt. „In traditionellen Gesellschaften arbeiten die Menschen, um zu leben. In modernen kapitalistischen Gesellschaften scheint es so, als ob die Menschen lebten, nur um zu arbeiten. Wie kommt das?“ (S. 17), fragen sich die Handbuch-Herausgeber. In den puritanischen Sekten, besonders im Calvinismus findet Weber die methodisch-rationale Lebensführung auf der Grundlage innerweltlicher Askese. In seiner Auseinandersetzung damit entwickelt er die Grundlage für die verstehende Soziologie, für das, was heute Weber-Paradigma genannt wird. In seiner Industriearbeiterstudie stellt Weber bereits fest, dass Arbeiterinnen und Arbeiter umso eher gefährdet sind, von Maschinen ersetzt zu werden, je geringer sie qualifiziert sind. In der „Psychophysik der Arbeit“ wird er als „Fordist avant la lettre“ erkennbar. Das Handbuch nimmt in den Arbeiten der mittleren Phase das für Weber typische Erkenntnismuster wahr: „äussere Organisation, innere Lebensführung“. Er wird es beibehalten. 1909 wird er Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Bereits 1914 wird er sie jedoch wieder verlassen.

Zwei Grossprojekte dominieren das letzte Schaffensjahrzehnt: „Wirtschaft und Gesellschaft“ sowie „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“. 1882 gab Gustav Schönberg das „Handbuch der Politischen Ökonomie“ heraus. Weber soll es unter dem Namen „Grundriss der Sozialökonomik“ neu konzipieren. 1910, 1914 und 1920 nimmt er Anlauf, „Wirtschaft und Gesellschaft“ entstehen zu lassen. Erste Grundriss-Teile – anderer Autoren – erscheinen ab 1912, Weber hingegen wird bis zu seinem Tode nicht mehr mit seinem Beitrag fertig. Vor allem der Erste Weltkrieg behindert eine Veröffentlichung. Aber er weiss früh schon um die Besonderheit seines Beitrags. In einem Brief schreibt er 1913 an seinen Verleger: „Ich darf behaupten, daß es noch nichts dergleichen giebt, auch kein ‚Vorbild‘“ (S. 20). „Wirtschaft und Gesellschaft“, eines der wichtigsten soziologischen Werke überhaupt und Fundgrube aller Soziologinnen und Soziologen, wird nach Webers Tod von seiner kundigen Ehefrau Marianne Weber und später von Johannes Winckelmann herausgegeben. Sie fügen dem Band 1, den Max Weber selber noch in den Druck gegeben hat, den Band 2 mit nachgelassenen Schriften bei. Das in dieser Form weit verbreitete Werk erhält in der Max Weber-Gesamtausgabe aber eine andere Gestalt. Hier wird der systematische Teil des ersten Bandes vom historischen Teil des zweiten wieder getrennt. Und dieser zweite Teil wird unter dem ursprünglichen Arbeitstitel „Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte“ in fünf Einzelbände (und einen weiteren mit Register) zerlegt: „Wirtschaft und Gesellschaft, wie es Generationen von Lesern studiert haben, gibt es nicht mehr. Dem Prinzip der Werktreue folgend, spalten die Herausgeber der Max Weber-Gesamtausgabe den Textkorpus auf in die Reihe der älteren Manuskripte einerseits und die erste, noch von Weber selbst besorgte Drucklegung seines Beitrages für den Grundriss der Sozialökonomik andererseits. Das Ergebnis ist eine Zweiteilung: (1) die zum Projekt von Wirtschaft und Gesellschaft nachgelassenen Schriften im Umfang von 3000 Druckseiten werden in MWG I/22 in sechs Teilbände aufgefächert: Gemeinschaften (22-1), Religiöse Gemeinschaften (22-2), Recht (22-3), Herrschaft (22-4), Die Stadt (22-5) sowie Materialien und Register (22-6). Der Titel lautet: Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlaß. (2) MWG I/23 hingegen basiert auf der von Weber noch selbst in den Druck gegebenen Version, welche die Soziologischen Grundbegriffe und die ‚Soziologischen Kategorien des Wirtschaftens‘ als Kapitel I und II enthält, gefolgt von den ‚Typen der Herrschaft‘ als Kapitel III und ‚Klasse, Stand, Parteien‘ in stark systematisierter und unvollendeter Form als Kapitel IV. Auf die Fortsetzung dieses unvollendeten Werkes gibt es nur vage Hinweise, so auf die Typen der Gemeinschaft (‚Formen der Verbände‘) als Kapitel V und auf eine ‚Religions-, Rechts- und Staatssoziologie‘. Dieses Werk heißt Wirtschaft und Gesellschaft. Soziologie. Unvollendet 1919-1920“ (S. 20f.).

