socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Methner: Die Wurzeln des DDR-Erziehungshilfesystems

Cover Andreas Methner: Die Wurzeln des DDR-Erziehungshilfesystems. Historischer Überblick unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums 1945-1952. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2013. 590 Seiten. ISBN 978-3-89574-834-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 50,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Andreas Mehtner untersucht das in der Forschung bislang stiefmütterlich ausgesparte Thema der Verhaltensgestörtenpädagogik in der Sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR. Damit widmet sich der Verfasser einem Desiderat der Forschung, da diese Transformationsphase unter dem Gesichtspunkt der Erziehungshilfe bisher nicht aufgearbeitet wurde. Erkenntnisreich ist dieser zeitgeschichtliche Abschnitt vor allem deshalb, da sowohl ein gestiegener Bedarf an Erziehungshilfe existierte als auch die Frage nach dem Umgang mit den Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus im Vordergrund stand. Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in den historischen Abschnitt von 1945-1952, der entscheidende Weichenstellungen für das Erziehungshilfesystem der DDR initiierte.

Autor

Andreas Methner ist promovierter Erziehungswissenschaftler und forscht unter anderem zu Organisationsformen der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen des Förderschwerpunktes „Emotionale-soziale Entwicklung“ in der damaligen SBZ und DDR, zur Kooperativen Beratung und deren Methoden sowie zu Organisationsformen der sächsischen Erziehungshilfe.

Entstehungshintergrund

Die Dissertationsschrift ist an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig entstanden.

Aufbau

Das Buch ist fragengeleitet in sieben Kapiteln gegliedert. Jedes Kapitel beginnt mit einem Problemaufriss für den nachfolgenden Analyseteil und endet jeweils mit einem „Zwischenstand“.

Vier Exkurse – zu Makarenko, zum Michaelisstift in Gefell (Thüringen) sowie der Trüperschen Sophienhöhe in Jena, die Verbreitung des psychodynamischen Ansatzes sowie die Rolle der Universitäten Rostock und Leipzig – vervollständigen die Thematik und weiten den zeitlichen Rahmen über den Untersuchungszeitraum hinaus aus.

Inhalt

In der Einleitung definiert Methner seinen Untersuchungsgegenstand, die von ihm angewandten Begriffe und macht seine methodische Vorgehensweise plausibel. Er ordnet das Thema historisch und ideengeschichtlich umfassend ein und stellt Bezüge zu Nachbarwissenschaften her. Daraus entwickelt er sein Erkenntnisinteresse mit der Fragestellung „Wie entwickelte sich das Betreuungsangebot für Schüler mit abweichendem Verhalten unter dem Spannungsverhältnis der Grenzziehung zwischen Pädagogik, Sozialpädagogik, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Jurisdiktion?“ (S. 20).

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Neuanfang oder alter Wein in neuen Schläuchen?“ analysiert der Verfasser die organisatorischen und politischen Hintergründe der Entwicklung der Erziehungshilfe. Darin werden deren administrativer Aufbau und die Bildungspolitik in der SBZ seit 1945 bis zu Beginn der 1950er Jahre dargestellt. Trotz der „beträchtlichen Pluralität in den theoretischen und praktischen pädagogischen Ansichten“ (S. 62) und dem damit eröffneten Handlungsspielraum für bildungspolitische Entscheidungen, wurde dem Sonderschulwesen politisch nur marginal Aufmerksamkeit geschenkt.

Das dritte Kapitel widmet sich der (sonder-)pädagogischen Ausrichtung. Hierin stellt Methner den Neubeginn des Schulwesens nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Während ältere Lehrkräfte auf Erfahrungen aus der Weimarer Republik – häufig reformpädagogische Ansätze – zurückgriffen, orientierten sich die „Neulehrer“ in der SBZ an der „Sowjetpädagogik“ (S. 119ff). Die Etablierung und Ausdifferenzierung des Sonderschulwesens bis zur frühen DDR analysiert der Verfasser sehr eingehend und lotet das Spannungsverhältnis zwischen der Bestrebung nach einem Einheitsschulsystem und der Suche nach einem Sonderschulsystem aus.

Im vierten Kapitel untersucht Methner die sozialpädagogische Ausrichtung und beleuchtet das System der Jugendhilfe und Heimerziehung, das zentralistisch verwaltet wurde und staatlich vorgegebenen Erziehungszielen unterlag (S. 234). Als besondere Heime in der SBZ und frühen DDR fungierten die Spezialheime und die Jugendwerkhöfe, deren Klientel sogenannte schwererziehbare Kinder und Jugendliche waren. Der Verfasser thematisiert eingehend die Diskussion um die Ursachen abnormen Verhaltens, den Diskurs zwischen anlagebedingten oder umweltbedingten Fehlverhalten. Ziel der Entwicklung in der DDR war eine ideologische Ausrichtung der Heimerziehung hin zur kollektiven Erziehung als vollwertigen Familienersatz.