Weber setzt die Wirtschaft zu allen grossen „Gemeinschaftsformen“ in Beziehung: zur Familie, Sippe und ethnischen Gemeinschaft, zur Nation und zum Staat sowie zur Herrschaft und Religion. Obschon „Gesellschaft“ im Titel prominent gesetzt wird, meidet Weber wie Simmel diesen Begriff und zieht prozessbezogene Begriffe wie „Vergemeinschaftung“ und „Vergesellschaftung“ vor. Die Soziologie versteht er als Wissenschaft vom sozialen Handeln. Er unterscheidet insbesondere zwischen Wirtschaft, Politik und Religion und versucht das Zusammenspiel von Ideen und Interessen, also vor allem Erwerbs-, Herrschafts- und Heilsinteressen, nachzuvollziehen. Entsprechend findet sich in „Wirtschaft und Gesellschaft“ neben der allgemeinen Kategorienlehre eine Wirtschaftssoziologie, eine Herrschaftssoziologie, welche die Stadt als Verortung der Herrschaft und das Recht als Legitimation der Herrschaft einschliesst, sowie eine Religionssoziologie. Quer zu diesem „Systembild“ bietet Weber noch ein „Lagerungsbild“, das sich auf soziale Ungleichheit bezieht und vor allem Klassen und Stände thematisiert.

1910 verfasst Weber ein Manuskript zu den rationalen und sozialen Grundlagen der Musik. Das soll eigentlich der Auftakt zu einer umfassenden Soziologie der Kunst werden. Hier wird ihm die grosse Bedeutung des Rationalismus für die gesamte Kultur klar, und so vertieft und erweitert er gegenüber der „Protestantischen Ethik“, die noch „spiritualistisch“ verengt war, den Forschungsansatz für die „Wirtschaftsethik der Weltreligionen“. „Er vertieft ihn, weil er nicht nur den Zusammenhang zwischen religiöser Ethik, Berufsethik und Wirtschaftsethik betrachtet, sondern der Beziehung zwischen Wirtschafts- und Sozialstruktur, sozialer Schichtung und methodisch-rationaler Lebensführung nachgeht, um dem ‚Geist des Kapitalismus‘ auf die Spur zu kommen. Er erweitert ihn, weil er die Analyse des Christentums vergleicht mit den anderen Kultur- und Weltreligionen“ (S. 22). Nicht die Dogmen interessieren Weber, sondern die „praktischen Antriebe zum Handeln“. Bourdieu nennt Webers Vorhaben einmal treffend eine „politische Ökonomie des Heilsgeschehens“. In den drei Bänden „Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie“ sind besonders die konzeptuellen Überlegungen in der „Vorbemerkung“, der „Einleitung“ und der „Zwischenbetrachtung“ bedeutsam, die sich alle im ersten Band finden. Es geschieht jedoch dasselbe wie schon bei „Wirtschaft und Gesellschaft“: Weber vermag seine Religionssoziologie nicht mehr fertig zu stellen, er hat noch viel mehr einbeziehen wollen.

In die dritte Werkphase fallen auch die zwei berühmten Reden „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“, die Weber 1917 und 1919 in derselben Veranstaltungsreihe in München hält. Sie entsprechen der oben erwähnten religionssoziologischen „Zwischenbetrachtung“, insofern sie der dort beschriebenen Logik der Wertsphären und Lebensordnungen folgen. Die Reden enthalten eine Zeitdiagnose, und auf deren Grundlage werden die beiden Berufe näher charakterisiert.

Die beiden Handbuch-Herausgeber fragen sich, worauf Webers Ruf, der bedeutendste Soziologe zu sein, denn überhaupt gründe, wenn sein Werk doch eigentlich als Fragment vorliege. Sie formulieren dazu die These von Webers „Unikalität“, das heisst von der „Eigenart und Einzigartigkeit seines Werkes“. „Das ‚weberianische Denken‘ (…) gewinnt diese Aura der Unikalität, weil Weber es stets bewusst versäumt hat, seine Ansätze in den verschiedenen Forschungsbereichen, in denen er zu Hause war, zu Ende zu denken. Man wird bei Weber also vergeblich nach einer Theorie suchen. Er treibt keine Gesellschaftstheorie (…). Bestenfalls könnte man ihn als Vertreter der Gesellschaftsgeschichte fassen (…). Am ehesten gelingt es noch, so etwas wie eine Systematik in seinem Denken zu entdecken oder zu rekonstruieren. Aber man wird kein System finden, und wenn man glaubt, es gefunden zu haben, ist es nicht mehr Weber“ (S. 26). Nicht ein Denksystem, sondern ein Fragment steht demzufolge am Anfang der Wissenschaft der Gesellschaft. „Webers Werk ist ein einmaliges und einzigartiges Fragment. Es sind Probebohrungen auf dem noch jungen und weitgehend unbestellten Feld der Soziologie. (…) So viel Anfang war nie, aber auch nie so viel Unvollendung“ (S. 27f.).

Diskussion

Das Handbuch bietet enorm viel Information und durch seinen Aufbau die Möglichkeit des gezielten Zugriffs. Die Auswahl der thematisierten Begriffe weiss zu überzeugen und die Anlehnung der kompetenten Darstellung der Hauptwerke an die Max Weber-Gesamtausgabe macht Sinn.

Wie viele Publikationen zum 150. Geburtstagsjahr 2014 über Weber im internationalen Kontext erschienen sind, lässt sich nicht leicht einschätzen. Jedenfalls erwähnt die Auswahlbiographie (fast) keine. Mit zwei gewichtigen Ausnahmen: Immerhin werden die beiden herausragenden Biographien von Dirk Kaesler zum einen und Jürgen Kaube zum anderen aufgeführt. Unerwähnt jedoch bleibt beispielsweise der Tagungsband „Max Weber in der Welt: Rezeption und Wirkung“ (herausgegeben von Michael Kaiser et al.).

Bemerkenswert sind im Übrigen bereits die Publikation „Das Weber-Paradigma“ (2003 herausgegeben von Gert Albert im Mohr Siebeck Verlag) sowie die daran anknüpfende, im Springer Verlag seit 2006 erscheinende Reihe „Studien zum Weber-Paradigma“.

Was am Ende des Handbuchs fehlt, ist eine kritische Erörterung der wichtigsten handlungs- und gesellschaftstheoretischen Weber-Rezeptionen, man denke beispielsweise an Talcott Parsons, Jürgen Habermas oder auch Wolfgang Schluchter. Ebenso ausgeblieben ist leider eine Darstellung der internationalen Rezeptionsgeschichte, etwa im angelsächsischen und französischsprachigen Raum. Man mag dem Handbuch nachsehen, dass es auch nicht verfolgt, wie die einzelnen Disziplinen die Fäden des Fragments weitergesponnen haben.

Fazit

Das Handbuch bietet sowohl denjenigen, die mit Webers Werk noch wenig vertraut sind, als auch Kennerinnen und Kennern einen ausgezeichneten Überblick. Die hauptsächliche Gliederung in Begrifflichkeit, Werk und Diskussion überzeugt und ermöglicht, auch wenn ein Sachregister am Schluss fehlt, einen gezielten Zugriff. Man könnte es also keineswegs dem Handbuch anlasten, wenn seine Absicht zu realisieren nicht gelänge, nämlich Max Webers Überlegungen für heute drängende Fragen besser nutzbar zu machen.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 22.02.2016 zu: Hans-Peter Müller, Steffen Sigmund (Hrsg.): Max Weber-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2014. ISBN 978-3-476-02432-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16391.php, Datum des Zugriffs 22.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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