Die judikativ-pädagogische Ausrichtung steht im Zentrum des fünften Kapitels, das sich mit dem Kontext Erziehung statt Strafe (S, 295ff) und Strafe statt Erziehung (S. 308ff) auseinandersetzt. Hierin thematisiert der Verfasser den Diskurs über den Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit Auffälligkeiten der emotionalen und sozialen Entwicklung. Methner belegt quellennah, wie politisch brisant die Neuformulierung der Jugendgerichtsbarkeit im Untersuchungszeitraum gewesen ist.

Die psychiatrisch-pädagogische Ausrichtung ist die jüngste Entwicklungslinie im System der Erziehungshilfe und wird im sechsten Kapitel behandelt. Beginnend mit dem desaströsen Zustand der Gesamtpsychiatrie nach Kriegsende setzt sich der Verfasser mit der marginalen Aufarbeitung der Verbrechen der Psychiatrie im Nationalsozialismus auseinander. Anschließend zeigt Methner ein unterschiedliches paradigmatisches Herangehen an psychiatrische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der frühen DDR-Psychiatrie auf. Die strukturellen Defizite im psychiatrisch-medizinischen Bereich hatten gravierenden Einfluss auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Beispielsweise sei hier nur die Übernahme der Diagnosemacht durch die Jugendhilfe und die Abgabe an Heime der Jugendhilfe erwähnt, ganz zu schweigen von unzureichenden therapeutischen Angeboten.

Im siebten und gleichsam letzten Kapitel richtet der Verfasser den Blick zurück auf die Weimarer Republik, auf die Zeit des Nationalsozialismus und die SBZ und blickt nach vorn auf die Fortsetzung der Entwicklung in der DDR. Dabei bündelt er Entwicklungslinien, stellt den weiteren Fortgang dar und deutet die Weiterentwicklung des Erziehungshilfesystems in der späteren Jahren der DDR an.

Diskussion

Die Erziehungshilfe als Gegenstandsbereich der Verhaltensgestörtenpädagogik hat ihre Wurzeln in unterschiedlichen Bereichen. Methner orientiert sich bei seiner Untersuchung an den von Nobert Myschker (2009) erarbeiteten historiografischen Linien: sozialpädagogische, kriminalpädagogische, schulpädagogische und pädagogisch-psychiatrische Linie. Diese vier Quellenbereichen bilden die Grundlage des vorliegenden Werkes, wobei Methner die Bezeichnung entsprechend der Gegebenheit seines Themas angepasst hat und diese als (sonder)pädagogische, sozialpädagogische, judikativ-pädagogische und psychiatrisch-pädagogische Ausrichtung bezeichnet. Die genannten vier Ausrichtungen werden in den Hauptkapiteln der Arbeit ausführlich untersucht und reflektiert. Die Verschränkung und Wechselwirkung der Bereiche ermöglicht es, die Komplexität des Themas sinnvoll und erkenntnisfördernd zu strukturieren. Dem Verfasser gelingt es zudem sehr gut, den Einfluss der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen auf die Erziehungshilfe im Untersuchungszeitraum zu erfassen.

Fazit

Das bislang in der Forschung vernachlässigte Thema der Verhaltensgestörtenpädagogik in der Sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR untersucht Methner quellengestützt in vier zentralen Bereichen, die zugleich systemübergreifende Zugriffe auf das komplexe Thema bieten. Das Buch überzeugt durch eine quellenfundierte Strukturanalyse des DDR-Erziehungshilfesystems sowie durch die komparatistischer Studie der Entwicklungslinien und zeitbedingten Einflüsse aus der Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus, des Neuaufbaus in der SBZ und schließlich der Formierung in der DDR. Das macht Methners komplexe Analyse erkenntnisreich. Sie liefert anregende Sichtweisen auf das Funktionieren einer Pädagogik in politischen Umbruchjahren und den damit verbundenen gesellschaftlichen, wie den notwenigen pädagogischen, Transformationsprozessen. Eine akribisch ausgearbeitete Studie, die nicht nur für Pädagogen oder Historiker lesenswert ist.


Rezension von
Frank Britsche
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Lehreinheit Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universität Leipzig
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Frank Britsche anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Frank Britsche. Rezension vom 02.05.2014 zu: Andreas Methner: Die Wurzeln des DDR-Erziehungshilfesystems. Historischer Überblick unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums 1945-1952. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2013. ISBN 978-3-89574-834-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16393.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung